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vor 11 Jahren, 9 Monaten
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Betty Bossi

St. Pauli .... lesenswert ....

Startbeitrag von Betty Bossi am 21.02.2003 01:18

Volkskundler untersuchen den FC St. Pauli

Von Frank Heike

Schäbiger könnte kein Vereinsheim aussehen. Alles hier erinnert an den verblichenen Glanz früherer Tage: Die gelbstichigen Aufnahmen von Fußballszenen einer Zeit, als die Paraden der Torhüter noch Robinsonaden hießen, gerahmt in dunkler Eiche. Dazu die entsprechenden Stühle, der angestoßene lange Tisch und auch die braunweiß karierte Decke. Die Heizung wummert, als wäre man am Nordpol. Man ist im Herzen des FC St. Pauli am Hamburger Heiligengeistfeld, im Vereinsheim des, so die Selbstauskunft von Klub und Anhängern, “etwas anderen Vereins“.

Es waren auch solche Details - daß ein Bundesligaclub ein Clubheim hat, in dem Profis und Fans nach den Partien wirklich bei der Flasche Astra zusammenstehen - die die Hamburger Volkskundlerin Brigitta Schmidt-Lauber dazu bewogen, ein Seminar über einen Fußballverein anzubieten: “Der FC St. Pauli - Zur Ethnographie eines Vereins. Fußball als soziales Ereignis.“

Gelangweilte Profis

Nach einem Jahr der Feldforschung sitzen die Studierenden (nicht zufällig sind es elf, der Kader hat sich im Laufe der Saison von 36 Interessenten auf ebendiese Zahl reduziert) mit ihrer Spielführerin Schmidt-Lauber nun am langen Tisch mit der braunweißkarierten Decke und müssen sich vorkommen wie die häufig wechselnden Trainer des FC St. Pauli, so viele Fragen gibt es zu beantworten.

Nein, natürlich seien die Ergebnisse nicht repräsentativ, man habe aber unter anderem 70 Interviews zwischen einer und drei Stunden Länge geführt, und zwar auch mit einigen Profis. Die seien aber eher gelangweilt gewesen und hätten den Kontakt mit den Wesen aus dem Elfenbeinturm befremdlich gefunden, berichtet ein Student. Zuerst sind die Sportjournalisten gelangweilt von den nun immerhin wissenschaftlich fundierten Ergebnissen: Sie wissen doch schon, daß die Fans der “Paulianer“ als eher links, als politisch interessiert gelten.

Zu Freunden halten

Sie kennen die Leidensfähigkeit der Fans des Kiez-Clubs, der noch vor einem Jahr in der Bundesliga die Bayern schlug, jetzt aber kurz vor dem Abstieg in die dritte Klasse steht. “Es ist wie mit einem guten Freund: Den läßt man auch nicht einfach fallen, wenn es ihm schlecht geht“, sagt eine Studentin.

Denn es gebe auch Modefans, die nur kämen, weil der Club gerade “in“ sei. Sie seien von dem politisch-toleranten Image der anderen Anhänger eher genervt und wollten vor allem eins: Fußball gucken. Oder die ziemlich vielen St. Pauli-Fans aus den noblen Elbvororten. Für sie sei der Stadionbesuch ein Ausbruch aus den Konventionen des Alltags und der Ort, an dem man schreien und sonntags um drei Bier trinken dürfe. Überhaupt der Sonntag. Nicht umsonst spreche man vom Fußball als Ersatzreligion, sagt Brigitta Schmidt-Lauber, allein der Spieltag zeige die religiöse Dimension.

Vom Wissenschaftler zum Fan

Für die 37 Jahre alte Volkskundlerin, die sich gerade mit dem Thema “Gemütlichkeit“ habilitiert, gab es auch spannende Selbstbeobachtungen. Ein Jahr lang hat sie jedes Heimspiel des FC St. Pauli besucht, mal von der Fantribüne zugeschaut, mal die Reporter beäugt (dabei fiel ihr auf, daß viele Sportjournalisten Fans “ihres“ Clubs sind und bei Toren laut jubeln). Und dann war sie bald selbst Fan des FC St. Pauli.

Sie begann, mit Kollegen an der Universität über Fußball zu reden und sich zu wundern, wie genau doch ihr Dekan über Sport Bescheid weiß. Inzwischen müssen Freunde ihr die Spielstände der Auswärtspartien des FC St. Pauli via SMS schicken. Auch das ist Wissenschaft: Mit der Beobachtung des Objekts verändert sich der Beobachtende.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.02.2003
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