Startbeitrag von Prof. Bernd Senfam 16.03.2010 22:42
Oder: die Notwendigkeit einer sozialökologischen Besinnung der Ökonomie
Geld als Tausch- und Spekulationsmittel
Ein Grundproblem unseres herkömmlichen, am Zins orientierten Wirtschaftens besteht darin, dass das bisherige Geld in seinem Wesenskern gespalten ist. Man könnte geradezu von einer „monetären Kernspaltung" des Geldes mit destruktiver Kettenreaktion sprechen: Das Geld ist einerseits ein Tauschmittel - und kann diese Funktion nur erfüllen, wenn es kontinuierlich im Produktions-Einkommens-Kreislauf der Wirtschaft fließt.
Es kann aber auch von denen, die es übrig haben, diesem Kreislauf entzogen werden, um damit zu spekulieren. Es ist also auch ein Spekulationsmittel, und aus dieser Eigenschaft heraus kann es einen hinreichend attraktiven Zins von denen erpressen, die dringend auf Kredit und auf den Durchfluss des Geldes angewiesen sind. Wenn dieser Zins nicht geboten wird, kann sich das Geld als Spekulationsmittel dem Produktions- Einkommens-Kreislauf entziehen und sich zum Beispiel in die Spekulation an die internationalen Finanzmärkte begeben, die unter diesem Einfluss immer mehr durchdrehen und von der Realität abheben, bis die Spekulationsblasen platzen. Die Funktion des Geldes als Spekulationsmittel tritt also in Gegensatz zu seiner Funktion als Tauschmittel und treibt insoweit Krisen hervor.
Der Ökonom Silvio Gesell formulierte Anfang des 20. Jahrhunderts den Vorschlag eines „nicht destruktiven Umlaufantriebs“, durch den das Geld - auch ohne Zins - in Fluss gehalten werden sollte. Er hat mit seinen Überlegungen zweifellos einen wesentlichen Konstruktionsfehler des realexistierenden Kapitalismus aufgedeckt und wesentlichen Ansatzpunkte zur Lösung der Probleme herausgearbeitet. Wie kam Gesell zu derart weitreichenden Thesen in bezug auf das Zinssystem, und was waren seine inhaltlichen Begründungen?
In seiner Kritik an Marx stellte Gesell u.a. die Behauptung auf, das Gold sei kein Äquivalent - und ebenso wenig das Geld. Gold sei vielmehr den übrigen Waren überlegen, und damit seien auch die Besitzer von Geld den übrigen Warenbesitzern überlegen. Dieser Umstand hinge damit zusammen, dass die Besitzer von Geld - sofern sie nach Bezahlung ihrer Konsumausgaben davon noch etwas übrig haben - dasselbe ohne Schaden zurückhalten und demWirtschaftskreislauf entziehen und horten können, weil es praktisch unverderblich ist; während die Besitzer der anderen Waren unter dem ständigen Druck stehen, diese am Markt anzubieten, weil die Waren sonst mehr oder weniger schnell verderben oder Lagerkosten verursachen würden.
Aus dieser Überlegenheit heraus können die Gold-(Geld-)Besitzer von den anderen, die auf das Fließen des Goldes (Geldes) im Wirtschaftskreislauf angewiesen sind, einen Zins erpressen. Ist der Zins in ihren Augen nicht attraktiv genug, dann halten sie das Gold (Geld) einfach noch eine Weile länger zurück und warten, bis den anderen die Luft ausgeht und sie bereit sind, einen hinreichend attraktiven Zins zu zahlen. Und wenn die anderen dazu nicht bereit oder in der Lage sind, bleibt das Gold (Geld) eben dem Wirtschaftskreislauf entzogen.
