Startbeitrag von AFN BE KENNERam 25.11.2002 20:35
Man spricht deutsch
Ausländerprogramme des ARD-Hörfunks stehen vor dem Aus
Am Anfang war die Gemeinschaftsaufgabe. Anfang der 60-er Jahre beschlossen die ARD-Anstalten, Radioprogramme für Ausländer in fremder Sprache zu produzieren. 4,8 Millionen Euro zahlen die Sender dafür in einen gemeinsamen Topf. Daraus verwirklicht der WDR Sendungen auf Italienisch, Türkisch sowie in slawischen Sprachen. Auch der BR macht Italienisch-Sendungen, dazu spanische und griechische Programme. Der SFB steuert Beiträge auf Polnisch und Russisch bei. Aus diesem Pool bedienen sich die ARD-Anstalten der alten Bundesländer und bauen die Sendungen in ihre Programme ein. Zumindest bislang.
Nun hat der SWR diese Gemeinschaftsaufgabe zum Jahresende gekündigt – und damit deren Ende besiegelt. Der SWR zahlte bislang etwa eine Million Euro in den gemeinsamen Etat. Diesen Anteil können oder wollen die übrigen Sender nicht auffangen. Wohl auch, weil NDR und Saarländischer Rundfunk im Anschluss kündigten – ORB und MDR waren ohnehin nicht dabei. „Uns war von Anfang an klar: Wenn eine große Anstalt aus dieser Gemeinschaftsaufgabe ausscheiden wird, kann sie nicht fortgesetzt werden,“ sagt Monika Piel, WDR-Hörfunkdirektorin. Mit dem verbleibenden Geld könne ein reduziertes Angebot nicht aufrechterhalten werden.
Suche nach Alternativen
Das Ende also der Fremdsprachenprogramme im ARD-Hörfunk? Offiziell wird das von den ARD-Intendanten wohl erst am Mittwoch verkündet. SWR-Chef Peter Voß hat bereits zweimal bekräftigt, dass er von der Entscheidung seines Senders nicht abrücken werde. Und gemeinschaftliche Alternativen lassen sich auf die Schnelle nicht zimmern. Jene Anstalten, die weiter ein Integrationsprogramm anbieten möchten, haben deshalb längst eigenständig nach Alternativen gesucht.
So will der SWR sein Ausländerprogramm nicht aufgeben, sondern umkrempeln: Entsprechende Sendungen wird es nur noch in deutscher Sprache geben, fremdsprachige Inhalte bestenfalls im Internet. WDR und SFB sind schon vor Jahren Wege abseits der Gemeinschaftsaufgabe gegangen – sie haben ihr Integrationsangebot massiv ausgeweitet: Der WDR mit dem Funkhaus Europa sowie der SFB mit Radio Multikulti unterhalten Vollprogramme für Ausländer. In beiden Fällen ist Deutsch die vorherrschende Sprache, hinzu kommen fremdsprachige Beiträge, unter anderem aus der Gemeinschaftsaufgabe. Ein Konzept, das sich bewährt, wie Umfragen zeigen.
„Man muss nicht, wie wir beim Funkhaus Europa, ein 24-Stunden-Programm machen. Aber alles, was man in Richtung eines moderneren Integrationsprogramms ändert, kann nur mehr Geld kosten, nicht weniger,“ meint Monika Piel. Auf den WDR kommen weitere Kosten zu: Die Kölner wollen alle Sprachen im Programm erhalten. Die Sendungen, die sie bislang selbst produziert haben, werden sie auch weiterhin produzieren – auf eigene Kosten. Und was bislang der BR angeboten hat, müsse nun zusätzlich selbst gemacht werden – oder anderswo zugekauft werden. Das erfordert Einsparungen an anderer Stelle: „Funkhaus Europa wird das bisherige Fremdsprachenprogramm ab Januar nur noch montags bis freitags ausstrahlen und für das Wochenende ein neues muttersprachliches Konzept entwickeln“, sagt Piel.
