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vor 13 Jahren, 9 Monaten
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Caelestis

Unerkanntes Land

Startbeitrag von Caelestis am 20.10.2004 19:03

Als sie die Augen aufschlug, war es ihr, als erlebe sie ihren ersten Atemzug.

Die Hitze des Feuers fuhr ihr bis in die Fingerspitzen und in die tiefsten Abgründe ihrer Seele.


Sie schreckte plötzlich zusammen und betrachtete diese enge Stube.
Ein kleines Holzhaus, gerade einmal groß genug für eben diesen Kamin und ihren Körper. Wer hatte sie hier zurückgelassen? Was hatte sie hier verloren? Und warum war es ihr, als wäre ihr dieser Ort trotz seiner Fremde bekannt…?


Die bloßen Füße hinterließen Abdrücke hinter sich im frisch gefallenen Schnee. Überall glitzerte es. Und immer noch fielen vom Himmel, unaufhörlich in ihrer einzigartigen Schönheit, wie für die Ewigkeit, die Flocken.
Und dort dieses Mädchen, in jener kalten Winternacht. Um ihre Schultern lag ein roter Mantel, das pechschwarze Haar gut unter einer Kapuze versteckt. Nur einzelne Strähnen ragten wirr hinaus. Nur die roten Lippen hoben sich von dem ach so blassen Gesicht ab.
Ihre Schritte waren schnell, ihr Atem gehetzt, wie auf einer Flucht, - wie eine Gejagte lief sie einem Ziel entgegen…
"Geliebter Gott, kennt dieser Winter kein Ende?" hallte die junge Mädchenstimme in dem sonst so stillen Wald. Wo war das Ende dieser Ewigkeit, die hier zu existieren schien?


Bereits der erste Blick aus jener Stube gab ihr das Weiß um sich herum preis. Anfangs hatte sie noch gelächelt, anfangs die Flocken in ihrer Schönheit bewundert, sie um ihre Reinheit und Zierlichkeit beneidet.
Dann war sie hinausgetreten…
- und ihr lieblicher Atem hatte sich in eine Wolke aus Kälte verwandelt...


Eine Fußspur nach der anderen verschwand unter der zarten Decke des Schnees, der von oben, wie aus einer Unendlichkeit, hinunter rieselte. Eine Hoffnung nach der anderen erlosch in dieser Kälte…


Es war die Angst, die sie jetzt durch den Schneesturm trieb, der sie peitschte und ihr die Sicht für alle Dinge nahm…
"Geliebter Gott, wo ist das Ende dieses Waldes?" Sie schrie es fast, in diese unendliche Stille hinein, wo weder Vögel sangen, noch irgendetwas lebendig erschien – außer den immerfort tanzenden Flocken. Kein einzig Geräusch vernahm sie, keinen einzigen Laut, sah nichts weiter außer diese bald verhassten Schneeflocken.

Ihr Glitzern erregte ihr Herz nicht mehr, ihr Funkeln weckte keine Leidenschaften mehr…

Und die Kälte des Eises fuhr ihr bis in die Fingerspitzen und in die tiefsten Abgründe ihrer Seele.

Als die Füße unter ihr bereits nachzugeben schienen, und das Weiß ihr in den Augen brannte, wie ungeweinte Tränen, spürte sie es. Kalt und glatt vor ihr, wo der Schnee aufhörte, und diese durchsichtige Wand stand.

Und erst jetzt merkte sie, dass der Winter ewig währte…
… in einer Schneekugel.

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