Schon von daher wird deutlich, dass die gesamte Wirtschaft auf den Durchfluss des Geldes im gesamtwirtschaftlichen Kreislauf angewiesen ist, damit das produzierte Sozialprodukt nicht nur angeboten, sondern auch hinreichend nachgefragt und abgesetzt werden kann. Aber auch aus der Sicht einzelner Teile der Wirtschaft, die auf Kredit angewiesen sind, ist der Durchfluss der gesparten Gelder auf den Kapitalmarkt unabdingbar für die Sicherung ihrer Existenz beziehungsweise für die Erfüllung ihrer Funktion. Folgende Gruppen sind mehr oder weniger (und teilweise existentiell) auf Kredit angewiesen:
So brauchen z.B. Handelsunternehmen Kredite, weil sie ihre Warenlager vorfinanzieren müssen, bis es durch den Verkauf der Waren wieder zum Rückfluss des Geldes kommt. Ohne Kredite können viele der Handelsunternehmen ihre Funktion überhaupt nicht erfüllen. Produktionsunternehmen brauchen Kredite, um einen Teil ihrer Investitionen mit Fremdkapital zu finanzieren, wenn die erwirtschafteten und einbehaltenen Gewinne oder sonstige Eigenmittel dafür nicht ausreichen. Und der Druck der Konkurrenz zwingt sie immer wieder zu neuen Investitionen. Öffentliche Haushalte (bei uns Bund, Länder und Gemeinden) benötigen Kredite, insbesondere zur Finanzierung langfristiger Zukunftsinvestitionen in Infrastruktur (Verkehrssystem, Bildung), die allein aus Steuermitteln der gegenwärtigen Steuerzahler nicht aufgebracht werden können. Private Haushalte brauchen Kredite, um z.B. Eigenheime damit zu finanzieren (deren Finanzierung ohne Kredite in den wenigsten Fällen möglich wäre).
Dieses dringenden Kreditbedarfs sind sich die Geld-Besitzer bewusst - und sie nutzen diese Abhängigkeit der anderen zu ihren Gunsten aus, indem sie für das Ausleihen des Goldes (Geldes) einen Mindestzins fordern. Je niedriger der Zins, um so weniger sind die Geldbesitzer geneigt, ihr Geld als Kredit auszuleihen beziehungsweise den Banken zur Kreditvergabe bereitzustellen.
Die Widersprüchlichkeit des bisherigen Geldes
Fassen wir noch einmal zusammen: Dass das Geld mehrere Funktionen erfüllt - nämlich Tauschmittel, Wertaufbewahrungsmittel und Spekulationsmittel zu sein - ist auch von anderen Ökonomen vor ihm gesehen worden. Aber keiner hat so klar wie Silvio Gesell erkannt, dass sich diese unterschiedlichen Funktionen in einem unversöhnlichen Gegensatz zueinander befinden, dass das bisherige Geld sozusagen in seinem Wesenskern gespalten ist (»monetäre Kernspaltung«). Und diese Spaltung des Geldes treibt den Zins hervor, der seinerseits eine Fülle von Krisen und die Spaltung der Gesellschaft bewirkt.
Als Tauschmittel erfüllt das Geld nämlich eine »öffentliche«, eine gesellschaftliche Funktion - dies aber nur so lange, wie es kontinuierlich im Wirtschaftskreislauf fließt, von Hand zu Hand oder von Konto zu Konto weitergereicht wird, und damit jedes Mal einen Warenumsatz ermöglicht.
»Taler, Taler, du musst wandern« oder »Der Rubel muss rollen«, in diesen bekannten Sätzen drückt sich eine tiefe Weisheit aus: dass nämlich das Geld als Tauschmittel nur funktionieren kann, wenn es weitergereicht wird, d.h. wenn es ständig den produzierten und angebotenen Waren gegenübertritt und ihren Absatz ermöglicht, und damit auch die Existenzgrundlage der Warenanbieter in einer arbeitsteiligen Wirtschaft sichern hilft.
Wird hingegen das Geld dem Produktions-Einkommens-Kreislauf entzogen und aus privatem Interesse zum Beispiel gehortet oder für spekulative Käufe in ganz anderen Kreisläufen verwendet, so wird es insoweit seiner öffentlichen Funktion, seiner Tauschmitteleigenschaft beraubt. Das private Interesse (zum Beispiel an Sicherheit oder Spekulation) tritt in Widerspruch zum öffentlichen Interesse (an der Funktionsfähigkeit des Tauschmittels). Das Horten des Geldes - oder sein Abdriften in spekulative Sphären - kommt insofern nach Gesell einem Missbrauch und einer Zweckentfremdung des öffentlichen Tauschmittels zu privaten Zwecken gleich, mit verheerenden gesamtwirtschaftlichen Folgen. Und der Anreiz zur Unterlassung dieses Missbrauchs ist nach Gesell der Zins.
