Italien will Umkleidekabinen-TV starten

Startbeitrag von Betty Bossi am 27.09.2006 08:12

Italien will Umkleidekabinen-TV starten

In Italien plant ein Zweitligist eine tägliche Fernsehsendung aus der Umkleidekabine.

Von Udo Muras

Am 5. Oktober kommt ein Film in die Kinos, dessen Erfolg schon fest steht. Dafür hat die deutsche Nationalmannschaft bei der WM bereits gesorgt. Und wohl jeder, der sich mit Gänsehaut an die Fußballfeste der Klinsmänner erinnert, wird ihn sich anschauen. Sönke Wortmann, der Regisseur von "Deutschland, ein Sommermärchen", war quasi passives Mitglied der Mannschaft und marschierte mit der Kamera durch sämtliche Tabuzonen. Er filmte in Kabinen, Hotelzimmern, Behandlungsräumen und im Mannschaftsbus.

Die einzigartige Aussicht auf intime Einblicke weckt den Voyeur in uns, obgleich in Klinsmanns auf Harmonie getrimmtes Team Konflikte nicht zu erwarten standen. Bezeichnend, dass die Spieler, die den Streifen vorab sahen, ihr Recht auf Zensur nicht mal ansatzweise wahrnahmen.

Wie das wahre Fußball-Leben einer Profimannschaft aussieht, die gerade nicht bei einer WM spielt, bleibt uns also weiter verborgen. Es sei denn, es plaudert ein Maulwurf, was in der Bundesliga sofort arbeitsrechtliche Konsequenzen hat. Zumindest gibt es eine Pressekonferenz, in der Indiskretionen schärfstens verurteilt werden (Schämt euch, wenn ihr Schalker seid!).

Vielleicht sollten sich alle etwas mehr südländische Gelassenheit gönnen und uns ein Beispiel an Italien nehmen. Dort soll das Schlüsselloch-Fernsehen jetzt zur festen Einrichtung werden. Serie B-Klub FC Bologna will ab Oktober täglich 15 Minuten lang Einblicke in das Alltagsleben seiner Mannschaft gestatten. Der kleine Privatsender e´-TV, der nur in Bologna und Teilen der Region "Emilia Romagna" zu empfangen ist, zahlt angeblich nicht sonderlich gut. Vielleicht sind die Verhandlungen deshalb noch nicht ganz abgeschlossen. Aber der FC Bologna ist wild entschlossen. Offenbar will der Klub, der letztmals 1964 Meister war, etwas mehr Aufmerksamkeit. Präsident Alfredo Cazzola jedenfalls ließ wissen, dass er mit dem Kabinen-TV "den Verein wieder enger mit der Stadt verbinden" wolle. Die zählt etwa eine halbe Million Einwohner, aber in der Serie B ist das Stadion Renato Dall'Ara oft nur zu einem Viertel gefüllt - dabei passen nur 39 000 Tifosi hinein. Doch Bologna ist einfach keine Fußballstadt, das Publikum gilt als launisch.

Eher sind die Einwohner stolz darauf, die älteste Universität Europas zu besitzen. Der große Umberto Eco lehrt hier Semiotik, die Lehre der Zeichen, leider nimmt er sich immer öfter Auszeiten zum Bücherschreiben. Bologna ist auch die Heimat von Tortellini und Mortadella, aber auch das ist kein Grund mehr, in die Schlagzeilen zu geraten. Bleibt noch das Image, eine Kommunistenstadt zu sein - man nennt Bologna "La Rossa (die Rote"). Aber davon gibt es in Italien viele. Und nun spielt der FC Bologna, 1909 gegründet, nach neun Jahren wieder Zweite Liga. Ganz Bologna droht also einzuschlafen.

