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ADHS ADS Selbsthilfe
Beiträge im Thema:
5
Erster Beitrag:
vor 2 Jahren, 5 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 1 Jahr
Beteiligte Autoren:
Himbeer26, Dagmar D., Agnes69, Hummelbine, MamaSchlumpf

Geht es auch ohne Medikament?

Startbeitrag von MamaSchlumpf am 14.01.2016 11:50

Hallo zusammen!

Wirklich schön hier eine Anlaufstelle gefunden zu haben, der ein oder andere Beitrag hat mir bereits ein Tränchen abgerungen...
Ich bin ganz neu hier und habe noch nicht alles gelesen...ich suche nach Erfahrungsberichten, wie man ohne Medikamente für die Kids auskommt. (oder ob ich mich besser von dieser Vorstellung verabschiede...)

Unser Schlumpf ist 8 und hat bereits hinter sich:
Entwicklungseinschätzung durch SPZ (Ergebnis Sprachentwicklungsstörung - Empfehlung Logopädie+Frühförderung. ADS/ADHS Fragebogen fiel zwar zu 92% "positiv" aus, Diagnose oder entsprechende Handlung in diese Richtung wurde jedoch unterlassen)
Demnach folgte Frühförderung, 5 Jahre Logopädie, Vorschulklasse Sprachheilschule.
Dann 1. Klasse Regelschule, weil die Sprachheilschule den Schlumpf wegen Auffälligkeiten im Sozialverhalten nicht behalten wollte.
Anfang 2015 die Feststellung einer auditiven Wahrnehmungsstörung. Dann zum Kinderpsychologen, der dies als Begleiterscheinung von ADHS erklärte, das er diagnostizierte. Keine Ausprägung in einer Stärke, die er medikamentös behandeln würde.
Noch läuft es in der Schule ganz passabel...Ich würde aber gerne etwas tun, was meinem Schlumpf hilft, besser zurecht zu kommen. Denn so ganz klappt es mit Regeln, stillsitzen und leise sein dann auch nicht in der Schule. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Geduld der Lehrer als ermordet gilt.

Hat jemand (gute) Erfahrung gemacht mit Gruppen-/Einzeltherapie für Kinder, Sozialkompetenztraining oder sonstiges?
Vielen Dank im voraus für Tipps und Tricks!

Mama Schlumpf

Antworten:

Bin selber auch noch neu. Vor kurzem habe ich eine ganz nette Seite gefunden, von der ich denke, dass sie auch Lehrern hilfreiche Methoden anbietet. Vielleicht kannst du ja mal anmerken (wenn dir die Seite zuspricht) dass du was interessantes entdeckt hast und du dich freuen würdest, wenn die Leute sich Zeit nehmen um draufzuschauen. Hoffe die anderen hier können dir konkretere Tipps zu deiner Frage geben.

[biber-blog.com]

von Hummelbine - am 18.01.2016 23:05
Hallo Mama Schlumpf,

also viel Erfahrung mit Therapien habe ich nicht. Mein Junior war nur einige Zeit in einer erlebnispädagogischen Gruppe. War ganz nett, hat aber nicht viel geändert.

Ansonsten hatten wir einen ADS-Coach (also eine ChoachIN - keine Ahnung, wie man das Wort in die weibliche Form setzt ;-) ), die wir besucht haben, wenn es ein Problem gab, und die uns dann konkrete Tipps gab.

Inzwischen sind meine ADS-diagnostizierten Kids 14 und 18 und es läuft ganz gut. Sie nehmen immer noch Medikamente, aber der Große konnte sie schon ein wenig reduzieren, und wenn sie sie mal vergessen, ist es normalerweise auch kein Beinbruch. Ich habe die Hoffnung, dass beide sie irgendwann, wenn sie Pubertät und Ausbildung endgültig hinter sich und im Leben ihren Platz gefunden haben, ganz ohne auskommen werden.

Bis dahin sind wir aber dankbar, dass wir diese Möglichkeit haben. Ohne "Medis" hätten die beiden ihr Potenzial nie ausschöpfen können und wären ständig über ihre mangelnde Reiz- und Impulskontrolle gestolpert.