Der Ausbruch dieser drohenden Krise kann nach Gesell nur unterbunden werden, wenn ein hinreichend hoher Zins an die Geldbesitzer gezahlt wird, damit sie das Horten und Spekulieren unterlassen. Aber eben dieser Zins, der die eigentlich zur Lösung drohenden Probleme dienen soll, ist selbst die Ursache einer Reihe von Krisen. Es ist gerade so, als wolle man »den Teufel mit dem Beelzebub austreiben«, als wolle man das eine Übel unterbinden, indem man viele andere Übel schafft.
Überdies kann der Zins, wie bereits ausgeführt, auf Dauer das Geld gar nicht in Fluss halten. Denn mit wachsendem Investitionsvolumen einer Volkswirtschaft würden nach Einschätzung von Gesell die Renditen im Durchschnitt langfristig absinken, weil sich das wachsende Warenangebot aufgrund begrenzter Absatzmärkte nur zu sinkenden Preisen absetzen ließe. Und also könnten die Unternehmen für künftige Kredite gar nicht mehr die hohen Zinsen zahlen, die die Geldbesitzer von ihnen fordern. Mit sinkendem Zinsniveau aber würden mehr und mehr Gelder dem Produktions-Einkommens-Kreislauf entzogen und sich in Spekulationsgeschäften höhere Renditen suchen.
Das geltende Recht schützt das Zinssystem
Im Grunde genommen ist dieses Geldsystem in seiner Widersprüchlichkeit nicht nur merkwürdig, sondern in seinem gesetzlichen Schutz der Spekulationsfunktion und in der Legitimierung des Zinses geradezu absurd. Man stelle sich diese Logik nur einmal übertragen auf das öffentliche Verkehrssystem vor, bei dem es ja um den möglichst reibungslosen Fluss von Waren und Personen geht. Voraussetzung dafür ist ein fließender Verkehr. Wenn sich nun eine Gruppe von Menschen zum Ziel auf die Schienen setzt, um den Verkehrsfluss zu blockieren, und vielleicht sogar noch aus ethischen Motiven (zum Beispiel um die Öffentlichkeit auf irgendwelche Missstände aufmerksam zu machen), so wissen wir alle, wie darauf reagiert wird.
Es wird nicht lange dauern, bis die Polizei anrückt und über Lautsprecher verkündet, dass das Blockieren der Verkehrswege (und des Fließens der Verkehrsmittel) rechtswidrig ist. Sie wird die Blockierer auffordern, die Blockade aufzuheben. Wenn diese der Aufforderung nicht alsbald nachkommen, dann wird geräumt - notfalls unter Einsatz von Gewalt. Blockierer, die nicht freiwillig aufgeben wollen und der Räumung Widerstand entgegensetzen, werden in der einen oder anderen Form bestraft.
Auf den Geldverkehr übertragen, ergibt sich folgendes Bild: Die Blockierer des Geldverkehrs - die in der Regel aus höchst eigennützigen Interessen handeln – würden für das Aufgeben ihrer Blockierung einen Zins fordern, sagen wir einen »Wegezins«. Der Staatsgewalt aber wären die Hände gebunden, weil die Blockierer in ihrem Verhalten vom Verkehrsgesetz geschützt sind. Und wenn der angebotene »Wegezins« den Blockierern nicht hoch genug ist, bleiben sie einfach sitzen, denn sie können mit ihrem gehorteten Geld geduldig warten.
Irgendwann wird dann die Ungeduld derjenigen, die durch die Blockierung behindert werden oder indirekt dadurch Schaden erleiden, so groß, dass sie bereit sind, den geforderten Wegezins zu zahlen, damit der Verkehr wieder fließen kann. Und damit der Verkehr nicht schon bald wieder blockiert wird, überweist man am besten gleich per Dauerauftrag einen ständigen Wegezins an die potenziellen Blockierer, damit sie die Blockade künftig unterlassen... Diese Farce vollzieht sich in unserem Geldsystem tagtäglich weltweit seit Jahrhunderten, und alle haben sich daran gewöhnt und finden daran scheinbar nichts komisch.
