Was für ein "Leichtmobil" ist das?

Startbeitrag von Karl am 22.11.2004 18:19

Hallo Freunde,

[www.sueddeutsche.de]

Welches Mobil hat der ADAC da geopfert?

Sonnenelektrische Grüße

Karl

Antworten:

Hallo Karl,

das Fahrzeug kenne ich auch nicht, aber den Test finde ich trotzdem ziemlich schwachsinnig: gegenüber einem 45 km/h-Roller bietet ein 45 km/h-Leichtmobil in so einem Crash sicher einen wesentlich besseren Schutz.

Abgesehen davon sind die Leichtmobile z.B. in Frankreich und Österreich schon seit vielen Jahren verbreitet, und daß die Franzosen und Österreicher deswegen vom Aussterben bedroht wären, habe ich noch nicht gehört.

Kennt jemand Statistiken über Leichtmobil-Unfälle z.B. aus Österreich?

Gruß Jens

von Jens Schacherl - am 23.11.2004 08:08
Hallo,

als ich heute in meiner lokalen Zeitung (Aachen) von diesem Test las, war ich einigermassen entsetzt. Zum einen über das Ergebnis des Tests (ich arbeite selber in der Unfall-Forschung bzw. der Auswertung von Crash-Veruschen), zum anderen darüber, dass hier offensichtlich alle "Leichtmobile" über einen Kamm geschoren werden. Was das hier vorgestellte Fahrzeug für eines ist, weiss ich leider auch nicht, aber offensichtlich ist, dass die Karosserie nur Verkleidung und Wetterschutz ist, das hätte man mit Presspappe billiger hingekriegt :-( Auf irgendwelche Versteifungen und "Energie-Vernichtungs-Zonen" hat der Hersteller/Designer wohl keinen Gedanken verschwendet. Ärgerlich ist dann eben, dass dieses miserable Ergebnis auf besser durchdachte Leichtfahrzeuge wie das CityEl - mit der hervorragend schützenden ausgeschäumten Doppel-Wanne - und das Twike "abfärben".

Jens, deinem Vergleich mit dem Roller muss ich widersprechen. Die Sicherheitskonzepte sind völlig unterschiedlich. In dem vorgstellten Leichtfahrzeug wird man offensichtlich eingeklemmt und regelrecht zusammen gequetscht, und man schlägt mit dem Kopf auf das Lenkrad - ein Vorgang, den ich in heutigen Fahrzeugen eigentlich nicht mehr für möglich gehalten hätte. Auf dem Roller trägt man zumindest schon mal einen Helm, was das Risiko schwerer Kopfverletzungen rapide mindert, und beim Zusammenprall fliegt man ein Stück und rutscht über die Strasse oder prallt gegen das "Gegner"-Fahrzeug. Diese Formen der Energie-Umsetzung - oder man könnte von "Abbremsung" sprechen - bergen ein geringeres Verletzungsrisiko als in einer "Kiste" eingeklemmt zu werden, in der auch noch diverse brechende und splitternde Metall-, Glas- und Kunststoff-Teile auf den Körper eindringen.

Meiner Meinung nach gehört dieses Ding verboten. Aber man sollte dringend die wesentlich besseren Test-Ergebnisse des CityEl und des Twike genauso gross veröffentlichen. Hier sind die Hersteller gefragt! Unsereins liegen solche Daten nicht vor. CityCom: spendet dem ADAC mal einen CityEl aus laufender Produktion für einen entsprechenden Crash-Test!!!

Schönen Gruss aus Aachen
Herbert

von Herbert Kaiser - am 23.11.2004 09:44
Hallo zusammen,

das ist ja irre. David gegen Goliat. Wenn alle Fahrzeuge so leicht gebaut währen, dann gäbe es auch keine Unfälle, denn jeder würde einfach vorsichtiger fahren. Aber die Autoindustrie rüstet ja immer mehr auf und die Unfälle werden immer spektakulärer. Dazu kommt dann noch die Reifenwerbung: Wir Bremsen jedes Wetter aus......
Und wo gibt es denn noch solche Frontalzusammenstöße? Jeder versucht auszuweichen und die Straßenführungen sind auch nicht unbedingt frontalzusammenstoßfördernd.

Ich behaupte jetzt mal so aus dem hohlen Bauch das ein Sicherheitsgurt, der zum Schutze der Insassen erfunden wurde, manchen Zeitgenossen dazu verführen riskanter zu fahren. So ist das dann auch mit allen anderen Anstrengungen die dem Schutz des Fahrgastes dienen.

Würden wir Messer aufs Lenkrad pflanzen, dann gäbe es keine Unfälle mehr

So nun bin ich mal auf Eure Beiträge gespannt.

ZINNEKE :D

von Rainer Partikel - am 23.11.2004 10:59

Das ist ein "JDM Albizia"!

[www.adac.de]

Daß die Gurtverankerung nachgibt ist allerdings wirklich schlecht, aber meiner Meinung nach eher auf mangelhafte Konstruktion als auf das Prinzip "Leichtbau" zurückzuführen.
Ich erinnere mich daß der ADAC vor kurzem speziell Fahrzeugsitze von "Schwermobilen" getestet hat, auch mit ziemlich verheerendem Ergebnis...

