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vor 9 Jahren, 11 Monaten
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Betty Bossi

König Otto

Startbeitrag von Betty Bossi am 06.09.2004 14:41

König Otto und die Angst vor dem Kurzurlaub auf Wolke sieben

von Oskar Beck

Tief beeindruckt war der Fußballfan am Wochenende von Lothar Matthäus. Ohne das Stadion auf dem Schleichweg zu verlassen, hat sich der ungarische Nationaltrainer nach der 0:3-Schlappe in Kroatien noch spät am Samstag vor eine Kamera gestellt und Farbe bekannt. Von Otto Rehhagel dagegen war zu dieser Zeit nichts mehr zu hören - dabei hatte er mit seinen Griechen in Tirana doch nur hauchdünn mit 1:2 verloren. Wo liegt der Unterschied? Ganz einfach: Von Matthäus und seinen Magyaren wird in dieser WM-Qualifikation nichts erwartet - während König Otto ab sofort auf Schritt und Tritt seinen Ruf als Magier bestätigen muss. Oder sagen wir es so: Europameister ist er schon. Er kann nur noch Weltmeister werden.


Franz Beckenbauer bedauert ihn dafür schon jetzt. Wenn wir den Kaiser richtig verstanden haben, möchte er mit König Otto zur Zeit nicht tauschen, weil er ahnt, wie leicht der auf dem Boden der Tatsachen und dem kalten Hinterteil landen kann - weil, um es mit dem Franz zu sagen, künftig scharenweise Wadlbeißer wie die Albaner auf ihn lauern, um den Griechen-König herunterzuholen von seinem Fußballkuckucksheim.


Dieser Samstag war nur der Anfang seines neuen, schwierigen Trainerlebens: Bezüglich der Ziele, die sich Rehhagel mit den Griechen noch stecken kann, bleibt nicht mehr viel Luft nach oben. Wochenlang sind seine EM-Helden herumgereicht worden auf Empfängen und Partys, man hat sie verwöhnt und getätschelt, und das erste Alarmzeichen war der Streit um die EM-Prämie, die sich Ottos Asse üppiger ausgemalt hatten. Kurz: Es menschelt. An dem Punkt wird das Punkten schwerer, denn ohne die Konzentration auf das Wesentliche und den Teamgeist sind die Griechen schnell wieder zweitklassig -


Ein Urlaub auf Wolke sieben kann im Fußball sehr kurz sein. Es gibt genug Beispiele. Anno 1954, nach dem Wunder von Bern, haben Herbergers Helden mit dem Siegen abrupt aufgehört. Auch Max Merkel kann zum Thema des freien Falls über Nacht eine gute Geschichte erzählen. Als Zampano trainierte er 1968 den 1. FC Nürnberg Beifall umrauscht zum Deutschen Meister, und weil zeitgleich der Bundestrainer Schön mit einem 0:0 in Albanien die Europameisterschaft verpasste, titelte "Bild": "Lasst doch mal den Merkel ran!" Der Wunsch erledigte sich jäh: Meister Nürnberg stieg ab, und der stramme Max stand im Hemd da.


Oder was wird, um in die Gegenwart zurückzukehren, aus Felix Magath? Beim VfB hui, bei den Bayern pfui - wie kurz und senkrecht der Weg zwischen Himmel und Hölle sein kann, hat Joschka Fischer einmal auf die griffige Formel gebracht: "Schon mancher ist als Löwe gesprungen und als Bettvorleger gelandet." Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung.


Womit wir wieder zu Rehhagel kommen, der da besonders gefährdet ist. Als Mensch, der betont viel auf sich hält, hat er viele Feinde, die nur darauf warten, dass er sich Blößen gibt. Sie sehen partout nicht ein, dass er als König Otto Hof hält und an keiner Kamera vorbeikommt, ohne sich selbst zu grüßen - oder schütteln den Kopf wie anno 1997 auf dem Betzenberg der Sportdirektor Briegel, der damals über den Trainer Rehhagel gesagt hat: "Man hat den Eindruck, hier ist nur eine Person aufgestiegen."


Artikel erschienen am Mo, 6. September 2004

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