Die Lösung der Blockierung ist die Lösung
Wie aber kann dieser absurde Zustand behoben werden? Ein bloßes Zinsverbot wäre in einer weitgehend materiell orientierten Gesellschaft verfehlt, weil es die Wirtschaft geradezu in die Krise hineintreiben würde. Silvio Gesell schwebte eine andere Lösung des Zinsproblems vor, die ich auf eine kurze Formel bringen möchte: »Die Lösung der Blockierung ist die Lösung.« Gemeint ist die Lösung der Blockierung des Geldflusses - und zwar an der Stelle, an der sie verursacht wird, nicht durch das Bekämpfen von Symptomen. Wenn die tiefere Ursache der Geldblockierung und des dadurch hervorgerufenen Zinses in der Gespaltenheit des bisherigen Geldes - in der »monetären Kernspaltung« - liegt, dann gilt es, diese innere Spaltung des Geldes zu überwinden, indem seiner Tauschmitteleigenschaft durch eine entsprechende Rechtsordnung absoluter Vorrang eingeräumt und damit dem fließenden Geld der Weg geebnet wird; während die Abzweigung des Geldes zu anderen Zwecken (die Spekulationsfunktion des Geldes) unterbunden wird.
Die Überlegenheit des Geldes gegenüber den anderen Waren, aus der heraus es erst zum Horten von Geld und zum Zins kommt, müsste abgebaut werden, um dem Horten und Spekulieren den Anreiz zu nehmen. Und da die Überlegenheit des Geldes ohnehin nicht auf irgendwelche Leistungen der Geldbesitzer zurückgeht, sondern dem Geld in seiner öffentlichen Funktion als Tauschmittel anhaftet, wäre es nur recht und billig, diese Vorteile des Geldes einzuebnen, zu neutralisieren. Das Horten von Geld müsste demnach mindestens genauso teuer werden wie im Durchschnitt das Horten oder Lagern von Waren - erst dann wären gleiche Bedingungen zwischen Geldbesitzern und Warenbesitzern hergestellt, erst dann wäre die Überlegenheit der Geldbesitzer und die Abhängigkeit der übrigen Warenbesitzer aufgehoben, erst dann würden sich gleichberechtigte Partner als Kreditgeber und Kreditnehmer gegenüberstehen.
Das Mittel zur Umsetzung dieses Prinzips sah Gesell in der Einführung einer Art »Parkgebühr« auf gehortetes Geld, die um so höher ausfallen müsste, je mehr und je länger das Geld dem Produktions-Einkommens-Kreislauf entzogen wird: eine Gebühr zur Sicherung des kontinuierlichen Geldumlaufs, eine »Geldumlaufsicherungsgebühr«. Sie sollte nicht etwa in erster Linie die Funktion haben, den öffentlichen Haushalten zusätzliche Einnahmen zu verschaffen, sondern sie sollte die Geldbesitzer dazu bewegen, ihr Geld entweder zu konsumieren oder auch ohne Zinsforderungen bei den Banken anzulegen oder direkt zu investieren, um der sonst fällig werdenden Umlaufsicherungsgebühr auszuweichen.
So würden dem Kapitalmarkt verstärkt Gelder zufließen, das Angebot an Krediten von Seiten der Banken würde steigen, und der Kreditzins würde ganz von selbst nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage sinken und sich langfristig im Durchschnitt immer mehr in Richtung Null bewegen. Was noch bliebe, wären die Kreditvermittlungsgebühren für die Geschäftsbanken, aus denen diese ihre Kosten bestreiten und ihre Gewinne erwirtschaften könnten. Die Idee einer Umlaufsicherungsgebühr ist also darauf ausgerichtet, mit Hilfe eines relativ kleinen Eingriffs gesamtwirtschaftlich große Auswirkungen zu erzielen: Über ein kontinuierliches Fließen des Geldes sollen
• die Geldmenge überhaupt erst einmal steuerbar werden,
• der Zins langfristig im Durchschnitt auf Null sinken und
• die zinsbedingten Krisentendenzen sich immer mehr abschwächen.
Insgesamt liefe dieser Reformvorschlag auf einen allmählichen Heilungsprozess eines ansonsten schwerkranken sozialen Organismus hinaus, dessen Funktionen sich unter den genannten Bedingungen zunehmend selbst regulieren könnten.
