Donnerstags in der Südsee

Startbeitrag von Michi am 30.11.2006 19:12

Man schrieb das Jahr 1642. In der karibischen See schaukelte ein kleines Boot auf den sachten Wellen. Ali ibn Mustafa ben Mustafa legte sich gehörig in die Riemen, während sich Capitain Auguste Philippe Le Lecq gemütlich eine langstielige Meerschaumpfeife anzündete und noch einen vorsichtigen Schluck Cognac aus dem winzigen silbernen Flakon zu sich nahm. „Nischt so langsam, Moustache!“ schalt er den kleinen Osmanen, dessen Namen er nicht aussprechen konnte. „Wir dürfen nischt zu spät kommen; das ist eine Frage der Ehre.“ Mustafa legte sich noch mehr ins Zeug.
„Moustache, wenn du disch nischt ein bisschen mehr anstrengst,“ lamentierte der schmauchend zurückgelehnte Kapitän weiter, „werde isch dir die ´ammelbeine lang ziehen! Isch kann die verdammte Île de la Tortue immer noch am ´orizont sehen.“


Seit dem Jahr 1625, als französische und englische Siedler auf der Insel Tortuga angekommen waren und die ursprünglich spanischen Kolonisten zu verdrängen versuchten, gab es Mord und Totschlag vor der Küste Hispaniolas. Der Spanier Don Fadrique de Toledo warf die Engländer und Franzosen letztlich zurück ins Meer und begann die Insel zu befestigen.
Da jedoch plötzlich überall in der neuen Welt weitere Franzosen und Engländer auftauchten, musste die spanische Armee bald andernorts kämpfen und verließ die Insel wieder, die daraufhin von den Geschlagenen wieder besetzt und untereinander aufgeteilt wurde. Die neuen alten Besetzer bauten die Festungswerke fleißig weiter aus.
Auch die Boucaniers ließen sich auf der Insel nieder, die ihnen neutrale Akzeptanz und ein sicheres Zuhause versprach. Zehn Jahre nach der ersten Landung nichtspanischer Siedler, kamen die Spanier zurück und nahmen die Insel der Piraten im Handstreich. Doch einmal mehr kehrten die Franzosen und Engländer zurück - und mit ihnen kamen diesmal auch Niederländer nach Tortuga.
Seit 1640 nannten sich die aus den drei nichtspanischen Nationen stammenden Boucaniers von Tortuga die „Brüder der Küste“.
Die Insel entwickelte sich zu einem Paradies für die Piraten, wo Gelage und Schlägereien an der Tagesordnung waren. Um dem ganzen unzüchtigen Treiben noch die Krone aufzusetzen, importierte der französische Gouverneur mehr als 1600 leichte Mädchen, die sich fortan um die Bedürfnisse der rauen Gesellschaft kümmerten, um deren Übergriffe gegen die Bevölkerung, von der ohnehin kaum etwas übrig war, im Zaum zu halten.
Die Brüder der Küste beschlossen aber auch von sich aus etwas gegen die Zügellosigkeit in den eigenen Reihen zu unternehmen.
Ein recht findiger ehemaliger Kauffahrer, und inzwischen als Pirat ebenso erfolgreicher Geschäftsmann, namens Jeremias Hornbläser machte den Vorschlag einen obersten Kommodore oder Piratengouverneur einzusetzen, der das alleinige Vorrecht über die Prisenverteilung in den karibischen Gewässern inne haben sollte.
Seine juristischen Erfahrungen und sein Fingerspitzengefühl im Umgang mit Geld und seinen Mitmenschen ließen Kapitän Hornbläser einen Plan ausarbeiten, der bei den meisten Kapitänen und deren Mannschaften auf Zustimmung stieß:

Die Besatzungen aller interessierten Schiffe hatten eine zweiköpfige Mannschaft abzustellen, die sich am Mittag des 23. November 1642 auf der winzigen Felseninsel, die als „Rachen des Poseidon“ bekannt war, einfinden musste.
Nur die Mannschaften, welche pünktlich erscheinen würden, hätten die Gelegenheit an dem Wettkampf teilzunehmen, der folgendermaßen aussehen sollte:

Ein Besatzungsmitglied jeder Mannschaft sollte die eigene Flagge tragen und schützen. Gleichzeitig sollten beide versuchen, die Flaggen der jeweils anderen Mannschaften zu erbeuten, wobei alle dazu führenden Mittel einzusetzen erlaubt wären. Die Mannschaft, welche die erbeuteten Flaggen aller anderen zu ihrem Schiff zurückbringen würde, würde damit ihren Kapitän zu dem neuen Piratengouverneur und Herren über die anderen Schiffe machen.

Selbstverständlich war Kapitän Hornbläser der erste, der mit seinem ersten Maat Samuel Liebenstein auf dem öden Eiland erschienen war. Leise plätscherten die Wellen gegen die schroffen Felsen. Liebenstein hielt mit dem Fernrohr seines Kapitäns von einer kleinen Anhöhe Ausschau nach weiteren Wettkampfteilnehmern am Horizont, während Jeremias Hornbläser grinsend, gebeugt und händereibend am Strand auf und ab lief. Seine schwarze Totenkopfflagge hing schlaff an einem dürren Zedernstock aus seiner Heimat, der hinter ihm zwischen den Kieseln steckte. Der Stab war ein Relikt der maroden „Genezareth“, auf der er vor ein paar Jahren als Buchhalter unter dem geizigen Kapitän Schuman in die Südsee gelangt war. Schumans alte Flagge an dem Stock aus vergammeltem Schiffsholz erinnerte ihn immer daran, wie schnell man vom angesehenen Kaufmann zum Piraten werden konnte. Seine monetäre Denkweise hatte ihn den Schritt allerdings nicht ein einziges Mal bereuen lassen, denn seine Truhen füllten sich seither um ein Vielfaches schneller als durch selbst die hinterhältigsten Geschäfte, die er früher abgewickelt hatte.

„Kapitein, Kapitein!“
rief sein erster Maat den in Gedanken über seine Reichtümer nachhängenden Hornbläser an,
„Ich seh´ ein Boot am Horizont – aus Richtung neun Uhr. Zwei Mann an Bord; nur einer rudert.“

Kapitän Hornbläser stieg zu seinem ersten Maat auf den Hügel und ließ sich das polierte Messingteleskop reichen. Er spähte in die angewiesene Richtung und sagte,

„Na, wenn das nicht der alte Le Lecq ist, der da so faul an seinem Cognac nuckelt!
Unser erster Gegner scheint pünktlich sein zu wollen...“