Ich gebe auch zu bedenken, dass viele Therapien unter Medikament-Einwirkung weitaus effizienter sind. Denn jeder Lernprozess kann bei ADSlern ohne medikamentöse Hilfe ungleich länger dauern. Die nötigen synaptischen "Autobahnen" im Gehirn werden bei der typisch sprunghaften, unsteten Informationsverarbeitung viel langsamer gebaut.

Natürlich gibt es auch ADS-Kinder, bei denen es ohne Medikamente gut geht. Aber man sollte ihre Entwicklung gut im Auge behalten: Bevor sie schulisch oder sozial komplett scheitern oder anfangen, sich instinktiv selbst mit anderen Mitteln zu "therapieren" (zum Beispiel mit Energydrinks, Nikotin, später Alkohol oder schlimmeren Drogen) ist die kontrollierte Therapie mit bewährten Medikamenten meiner Meinung nach das kleinere Übel.

Euch alles Gute und liebe Grüße,
Agnes

von Agnes69 - am 20.01.2016 22:25
Hallo Mama Schlumpf,

wir haben auch vor der Entscheidung gestanden. Ich habe mir sehr schwer getan diese Entscheidung zu treffen. Mein Sohn, der damals bei der Diagnose 12 Jahre war, hat mich inständig gebeten die Medikamente probieren zu dürfen. Er hat unfreiwillig, weil ohne Diagnose, 12 Jahre ohne diese Hilfe gelebt und es ging ihm sehr schlecht. Wir hatten alles an Therapien hinter uns, was möglich war. Aber er konnte das Gelernte nie umsetzen, denn dafür fehlte ihm die Konzentration.

Mein Sohn hat mich gelehrt, dass es nicht wichtig ist, ob ich als Erwachsene sein ADHS aushalte (er ist sehr hyperaktiv und impulsiv), sondern, dass *er* es ist, der sein ADHS aushalten muss. Und er war einfach nur unglücklich.

Er hatte immer alles gegeben, er wollte so gerne Freunde haben, aber kein Kind konnte ihn aushalten, er durfte die meisten Kinder nur einmal besuchen, dann waren diese und deren Mütter genervt. Auch für Sozialverhalten benötigt man Konzentration.

Auch in der Schule hatte er keinen Erfolg, der seinen Anstrengungen entsprochen hätte. Er war fleißig, aber er konnte sich vieles nicht merken und er konnte sich nicht konzentrieren. Seine Lehrerin hat es ihn nicht spüren lassen, aber da Kinder sich immer mit anderen vergleichen, war ihm sehr bewusst, was er alles nicht hinbekam. Dabei meine ich nicht die Noten, die waren immer im guten Bereich, das machte er mit seiner Intelligenz, dennoch hat mein Sohn gelitten.

Heute ist er erwachsen und in einem Alter, in dem man über eigene Kinder nachdenkt. Er sagt heute ganz deutlich, dass er aus seiner Erfahrung heraus, seinen Kindern (falls sie ADHS haben sollten) das Medikament so früh wie möglich geben will, damit ihnen all seine negativen Erfahrungen erspart bleiben.

von Dagmar D. - am 22.01.2016 17:41
Hallo,

ich weiß nicht, ob du meine Antwort noch lesen wirst.

Zitat
MamaSchlumpf
Dann 1. Klasse Regelschule, weil die Sprachheilschule den Schlumpf wegen Auffälligkeiten im Sozialverhalten nicht behalten wollte.
Anfang 2015 die Feststellung einer auditiven Wahrnehmungsstörung. Dann zum Kinderpsychologen, der dies als Begleiterscheinung von ADHS erklärte, das er diagnostizierte. Keine Ausprägung in einer Stärke, die er medikamentös behandeln würde.
(...) Denn so ganz klappt es mit Regeln, stillsitzen und leise sein dann auch nicht in der Schule. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Geduld der Lehrer als ermordet gilt.


Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum der Kinderpsychologe euer Kind nicht medikamentös behandeln will. Denn wenn das Verhalten als störend von den Lehrern empfunden wird, wäre es meiner Meinung nach höchste Zeit, mit der Therapie anzufangen, auch wenn das Kind durch seine Intelligenz seine ADS bisher noch gut kompensieren kann.