Quelle: http://www.berndsenf.de/
Geld als Tausch- und Spekulationsmittel
Ein Grundproblem unseres herkömmlichen, am Zins orientierten Wirtschaftens besteht darin, dass das bisherige Geld in seinem Wesenskern gespalten ist. Man könnte geradezu von einer „monetären Kernspaltung" des Geldes mit destruktiver Kettenreaktion sprechen: Das Geld ist einerseits ein Tauschmittel - und kann diese Funktion nur erfüllen, wenn es kontinuierlich im Produktions-Einkommens-Kreislauf der Wirtschaft fließt.
Es kann aber auch von denen, die es übrig haben, diesem Kreislauf entzogen werden, um damit zu spekulieren. Es ist also auch ein Spekulationsmittel, und aus dieser Eigenschaft heraus kann es einen hinreichend attraktiven Zins von denen erpressen, die dringend auf Kredit und auf den Durchfluss des Geldes angewiesen sind. Wenn dieser Zins nicht geboten wird, kann sich das Geld als Spekulationsmittel dem Produktions- Einkommens-Kreislauf entziehen und sich zum Beispiel in die Spekulation an die internationalen Finanzmärkte begeben, die unter diesem Einfluss immer mehr durchdrehen und von der Realität abheben, bis die Spekulationsblasen platzen. Die Funktion des Geldes als Spekulationsmittel tritt also in Gegensatz zu seiner Funktion als Tauschmittel und treibt insoweit Krisen hervor.
Der Ökonom Silvio Gesell formulierte Anfang des 20. Jahrhunderts den Vorschlag eines „nicht destruktiven Umlaufantriebs“, durch den das Geld - auch ohne Zins - in Fluss gehalten werden sollte. Er hat mit seinen Überlegungen zweifellos einen wesentlichen Konstruktionsfehler des realexistierenden Kapitalismus aufgedeckt und wesentlichen Ansatzpunkte zur Lösung der Probleme herausgearbeitet. Wie kam Gesell zu derart weitreichenden Thesen in bezug auf das Zinssystem, und was waren seine inhaltlichen Begründungen?
In seiner Kritik an Marx stellte Gesell u.a. die Behauptung auf, das Gold sei kein Äquivalent - und ebenso wenig das Geld. Gold sei vielmehr den übrigen Waren überlegen, und damit seien auch die Besitzer von Geld den übrigen Warenbesitzern überlegen. Dieser Umstand hinge damit zusammen, dass die Besitzer von Geld - sofern sie nach Bezahlung ihrer Konsumausgaben davon noch etwas übrig haben - dasselbe ohne Schaden zurückhalten und demWirtschaftskreislauf entziehen und horten können, weil es praktisch unverderblich ist; während die Besitzer der anderen Waren unter dem ständigen Druck stehen, diese am Markt anzubieten, weil die Waren sonst mehr oder weniger schnell verderben oder Lagerkosten verursachen würden.
Aus dieser Überlegenheit heraus können die Gold-(Geld-)Besitzer von den anderen, die auf das Fließen des Goldes (Geldes) im Wirtschaftskreislauf angewiesen sind, einen Zins erpressen. Ist der Zins in ihren Augen nicht attraktiv genug, dann halten sie das Gold (Geld) einfach noch eine Weile länger zurück und warten, bis den anderen die Luft ausgeht und sie bereit sind, einen hinreichend attraktiven Zins zu zahlen. Und wenn die anderen dazu nicht bereit oder in der Lage sind, bleibt das Gold (Geld) eben dem Wirtschaftskreislauf entzogen.
