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Paddeln in Osteuropa, Sachsen und anderswo
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5
Erster Beitrag:
vor 8 Jahren
Letzter Beitrag:
vor 8 Jahren
Beteiligte Autoren:
Tom, Mathias, dundak

Überfall an der Gauja

Startbeitrag von Tom am 14.08.2006 13:03

Hallo Leute,
July/August war für uns dieses Jahr nun endlich mal die Gauja dran. Eine wunderbare Flußfahrt bis zu jenen schrecklichen Ereignissen über die ich hier einen Bericht anfügen möchte.
Wir möchten, daß dies bekannt wird, vor allem um zu verhindern, daß es anderen ebenso ergeht.
Im Wissen um die Gefahr verhält man sich anders.

Bitte nicht wundern wegen der Ausdrucksweise! Ich füge den gleichen Bericht an, den wir der deutschen Botschaft geschickt haben.

Tom


Bericht eines Überfalls

Vom 15.07.2006 bis zum 04.08.2006 wollten wir auf der Gauja mit unseren Booten eine Flussfahrt machen.

Wir, das sind:
Oskar Neumann (geb. 26.06.1971)

Robert Kraft (geb. 28.10.1970)
Gabriele Rex (geb. 15.10.1970)
Thomas Peter Rex (geb. 13.07.1999)

Susanne Runge ( geb. 12.09.1969)
Thomas Pietrek ( geb. 24.12.1965)
Laure Runge ( geb. 24.05.1989)
Gerson Runge ( geb. 03.09.1992)
Lovis Marta Pietrek ( geb. 24.11.1999)

Die ersten 2 Wochen der Flussfahrt waren sehr schön.
Am 29.07.06 legten wir am Biwakplatz „Sigulda“ an. Dieser liegt sehr nah bei den dortigen Höhlen, die wir am nächsten Tag besichtigen wollten.
Außer uns zeltete dort bereits eine polnische Paddlergruppe. Am späteren Abend kamen außerdem lettische Jugendliche auf den Platz, um sich dort, wie wir dachten, einen netten Abend zu machen.

Es entwickelte sich jedoch zu einem Gelage, welches mit weiter vorrückender Stunde immer lauter wurde.

Kurz vor 3:00 Uhr morgens am 30.07. wurden wir von lautem Feuerwerk geweckt. Sofort wurde uns klar, dass unsere Zelte unter Beschuss standen und mehrfach getroffen wurden. Wir flüchteten aus den Zelten. Die Zelte wurden dabei teilweise stark beschädigt und nur durch Glück ging keines in Flammen auf. Die Jugendlichen konnten wir zu diesem Zeitpunkt noch verbal vertreiben, aber aus einiger Entfernung wurden wir von da an von ihnen andauernd beschimpft und bedroht.

Unmittelbar darauf, gegen 3:00 Uhr, riefen wir das erste Mal über Notruf 112 und 02 die Polizei zu Hilfe.

Wir nahmen Kontakt zur polnischen Paddlergruppe auf und rieten ihnen wachsam zu sein. Die polnischen Paddler sagten uns, dass bereits am Vortag dort ein solches Gelage stattfand. Dies scheint also ein Platz zu sein, an dem des Öfteren solche Treffen stattfinden. Daraufhin gingen unsere Männer zu den lettischen Jugendlichen, sagten ihnen das wir kleine Kinder haben und das wir nur schlafen möchten. Das Gespräch wurde mit Händedruck beendet.

Unsere Beunruhigung wuchs jedoch wieder dadurch, dass die Jugendlichen anfingen die Zeltplatzeinrichtungen zu demolieren. Im Verlauf der nächsten Stunde versuchten wir etliche Male die Polizei zu benachrichtigen, auf englisch und russisch und wir wurden auch verstanden! Es wurde uns bedeutet, dass alles in die Wege geleitet wurde oder es wurde im Gespräch einfach wieder aufgelegt.

In Angst legten wir die Kinder alle in ein Zelt und warteten ab, immer noch in der Hoffnung, dass nichts weiter passieren würde.

Gegen 4:00 Uhr (eine Stunde nach dem ersten Notruf) kamen dann etwa 8 Jugendliche mit Knüppeln bewaffnet durch das Gestrüpp. Sie sagten, sie seien von der russischen Mafia und wollen Geld. Sie gaben uns nicht einmal die Möglichkeit zu antworten, denn sofort schlugen, sie auf uns ein, mit einer Gewalt, die für uns völlig schockierend war, und immer mit dem Versuch den Kopf zu treffen. Wir sind uns sicher, dass sie uns schwerste Verletzungen zufügen wollten und noch schlimmeres zumindest in Kauf nahmen. Sie schlugen auf alles was sich bewegte ohne Rücksicht auf Frauen und Kinder. Die kleinen Kinder im Zelt bemerkten sie glücklicherweise nicht. Wir erlitten Verletzungen am ganzen Körper, die sichtbaren vor allem an den Köpfen, klaffende Platzwunden.