Aus dem SFB dringen Gerüchte, der Hessische Rundfunk wolle künftig die bisherigen BR-Sendungen produzieren. HR-Sprecherin Bettina Kübler bestätigt solche Überlegungen, betont aber, dass eine Entscheidung noch nicht gefallen sei. Sowohl der HR als auch der NDR verhandeln derzeit mit dem WDR darüber, Programme aus dem Funkhaus Europa zu übernehmen. Auch Friedrich Voß, Chef vom SFB-Radio Multikulti, hofft, über Programmverkäufe die entstehende Etatlücke von über 400000 Euro teilweise wieder schließen zu können. Er spricht sogar von einer Nordschiene in der ARD, die bei den Integrationsprogrammen eng kooperieren werde .
Dem Ausländerprogramm des BR hingegen scheinen die Lichter auszugehen. Das Ende komme den Verantwortlichen des BR nur recht, ist aus dem Umfeld der Abteilung zu vernehmen. Ulrich Wagner-Grey, Leiter der Abteilung, bestätigt, es sei ihm unbekannt, wie es mit den Ausländerprogrammen in seinem Sender weitergehen solle. Was er so interpretiert, dass der BR sein Integrationsprogramm wohl aufgeben wird.
STEFAN FISCHER
von raschwarz - am 26.11.2002 07:09
von Sven - am 26.11.2002 07:25
Studien zeigen, dass die Ausländer in Deutschland gut in der Lage sind, sich mit dem hiesigen Medienangebot ihre Bedürfnisse nach Information zu stillen. Den Rest erledigen der Sat-Direktempfang, importierte Zeitungen und zunehmend das Internet.
Die Ausländerprogramme sind nur ein überflüssiger Kropf, der der ARD entfernt werden muss.
von Kai - am 26.11.2002 10:11
von Terranus - am 26.11.2002 13:05
von digifreak - am 26.11.2002 15:40
von Matz ab - am 26.11.2002 16:31
von tulpengiesser - am 26.11.2002 17:13
von Saschata - am 26.11.2002 18:17
von Brubacker - am 26.11.2002 18:41
von Sorbe - am 26.11.2002 20:39
Der Sorbische Rundfunk sehe ich noch in einer ganz anderen Pflicht: Es handelt sich hier um eine DEUTSCHE MINDERHEIT und das ist ein Programm sehrwohl angebracht. Zudem kann die sorbische Sprache ein Tor nach Osteuropa öffnen.
von Thomas (Metal) - am 26.11.2002 20:49
von Marcus - am 27.11.2002 06:05
Ich habe als Spracheninetressierter sehr oft abends auf 99.40 MHz das Gastarbeiterprogramm gehört. Bis kurz vor 19:00 Uhr war übrigens nur rauschen zu hören, später wurde dann in der restlichen Zeit SWR4 übertragen.
Ich möchte nochmal betonen, daß es sich dabei um Informationen über Deutschland in verschiedenen Sprachen handelte.
Die Sorben sind keine Arbeiter aus Osteuropa, wie es vielleicht den Anschein hat, sondern eine seit sehr langer Zeit ansässige slawische Volksgruppe.
Das "Funkhaus Europa" finde ich persönlich interessant, auch wenn ich nur sporadisch mal einschalte. Lieber mag ich aber den Stil von Multikulti.
Was ich jedoch auch bestätigen kann ist die Tatsache, daß ich bis jetzt noch keinen Ausländer getroffen habe, der solche Programme hört. Es laufen über Satellit die Heimatsender!
von WellenJäger - am 27.11.2002 07:17
Natürlich gehört das sorbische Programm nicht in dieses Ausländerthema. Also die 93,4 kommt aus Calau und nicht aus Cottbus, wie es im ORB-Videotext steht.
Welche Leistung haben die Sender Calau und Hoyerswerda und wie weit kann man sie hören. Über die MW Reichenberg wird wohl nicht mehr gesendet?
MfG digifreak
von digifreak - am 27.11.2002 13:36
Mein Vater kam als einer der ersten Gastarbeiter nach Deutschland und hört heute noch regelmäßig das ital. Gastarbeiterprogramm vom BR. Natürlich informiert er sich auch mit deutschen Nachrichtensendungen, deutscher Tageszeitung, ital. Zeitschriften und via Satellit mit dem Programm der RAI.