Schon von daher wird deutlich, dass die gesamte Wirtschaft auf den Durchfluss des Geldes im gesamtwirtschaftlichen Kreislauf angewiesen ist, damit das produzierte Sozialprodukt nicht nur angeboten, sondern auch hinreichend nachgefragt und abgesetzt werden kann. Aber auch aus der Sicht einzelner Teile der Wirtschaft, die auf Kredit angewiesen sind, ist der Durchfluss der gesparten Gelder auf den Kapitalmarkt unabdingbar für die Sicherung ihrer Existenz beziehungsweise für die Erfüllung ihrer Funktion. Folgende Gruppen sind mehr oder weniger (und teilweise existentiell) auf Kredit angewiesen:
So brauchen z.B. Handelsunternehmen Kredite, weil sie ihre Warenlager vorfinanzieren müssen, bis es durch den Verkauf der Waren wieder zum Rückfluss des Geldes kommt. Ohne Kredite können viele der Handelsunternehmen ihre Funktion überhaupt nicht erfüllen. Produktionsunternehmen brauchen Kredite, um einen Teil ihrer Investitionen mit Fremdkapital zu finanzieren, wenn die erwirtschafteten und einbehaltenen Gewinne oder sonstige Eigenmittel dafür nicht ausreichen. Und der Druck der Konkurrenz zwingt sie immer wieder zu neuen Investitionen. Öffentliche Haushalte (bei uns Bund, Länder und Gemeinden) benötigen Kredite, insbesondere zur Finanzierung langfristiger Zukunftsinvestitionen in Infrastruktur (Verkehrssystem, Bildung), die allein aus Steuermitteln der gegenwärtigen Steuerzahler nicht aufgebracht werden können. Private Haushalte brauchen Kredite, um z.B. Eigenheime damit zu finanzieren (deren Finanzierung ohne Kredite in den wenigsten Fällen möglich wäre).
Dieses dringenden Kreditbedarfs sind sich die Geld-Besitzer bewusst - und sie nutzen diese Abhängigkeit der anderen zu ihren Gunsten aus, indem sie für das Ausleihen des Goldes (Geldes) einen Mindestzins fordern. Je niedriger der Zins, um so weniger sind die Geldbesitzer geneigt, ihr Geld als Kredit auszuleihen beziehungsweise den Banken zur Kreditvergabe bereitzustellen.
Die Widersprüchlichkeit des bisherigen Geldes
Fassen wir noch einmal zusammen: Dass das Geld mehrere Funktionen erfüllt - nämlich Tauschmittel, Wertaufbewahrungsmittel und Spekulationsmittel zu sein - ist auch von anderen Ökonomen vor ihm gesehen worden. Aber keiner hat so klar wie Silvio Gesell erkannt, dass sich diese unterschiedlichen Funktionen in einem unversöhnlichen Gegensatz zueinander befinden, dass das bisherige Geld sozusagen in seinem Wesenskern gespalten ist (»monetäre Kernspaltung«). Und diese Spaltung des Geldes treibt den Zins hervor, der seinerseits eine Fülle von Krisen und die Spaltung der Gesellschaft bewirkt.
Als Tauschmittel erfüllt das Geld nämlich eine »öffentliche«, eine gesellschaftliche Funktion - dies aber nur so lange, wie es kontinuierlich im Wirtschaftskreislauf fließt, von Hand zu Hand oder von Konto zu Konto weitergereicht wird, und damit jedes Mal einen Warenumsatz ermöglicht.
»Taler, Taler, du musst wandern« oder »Der Rubel muss rollen«, in diesen bekannten Sätzen drückt sich eine tiefe Weisheit aus: dass nämlich das Geld als Tauschmittel nur funktionieren kann, wenn es weitergereicht wird, d.h. wenn es ständig den produzierten und angebotenen Waren gegenübertritt und ihren Absatz ermöglicht, und damit auch die Existenzgrundlage der Warenanbieter in einer arbeitsteiligen Wirtschaft sichern hilft.
Wird hingegen das Geld dem Produktions-Einkommens-Kreislauf entzogen und aus privatem Interesse zum Beispiel gehortet oder für spekulative Käufe in ganz anderen Kreisläufen verwendet, so wird es insoweit seiner öffentlichen Funktion, seiner Tauschmitteleigenschaft beraubt. Das private Interesse (zum Beispiel an Sicherheit oder Spekulation) tritt in Widerspruch zum öffentlichen Interesse (an der Funktionsfähigkeit des Tauschmittels). Das Horten des Geldes - oder sein Abdriften in spekulative Sphären - kommt insofern nach Gesell einem Missbrauch und einer Zweckentfremdung des öffentlichen Tauschmittels zu privaten Zwecken gleich, mit verheerenden gesamtwirtschaftlichen Folgen. Und der Anreiz zur Unterlassung dieses Missbrauchs ist nach Gesell der Zins.