Die kleine Nussschale, in der Mustafa ben Mustafa alias „Moustache“ schwitzend am Rudern war, tanzte auf den spiegelnden Wellen immer näher heran.
Eine Viertelstunde später krachte der Steven des winzigen Bootes unsanft gegen die dunklen Felsen von „Poseidons Rachen“. Den Namen hatte die Insel vor Jahrzehnten von einem griechischen Seefahrer in spanischen Diensten erhalten, der sich so sehr vor dem dunklen Höhlenschlund fürchtete, der in den Felsen gähnte, dass er sich weigerte auch nur einen Fuß auf die Insel zu setzen, als ihm sein Kapitän dereinst befohlen hatte einen Schatz dort zu vergraben. Der Zorn des Spaniers über diese abergläubische Meuterei seines griechischen Seemanns war so groß, dass er ihn eigenhändig über Bord warf. Die alten Seeleute in Tortugas finsteren Spelunken erzählten immer noch leise, dass die Leiche des ertrunkenen Griechen aus ungeklärten Gründen nach wenigen Minuten wieder an die Oberfläche getragen worden war. Eine plötzliche Flutwelle sollte sie gepackt und ironischerweise genau in den Schlund dieser Höhle geschleudert haben, vor der er solche Angst gehabt hatte.
Als der spanische Kapitän das sah, ließ er sofort den Anker lichten und die Segel setzen, um seinen Schatz woanders zu verstecken. Denn die Leiche des mit dem Kopf nach unten und mit verrenkten Gliedern an der Felswand im Hintergrund der Höhle hängenden Griechen hatte auch in ihm abergläubische Bedenken an seinem Handeln geweckt. Die ältesten Piraten auf Tortuga erzählten, wenn sie genügend Rum intus hatten, um ihre Zungen zu lockern, mit flüsternder Stimme, dass das Skelett des Griechen noch immer in dieser verfluchten Höhle liegen sollte und angeblich den vorbeifahrenden Schiffen zuwinkte, den Spaniern aber zornig fluchend drohen würde.
Dieses Seemannsgarn war genau der Grund, warum alle die kleine Felseninsel mieden. Ebenso war das wiederum der Grund dafür, warum Jeremias Hornbläser, der als Kapitän der „JS Jerichoposaune“ nicht den Aberglauben der christlichen Seefahrt teilte, diesen Flecken als Austragungsort für die Machtprobe ausgewählt hatte. Wenn sich seine Gegner unwohl fühlten, könnte ihm das nur zum Vorteil gereichen.

Ali ibn Mustafa ben Mustafa vertäute das Ruderboot an einer schlanken Felsnase, die wie ein steinerner Pfeiler aus den türkisfarbenen Fluten ragte. Bunte Korallen schillerten auf dem schroffen Gestein unter dem zerschundenen Kiel des Bootes. Schwankend stieg der von teurem Cognacduft umwehte Capitain Le Lecq an Land.

„Beeil disch ein bissschen, Moustache! Und dann komm ´er. Der ´öhleneingang scheint ein gutes Versteck zu sein.“
Er wankte auf das gähnende schwarze Loch zu.
Tropfen fielen von der feuchten Decke auf seinen teuren Rock.
„Zut, alors! Verdammter Dreck!“ fluchte Auguste Philippe Le Lecq, „Moustache bring mir was zum Abwischen!“
Beflissen fingerte der kleine Orientale mit ängstlichen Blick zum finsteren Hintereingang der Höhle in seinen Hosentaschen herum, brachte aber nur weiteren Schmutz zum Vorschein.
Von oben ertönte die höhnische Stimme des ehemaligen Kauffahrers:

„Wie schön, dass ihr es geschafft habt, mon Capitain. Sicher war das Rudern recht anstrengend...“

„Quoi? Wer ist da? Seid ihr das, ´ornbläser?“ rief Le Lecq aus der Höhle heraus.
Dieser antwortete:

„Richtig geraten, alter Lump. Kommt heraus ans Tageslicht und lasst euch begrüßen! Ihr seid der erste, aber es ist ja noch nicht Mittag...“

Erleichtert wischte Mustafa sich den Schweiß von der Stirn. Er fürchtete immer noch, dass sie dank der tatkräftigen Hilfe seines Kapitäns zu spät gekommen wären. Eifrig pflanzte er den widerspenstigen Flaggenmast seines Kapitäns zwischen die störrischen Strandkiesel. Die gekreuzten Kanonenrohre unter dem Totenschädel auf Le Lecqs Flagge taumelten träge um die krumme Stange herum.

Hornbläser lehnte dankend einen Schluck aus Le Lecqs Flachmann ab, als die beiden Seite an Seite von der höchsten Stelle der Insel herunter nach weiteren Booten Ausschau hielten. Auch das war Teil der Bedingungen gewesen: Dass sich kein Segel am Horizont in Sichtweite des „Rachen des Poseidon“ zeigen dürfte, damit niemand in den laufenden Wettkampf eingreifen konnte. Natürlich lagen irgendwo hinter der Erdkrümmung die Schiffe der beteiligten Piraten vor Anker, aber die Wettkämpfer durften sich der Insel nur in Ruderbooten nähern. Soeben tauchte ein weiteres davon aus Südosten auf. Abwechselnd blickten die beiden Kapitäne durch Hornbläsers Fernrohr.

