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vor 9 Jahren, 11 Monaten
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Betty Bossi

Olympische Spiele der Antike

Startbeitrag von Betty Bossi am 10.08.2004 14:49

SPIEGEL ONLINE - 10. August 2004, 9:59
URL: [www.spiegel.de]
Olympia-Historie

Stockhiebe für übereifrige Nackedeis

Von Harald Martenstein

Bei den Olympischen Spielen der Antike herrschten harte Sitten. Wer etwa einen Frühstart verursachte, wurde fachmännisch verdroschen. Auch für die Zuschauer ging es rustikal zu. War die abenteuerliche Anreise überstanden, ging der Stress erst richtig los.



AP
Heiligtum: Prozession mit der olympischen Flamme
30 Tage vor den Spielen trafen die Sportler ein, um gemeinsam zu trainieren, vor Publikum. Das war Vorschrift. In dieser Zeit machten sich die Kampfrichter ein Bild von den Bewerbern, stellten fest, wer olympiatauglich war und wer nicht. Weil sich nur wenige 30 Tage Verdienstausfall leisten konnten, hielt sich die Zahl der Teilnehmer in Grenzen, erst recht die Zahl der untauglichen. Wer nach Olympia kam, war meist ein Spitzenathlet. In den Laufwettbewerben waren dennoch Vorläufe, vielleicht auch Zwischenläufe notwendig.

Am Anfang dominierte der Adel, weil nur Adelige genug Zeit zum Trainieren hatten. Später förderten manche Städte talentierte Athleten aus dem einfachen Volk mit Zuschüssen: Sporthilfe. In der späteren Zeit traten praktisch nur noch Profis an. Zwar bekam der Olympiasieger lediglich einen Kranz auf den Kopf gedrückt, aber bei anderen großen Sportfesten konnte er in den folgenden Jahren kräftig abkassieren, genau wie heute.

Startgelder für prominente Sportler sind zumindest in einem Fall belegt. Der Boxer und Kampfsportler Theogenes war 22 Jahre lang Profi, erzielte 1300 Siege, davon 24 bei den Kranzspielen, und war immer unterwegs. Wie viel er verdiente, können wir ahnen, weil er einmal in Olympia wegen Passivität zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Die Summe entsprach 33 Jahreseinkommen einer Tagelöhnerfamilie. Das Wort "Amateur" gab es überhaupt noch nicht. Der Gedanke des Amateursports ist erst im 19. Jahrhundert entstanden.




GEO Epoche

Dieser Text ist die gekürzte Fassung eines Beitrages aus der aktuellen Ausgabe von "GEO Epoche". Das Heft ist dem Thema "Das antike Griechenland" gewidmet und porträtiert in 18 Geschichten die Welt der Hellenen - von Olympia bis Alexander dem Großen.
Rund um die Sportstätten herrschte Gedränge. Leise war es bestimmt nicht. Die Besucher schliefen in Gästezimmern, von denen es immer zu wenige gab, in einfachen oder prächtigen Zelten, in Laubhütten, unter provisorischen Schutzdächern. Wer es sich leisten konnte, nahm ein Apartment im edlen leonidaion, einer Herberge mit Garten und Restaurants.

Es gab Badehäuser, fliegende Händler, Schänken, Imbissbuden, einen Markt. Dichter, Gaukler und Wahrsager traten auf. An einem bestimmten Tag der Spiele wurden dem Zeus 100 Stiere geopfert. Das heißt: Zeus bekam nur die Schenkel, der Rest des Fleisches wurde an die Festgäste verteilt und an unzähligen Feuerstellen gebraten. Die Belästigung durch Fliegen und andere Insekten soll übrigens kolossal gewesen sein.

Bei Grabungen wurden bis jetzt nur Latrinen für etwa 60 Personen gefunden, und die stammten auch erst aus der römischen Kaiserzeit. Es müssen sich hinter den Olivenbäumen und in den olympischen Gebüschen Szenen abgespielt haben, für die selbst der berühmte Dichter Pindar keine Worte gefunden hätte.

Auch die Trinkwasserversorgung, aus Quellen, Flüssen und Brunnenschächten, war generell schwierig. Dass Besucher sich durch verdorbenes Wasser Krankheiten zuzogen, gehörte sozusagen zum festen Begleitprogramm der Spiele. Im Text eines Satirikers verdursten sie sogar. Erst ab 153 n. Chr. führte eine Wasserleitung nach Olympia.



