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vor 15 Jahren, 4 Monaten
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Lichtaloh

Story - Unerkannt

Startbeitrag von Lichtaloh am 18.03.2003 21:32

Langsam legte sie es auf seine Kommode, die Augen leicht glitzernd, erschrocken, vielleicht sogar etwas beschämt. Schnell drehte sie sich um, und lächelte ihn an. "Ich lasse es dir hier", sprach ihre heisere Stimme. Da lagen sie nun, ihre Worte, ihre Gedanken, eingebunden in weiße Blätter mit goldenem Rand und einer Holzhülle. Ihre Worte, ihre Gedanken, sie sich sich ihr Leben gemacht hatte, in Form von Gedichten, Geschichten und richtigen Tagebucheinträgen.
Und doch hatte es sie soviel Mühe gekostet sich zu überwinden, ihm ihr Herz etwas zu zeigen, darzulegen auf einem goldenen Teller. Wusste er es zu würdigen? Dass sie hineinschrieb, dass sie es ihm zeigte, jetzt und hier? Hier ließ, damit er in Ruhe las, als ihre traurigen Gedanken, auch die beschämenden, kranken, weinenden. Das Ich von ihr, ein kleiner Teil davon.
Er nickte leicht und kam auf sie zu, berührte leicht ihre Schulter, so dass ein warmer Schauer über sie herzog. "Meine Gedanken.." flüsterte sie. "Deine Gedanken.." wiederholte er und schloss sie in seine Arme.


Es war einer dieser Sonntage, wo die Luft stillzustehen schien, wo die Sonne austrocknete, die letzten Regentropfen auslöschte und die Herzen höher schlagen ließ, als sie beide in seine Wohnung kamen. Sie lächelte. Er lächelte. Nahe, so nahe, noch näher, etwas näher. Sie ging durch den Flur und stockte plötzlich, als sie es sah, das Buch. Es lag da...
Immer noch so, wie es vor einigen Tagen dalag. die erste Seite war noch etwas eingeknickt, so wie sie es das letzte Mal etwas unvorsichtig geschlossen hatte und der blaue Kulli lag oben drauf, genau so schräg wie auch damals. Sie schwieg, doch das Herz schlug höher, noch höher, höher... "Ist was...?" Sie schüttelte den Kopf. Und der Tag ging vorrüber.

Und was kam, war ein neuer Tag und noch einer, als sie wieder bei ihm verweilte. Schon kaum berührte ihr Blick das Buch, dass immer noch dalag, auch wenn der Kulli runtergefallen war. Weit unten immer noch auf dem Boden lag. "Hast du eigentlich..schon gelesen?" fragte sie noch etwas später aus heiterem Himmel und er verstand sie nicht. "Mich.." flüsterte sie und er schüttelte bedauernd den Kopf. "Ich - habe es nicht geschafft. Sei mir nicht böse, ich hole es nach..bald...ja, bald. Die Zeit wird wieder mehr..." Und sie nickte nur und lächelte schwach.


Die Tage gingen ins Land und sie besuchte ihn weniger, immer weniger. Er kam stattdessen zu ihr. Und wenn sie bei ihm war, eilten ihre Schritte vorbei, vorbei durch den Flur, schnell, mit feuchten Augen, denn das Buch lag noch genauso. Und ihre Gedanken waren immer noch verschlossen..Immer noch..
Bemerkte er ihren Blick nicht, den Wunsch erkannt zu werden?..
Und sie lächelte.


Und dann, da holte er sie ab, kam leise angerauscht mit einem Blumenstrauss aus weißen Rosen, die Augen verschleiert hinter leichten Tränen, die Lippen liebend, die Augen liebend, die Hände liebend, liebkosend, umarmend. "Ganz mein.." flüsterte er und sie ging auf, wie in einem warmen Sonnenaufgang, glaubend, dass er ihr innerstes erkannte, dass er nach ihr suchte, so wie sie war, sich interessiert habe für das, was sie war, was sie war und vielleicht sein wird...
Und sie lächelte.


Sie hätte nicht wiederkommen sollen, nicht mit dieser Erwartung stillschweigend die Wohnung betreten sollen, als sie seine Hand hielt und ihr Blick in den Flur fiel, der nur noch wenig beleuchtet war, neigte sich der Abend doch über den Tag und bedeckte ihn bereits zärtlich. Und dann sah sie es, genauso wie am Tag zuvor, und an dem Tag zuvor und davor und davor und davor auch schon..
Und sie lächelte. Doch wieviel wahres Lachen bergte es?


Und als sie das nächste Mal dalagen, ausgestreckt auf dem Bett und aus dem schrägen Fenster hinausschauten, da fragte sie ihn plötzlich. "Hast du es gelesen?" Und obwohl er kurz nicht wusste, wovon sie sprach, so fiel es ihm ein, viel zu schnell ein und er biss sich auf die Lippen. "Ich...ich hab schon mal kurz reingeguckt aber...Nein, ich bin nicht dazu gekommen", gab er letztendlich zu.
"Wie auch.." flüsterte sie mit einem Lächeln auf den Lippen. "Ich habe es vor einigen Tagen wieder mitgenommen. Vergiss, dass ich es dir zeigte..." Und sie schwiegen.

Und sie blieb unerkannt.

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