Ich möchte gerne einen anderen Aspekt in die Diskussion bringen: Sollte es nicht im Interesse von Deutschlands sein, den hier lebenden Ausländern neutrale und gewogene Informationen zu bieten. Dies ist über die Satelliten-Heimatsender oft nicht der Fall!
Die Frage ist halt die: Ist mir das die eingesetzten Mittel wert, oder muss ich eine sechste oder siebte Popwelle gründen und ausstrahlen?
von cappu - am 30.11.2002 10:54
Dein Vater ist wohl eine Ausnahme. Tatsache ist doch, dass fast kein Ausländer, der seine "heimischen" Programme per Sat empfangen kann (und das sind nahezu alle, trotz Kabel), das ARD-Ausländerprogramm auf MW hört. Wozu auch knistern und Rauschen und dann noch in einem längst überholten Zeitraster von 40 Min., wenn's auch via "Heimatprogramm" in perfekter Qualität geht.
Und die ganz ganz wenigen die abends auf 801 kHz schalten, rechtfertigen tatsächlich nicht, da so einen Aufwand zu betreiben.
Gruß nach AIC
von Schwabinger - am 30.11.2002 14:53
von radio - am 30.11.2002 18:26
IMHO ist Cappu's Vater da sicher keine Ausnahme! Sicherlich hört der Pizzabäcker um die Ecke diese Programme kaum. Der hört und schaut lieber leichte Unterhaltungsprogramme, so wie ich auch noch in keinem deutschen Geschäft B5 aktuell oder Bayern 2 laufen gehört habe, sondern dort dödeln Ennerdschie oder Chlaffivari und Konsorten.
Dennoch gibt es eine Hörerschaft für Kultur- und Informationsprogramme, sowohl unter Deutschen, als auch unter Zuwanderern. Vielleicht sollten aber auch die Kultur- und Informationsprogramme für nichtdeutsche Bevölkerungsgruppen aus dem Mittelwellenghetto herausgeholt werden. Daß das funktionieren und auch für deutsche Hörer attraktiv sein kann, zeigen SFB und WDR.
von Hagen - am 01.12.2002 16:41
Über welche Sender läuft denn nun das sorbische Programm?
100,4 Hoýerswerda
93,4 Calau oder Cottbus?
93,0 ?
In welchen Gebiet kann man die Sender empfangen?
von digifreak - am 02.12.2002 16:51
Alleine der Anteil der Rock-Musikhörer ( altes Thema, ich weiß ) ist sehr viel höher, und einer der ganz großen Märkte. ABER : Hier sind die ARD-Sender überhaupt nicht präsent ! Komisch, nicht wahr ? Es sollte allmählich der Vergangenheit angehören, Lobbyistenfunk zu verbreiten.
von alex - am 02.12.2002 17:31
Der Sorbische Rundfunk wird über die Frequenz 100,4 MHz (RDS: MDR SACH) (20 kW) aus Hoyerswerda ausgestrahlt. Frühporgramm: Montag bis zum Freitag, jeweils von 5 bis 8 Uhr, sowie am Samstag, von 6 bis 9 Uhr, gestaltet der MDR, Studios in Bautzen, ein Frühprogramm in sorbischer Sprache.
Jeweils montags von 20.00 bis 22.00 sendet ein Jugendprogramm in Sorbisch (ich kann das ja mal mitschneiden udn ins Netz stellen). Also insgesamt sendet man auf der 100,4 zu folgenden Zeiten:
mo-fr 05.05-08.00 und 12.00-13.00
sa 06.05-09.00
so 11.00-12.30 und 12.30-14.00
mo 20.00-22.00
Auf der Frequenz 93,4 (RDS: SORBINFO) (30 kW) sendet InfoRadio aus Calau :
Zu folgenden Zieten hört man dort das Sorbische Programm
werktags 12.00 - 13.00 Uhr 19.00 bis 20.00 Uhr
samstags 12.00 - 13.00 Uhr
sonn- und feiertags 12.30 - 14.00 Uhr
donnerstags 19.00 - 20.00 Uhr (Jugendprogramm vom ORB)
Montags wird das Jugenprogramm vom MDR übernommen (20 - 21 Uhr).
