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Deutsch-LK
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Erster Beitrag:
vor 15 Jahren, 11 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 15 Jahren, 11 Monaten
Beteiligte Autoren:
Carina, Friederike, ja-na-türlich

Was ist Iphigenie für'n Typ?

Startbeitrag von Carina am 22.02.2002 16:07

Bis Dienstag haben wir Zeit.
Da wird ja wohl was zusammen kommen. An alle die, die's schon gemacht haben:
Schreibt doch mal was über die Ihphigenie...

Antworten:

Iphigenies Götterbild

Das Götterbild Iphigenies
Im Gegensatz zu Thoas, der sich in seiner Interpretation der Ereignisse vor allem am Gegebenen und an dem Vergangenen orientiert, legt Iphigenie eine völlig andere Auslegung des göttlichen Willens an den Tag.

So sieht sich Iphigenie, motiviert durch ihre Rettung vom Opferaltar in Aulis, nun als Untergebene der Göttin: "Hat nicht die Göttin, die mich rettete, / Allein das Recht auf mein geweihtes Leben?" (V.438ff.), der sie allein verpflichtet ist.

Diese erste Rettung vor dem Tode interpretiert Iphigenie als Zeichen für eine bevorstehende zweite Rettung. Gegenüber dem ersten Gebet Iphigenies an Diana ("So gib mich auch den Meinen endlich wieder / Und rette mich, die du vom Tod errettet, / Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode!" (V. 51ff.)) sieht Iphigenie einer bevorstehenden Rettung mit mehr Gewissheit entgegen: "[...]sie bewahrt mich einem Vater, / [...] vielleicht / Zur schönsten Freude seines Alters hier / Vielleicht ist mir die frohe Rückkehr nah; [...]" (V.443ff.)
Diese Sicht der Dinge kann Thoas allerdings nicht akzeptieren und spielt Iphigenies Hoffnung auf eine baldige Rettung von Tauris herunter, indem er das Herzmotiv aufgreift, welches er als unvernünftig ("[...] was dein Herz dich heißt, / und höre nicht die Stimme der Vernunft") und als Hort des Triebes ("[...]und gib / Dich hin dem Triebe, der dich zügellos [...] dahin oder dorthin reißt." (V.466)) ansieht. Somit stellt das Herz für Thoas keine relevante Instanz zur Interpretation des göttlichen Willens dar, denn für ihn ist lediglich die Tradition als Instanz zur Interpretation von Bedeutung.
Darüberhinaus nimmt Iphigenie in Bezug auf die Wiedereinführung der Menschenopfer eine andere Position ein, die im engen Zusammenhang mit ihrer eigenen Erfahrung und dem sich daraus für sie ergebenen Götterbild steht. Denn auch Iphigenie sollte einst Diana geopfert werden, allerdings war "Ihr (Diana) [...] mein Dienst willkommner als mein Tod." (V.527).
Vor diesem eigenen Erfahrungshorizont Iphigenies ergibt sich die Diskrepanz der Götterbilder der beiden Antagonisten, indem Iphigenie die Götter als human und gnadenvoll ansieht und dadurch das tradierte Götterbild, der Götter als willkürliche Wesen, nicht mehr vertritt.

von Carina - am 22.02.2002 16:11

Kurze Inhaltsangabe

3. Inhalt

- Vorgeschichte:

~ zeitl. Hintergrund: Trojanischer Krieg
~ griech. Flotte unter der Führung König Agamemnons wird
in Aulis von der Jagdgöttin Artemis durch eine Windstille
von der Fahrt nach Troja abgehalten
~ im Gegenzug zur freien Fahrt fordert Artemis die Opferung
Agamemnons Tocher Iphigenie
~ heimliche Rettung Iphigeniens bei der Opferzeremonie
durch Artemis, die sie in einer Wolke nach Tauris bringt
(alle anderen glauben, Iphigenie sei geopfert worden)
~ während I.s Abwesenheit: Mord ihres Bruders Orest an ihrer
gemeinsamen Mutter Klytämnestra aus Wut über deren
Gattenmord an Agamemnon
_ Verfolgungswahn Orests (Erinnyen)