„Es ist dieser räudige Flannigan, n´est pas?“ fragte der Franzose zweifelnd.
„Sieht so aus...“ murmelte Jeremias Hornbläser abwesend.

Es war tatsächlich der alte schottische Seebär mit seinem Getreuen, Woodstock. Seitdem der Smutje ihn einmal vor dem Ertrinken gerettet hatte, waren die Zwei wie Pech und Schwefel. Roy Flannigan war mit Sicherheit nicht der eleganteste Kapitän und gewiss auch nicht der brillanteste Taktiker unter der südlichen Sonne, aber seine unverbrüchliche Treue zu seinen Freunden und die Fairness, mit der er seine Mannschaft behandelte, waren beispielhaft. Seine Körperkraft, sowie seine Trinkfestigkeit jedoch waren geradezu legendär. In den Schänken Tortugas und Jamaikas gab es keinen Mann, den er nicht unter den Tisch saufen konnte, sei es nun Rum, Whiskey oder Portwein. Wäre der Cognac in diesen Breiten nicht so selten und teuer gewesen, hätte ihm vielleicht Capitain Auguste Philippe Le Lecq in dieser Hinsicht das Wasser reichen können.
Der Schotte jedoch war schon zu Lebzeiten eine Legende geworden und es gab nicht wenige, die für den anstehenden Wettbewerb hohe Summen auf den Kapitän der „Saufenden Karla“ gesetzt hatten. Viele wünschten sich einen solchen Mann als obersten Anführer. Aber da waren immer noch der alte Hornbläser, den auf Grund seiner erfolgreichen Geschäftspraktiken viele respektierten, manche bewunderten, aber auf jeden Fall alle beneideten, sowie der affektierte französische Kapitän der „Pisspot“. Dieser hatte sein vormals englisches Schiff umgetauft, weil ihm erstens der strenge Geruch aus der Bilge, der bei keinem anderen Schiff, welches er kannte, so extrem präsent war, unausweichlich ständig in die Nase stieg, und zweitens um die ihm so verhassten Engländer zu schmähen und zu ärgern, denen er die Lust darauf verderben wollte, das Schiff zurückzuerobern.

Und dann war da noch Lucy „Long Legs“, die unheimliche Tochter der berüchtigten Jaqueline Sparrow, die plötzlich und unerwartet zu einem eigenen Schiff, einer schlagkräftigen Mannschaft und jeder Menge Dublonen gekommen war. Die Gerüchte besagten, dass sie irgendetwas mit dem auffällig gleichzeitigen Verschwinden von Jeremias Hornbläsers ehemaligem Kapitän „Lucky“ Simon Schuman und seinem vergammelten Seelenverkäufer namens „Genezareth“, sowie dem der Kapitäne Burt „Dock“ Deal und Francis „Drake“ Richard zu tun hatte. Deals Schiff, die „Extension“ war eine zeitlang unter ihrer Flagge gesegelt, bis sie den mittlerweile ziemlich stinkenden Eimer an den Franzosen Le Lecq verkauft hatte. Die Notlösung mit der als Latrine für die weiblichen Besatzungsmitglieder genutzten Bilge hatte sich als doch nicht so günstige Lösung erwiesen, da selbst häufiges Auspumpen und spülen den penetrant aufdringlichen Geruch nicht mehr aus dem Bauch des Schiffes vertreiben konnte. Inzwischen war sie die Kapitänin der „Merry Mermaid“ geworden, auf welcher der strikte Befehl herrschte die Notdurft in Nachttöpfe oder Eimer zu verrichten und umgehend über Bord zu kippen.
Lucy „Long Legs“ hatte ebenfalls große Lust Kommodorin zu werden, weshalb auch sie ein Ruderboot zum „Rachen des Poseidon“ ausgeschickt hatte.
Allerdings befand nicht sie selbst sich an Bord, sondern zwei Neulinge aus ihrer Mannschaft, für die das eine hervorragende Gelegenheit sich zu beweisen war.
Die gedrungene und einäugige Sally Cone ruderte zusammen mit der langen Maria Gonzales schon seit dem frühen Morgen, da sie direkt in Tortuga gestartet waren, anstatt von der „Merry Mermaid“ ausgesetzt zu werden.
So kamen sie genau von Süden auf die winzige Felseninsel zu. Gerade als Kapitän Hornbläser den Stand der Sonne noch einmal mit seinem Kompass verglich und den Mittag ausrief, brachten sie das viel zu schwere Gefährt am Strand längsseits.

