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vor 10 Jahren, 11 Monaten
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Michi

1646 in der Nähe von Paris

Startbeitrag von Michi am 15.12.2006 14:30


Es war im Jahre 1617, dass sich König Louis XIII. im Alter von 16 Jahren von der Bevormundung durch seine Mutter Maria de Medici und ihres Beraters Concini frei machte. Concino Concini wurde ermordet und seine Frau Leonora Galigaï, die Hofdame und Vertraute der Regentin wegen Hexerei hingerichtet.

Louis´ Mutter Maria wurde nach Blois verbannt, von wo sie zwei Jahre später floh und eine erfolglose Revolte gegen ihren Sohn anzettelte.

Richelieu, der seine eigene Karriere Maria de Medici verdankte, sorgte für die Aussöhnung zwischen den beiden und bewirkte, dass sie schon 1619 an den Hof zurückkehren durfte, wo sie 1622 sogar wieder in den Beraterstab aufgenommen wurde. Auf ihr Betreiben wurde Richelieu im gleichen Jahr zum Kardinal erhoben und stieg zur rechten Hand des Königs auf.
Von da an war es der ehemaligen Regentin nicht mehr möglich Einfluss auf ihren Sohn zu nehmen. Diese Rolle hatte der Kardinal sofort übernommen, der aber ebenfalls nicht durch sie beeinflussbar war.

Als Richelieu 1630 auch noch ihre Spanienpolitik revidierte, versuchte sie ihn zu entmachten. Louis musste sich zwischen Mutter und Minister entscheiden und wählte Richelieu. Seine Mutter stellte er unter Hausarrest.

Sie flüchtete jedoch bereits ein Jahr später in die spanischen Niederlande nach Brüssel. In Frankreich wurde sie deshalb in Abwesenheit wegen Hochverrats verurteilt, was die Beschlagnahmung ihres gesamten Besitzes zur Folge hatte. Sie versuchte vergebens in den Niederlanden, in England und der Schweiz Unterschlupf zu finden, aber kein europäischer Fürst wollte ihr auf Dauer in seinem Land Zuflucht gewähren. Schließlich schlüpfte sie in der Kölner Sternengasse bei ihrem Freund, dem Maler Peter Paul Rubens, unter.

Dort verbrachte sie ihre letzen Jahre und stand ihm häufig Modell, bis sie 1642 völlig verarmt starb, obwohl sie die Mutter des Königs von Frankreich und der Königinnen von Spanien und England war.

Kardinal Richelieu war ebenfalls im Jahr 1642 gestorben, aber seine Nachfolge als erster Minister Frankreichs hatte Kardinal Jules Mazarin angetreten, der nicht weniger geradlinig den Kurs seines Vorgängers eisern verfolgte.

Als im Jahr darauf auch noch der König starb, behielt er sein neues Amt und baute seine Machtstellung an der Seite der Witwe Louis XIII., Anna von Österreich, weiter aus. Die Mutter des noch nicht volljährigen Dauphins, Louis XIV., hatte selbstbewusst die Vormundschaft als starke Regentin bis zu dessen ausstehender Krönung übernommen.

Peter Paul Rubens fand einige Jahre später im bescheidenen Nachlass der Maria von Medici ein Bündel Briefe von deren Töchtern, den Königinnen von England und Spanien. Die Korrespondenz seiner Freundin wollte der Maler aber lieber in französischen Händen wissen, um sich wegen des teilweise brisanten Inhalts nicht selbst einem Spionageverdacht auszusetzen.
Rubens Freund Simon Vouet, ebenfalls ein begnadeter Künstler, der bereits in London, Venedig und Konstantinopel gearbeitet hatte, schien ihm ein vertrauenswürdiger Adressat zu sein. Vouet war nämlich noch vom verstorbenen Louis XIII. schon vor Jahren als Haupthofmaler in den Louvre bestellt worden, wo er andere Künstler ausbildete. Da er auch im Palais Royal ein und aus ging, hatte er die nötige Nähe zum Hof, um dem jungen Dauphin die Angelegenheit diplomatisch als geheimes Vermächtnis seiner Großmutter nahe zu bringen.