Eine gute Integration in der Klasse/Schule halte ich für sehr wichtig für das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen des Kindes. Nicht selten deuten Lehrer das störende Verhalten als böswillige Absicht des Kindes und sehr oft werden AD(H)S Kindern von Klassenkameraden abgelehnt und werden so zu Außenseitern.

Mit einer medikamentösen Therapie, die es dem Kind ermöglicht, sein Verhalten besser unter Kontrolle zu haben (wie Cordula Neuhaus in ihrem Buch "Hyperaktive Jugendliche schreibt" ist ADS eine "Selbststeuerungstörung") hat es nicht nur mehr Chance, sich in der Klassengemeinschaft besser zu integrieren sondern auch in der Freizeit, also bei Besuchen von Freunden.

Methylphenidat wirkt also nicht nur auf die Konzentrationsfähigkeit, sondern auch auf die Impuls-/Verhaltenskontrolle und somit auch auf das Sozialverhalten.

Mein Kind wurde nicht medikamentös behandelt, weil wir leider auf einer wirklich katastrophalen Weise beraten worden sind und es ist überhaupt nicht gut gegangen: die Verhaltensstörungen (oppositionelles Trotzverhalten, das häufig bei Kindern mit ADS vorkommt, 20-50% dieser Kinder sind betroffen, glaube ich) haben heftige Ehestreite ausgelöst (mein Mann wollte nicht am Elterntraining teilnehmen, hat die Diagnose-wie seine Schwester für ihren Sohn- von Anfang an abgelehnt) welche heftige depressive Tiefs bei mir ausgelöst haben.

Das alles hat zur Trennung mit meinem Mann geführt, weil die Spannungen zu Hause nicht mehr auszuhalten waren. Die Trennung hat bei meinem Sohn heftige psychiatrische Symptome hervorgerufen (heftige Wutausbrüche mit Äußerung von Selbstmordgedanken), die uns dazu veranlasst haben, ihn in der Kinderpsychiatrie stationär aufnehmen zu lassen. Dort wurde die ADS Diagnose aber in Frage gestellt, weil die Konzentrationstests seit dem Konzentrationstraining (mit 7) unauffällig war und Noten in der Grundschule gut waren. Die Internatsunterbringung wurde von der Kinderpsychologin empfohlen, weil sie die Ehestreite und die mütterlichen Depressionen für die Ursachen der Verhaltensstörungen des Kindes hielt. Diese Frau hielt ADS für eine "Modediagnose" und Ritalin sei für sie eine "Droge", die niemals Kindern geben würde.

Seitdem lebt unser Kind im Internat (kommt am Freitag Nachmittag nach Hause), zeigt weiterhin ein allerdings weniger ausgeprägtes oppositionelles Verhalten, hat seit der 7.Klasse in den Fächern, die ihn nicht interessieren, schlechte Noten, weigert sich aber erneut Konzentrationstests durchzuführen, so dass wir ihm nicht helfen können.

Eine medikamentöse Behandlung mit MPH (auf die er mit 7 Jahren eindeutig angesprochen hatte) zusammen mit einem Elterntraining (mein Mann war bei der erneuten Vorstellung im SPZ mit 9 Jahren endlich einverstanden, um daran teilzunehmen. Dazu kam es leider nicht, weil das Kind laut Kinderpsychologin angeblich kein ADS habe) hätte uns vielleicht Ehestreite, mütterliche Depressionen, Kinderpsychiatrie und Internat erspart!

Mittlerweile muss ich mit dem Gedanken leben, dass ich meinem Kind nicht mehr helfen kann. Ich hoffe nur, falls er weiterhin unter Konzentrationsschwäche bis zum Abitur bzw. während des Studiums leiden sollte, dass er selber zu der Einsicht kommen wird, dass er professionelle Hilfe gut gebrauchen könnte. Das Problem dabei: es gibt noch weniger Ärzte/Psychologen, die sich auf ADS bei Erwachsenen spezialisiert haben UND die medikamentöse Therapie müssen Erwachsene auch selbst bezahlen!

Meine größte Angst ist auch, dass einer meiner späteren Enkelkinder betroffen wird und die Eltern ADS nicht akzeptieren bzw. behandeln lassen werden. Dann werde ich zusehen müssen, wie Eltern sich zerstreiten, ihre Ehe evtl. zu Bruch geht (was bei 50% der Eltern von ADS Kindern der Fall ist) , das Kind leidet und in der Schule versagt, ohne meinen Enkelkindern helfen zu können. Ein Graus!!!!!!!!