DPA
Athen 2004: Olympische Ringe nahe der Akropolis
Ein Philosoph namens Peregrinos Proteus prangerte im Jahr 157 n. Chr. während der Spiele die Verweichlichung des Publikums an. Die Zuhörer drohten, ihn zu steinigen. Vier Jahre später hielt Peregrinos, um sich zu rehabilitieren, eine Lobrede auf die neue Wasserleitung und deren Erbauer. Niemand hörte ihm zu. Wieder vier Jahre später, 165, verbrannte sich Peregrinos während der Spiele öffentlich, um endlich, endlich auf sich aufmerksam zu machen.

Frauen waren nur als Zuschauerinnen erlaubt, das heißt, sofern sie noch ledig waren. Warum verheiratete Damen nicht zuschauen durften, bleibt eines der ungelösten Rätsel der antiken Spiele. Frauen, die gegen diese Regel verstießen, sollten von einem nahe gelegenen Hügel geworfen werden, in den sicheren Tod.

Wir kennen heute nur noch einen Fall von Zutrittserschleichung: Eine gewisse Kallipatreia wollte unbedingt ihren Sohn im Boxkampf der Knaben siegen sehen und verkleidete sich als Mann. Als der Sohn tatsächlich gewonnen hatte, verriet sie sich durch ihren Jubel. Sie wurde begnadigt.

Die Athleten traten in zwei Gruppen an: Männer und Knaben. Bei den Pferden war es genauso: erwachsene Tiere und Fohlen. Die Einteilung durch die Kampfrichter scheint ziemlich willkürlich gewesen zu sein, eine festgelegte Altersgrenze ist nicht bekannt. Vielleicht waren es 18 Jahre. Geburtsurkunden gab es sowieso nicht. Es kam vor, dass der Jugend-Olympiasieger kurz nach den Spielen, bei einem anderen Wettkampf, den Sieger der Männerklasse bezwang.



REUTERS
Mythos: Statue des Pheidippides, der 490 v. Chr. von Marathon nach Athen lief, um den Sieg über die Perser zu verkünden
Den Auftakt der Spiele bildete eine Prozession. Athleten und Kampfrichter zogen auf der "Heiligen Straße" von Elis nach Olympia, immerhin fast 60 Kilometer. Das dauerte ein oder zwei Tage, die Historiker sind sich da nicht einig. Die Sportler kämpften nackt, außer bei den Pferdewettkämpfen, wo sich leicht etwas irgendwo in den Leinen verheddern kann. Warum nackt? Aristoteles schrieb, dass Nackte nicht so stark schwitzen müssen und noch dazu schön braun werden.

Die Griechen mochten braune Haut, und die Spiele von Olympia fanden im heißen August statt. Wenn die Griechen Vasen mit aufgemalten Sportszenen in Gegenden mit strengeren Sitten exportierten, dann malten sie Lendenschurze. Der Kunde ist König.

Das Fest dauerte sechs Tage. Am ersten Tag wurde, eingerahmt von Fanfarenklängen, der olympische Eid geleistet, im wesentlichen ein Versprechen, fair zu kämpfen, am zweiten Tag traten die Jugendlichen an. Der dritte Tag gehörte den Pferderennen und den Fünfkämpfern. Am vierten Tag wurden die Stiere geschlachtet, am fünften folgten Kampfsport und Laufwettbewerbe, zuletzt ein Waffenlauf, als symbolisches Ende der olympischen Friedensperiode. Der sechste Tag stand im Zeichen der Siegerehrung, die stets in ein gewaltiges Gelage mündete.

Läufer traten in drei Disziplinen an: einfacher Stadionlauf, doppelter Stadionlauf und Langlauf. Das entsprach etwa 200 Metern, etwa 400 Metern und 3800 Metern. Der Waffenlauf wurde anfangs in voller Rüstung abgehalten, später nur noch mit einem symbolischen Schild. Es wurde nicht im Kreis gelaufen, sondern hin und her - um zwei Wendemarken.

Wer einen Fehlstart verursachte, wurde von Mitgliedern des Ordnungsdienstes, den rhabduchoi, mit Stockhieben öffentlich verprügelt. Die Läufer waren generell nicht so populär wie die anderen Sportler, außer vielleicht Superstars wie Hermogenes, genannt "das Pferd", achtfacher Olympiasieger der Jahre 81, 85 und 89 n. Chr. Einen Marathonlauf gab es in der Antike nicht.
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