Startbeitrag von Sentinentalam 03.02.2004 21:27
Von Matthias Nass
Jetzt ist es sozusagen auch amtlich. Der ehemalige US-Chefinspektor David Kay rechnet nicht mehr damit, im Irak Massenvernichtungswaffen zu finden: „Ich denke nicht, dass sie existieren.“ Am Freitag vergangener Woche ist Kay von seinem Amt zurückgetreten. Neun Monate lang hat seine Iraq Survey Group das Land durchpflügt – und nichts gefunden. Seit dem Ende des Golfkriegs 1991, so lautet Kays Befund, habe es im Irak größere Bestände an biologischen und chemischen Waffen nicht mehr gegeben. Und die Wiederaufnahme des Atomprogramms sei rudimentär geblieben.
Die Bedrohung, die angeblich von Saddam Hussein ausging? Es gab sie nicht. Das Weiße Haus versucht nun, das Debakel schönzureden. Das Urteil der Jury stehe noch aus, beruhigt Vizepräsident Cheney. In Wahrheit werden in Washington längst die Sündenböcke gesucht: Hat die CIA die Regierung blamiert, oder hat vielmehr diese den Geheimdienst unzulässig politisiert, seine Erkenntnisse manipuliert? In Wahrheit haben beide gemeinsam die amerikanischen Bürger, den Kongress und die Weltöffentlichkeit in die Irre geführt.
Die Gründe, die den Krieg nun im Nachhinein rechtfertigen sollen – das Ende der brutalen Diktatur, der Aufbau eines demokratischen Iraks – sie mindern den Skandal der Täuschung nicht, die im besten Fall eine Selbsttäuschung war. Und sie nehmen ihm nichts von seiner Bedrohlichkeit. Denn auf der Prämisse „Schurkenstaat, der nach Massenvernichtungswaffen strebt und mit dem internationalen Terrorismus im Bunde ist“ ruht die Logik des Präemptivkriegs: Zuschlagen, bevor sich der Verdacht in Form eines Atompilzes bestätigt.
Eine gemeingefährliche Logik, nach der George W. Bush im Irak gehandelt hat. David Kay sagt, die CIA sei dem Präsidenten eine Erklärung schuldig. Und Bush selbst? Der habe ihm nur eins mit auf den Weg gegeben, sagt Kay: „Finden Sie die Wahrheit heraus.“ Ein Anfang, immerhin, ist gemacht.
(c) DIE ZEIT 29.01.2004 Nr.6
[www.zeit.de]