Rubens schickte eine Depesche nach Paris, in der er seinen Freund darum bat einen vertrauenswürdigen Kurier nach Köln zu senden, um die Briefe abzuholen. Die Spione und Agenten des neuen Kardinals hatten jedoch inzwischen ihre Augen und Ohren überall, und als ein Bote mit einer Depesche aus dem fernen Cologne für den Maler Simon Vouet bei Hofe auftauchte, erregte das selbstverständlich sofort das Misstrauen der wachsamen Diener Mazarins. Sie beobachteten genauestens Vouets Verhalten in den kommenden Tagen. Als dieser schließlich einen Vertrauten aus dem Kreis seiner Lehrlinge nach Deutschland davon schickte, war der Kardinal, welcher selbstredend über den letzten Aufenthaltsort der ehemaligen Regentin und deren verwandtschaftliche Beziehungen zu den anderen europäischen Höfen genauestens informiert war, endgültig sicher, dass es lohnende Neuigkeiten zu sichern galt.
(Apollon und die Musen – von Simon Vouet)
Die Beschattung des Malerlehrlings auf seinem weiten Weg begann ohne Verzögerung und bei passender Gelegenheit übermannten ihn die Schergen des Kardinals, um ihn zu verschleppen. In finsterster Kerkerhaft erzählte der eingeschüchterte Jüngling schon bald ohne Umschweife alles, was er wusste.
Bereits am nächsten Tag befand sich ein kräftiger Mann namens Gaston Bergerac auf der Straße, um den Weg des verschwundenen Pinselschwingers nach Köln fortzusetzen. Bergerac war ein äußerst ergebener Diener Mazarins und einer seiner besten Agenten. Unauffällig und in der heruntergekommenen Kleidung eines wandernden Handwerkers führte ihn sein Auftrag unbehelligt bis in die Kölner Sternengasse, wo er von dem nichtsahnenden und vielbeschäftigten Künstler Peter Paul Rubens die Briefe in einer Ledermappe ausgehändigt bekam.
Unverzüglich machte sich des Kardinals Getreuer zu Fuß auf den weiten Weg zurück in die Hauptstadt.

Der junge Marcel Dupont war aus der Kerkerhaft freigelassen worden, nachdem die Männer des Kardinals ihn gegen ihren Agenten ausgetauscht hatten und dieser sicher weit genug von Paris weg war. Dupont kehrte sofort an die Seite seines alten Meisters zurück und gestand ihm voller Verzweiflung sein Versagen. Aufs Höchste alarmiert, wandte sich Vouet an den Dauphin selbst.

Die romantische Einstellung des diplomatisch ungebildeten greisen Künstlers erwies sich allerdings als höchst gefährlich. Louis XIV. wurde bei Hof nämlich unter der strengen Aufsicht der Regentin zusammen mit den Nichten und Neffen Kardinal Mazarins erzogen und ausgebildet. Die noch unbedarften Kinder schwatzten freimütig miteinander und tauschten jegliche Neuigkeit ohne Bedenken aus. So gelangte die Kunde auch zum Kardinal selbst, der jetzt unbedingt sicherstellen musste, dass die potenziell gefährlichen Briefe – immerhin stand Frankreich mit Spanien im Kriege – in niemand anderes als seine eigenen Hände gerieten. Der junge Dauphin wurde von dem charmanten Kardinal, der ihn bereits zu dieser Zeit in der Kunst der Führung Staatsgeschäften zu unterrichteten begonnen hatte, beiseite genommen und noch einmal dringlichst in der Wichtigkeit und dem Bewahren von Geheimnissen unterwiesen.



Sehr geschickt machte er dem Jungen klar, dass seine Mutter, für deren Geliebten viele den umtriebigen und schöngeistigen Kardinal hielten, wenn überhaupt, dann nur aus dem Munde Jules Mazarins, ihres ersten Ministers, die Wahrheit über die Existenz der Dokumente erfahren dürfte. Prinz Louis verstand selbstverständlich die Ernsthaftigkeit solch wichtiger politischer Dinge, auch wenn er den Inhalt und Sinn der Briefe noch nicht kannte – und nach dem Willen des Kardinals auch niemals kennen würde. So legte der zukünftige König diese dringliche Angelegenheit vertrauensvoll in die fähigen Hände seines Lehrers, genauso wie es seine Mutter mit den anderen wichtigen Staatsgeschäften tat.



Unverzüglich schickte Jules Mazarin die besten Männer seiner Kardinalsgarde dem mit den geheimnisvollen Briefen auf dem Rückweg von Köln befindlichen Gaston Bergerac entgegen, um die Dokumente sicher in seine Hände zu spielen.