Der Ausbruch dieser drohenden Krise kann nach Gesell nur unterbunden werden, wenn ein hinreichend hoher Zins an die Geldbesitzer gezahlt wird, damit sie das Horten und Spekulieren unterlassen. Aber eben dieser Zins, der die eigentlich zur Lösung drohenden Probleme dienen soll, ist selbst die Ursache einer Reihe von Krisen. Es ist gerade so, als wolle man »den Teufel mit dem Beelzebub austreiben«, als wolle man das eine Übel unterbinden, indem man viele andere Übel schafft.
Überdies kann der Zins, wie bereits ausgeführt, auf Dauer das Geld gar nicht in Fluss halten. Denn mit wachsendem Investitionsvolumen einer Volkswirtschaft würden nach Einschätzung von Gesell die Renditen im Durchschnitt langfristig absinken, weil sich das wachsende Warenangebot aufgrund begrenzter Absatzmärkte nur zu sinkenden Preisen absetzen ließe. Und also könnten die Unternehmen für künftige Kredite gar nicht mehr die hohen Zinsen zahlen, die die Geldbesitzer von ihnen fordern. Mit sinkendem Zinsniveau aber würden mehr und mehr Gelder dem Produktions-Einkommens-Kreislauf entzogen und sich in Spekulationsgeschäften höhere Renditen suchen.
Das geltende Recht schützt das Zinssystem
Im Grunde genommen ist dieses Geldsystem in seiner Widersprüchlichkeit nicht nur merkwürdig, sondern in seinem gesetzlichen Schutz der Spekulationsfunktion und in der Legitimierung des Zinses geradezu absurd. Man stelle sich diese Logik nur einmal übertragen auf das öffentliche Verkehrssystem vor, bei dem es ja um den möglichst reibungslosen Fluss von Waren und Personen geht. Voraussetzung dafür ist ein fließender Verkehr. Wenn sich nun eine Gruppe von Menschen zum Ziel auf die Schienen setzt, um den Verkehrsfluss zu blockieren, und vielleicht sogar noch aus ethischen Motiven (zum Beispiel um die Öffentlichkeit auf irgendwelche Missstände aufmerksam zu machen), so wissen wir alle, wie darauf reagiert wird.
Es wird nicht lange dauern, bis die Polizei anrückt und über Lautsprecher verkündet, dass das Blockieren der Verkehrswege (und des Fließens der Verkehrsmittel) rechtswidrig ist. Sie wird die Blockierer auffordern, die Blockade aufzuheben. Wenn diese der Aufforderung nicht alsbald nachkommen, dann wird geräumt - notfalls unter Einsatz von Gewalt. Blockierer, die nicht freiwillig aufgeben wollen und der Räumung Widerstand entgegensetzen, werden in der einen oder anderen Form bestraft.
Auf den Geldverkehr übertragen, ergibt sich folgendes Bild: Die Blockierer des Geldverkehrs - die in der Regel aus höchst eigennützigen Interessen handeln – würden für das Aufgeben ihrer Blockierung einen Zins fordern, sagen wir einen »Wegezins«. Der Staatsgewalt aber wären die Hände gebunden, weil die Blockierer in ihrem Verhalten vom Verkehrsgesetz geschützt sind. Und wenn der angebotene »Wegezins« den Blockierern nicht hoch genug ist, bleiben sie einfach sitzen, denn sie können mit ihrem gehorteten Geld geduldig warten.
Irgendwann wird dann die Ungeduld derjenigen, die durch die Blockierung behindert werden oder indirekt dadurch Schaden erleiden, so groß, dass sie bereit sind, den geforderten Wegezins zu zahlen, damit der Verkehr wieder fließen kann. Und damit der Verkehr nicht schon bald wieder blockiert wird, überweist man am besten gleich per Dauerauftrag einen ständigen Wegezins an die potenziellen Blockierer, damit sie die Blockade künftig unterlassen... Diese Farce vollzieht sich in unserem Geldsystem tagtäglich weltweit seit Jahrhunderten, und alle haben sich daran gewöhnt und finden daran scheinbar nichts komisch.