- Einsetzen des Dramas

-Exposition (Entstehung des Problems)-

~ Iphigenie verrichtet fortan den Tempeldienst in Artemis`
Tempel auf Tauris unter der Herrschaft von König Thoas
_ Sehnsucht nach der Heimat
~ sanftmütige Iphigenie schafft es barbarischen König
aufgrund dessen Zuneigung zu ihr zu überreden, die
Fremdenopfer abzuschaffen
_ Heiratsantrag, jedoch Ablehnung I.s

_ Zorn Thoas`

_ Befehl zu Wiederaufnahme der Fremdenopferung

-Steigerung (Verkomplizierung des Problems)-

~ I.s Bruder Orest kommt mit seinem Gefährte Pylades im
Auftrag Apolls nach Tauris,um seinen Muttermord durch die
Heimführung der Schwester zu sühnen.

(Missverständnis: Orest deutete ,,Heimführung der
Schwester" zunächst falsch als den Raub des Kultbilds der
Artemis,der Schwester Apolls, nicht die Heimführung seiner
Schwester Iphigenie, von der er dachte, sie sei tot.)
~ werden von Thoas` Männern gefangen genommen, sollen
geopfert werden

- Höhepunkt (Scheinbare Lösung des Problems)-

~ I. erfährt von Pylades von den Geschehnissen in ihrer
Abwesenheit (Fall Trojas, Morde in ihrer Familie), dass der
von ihr zu opfernde Gefangene ihr Bruder Orest ist
~ Planung der Flucht sowie des Raubs des Kultbilds der
Artemis

- retardierendes Moment (Verzögerung der Lösung des Problems)

~ jedoch Zwiespalt I.s: einerseits Wunsch nach Rettung,
andererseits Mahnung des Gewissens zur Erfüllung ihrer
Pflicht als Priesterin sowie der Verpflichtung gegenüber
Thoas
~ fortschreitende Heilung Orests vom Wahnsinn (Hoffnung)

- Katastrophe (Lösung des Problems)-

~ Erfahren Thoas` vom Fluchtplan der drei (Verlust des
Glaubens an das Gute im Menschen)
_ Befehl I. zu ihm zu bringen
~ nach anfänglichem Ausweichen I.s: Offenbarung des
Fluchtplans

_ Legen des Schicksals aller in Thoas` Hände
( Sieg der reinen Seele)

~ Vermittlung I.s führt zur Verhinderung eines Duells
zwischen Orest & Thoas
~ nach Eliminierung des letzten Hindernisses: Auflösung des
Missverständnisses betreffend der ,,Heimführung der
Schwester"
_ Erlaubnis Thoas` zur Rückkehr der drei nach Griechenland

von Carina - am 22.02.2002 16:16

Form und Aufbau von Iphigenie auf Tauris & Goethes Wortwahl

4. Form & Aufbau des Dramas

- Kombination aus Blankvers und Jamben
- Aufbau des klassischen Dramas:

~ 5 Akte entsprechen Exposition, Steigerung, Wendepunkt,
retardierende Moment & Katastrophe des Konflikts
~ Einheit von Ort (immer Hain vor Artemis´ Tempel), Zeit
(ein Tag) & Handlung

- szenisch-theatralisches Werk, d.h. Entfaltung des Konflikts

in Monolog & Dialog _ Einbeziehen des Publikums

5. Wortwahl Goethes im Drama

- deutlich griech. Einfluss durch griech. Spracheigenheiten spürbar

~ Wortzusammenfassungen von Adjektiven oder
Adverbien mit Partizipien:
Bsp.: ,,vielwillkommen" (V.803)
~ Wortspiele (typisch für griech. Tragödiendichter)
Bsp.: ,,eine Schandtat schändlich rächen" (V.709)


- zu Sentenzen gewordene Verse des Dramas:

~ ,,Kann uns zum Vaterland die Fremde werden?" (V.76)
~ ,,Ein edler Mann wird durch das Wort der Frau weit
geführt." (V.213)

~ ,,Du sprichst ein großes Wort gelassen aus." (V.307)

von Carina - am 22.02.2002 16:19

Bedeutung des Dramas für die Klassik...