Aber wir setzten uns zur Wehr, wir schrieen und wir versuchten sie zu packen. Damit hatten sie offensichtlich nicht gerechnet und zogen sich nach kurzer Zeit zurück in den Wald.

Weitere Notrufe 112 und 02 (panisch!) folgten unmittelbar. Auch der Notarzt wurde gerufen, da wir mehrere Verletzte hatten. Aber niemand kam.

Wir schlossen uns mit den polnischen Paddlern zusammen, die uns bei der Erstversorgung der Verletzten halfen. Die Jugendlichen wollten wieder angreifen, aber da wir nun zahlenmäßig stärker waren blieben sie auf Abstand.

Immer wieder riefen wir die Polizei und den Notarzt.

Gegen 5:30 Uhr also etwa 2,5 Stunden nach dem ersten Notruf kam dann endlich ein Wagen mit zwei Polizisten. Diese riefen dann auch noch mal den Notarzt, der dann eine weitere halbe Stunde später eintraf.

Wir wissen jetzt, dass man von der Polizeistation Sigulda bis zu unserem Zeltplatz etwa 10 Minuten benötigt. Unser Zeltplatz ist auch überall verzeichnet, auch in lettischen Reiseprospekten.

Die Polizisten befragten uns und besichtigten den Schauplatz des Geschehens. Die Besichtigung und auch die folgenden Vernehmungen auf dem Polizeirevier geschahen allerdings dermaßen emotionslos und unpersönlich, dass wir ,die Opfer, überdies das Gefühl hatten, wir müssten unsere Unschuld beweisen.

Nach einiger Zeit wurde einer der Jugendlichen gefasst, uns bereits am Zeltplatz vorgestellt und von uns eindeutig identifiziert.

In der Folgezeit wurden die Verletzungen versorgt. Die am schwersten Verletzten von uns wurden ins Krankenhaus Sigulda gefahren, und wir wurden einer nach dem anderen auch noch am nächsten Tag (31.07.) polizeilich vernommen.

Der Vorgang wurde mit der Nr. 20/33/5-4115 bzw. 11350245806 ( s. beiliegende Kopie ) im Polizeirevier von Sigulda aufgenommen.

Es wurde durch uns Strafantrag gestellt.
Uns wurde bekannt, dass am Folgetag (31.07.) alle oder zumindest die meisten der Täter gefasst wurden.

Mit diesem Schreiben verbunden sind vor allem folgende Anliegen:
Wir wollen wissen warum der Notruf nicht funktionierte.
Wir wollen, dass dies so in Zukunft nicht mehr passieren kann.
Wir wollen, dass die Täter hart bestraft werden, und wir darüber informiert werden.
Wir wollen Entschädigung für die uns entstandenen Schäden.
Wir wollen, dass unsere furchtbaren Erfahrungen wenigstens für andere Reisende den positiven Effekt von etwas mehr Sicherheit haben.
Auch soll hier erwähnt werden, dass wir nicht nur äußere Verletzungen erlitten haben. Wir werden sicher einige Zeit brauchen, die Ereignisse zu verarbeiten.

Unser Dank gilt vor allem den Paddlern aus Polen und dem Missionar der evangelisch-freikrichlichen Gemeinde in Sigulda, die uns in dieser Nacht und an dem darauffolgenden Tag selbstlos halfen und unterstützten.
Antworten:
Lieber Tom,

vielen Dank für Deinen Bericht, der von allen Baltikumfans unbedingt gelesen und beachtet werden sollte.

Glücklicherweise sind wir bisher (und hoffentlich auch in Zukunft) von solchen Ereignissen verschont geblieben. Vielleicht auch deswegen, weil wir in der Regel folgende Fakten kennen und einige Verhaltensmaßregeln beachten:

Wir wählen unsere Biwaks in der Regel so aus, dass wir möglichst weit ab von Ortschaften sind. Auch sollten sie in der Regel nicht oder nur schwer mit dem Auto zu erreichen sein. Nicht aus Angst vor möglichen Vorkommnissen, sondern ganz einfach, weil wir unsere Ruhe haben wollen.