Höhnend und feixend beobachteten die bereits anwesenden Männer das Anlanden und Festmachen der beiden Piratinnen. Grimmig starrte die in ihren abgerissenen Hosen und heruntergekommenen Fetzen gefährlich verwahrlost aussehende Sally Cone nach oben in Le Lecqs Gesicht und rammte die blutrote Flagge mit der durchbohrten Meerjungfrau in den Strand zu ihren nackten Füßen. Maria Gonzales schauderte vor dem Anblick der vollkommen skelettierten Leiche des griechischen Seemanns, die tatsächlich noch immer hinten in der Höhle ihren Kopfstand machte.

„Mittag!“ rief Kapitän Jeremias Hornbläser, „Wer jetzt nicht da ist, braucht nicht mehr zu kommen. Alle Mann – und auch die Damen, bitte – zu ihren Flaggen und los geht´s!“

Für die spöttische Anspielung erntete er einen bitterbösen Blick aus dem einen stechenden Auge Sally Cones, die sofort eine Rumflasche am Hals packte und auf einem Felsbrocken zerschlug. Mit dem abgebrochenen Rest in der Hand bewegte sie sich barfüßig und drohend auf den Gastgeber zu. Hornbläser zog sich hinter den Flaggenmast aus dem Holz der „Genezareth“ zurück und schob seinen ersten Maat nach vorne und sagte kurz angebunden und keinen Widerspruch duldend:

„Kümmere dich um die Furie, Samuel.“

Liebenstein, der sehr wohl wusste, dass es keinen Sinn machte einen direkten Befehl zu missachten, fügte sich in sein unvermeidliches Schicksal und trat mehr oder weniger beherzt der tödlich aussehenden Frau in den Weg. Diese hatte den Säbel bereits gezückt und schlug damit immer wieder gegen die abgebrochene Rumflasche.

Während dessen schlichen der Franzose und sein türkischer Meisterruderer in die Deckung des Höhlenhintereingangs zurück, um die Sache erst einmal auszusitzen.

„Still, Moustache!“ flüsterte Capitain Auguste Philippe Le Lecq hinter erhobenem Zeigefinger und nahm noch ein Schlücken Zielwasser für die bevorstehende Auseinandersetzung aus dem Cognacfläschchen. Dann murmelte er gedankenverloren:
„Es ist stets eine gute und empfehlenswerte Taktik, sisch erst einmal zurückzuhalten und die anderen machen zu lassen. Außerdem ´abe isch ein Faible für dunkle ´auseingänge und Ähnlisches...“

Ali ibn Mustafa ben Mustafa nickte zustimmend. Er hielt sich nur zu gerne an diese Anweisung. Ihm war nämlich bei dem Gedanken an den Fluch, der über dieser Insel lag, und an den Geist, der in dieser Höhle spuken sollte, gar nicht wohl. Nervös zwirbelte er seinen mächtigen schwarzen Schnurrbart zwischen schmutzigen Fingern und drückte sich schaudernd gegen die feuchte Höhlenwand.