1. Aufklärerischer Gehalt des Dramas:

(Erscheinung des Dramas kurz nach Kants ,,Kritik der reinen Vernunft", 1781, und ,,Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?", 1784)

- Verdeutlichung des antiken Konflikts zwischen Götterspruch

und menschlicher Selbstständigkeit (oft als Hybris verstanden)

_ Appell zu Eigenverantwortlichkeit des Menschen
& Loslösung von Fremdbestimmung
_ Infragestellung der Machtstellung von Fürsten & Göttern

_ Humanisierung des griechischen Mythos´


- Umsetzung des Gedanken in die Klassik:

Idee der allseitigen Harmonie zwischen
~ Göttern & Menschen
~ Regenten & Regierten
~ Mythos & Aufklärung
_ Umsetzung der Antike in die moderne Zeit

2. Exemplarische Darstellung des klassischen Humanitätideals

a) Grundproblematik des Dramas:

- Thoas: einerseits barbarischer (Fremdenopfer) und
pflichtbewusster(Nachkommen,Schutz desGötterbilds)
König, andererseits Zuneigung zu Iphigenie

- Orest: einerseits Herbeisehnen des erlösenden Sühnetods,
andererseits Wunsch nach fluchlosem Leben durch
die Rettung seiner Schwester

- Iphigenie: einerseits Sehnsucht nach einem freien Leben mit
dem Bruder in der Heimat, andererseits
Pflichtgefühl gegenüber Thoas und ihrem
Priesterdienst


b) Lösung der Problematik anhand des klassischen Menschenideals

- Thoas: durch Iphigenie vom Barbaren zu humanem Menschen
verwandelt
- Orest: nach reuevoller Schuldanerkennung & Reifung
_ erhabenen Seele (im Affekt: edelmütiges Handeln)
- Iphigenie: Durchringen zu unbedingter Wahrhaftigkeit

_ schöne Seele

c) Iphigenie als Verkörperung des Ideals der sittlichen

Vollkommenheit (konstruiertes Drama)

Grundfrage: Hat Humanität in einer von Sachzwängen &
Eigennutz bestimmten Welt eine Chance?

Zwiespalt I.s: Flucht oder Pflichterfüllung?

schließlich: Neigung zur Pflicht (Offenlegung des Fluchtplans)
_ schöne Seele (klassisches Menschenideal)

von Carina - am 22.02.2002 16:21

Iphigenies Götterbild

Carina, wo um alles in der Welt hast du diese Texte her????? :confused:
Das klingt unheimlich toll, aber Iphigenie glaubt am Anfang doch nicht ernsthaft an eine 2.Rettung!!
Klar, sie bittet darum, ist unglücklich und will die jetzige Situation nicht akzeptieren, aber wenn durch Diane nix passiert, würde sie in diesem Moment auch noch nix tun!!
Das ändert sich doch erst, als Orest dann da ist, und ihr eine Möglichkeit gezeigt wird, wie sie wieder nach Griechenland kommt!!

von Friederike - am 22.02.2002 16:58

Iphigenies Götterbild

Hab vergessen, aufzuschreiben, wie ich sie charakterisiert habe:

~ willensstark und eigensinnig (schafft schließlich das Menschenopfer ab, und verläßt sich nicht auf die Rettung durch die Göttin!!) weil auch
~ human (UNTERRICHT)
~ depressiv, weil sie keinen Ausweg aus ihrer Situation sieht, wenn keine Hilfe von der Göttin kommt, also auch
~ religiös
~ diszipliniert, ist gegenüber anderen (Arkas, Thoas) sehr gefasst, klagt nicht
~ zurückhaltend und verschlossen (nach mehreren Jahren kennt auf Tauris immernoch keiner ihre Geschichte)
~ intelligent [wahrscheinlich eher kein Charakterzug, oder?], zeigt sich in ihren Gesprächen mit Arkas und Thoas, ihre Umgangsformen und ihr Vermögen, ihren Willen durchzusetzen

mehr fällt mir dazu nicht ein, vielleicht können das ja die anderen ergänzen!!
Ansonsten schönes Wochenende!! :-)

von Friederike - am 22.02.2002 17:08

Re: Iphigenies Götterbild

ich finde aber trotzdem noch selbstbewußt!
Warum erwähnt das keiner?
Schließlich nimmt die sich in den Dialogen (für ihre Rolle und diese Zeit) doch ganz schön was raus!

von Carina - am 22.02.2002 17:12
ich glaub die steht auf ihren bruder, bzw.er auf sie (vgl. anhang: goethe und seine schwester cornelia....) dat sagt wohl schon alles

von ja-na-türlich - am 23.02.2002 15:19
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