Die Ufer osteuropäischer (sicher auch anderswo liegender) Gewässer werden am Wochenende häufig zu Partyzonen. Das kann von der gemütlichen Grillfete bis zum exzessiven Saufgelage gehen. Daher meiden wir an Freitagen und Samstagen besonders die Nähe größerer Siedlungen. Das kann dann auch mal dazu führen, dass man einen schlechteren oder weiter flussabwärts liegenden Platz auswählt, da auf "Traumplätzen" häufig schon Partyvorbereitungen im Gange sind.

Das Trinkverhalten osteuropäischer Jugendlicher ist (wohl auch wegen vieler erwachsener "Vorbilder") deutlich "zielführender". Die paar Male, wo wir uns nicht ganz sicher waren, ob unsere Nachbarn nett waren, haben wir dann auch mit wechselnder Nachtwache am Lagerfeuer verbracht, bis wir uns sicher waren, dass keine Gefahren mehr von diesen ausgehen können. Das letzte Mal ist aber schon Jahre her, da wir - wie gesagt - meistens allein sind.

Mit Behörden und Polizei haben wir sehr wenig Kontakt gehabt. Wenn es doch mal ein Problem zu lösen gab und wir mit der Abwicklung nicht zufrieden waren, hat der "Journalistentrick" (Man lässt beiläufig durchklingen, dass man ja auch für eine einflussreiche Zeitung arbeiten könnte) manchmal Wunder gewirkt.

Diese Punkte sollen aber keinesfalls als Wunderwaffen oder erst recht nicht als Schelte an Eurem Verhalten gewertet werden. Ihr habt aus Eurer Lage heraus vermutlich richtig gehandelt. Wie schon telefonisch ausgedrückt, tun mir Eure schrecklichen Erlebnisse furchtbar leid und ich hoffe für Euch (und auch für andere Leser), dass ihr die Lust am Paddeln und an Reisen nach Osteuropa nicht verliert.

Roland

PS: Wie besprochen, veröffentliche ich Deinen Bericht auch bei faltboot.de und hänge ihn an die Gauja-Beschreibung.

von dundak - am 14.08.2006 14:15
Hallo Roland,
Vielen Dank für Deine prompte Antwort!
Die Auswahl der Biwakplätze erfolgt bei uns eigentlich nach den gleichen Parametern wie bei Euch, sogar in Sigulda haben wir uns von den 3 Möglichkeiten den Platz ausgewählt, wo wir meinten unsere Ruhe zu haben und wären die Letten schon dagewesen wären wir sofort weitergefahren.
Aber wir waren, vor allem weil bisher eben immer alles so gut lief, nicht konsequent genug.
Am Wochenende in Stadtnähe, da waren wir uns schon im Klaren, daß das nicht so günstig ist, aber es ist eben noch nie etwas passiert und somit blieben die Bedenken im Hinterkopf.
Das ist auch der Hauptgrund dafür, daß ich den Bericht in`s Forum gestellt habe.
Die Gefahr lauert überall, nicht nur in Lettland und fast immer, auch in unserem Fall kann man ihr aus dem Weg gehen.
Wir werden unsere Biwakplätze ab jetzt sicher sehr viel genauer prüfen und die manchmal ja notwendige Stadtnähe wenn möglich auf bewachten Zeltplätzen erleben.
Übrigens war die Flußfahrt bis dahin eine der schönsten, die wir je erlebt haben und so langsam kommen auch die vielen positiven Erlebnisse wieder zum Vorschein.
Im Oktober geht`s erstmal wieder zur Brda, ist inzwischen sowas wie unser Hausfluß geworden, jedenfalls für die kälteren Jahreszeiten.
Tom

von Tom - am 15.08.2006 07:48
..... den Bericht und die Bitte um nachdrückliche Aufklärung sollte man unbedingt auch der deutschen Botschaft, dem Auswärtigen Amt und den dortigen Tourismusverbänden (bzw. den Vertretungen hier) mitteilen!

Mathias

von Mathias - am 20.08.2006 07:40
Hallo Mathias,
Wir haben uns mit unserem Bericht an die deutsche Botschaft in Riga gewandt, wo man sich auch zuständig zeigt und an dem Thema arbeitet. Es wurde von unserer Botschaft eine Protestnote dem lettischen Außenministerium übergeben ( mit einer etwas in`s Diplomatische übersetzten Version des Berichtes ) und ein in der deutschen Botschaft in Riga angestellter Beamter des BKA hat diesbezüglich Kontakt zur zuständigen Polizeibehörde aufgenommen. Also da läuft jedenfalls schon mal was.
Über eine Veröffentlichung in der Kanuzeitung denken wir ebenfalls nach.
Tom

von Tom - am 21.08.2006 07:32
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