Sally Cone hatte keine große Lust langweilige Spielchen zu treiben und setzte die Säbelspitze ans Kinn von Kapitän Hornbläsers erstem Maat.

„Platz da, Fatzke, oder ich schlitze Dir die Gurgel auf!“ bellte sie Liebenstein an, der verängstigt zurückwich, aber nicht zur Seite trat.
„Hörst Du schlecht, Freundchen?“ schnappte die kleine Frau mit der geknoteten Bluse und verpasste ihm einen üblen Schmiss auf der linken Wange. Jetzt war Samuel Liebenstein sicher, dass die Piratin wirklich nicht zum Scherzen aufgelegt war und stolperte unsicher rückwärts auf seinen Kapitän zu. Der Weg war zu schmal, um die abgerissene Einäugige vorbeizulassen, weshalb sie ihn immer weiter zurück drängte. Links neben ihm war der Felsen, der zu steil zum Erklimmen war. Rechts von ihm tummelten sich bereits die Haie im kristallklaren Wasser. Er konnte nirgendwo hin. Sein Zaudern machte Sally Cone rasend. Sie wollte unbedingt zu der an dem dürren Stecken baumelnden Flagge. Ungeduldig schlug sie wieder und wieder mit dem Säbel nach ihm. Aber selbst mit bereits zerfetzter Kleidung und in schierer Panik schaffte er es nicht von ihr weg zu kommen. Schließlich hieb sie ihn unbeherrscht mit zwei weiteren wütenden Schlägen zusammen. Sie machte einen großen Schritt und stieg achtlos über den verblutenden Maat hinweg. Den Säbel an ihrer offenherzigen Bluse abwischend ging sie langsam auf Kapitän Hornbläser zu.

Als Roy Flannigan gesehen hatte, dass der Wettkampf schon um Leben und Tod ging, obwohl er gerade erst begonnen hatte, räumte er seine Skrupel beiseite und stieß seinem Smutje den Ellenbogen in die Seite.

„Schau mal, wer da hinten seinen Kriegsrat beendet hat: Le Lecq und sein Freund aus dem Morgenland! Mach den Franzosen fertig, Woodstock. Ich kümmere mich um die Weiber...“

Oben auf der Anhöhe Rücken an Rücken stehend, legten beide ihre Pistolen auf die jeweiligen Ziele an. „Eins, zwei, ...Feuer!“
Gleichzeitig brachen die Schüsse unter mächtiger Pulverdampfentwicklung aus den gewaltigen Mündungen der großkalibrigen Faustfeuerwaffen.
Flannigan erschoss eine Riesenmuschel im Wasser hinter Sally Cone.
Woodstock schoss ein Loch in die Luft. Seine doppelläufige Pistole gönnte ihm jedoch noch einen weiteren Versuch. Es war „Moustache“ dem er den nächsten mehr oder weniger kugelförmigen Bleiklumpen entgegenschleuderte. Ali ibn Mustafa ben Mustafa hauchte sein Leben zu Füßen von Capitaine Auguste Philippe Le Lecq aus, der ihn tadelnd ansah.

„Was für ein Abgang Moustache... muss isch misch wirklisch um alles selbst kümmern?“ sagte er kopfschüttelnd und stieg schimpfend auf den kleinen Hügel, um die Dinge nun zu seinen Gunsten zu wenden. Dabei hatte er allerdings die Rechnung ohne die Schotten, welche er ohne Unterlass lauthals verspottete, gemacht. Sein einziger Schuss ging nämlich wirkungslos zwischen den beiden Woodstocks, die ihm der Cognac vorgaukelte, hindurch. Irgendeiner der vermeintlichen zwei Woodstocks packte ihn dann von hinten und einer der beiden Roy Flannigans hackte ihm mit einem kurzen Beil ein paar Kerben in den Wanst.

„Mon dieu! Isch blute ja wie ein Schwein...“ wunderte sich Auguste Philippe Le Lecq und fiel rückwärts um.