Der Empfang (100,4)ist bis nach Dresden möglich. Richtung Süden auch bis nach Görlitz und nach Brandenburg auch sehr weit. Die 93,4 MHz kommt hier bis etwa Weißwasser gut rein dann mit Störungen und ohen RDS. Um Berlin kann man die 93,4 MHz auch mit teilweise schwachem RDS empfangen.
Was noch zu nennen wäre, der ORB strahlt das Programm in "Niedersorbisch" - Wenden und der MDR in "(Ober-)Sorbisch" - Sorben aus.
von Schlesier - am 02.12.2002 18:11
@alex: Rocksender gibt's doch einige...
Siehe auch: www.infosat.info/index.asp?command=news&id=7907
von Erich - am 02.12.2002 18:16
Hatte der ORB nicht immer auch noch die Sendungen vom MDR ausgestrahlt? Zumindest war es ja mal so, dass auf beiden Frequenzen (fast) immer zur selben Sendezeit auf Sorbisch gesendet wurde.
von Brubacker - am 02.12.2002 19:13
Der ORB strahlt das Programm vom MDR aus. Soweit ich weiß werden aber auch einzelne Sendungen direkt vom ORB produziert.
Hier ein paar Mitschnitte von der heutigen Sendung auf der 100,4 MHz (19.58 - 20.14)....
Kurzfassung (Start der Sendung / Übernahme aus Bautzen etwa 5 min.): http://www.schlesien-online.de/wsw/sl.mp3
Lange Fassung (Mit Musik und Sprach aus dem Programm... ca. 15 min.): http://www.schlesien-online.de/wsw/satkula.mp3
von Schlesier - am 02.12.2002 20:56
Ich fragte deswegen. Weil hier hast Du die MDR-Sendezeiten beim ORB nicht erwähnt und ich hatte mal gelesen, dass der ORB auch diese MDR-Frühsendungen übernimmt.
von Brubacker - am 02.12.2002 21:34
" werktags 05.05 - 08.00 Uhr "
um 5 Uhr schaltet MDR 1 Radio Sachsen ins Lokalstudio zu den Nachrichten und um 5.05 Uhr gehts dann sorbisch los, natürlich nur auf der 100,4 und 93,4 MHz. Auf der 98.2 MHz sendet zur "Sorbenzeit" weiter aus Bautzen in Deutsch.
Auf der 93,0 aus Hoyerswerda (1 kW) gibt es keine "Sorbensendungen". Hier sendet durchweg Regio Bautzen.
hier noch mal die Mitschnitte von der heutigen Jugendsendung auf Sorbisch:
http://www.schlesien-online.de/wsw/sl.mp3 (2,5 min)
http://www.schlesien-online.de/wsw/satkula.mp3 (15 min)
von Schlesier - am 02.12.2002 21:48
Auf 93,0 MHz laufen natürlich keine sorbischen Programme; diese Frequenz wurde für MDR 1 - Radio Sachsen ja gerade wegen der "Unterbrechungen" auf 100,4 in Betrieb genommen.
Vielleicht auch von Interesse: Auf 93,4 MHz wird zwar durchgehend mit diesem lustigen PS-Code gesendet:
Hingegen wird er auf 100,4 MHz während der sorbischen Programme geändert in
Anbei noch ein Bild der Sendestation in Hoyerswerda, Ortsteil Zeißig, am Ortsausgang Richtung Bautzen gelegen. Auf der Wiese im Vordergrund stand bis vor ca. zwei Jahren der alte Mittelwellenmast (etwa 50 m hoch mit Dachkapazität), an dem sich seit 1987 auch die alte UKW-Antenne für 100,4 MHz befand. Bis 1987 liefen die sorbischen Programme auf der Mittelwelle, welche konkret die dreimal die neun war.
von Sorbinfo - am 03.12.2002 10:32
Es gibt sie also doch noch, die Vielfalt im Radio. Man muß nur danach suchen.
von digifreak - am 03.12.2002 17:21
von stimmt - am 03.12.2002 17:22