Das Pilot-Projekt in Sachen moderner Öffentlichkeitsarbeit könnte daran einiges ändern. Trainer Renzo Uliveiri (65), bekennender Kommunist, begrüßt die Weltneuheit geradezu. "Diese unantastbare Heiligkeit der Kabinen muss ein Ende finden", hat er wirklich gesagt. Eine Zensur soll es nicht geben - nur das allzu Langweilige wird geschnitten. Schuhe zubinden etwa. Raufereien werden dagegen zum Abendessen frei Haus geliefert, versichert der Trainer: "Ich würde auch die Ausstrahlung eines handfesten Streits genehmigen". Dumm nur, dass das Kabinen-Glasnost ausgerechnet bei der Zielgruppe auf Widerstand stößt. Auf einem Transparent im Stadion stand neulich: "Wir sind keine Seifenoper". Raffinierter Konter des FC: mit Sendebeginn dürfen täglich zwei Anhänger in die Kabine. Diese Form der Publikumsnähe garantiert zumindest eines: in Bologna müssen künftig keine Maulwürfe gesucht werden.

Artikel erschienen am 27.09.2006
WELT.de 1995 - 2006

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WM: Das stand auf Lehmanns Spickzettel


25.09.2006 | 17:52:57

BERLIN - WM-Viertelfinal Deutschland - Argentinien, Penaltyschiessen: Jens Lehmann wird zum Helden - dank eines Spickzettels. Nun erfährt die Welt, was tatsächlich auf seinem Zettel stand.

Die Geschichte ist bekannt: Jens Lehmann parierte die Schüsse der Argentinier - dank eines Spickzettels, den er vor jedem Schuss konsultierte. Und Millionen Fussball-Fans rätselten, was denn wohl auf dem Papier gestanden haben konnte. Intime Details erfahren wir nun durch Regisseur Sönke Wortmann, der die DFB-Elf zwei Jahre lang für seinen Film begleitet hat.
In seinem WM-Tagebuch «Deutschland, ein Sommermärchen», aus dem der «Spiegel» exklusiv einen Auszug druckt, berichtet er, wie Lehmann ihm den Zettel gezeigt hat: «Es war einer, wie wir ihn im Hotel auf dem Zimmer liegen hatten, um beim Telefonieren eine kurze Notiz aufzuschreiben.» Unter dem Schriftzug des Schlosshotels Grunewald stand:
1. Riquelme links hoch/
2. Crespo langer Anlauf/rechts, kurzer Anlauf/links
3. Heinze 6 links flach
4. Ayala 2 lange warten, langer Anl. rechts
5. Messi links
6. Aimar 16 lange warten links
7. Rodríguez 18 links.
Goalie-Trainer Andreas Köpke hatte die ersten beiden Namen durchgestrichen, weil sie bereits ausgewechselt worden waren. Der Regisseur: «Als Lehmann vor dem ersten Elfmeter auf den Zettel schaute, fand er den Schützen nicht. Zu Julio Cruz gab es dort keine Information.» Prompt traf der Inter-Stürmer, obwohl Lehmann die richtige Ecke gewählt hatte.
Wortmann weiter: «Beim zweiten Schützen jedoch war die Information entscheidend. Roberto Ayala nahm wirklich einen langen Anlauf, und Lehmann blieb der Anweisung folgend lange stehen, der Argentinier schoss nach rechts, und Lehmann hielt. Auch beim dritten Schützen stimmte die Angabe, aber Maxi Rodríguez schoss so scharf ins untere linke Eck, dass Lehmann den Ball nicht mehr rechtzeitig erreichte.»
Kritisch wurde es beim Stand von 5:3 für Deutschland, als Estéban Cambiasso antrat - «aber Lehmann fand auf seinem Zettel keinen Hinweis mehr zu Cambiasso». Trotzdem schaute Lehmann lange auf das Blatt. «Köpke hatte mit Bleistift geschrieben, der Zettel war zerknittert und die Schrift kaum zu lesen.» Lehmann hielt den Ball des Argentiniers, und Deutschland stand im Halbfinal der WM.


[www.blick.ch]

von Spitzkick - am 27.09.2006 08:42
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