22. Mai 2005, 07:30, NZZ Online
Erloschene, einsame und neue Sterne
Zwiespältige Bilanz der Super League
Der FCB dreht am Super-League-Himmel einsame Kreise, obschon der Höhenflug des FC Thun zeitweise anderes vorgaukelte. Der Meister dürstet nach Konkurrenz. Nichts verdeutlicht dies besser als Aussagen von Christian Gross, der die YB-Chefetage öffentlich auffordert, wegen des neuen Stadions schon jetzt mehr zu tun. Sprich: Mehr Geld in die Hand zu nehmen, das Team zu verstärken.
Von Peter B. Birrer
Was YB dereinst werden kann, war zuletzt der Grasshopper-Club. 2002 fabulierte man von der Faszination des Zweikampfs zwischen Basel und Zürich. Doch gut möglich, dass der Wettbewerb mit dem FCB in Zürich zusätzlich Sinne vernebelt hat. Dem GC-Titelgewinn 2003 folgte der Absturz. Der Klub wechselte Trainer sowie Sportchefs und beendete in der ökonomischen Not mit dem Anfang 2005 kommunizierten «Weg der Vernunft» nicht nur eine Phase der Geldverschwendung, sondern zerschlug auch das über die Jahre gewachsene Selbstverständnis der Überlegenheit. Das ist gewöhnungsbedürftig. Der 4:1-Sieg am Samstag gegen den FC Basel lindert die GC-Schmerzen nur für eine Nacht.
Servette FC - erloschener Stern
Am 4. Februar geschah im Genfer Justizgebäude Ungeheuerliches: Ein Richter eröffnete innert weniger Sekunden den Konkurs über den Servette FC. Die verzweifelten Sanierungsversuche des mit einem zweistelligen Millionenbetrag überschuldeten Klubs schlugen fehl, auch der Hintergrund des Stade de Genève gab keinen Halt. Servette startete nicht mehr zur Rückrunde. In der Schweiz wurden Vereine schon zwangsrelegiert oder aufgelöst, aber mitten in der Saison verschwand noch nie einer. Der letzte Servette-Präsident Marc Roger wurde im Februar verhaftet und sitzt noch immer in Untersuchungshaft. Für die exorbitante Misswirtschaft, für die Verträge, die Transfers und andere Machenschaften des Franzosen wollte - was Wunder - niemand geradestehen: weder die Stadionbesitzer noch die Genfer Hochfinanz oder Mäzene, noch die Liga.
Stade de Suisse - neuer Stern
In 70 Tagen erhält nach Basel (2001) und Genf (2003) auch Bern ein neues Stadion. Im Anlauf dorthin ist die Verunsicherung im Klub - vor dem Hintergrund dürftiger Resultate - allerdings erheblich. Der Sportchef Reto Gertschen wurde durch Marcel Hottiger ersetzt, Trainer Hans-Peter Zaugg geriet unter Druck, und noch ist erst in Umrissen erkennbar, welches YB-Team im Stade de Suisse auftritt. Die Geldgeber und Stadionbetreiber schossen in den vier Jahren der Überbrückung im Stadion Neufeld gemäss eigenen Angaben 25 Millionen Franken in den BSC Young Boys ein. Werden es bald mehr? Ist Hakan Yakin die Grössenordnung? Je näher der Umzug ins neue Heim rückt, desto schwieriger ist die Beantwortung der scheinbar einfachen Frage: Wie baut man ein attraktives Team?
In Neuenburg hat Xamax mehr Zeit als YB. Bis zum Bezug der neuen Maladière vergehen noch über 20 Monate. Dennoch hat die erste «Übergangssaison» am Neuenburgersee Unheil kumuliert. Das auf 1000 Höhenmetern gelegene Charrière-Stadion in La Chaux-de-Fonds stellt sich als Ärgernis heraus. Die Infrastruktur ist ungenügend, zudem wurden aus klimatischen Gründen und wegen Kommunikationsstörungen zwischen den Klubs La Chaux-de-Fonds und Xamax (zu) viele Spiele verschoben. Und zu allem Übel ist Xamax in eine Führungskrise samt Sanierung und Nachlassstundung geraten. In Genf, Bern und Neuenburg erfährt man mehr denn je: Ein neues Stadion macht nicht automatisch glücklich.
Europacup - sinkender Stern
Die Schweizer Klubs haben europäisch schon früher nur sporadisch Stricke zerrissen, sei es zuletzt der FC Basel mit dem Sturmlauf in die Champions League 2002/03, sei es der Servette FC mit dem Vordringen in die Uefa-Cup-Achtelfinals gegen Valencia 2001/02. Die Bilanz der zu Ende gehenden Saison ist ziemlich trist: Alle vier Klubs scheiterten schon in der Qualifikation zum jeweiligen Wettbewerb. Basel traf in der Qualifikation zur Champions League auf die Übermacht Inter Mailand und scheiterte im Uefa-Cup-Sechzehntelfinal an Lille, YB hatte sich im Vorzimmer der Champions League gegen Roter Stern Belgrad praktisch schon vor den zwei Partien geschlagen gegeben, der auseinander fallende FC Wil war als Cup-Sieger zufällig im Vorhof zum Uefa-Cup, und der im Sommer neu zusammengewürfelte Servette FC erdauerte im internationalen Wettbewerb weitere Krisen.
Publikum - verblassender Stern
Die Zuschauerzahlen der obersten Spielklasse sind konstant, aber aus verschiedenen Gründen (z. B. Wechsel des Stadions) mit Vorsicht zu geniessen. Kamen 2002/03, in der letzten Saison mit Trennstrich, 8500 Personen an ein Spiel, stieg die Zahl in der ersten Super-League-Saison auf fast 9000. In der laufenden Saison sind es ungefähr 8300. Der Rückgang ist zu begründen: Servette hatte bis zum Konkurs einen Zuschauerschnitt von 8687 und brach nachher weg, Xamax wechselte von der Maladière in die Charrière (minus 2200), der GC stürzte ab (minus 1000), Thun vermochte trotz Erfolg «nur» von 4525 auf 5266 zu steigern, und das schlechte Wetter hatte im Frühling zahlreiche Verschiebungen zur Folge.
Auch das SF DRS und Sat 1 Schweiz melden leicht rückläufige Daten. Die Zuschauerzahlen von «live ran» sanken durchschnittlich von 197 000 (erstes Halbjahr 2004) auf 172 000 Personen, wobei die Partien FCZ-Schaffhausen (Februar) und YB-FCZ (Konkurrenz Eishockey-WM) auf schlechte Resonanz stiessen. Auf SF DRS ist der Schnitt von 288 000 auf 221 000 gefallen. Als Grund werden die zwei übertragenen Partien am Mittwoch angegeben, die tiefere Marktanteile erzielen als Wochenendspiele. Während SF DRS vor einem Jahr nur dreimal und jedes Mal den FCB übertrug, sind es 2005 bis Saisonende acht Spiele, wovon siebenmal der FCB - der einsame Stern - zum Handkuss kommt.
Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter:
http://www.nzz.ch/2005/05/22/sp/newzzE90TLL91-12.html