Was den Vergleich mit dem Roller angeht: ein bißchen Knautschzone halte ich, unter Sicherheitsapekten, immer noch für besser als gar keine.
Und ist das Frontalaufprall-Szenario, daß der ADAC getestet hat, im Stadtverkehr wirklich relevant?
Da gibts doch wohl eher den Seitenaufprall (Vorfahrt mißachtet an Einmündungen) und Heckaufprall im Stop&Go-Verkehr, oft bei Geschwindigkeiten

von Jens Schacherl - am 23.11.2004 11:45
Hallo,

ein paar Anmerkungen zu den vorangegangenen Beiträgen:
- Der Frontal-Aufprall ist sehr wohl relevant, ganz einfach weil sich Fahrzeuge vorwärts, gegenläufig und aufeinander zu bewegen. Der Aufprall mit 50% "Bedeckung", der hier gezeigt wird, ist sehr realistisch, viel mehr als der früher benutzte 100%ige oder gar der Aufprall frontal gegen eine Wand. Frontal-Aufprall-Szenarien sind typische Schleuder- und Ausweich-Situationen: ein Fahrer verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug, gerät auf eine Ölspur oder nasses Laub, weicht anderen Autos (die ihm von rechts die Vorfahrt nehmen), Fussgängern, spielenden Kindern und Wild aus. Da gerade in den Ausweich-Szenarien das Objekt, dem ausgewichen wird, meistens von rechts kommt, geht die typische Ausweich-Bewegung nach links, direkt in den Gegenverkehr. Fazit: Frontal-Aufprall mit teilweiser Bedeckung. Auch beim "beliebten" Überholen von Bussen, Lieferwagen oder Zweite-Reihe-Parkern fährt man in die Frontal-Aufprall-Risiko-Zone.
- Der Seiten-Aufprall ist - sehr richtig - ein weiteres häufiges Unfall-Szenario. Guckt euch aber mal die Bilder und besser noch das Video an. Das "Mikro-Auto" hat überhaupt keinen Seiten-Aufprall-Schutz, die Türen und Holme zerbröseln regelrecht. Die Unfall-Folgen wären in diesem Fall also noch viel verhehrender. Der hier gezeigte Frontal-Aufprall ist also nicht nur der häufigste, sondern sogar der "günstigere" Fall.
- Beim Heck-Aufprall spielt die Geschwindigkeit kaum eine Rolle, es sei denn man wird nur angeschubst, aber selbst das kann unter ungünstigen Umständen zu Schäden der Halswirbelsäule führen (bekannt als "Whiplash", Peitschenschlag). Wichtig beim Schutz gegen Verletzungen bei Heck-Aufprall sind umfangreiche und wohldurchdachte konstruktive Massnahmen an Sitz und Kopfstütze. So wie dieses "Ding" gebaut ist, wird man auch hier Null erwarten können. Also ist der getestete Frontal-Zusammenstoss wieder der "best case", alles andere wäre noch viel schlimmer.

- Wie ich schon sagte, ist das Sicherheits-Konzept beim Roller völlig anders als beim geschlossenen Fahrzeug. Beim Roller ist die persönliche Schutz-Ausrüstung (Helm!!! , Handschuhe, abriebfeste, möglichst gepolsterte Kleidung) das A und O. "Lieber ein bisschen Knautschzone als gar keine" ist ein wenig irreführend. Beim Zusammenstoss in einem geschlossenen Fahrzeug muss die Energie des Zusammenstosses in Verformung des "Gehäuses" umgesetzt werden, einfach weil die Insassen darin "gefangen" sind. Beim Zusammenstoss mit dem Roller ist dieser völlig unwichtig, ob er heile bleibt oder völlig zerstört wird, spielt keine Rolle. Der Fahrer trennt sich nämlich beim Aufprall vom Fahrzeug und muss "nur" die eigene kinetische Energie verarbeiten. Wie bei Stürzen bei Motorrad-Rennen zu erkennen ist, besteht die beste Möglichkeit darin, Arme, Beine und Kopf hochzunehmen und einfach - idealerweise mit dem Hintern - auf dem Untergrund zu rutschen, bis man liegen bleibt. Aber wie gesagt, ein Begriff wie "Knautschzone" hat beim Roller keinen Sinn, es sei denn man meint dicke Polsterung der Kleidung.

Schliesslich stimme ich der Bemerkung zu, dass das verhehrende Verletzungs-Risiko in dem "Plastik-Floh" wohl hauptsächlich auf mangelhafter Verarbeitung und nicht durchdachtem Konzept beruht. Und ich verweise noch mal auf den CityEl, der mit nicht mal 300kg Leergewicht einen absolut akzeptablen Schutz vor Verletzungen beim Infall bietet.

Achja, fast vergessen. Dass jedes Plus an Sicherheit im Fahrzeug - Sicherheitsgurt, Airbag, ABS, starke Fahrgastzelle - durch riskantere Fahrweise ausgeglichen wird, ist ein schon lange beobachtetes Phänomen. Anscheinend tendiert die menschliche Psyche dazu, das akzeptable Risiko mehr oder weniger konstant zu halten und an die Grenze zu gehen. Insofern wären die Rasierklingen auf dem Lenkrad vielleicht tatsächlich eine unpopuläre und brutale, aber mit Hinsicht auf die Gesamt-Sicherheit günstigere Lösung ;-)

Schönen Gruss aus Aachen
Herbert Kaiser

von HerbertK - am 23.11.2004 19:13
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