Wenn ich ganz ehrlich bin, glaube ich nicht, dass ihr in den richtigen Händen seid. ADS ist eine Gehirnstoffwechselstörung, eine Verhaltenstherapie ist bei diesem Syndrom absolut sinnvoll, reicht aber nicht immer aus. Meiner Erfahrung nach verlängert man nur unnötig das Leid von Eltern und Kind, wenn man ihm die medikamentöse Therapie vorenthält. Leider sind Vorurteile über diese Therapie auch unter Ärzten/Psychologen/Pädagogen offensichtlich weit verbreitet (unglaublich, aber ADS wird nicht in der med. Fakultät unterrichtet!), was dazu führt, dass einige Kinder eben nicht therapiert werden.

Was die Langzeitfolgen einer unzureichend oder nicht therapierten ADS anbelangt, möchte ich dir Folgendes erklären. Aufgrund der enormen jahrelangen Belastungen wurde ich vor einigen Jahren in einer sehr guten psychosomatischen Klinik behandelt. Auf unserer Station (ca. 20 Patienten) waren 4 Eltern von ADS Patienten (2 Kinder und 2 junge Erwachsene). Die jungen Erwachsene waren drogenabhängig, der eine ist leider an einer Überdosis gestorben. Dr. Kerstin Stoffholff beschreibt in ihrem Buch ähnliche Verläufe von ADS Patienten, die nicht oder nicht ausreichend behandelt worden sind. Die Tatsache, dass ein unbehandeltes ADS zum schulischen und beruflichem Versagen führen kann und mit einem höheren Risiko für Sucht verbunden ist, ist wissenschaftlich nachgewiesen, aber offensichtlich immer noch wenig bekannt, auch unter Fachleute!



Ich kann dir nur raten, dich selbst zu informieren und evtl. einen auf ADS spezialisierten Kinderarzt oder Kinderpsychiater um Rat zu bitten.

LG Himbeer



Zitat

Hat jemand (gute) Erfahrung gemacht mit Gruppen-/Einzeltherapie für Kinder, Sozialkompetenztraining oder sonstiges?


Konzentrationstraining im SPZ war Spitze, ich kann es nur empfehlen! Ich würde es aber jetzt in einer Ergotherapiepraxis, die das Marburger Konzentrationstraining anbietet, machen, denn das Hin-und Her Fahren im SPZ + die ewige Warterei (30 Min vorher beim Sekreatariat anmelden, 1,5 Stunden Therapie) fand ich sowohl für mich als für das Kind zu anstrengend.

Verhaltenstherapie: mein Sohn hatte einzelne Sitzungen mit einer Psychologin im SPZ, aber viel hat es nicht gebracht. Wir haben es aber sicher nicht lange genug durchgezogen, was ich bis jetzt bedauere. Die Psychologin hat mir aber nie den Sinn der Therapie erklärt.

Folgenden Fehler würde ich aber NIE WIEDER machen: vor dem Kind mit dem Arzt/Psychologen über die Verhaltensstörungen sprechen!!!!!!!!! Das Kind fühlt sich berechtigterweise blamiert, was die schon problematische Beziehung zu der Mutter nur verschlechtern kann. Ich würde jetzt immer ohne Kind hinfahren. Ich glaube, darauf weist Cordula Neuhaus auf ihrer Internetseite hin.

Die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Therapie sind m.E.:
*Die Information der Eltern (wenn möglich auch Großeltern) über ADS
*Die Zusammenarbeit der Eltern (am gleichen Strang ziehen)
*Ein Arzt, der sich auf ADS spezialisiert hat und MPH nicht verteufelt, sondern als hilfreiche Stütze in einer multimodalen Therapie sieht und rechtzeitig anbietet (also bevor das Kind Sekundarstörungen entwickelt hat).
* Lehrer/Pädagogen, die informiert sind und bereit sind, dem Kind zu helfen.
*Eltern, Arzt/Psychologen, Lehrer, die miteinander zum Wohl des Kindes arbeiten und dieses Wohle nie aus den Augen verlieren.

von Himbeer26 - am 31.05.2017 13:58
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