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vor 9 Jahren, 9 Monaten
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Betty Bossi

A. Cassano: Schnösel mit zuckenden Hacken

Startbeitrag von Betty Bossi am 08.10.2004 10:28

Berliner Zeitung Freitag, 08. Oktober 2004
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Schnösel mit zuckenden Hacken

Kein Italiener spielt fantasiereicher Fußball als Antonio Cassano, trotzdem sind zahlreiche Trainer an ihm verzweifelt - zuletzt Rudi Völler


ROM, 7. Oktober. Wenn ihn der Trainer früher vom Platz holt, und sei es nur ein paar Minuten vor Schluss, dann zieht Antonio Cassano das Trikot aus der Hose, senkt das Haupt, und seine Lippen formen im Fokus der Fernsehkameras Sätze, die auch ohne Ton verständlich sind: "Fahr zum Teufel", sagt er meist, wobei die italienische Originalfassung den Coach in Regionen verwünscht, die taktvoller Weise besser unübersetzt bleiben.

Der frühere Römer Trainer Fabio Capello bekam Antonio Cassano kaum in den Griff, Rudi Völler ebenso wenig. Als Völler AS Rom nach nur 26 Diensttagen verließ, erklärte er das damit, dass die Spieler ihm nicht gefolgt seien. Er meinte vor allem ihn: Antonio Cassano, 21 Jahre jung, Italiens Fußballhoffnung, an der die Trainer verzweifeln.

Er spiele "zauberhaft", "überwältigend", "spektakulär", befinden Italiens Sportgazetten - wenn er denn spielt, ließe sich ergänzen. Denn Marcello Lippi, Italiens Nationaltrainer, verzichtet an diesem Wochenende gerade mal wieder auf Cassanos Dienste. Weil es ihn dünkt, der Jungstar, mit dem er in Zukunft unbedingt rechne, sei zurzeit nicht in der geeigneten psychischen Verfassung, den Gruppenersten Italien im WM-Qualifikationsspiel gegen Slowenien zu unterstützen. Am letzten Spieltag der Serie A, gegen Inter Mailand, wurde er vom neuen Römer Trainer Luigi Del Neri wieder ausgewechselt. Cassano reagierte gewohnt erbost.

Auswechslungen erlebt er wie eine Schmach. Selbst wenn ihm das Publikum beim Abtreten mit stehenden Ovationen Tribut zollt: seinen feinen Hebern, seinen spitzbübischen Finten, seinem butterweichen Hackenzucken, seinen selbstverliebten Soli, seinen präzisen Zuspielen, seinen ansatzlosen Sturmläufen. Keiner spielt fantasiereicher als er, zumindest in Italien, keiner öffnet Räume aus engerem Winkel. Er führt Regie, als Stürmer.

Am ehesten gleicht er in dieser Rolle seinem Sturmkollegen Francesco Totti. Aber auch mit dem legt er sich zuweilen an. Dann ruft Totti in allen Bars und Restaurants Roms an, die beide frequentieren, und fordert, den undankbaren Schnösel von der VIP-Liste zu streichen.

In einem ärmlichen Viertel im süditalienischen Bari, seiner Geburtsstadt, wurde er groß. Seine Mutter erzog ihn allein. Der Vater hatte die Familie verlassen, als Antonio erst zwei Jahre alt war. Er war 17, als er bei AS Bari mit einem unwiderstehlichen Solo ganz Italien schwärmen ließ: In seinem zweiten Spiel der Serie A, gegen Inter Mailand, ließ er Laurent Blanc und Christian Panucci mit einem Hackentrick ins Leere laufen, stoppte den Ball und traf ins Tor. Fortan jagten ihn Juventus Turin, AS Rom und Manchester United. Rom machte das Rennen. Cassano hatte den sozialen Aufstieg geschafft, kaufte sich Autos und ein schönes Haus in Tottis Nachbarschaft, in dem Mutter Giovanna die Geschicke lenkt.

Schon bald aber drang Cassanos dunkle Seite durch. Einmal blieb er dem Training fern, erbost über sein Ersatzbankdasein, und schaltete sein Handy aus - ein Sakrileg. Fabio Capello, während fünf Jahren Roms Coach, dem man pädagogische Fähigkeiten nachsagt, war verzweifelt: "Cassano will sich nicht helfen lassen." Claudio Gentile, Trainer des italienischen U-21-Nationalteams, schickte das Talent fünfmal aus dem Trainingslager nach Hause und bot ihn nicht mehr auf, weil er dessen Lamenti satt hatte. "Da hält sich einer für Maradona", hieß es.

Und dann waren da noch Cassanos Probleme mit der Justiz: Er fuhr ohne Führerschein, beleidigte Polizisten - und entschuldigt sich jeweils. Seine Flüche sind legendär. Sie heißen in Italien "Cassanate".



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