In diesem Moment zückte auch Kapitän Jeremias Hornbläser endlich seine Pistole und feuerte aus nächster Nähe auf die Mörderin seines ersten Maates. Ungläubig starrte Sally Cone in ihrem weiten Ausschnitt auf das große Loch zwischen ihren noch größeren Brüsten, aus dem das schäumende Blut in Strömen herauslief. Brechenden Blickes stürzte sie vornüber.

Als der langen Maria Gonzales bewusst wurde, dass sie nun alleine um die Flaggen der Gegner ringen musste, seufzte sie tief. Es galt schmutzige Arbeit zu tun, aber dafür war sie ja hier. Also fasste sie sich ein Herz, packte die eigene Flagge, warf noch einen Blick auf das gruselige Skelett des Griechen und ging zögernd den selben Weg wie die mittlerweile tote Sally Cone. Ihr schoss durch den Kopf, dass es so aussah, als würde der Geist des Griechen an diesem Mittag jede Menge Gesellschaft bekommen. Sie bekam eine Gänsehaut, als es ihr eiskalt den Rücken bei diesem Gedanken herunterlief. Doch sie riss sich zusammen und stakste tapfer weiter. Zuerst schritt sie über den toten Samuel Liebenstein hinweg, dessen Blut über den Strand rann und die Haie im Wasser geradezu toll werden ließ. Dann umrundete sie vorsichtig ein paar Schritte weiter die Leiche ihrer Mannschaftskameradin Sally Cone. Maria hatte sie nie besonders leiden können, aber wie sie jetzt so tot im Kies lag, tat ihr die kräftige kleine Frau doch leid. Dass ausgerechnet sie die Nächste sein sollte, die dem Griechen Gesellschaft leisten würde war ihr noch gar nicht bewusst.
Wieder liefen ihr eiskalte Schauer über den Rücken.
Aber auch in ihrer Magengrube breitete sich plötzlich eine unheimliche Kälte aus. Sie konnte ihre Beine nicht mehr rühren und stolperte haltlos auf Kapitän Hornbläser zu, an den sie sich im Fallen klammerte. Sein Säbel glitt lautlos wieder aus ihren Eingeweiden heraus. Dann wurde es dunkel um sie.

„Hornbläser, du alte Küchenschube!“ kauderwelschte Roy Flannigan irgendetwas in einem vermeintlichen Polnisch zusammen, von dem er hoffte, dass dessen Heimatsprache den Kapitän der „JS Jerichoposaune“ von seinen weiblichen Opfern ablenken würde.
Und tatsächlich ließ dieser die blutrote Flagge mit der von einem Säbel im Bauch durchbohrten Meerjungfrau in den Händen der auf die gleiche Weise getöteten Maria Gonzales zurück.

„Welche Ironie...“ murmelte er mit einem letzten Blick auf das malerische Bild dieser unglaublichen Parabel und wandte sich dem schottischen Kapitän auf dem Hügel zu.

Beide starrten sich tief in die Augen und verstanden sofort, um was es ging. Hektisch begannen sie gleichzeitig ihre Pistolen nachzuladen. Als Flannigen jedoch zwischendurch zu Hornbläser hinunterblickte und dessen vom vielen Geldzählen so geschickten Finger blitzschnell hantieren sah, bekam er es mit der Angst zu tun und entschied sich für einen verzweifelten Nahkampfangriff.
Er wollte sich mit einem gewagten Sprung den Hang hinunter auf den Gegner stürzen, bevor dieser seine Feuerwaffe zum Einsatz bringen konnte. Doch er verfehlte Kapitän Jeremias Hornbläser und fiel in den Kies des Strandes zu dessen Füßen. Schnell sprang er wieder auf und starrte entsetzt in die fertig geladene Waffe des ehemaligen Kauffahrers. Gleichzeitig traf ihn aber auch dessen erster Säbelstreich schmerzhaft an der Schulter. Grimmig packte Roy Flannigan die erprobte Axt fester und brachte Hornbläser durch ihren gezielten Einsatz wieder auf Distanz.
Gebannt verfolgte sein Getreuer Woodstock von oben das Duell. Der schottische Kapitän schlug Hornbläser wütend den Säbel aus der Hand, der aber sofort hinterher hechtete und die Blankwaffe wieder aufnahm. So schnell wie der flinke Hornbläser war der behäbige Flannigan aber nicht, und ehe er es sich versah, hatte ihn dieser noch am Boden kniend vom Schritt bis zur Gurgel aufgeschlitzt. Dampfend plumpsten Roy Flannigans pulsierende Innereien vor ihm auf den Boden. Fassungslos starrte er auf den blutigen Haufen, der noch an einzelnen Strängen aus ihm heraus hing.