Die Lösung der Blockierung ist die Lösung
Wie aber kann dieser absurde Zustand behoben werden? Ein bloßes Zinsverbot wäre in einer weitgehend materiell orientierten Gesellschaft verfehlt, weil es die Wirtschaft geradezu in die Krise hineintreiben würde. Silvio Gesell schwebte eine andere Lösung des Zinsproblems vor, die ich auf eine kurze Formel bringen möchte: »Die Lösung der Blockierung ist die Lösung.« Gemeint ist die Lösung der Blockierung des Geldflusses - und zwar an der Stelle, an der sie verursacht wird, nicht durch das Bekämpfen von Symptomen. Wenn die tiefere Ursache der Geldblockierung und des dadurch hervorgerufenen Zinses in der Gespaltenheit des bisherigen Geldes - in der »monetären Kernspaltung« - liegt, dann gilt es, diese innere Spaltung des Geldes zu überwinden, indem seiner Tauschmitteleigenschaft durch eine entsprechende Rechtsordnung absoluter Vorrang eingeräumt und damit dem fließenden Geld der Weg geebnet wird; während die Abzweigung des Geldes zu anderen Zwecken (die Spekulationsfunktion des Geldes) unterbunden wird.
Die Überlegenheit des Geldes gegenüber den anderen Waren, aus der heraus es erst zum Horten von Geld und zum Zins kommt, müsste abgebaut werden, um dem Horten und Spekulieren den Anreiz zu nehmen. Und da die Überlegenheit des Geldes ohnehin nicht auf irgendwelche Leistungen der Geldbesitzer zurückgeht, sondern dem Geld in seiner öffentlichen Funktion als Tauschmittel anhaftet, wäre es nur recht und billig, diese Vorteile des Geldes einzuebnen, zu neutralisieren. Das Horten von Geld müsste demnach mindestens genauso teuer werden wie im Durchschnitt das Horten oder Lagern von Waren - erst dann wären gleiche Bedingungen zwischen Geldbesitzern und Warenbesitzern hergestellt, erst dann wäre die Überlegenheit der Geldbesitzer und die Abhängigkeit der übrigen Warenbesitzer aufgehoben, erst dann würden sich gleichberechtigte Partner als Kreditgeber und Kreditnehmer gegenüberstehen.
Das Mittel zur Umsetzung dieses Prinzips sah Gesell in der Einführung einer Art »Parkgebühr« auf gehortetes Geld, die um so höher ausfallen müsste, je mehr und je länger das Geld dem Produktions-Einkommens-Kreislauf entzogen wird: eine Gebühr zur Sicherung des kontinuierlichen Geldumlaufs, eine »Geldumlaufsicherungsgebühr«. Sie sollte nicht etwa in erster Linie die Funktion haben, den öffentlichen Haushalten zusätzliche Einnahmen zu verschaffen, sondern sie sollte die Geldbesitzer dazu bewegen, ihr Geld entweder zu konsumieren oder auch ohne Zinsforderungen bei den Banken anzulegen oder direkt zu investieren, um der sonst fällig werdenden Umlaufsicherungsgebühr auszuweichen.
So würden dem Kapitalmarkt verstärkt Gelder zufließen, das Angebot an Krediten von Seiten der Banken würde steigen, und der Kreditzins würde ganz von selbst nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage sinken und sich langfristig im Durchschnitt immer mehr in Richtung Null bewegen. Was noch bliebe, wären die Kreditvermittlungsgebühren für die Geschäftsbanken, aus denen diese ihre Kosten bestreiten und ihre Gewinne erwirtschaften könnten. Die Idee einer Umlaufsicherungsgebühr ist also darauf ausgerichtet, mit Hilfe eines relativ kleinen Eingriffs gesamtwirtschaftlich große Auswirkungen zu erzielen: Über ein kontinuierliches Fließen des Geldes sollen
• die Geldmenge überhaupt erst einmal steuerbar werden,
• der Zins langfristig im Durchschnitt auf Null sinken und
• die zinsbedingten Krisentendenzen sich immer mehr abschwächen.
Insgesamt liefe dieser Reformvorschlag auf einen allmählichen Heilungsprozess eines ansonsten schwerkranken sozialen Organismus hinaus, dessen Funktionen sich unter den genannten Bedingungen zunehmend selbst regulieren könnten.
Quelle: http://www.berndsenf.de/