„Hornbläser! Du mieses...“ polterte er noch los, aber die weiteren Worte blieben ihm im Hals stecken, als sein Blick brach und er inmitten der Sauerei zusammensackte.

„Genau: Hornbläser, ihr mieses...“ Der aufgebrachte Woodstock hatte sich blindlings ebenfalls auf den letzten der Kapitäne stürzen wollen, um seinen eigenen zu rächen, war aber genau in Jeremias Hornbläsers Feuer aus der so fingerfertig nachgeladenen und immer noch schussbereiten Pistole gelaufen.
Dumpf schlug er neben seinem Kapitän im Kies auf, der in letzter Sekunde so bereitwillig seine innersten Werte offenbart hatte.

Kapitän Jeremias Hornbläser wischte mit der Kleidung des Toten das Blut vom Säbel und steckte seine Waffen ein. Dann schritt er ohne Hast die Insel noch einmal ab, um die begehrten Flaggen einzusammeln. Sein Plan war aufgegangen: Morgen würde er die neue Macht in der Karibik sein. Er dachte selbstzufrieden daran, dass er dann als Erstes der Kapitänin der „Merry Mermaid“ eine ganz private Audienz bei ihrem neuen Kommodore gewähren würde.
Dann stieg er händereibend in sein kleines Ruderboot, nicht ohne den eigenen dürren Flaggenstock aus dem geliebten Zedernholz zu vergessen, und ruderte davon.







Zwischen den Felsen von „Poseidons Rachen“ wurden neue Bekanntschaften geschlossen. Bedauernd machte der Grieche die Geister der Toten mit der Tatsache vertraut, dass sie sich auf eine lange Wartezeit miteinander einzurichten hätten. So ungefähr bis zum jüngsten Gericht, denn die Piraten hatten durch ihre Taten, genau wie er, den Einlass ins Paradies verwirkt. Er sagte ihnen, dass sie alle gleich waren in ihrer Pein an diese klägliche Insel gebunden zu sein. Die Vögel und Krabben kamen und nahmen das Fleisch der Toten mit, bis sie dem Griechen wirklich bald auch noch zum Verwechseln ähnlich sahen. Gemeinsam dachten sie an die alten Zeiten zurück, an die Geschichten, die sie gehört und die sie selbst erlebt hatten. Wieder und wieder erzählten sie sich gegenseitig von diesen Geschichten. Die Jahre vergingen, ohne dass jemals wieder ein Mensch seinen Fuß auf das verfluchte Eiland gesetzt hätte.
Wenn wirklich einmal ein seltenes Schiff am Horizont in Sichtweite kam, versuchten sie durch Winken und Rufen auf sich aufmerksam zu machen. Aber meistens drehten die Schiffe genau in diesem Moment ab, obwohl sie vorher noch den Kurs beständig gehalten hatten. Es wirkte fast, als hätten die Seeleute an Bord plötzlich vor irgendetwas eine panische Angst bekommen...

Antworten:

@Doc: Der Bericht steht Dir in Deinem Posteingang ebenfalls zur Verfügung...

von Michi - am 30.11.2006 19:16
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