An einer kleinen Relaisstation lauerten die drei Haudegen aus der Elite des Kardinals in einem Hinterhalt. Sie wussten, dass der Bote auf dieser wichtigen Postroute an diesem Gasthaus vorbeikommen musste. Feixend beobachteten sie, wie ein kleiner Zigeunerjunge mit einer vorgehaltenen, aber offensichtlichen, Spielzeugpistole versuchte einen blinden Landstreicher auszurauben. Die Wetten standen gut, dass der Alte trotz seiner Blindheit den Schwindel durchschauen würde und der Kleine eine Tracht Prügel bekäme.
Das komische Zwischenspiel vertrieb ihnen die lange Warterei, die sie lieber bei der offenherzigen Wirtin und deren gutem Roten in der Gaststube verbracht hätten. Aber sie waren gewarnt worden, dass der junge Dauphin die Musketiere angewiesen hatte, ihm die so begehrlichen Zeugnisse seiner toten Großmutter zu verschaffen. Das hatte die ganze Sache zu einem spannenden Abenteuer werden lassen, denn sie hatten gehört, dass der schurkische Graf in der Maske, ein geheimnisvoller und offenbar verrückter Freund des Musketiers Aramiche, ebenfalls Wind von der Geschichte bekommen hatte und nun darauf aus war den Musketieren zuvor zu kommen. Offensichtlich konnte nicht nur der Kardinal doppelte Spielchen trieben, aber er war eindeutig besser darin als der königliche Jüngling. Wie immer war der Kardinal dem Hof, den Musketieren und auch dem merkwürdigen „Comte Rouge“ um eine Nasenlänge voraus.
Gilles Mirabeau, Emile de Chanson und der schwindsüchtige Jacques Montesquieu, die handverlesenen Schläger des Premierministers, sahen die eingebildeten Musketiere heranstolzieren. Seite an Seite schlenderten Pierre Magnifique und Charles D´Octagnan auf den Platz vor dem Wirtshaus.
„Also kommt, Männer!“ rief Gilles Mirabeau und stürmte aus der Deckung heraus.
„Zeigen wir´s den Lackaffen!“ pflichtete ihm Emile de Chanson bei.
„...genau...“ krächzte der tuberkulöse Jaques Montesquieu und stolperte hinterher.
Magnifique sah die Männer des Kardinals als Erster kommen. Er riss die Pistole aus dem Gürtel und schoss Gilles Mirabeau einen akribisch polierten Hosenknopf weg. Mirabeau war aufs Tiefste beleidigt und stürmte mit dem Degen voran auf die Waffenbrüder ein. Sofort kreuzte D´Octagnan „der Cognacer“ seine Klinge mit dem erzürnten Anführer der Kardinalsgardisten und parierte den stürmischen Angriff.
Sein Gefährte Pierre Magnifique konnte die anderen beiden Gardisten auf Abstand halten, während der famose D´Octagnan ein virtuoses Duell mit Gilles Mirabeau ausfocht, ohne dass einer der gleichwertigen Gegner einen Vorteil erringen konnte.
In diesem Moment tauchte Gaston Bergerac müde und mit Blasen an den in abgelaufenen Stiefeln steckenden Füßen im Hohlweg neben dem Gasthaus auf. Der alternde Comte D´Erlette rückte seine rote Maske über die Augen und schlug seiner geliebten Tochter sacht auf die Schulter. Verschlagen flüsterte der geheimnisvolle rote Graf:
„Es geht los, mein Kind. Du holst Dir die Briefe, während ich Dir Deckung gebe.“
Wie ihr geheißen, sprang die jugendliche Tochter katzengleich in ihrem Musketierkostüm los, setzte über einen Weidezaun und verstellte dem müden Wanderer den Weg. Gaston Bergerac schüttelte missmutig den Kopf über das dreiste Auftreten der „Fleur de France“, deren wahren Namen niemand kannte, die aber inzwischen beinahe so legendär wie der berühmte Robin Hood aus dem englischen Mittelalter war. Beide nahmen es von den Reichen und gaben es den Armen. Und beide waren in den Augen des einfachen Volkes zu Helden geworden. In ihrem blauen Überwurf mit der königlichen Lilie Frankreichs auf der mageren Brust, glich sie eher einem Jüngling in der Ausbildung zum Musketier, denn der adeligen Tochter, die sie war. Keck sprach sie den Bergerac mit gezücktem Florett an:
„Ich weiß, was ihr bei euch tragt und will euch der Bürde entledigen. Also zögert nicht und reicht mir die Briefe!“

Gaston Bergerac zog grimmig die Augenbrauen zusammen und schlug die Klinge beiseite.
„Ungezogenes Gör!“
presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und schlug dem Mädchen mit dem Pferdeschwanz die Faust so fest vor die Brust, dass es nach hinten taumelte. Der enervierte Bote schubste sie zornig in der Gegend herum und attackierte sie wieder und wieder mit brutalen Fausthieben. Die Rächerin im blauen Wams konnte keine Distanz zu ihrem Gegner schaffen, um das Florett einsetzen zu können. Ein böser Schlag in ihr Gesicht ließ das linke Auge in dunklem Violett aufblühen und zuschwellen. Tapfer unterlief die Geprügelte aber seine weiteren Attacken und machte sich so nah an ihn heran, dass sie in seine Tasche greifen konnte. Ohne zu zögern entriss sie ihm die wertvolle Botschaft. Als sie mit der Beute davonzulaufen versuchte, stellte Bergerac ihr ein Bein, so dass sie der Länge nach am Wegesrand aufschlug. Mit dem in abgewetztes Leder eingeschnürten Bündel in der linken Hand und dem fest umklammerten Florett in der Rechten kroch sie ziemlich ramponiert unter dem Weidezaun hindurch und brachte sich in die Sicherheit an der Seite ihres maskierten Vaters. Dieser gab schnell einen Schuss in die Richtung der noch immer fechtenden Kardinalsgardisten ab, um eventuelle Verfolger von ihrem Vorhaben abzuhalten. Tatsächlich gab Gaston Bergerac erschöpft bereits am Weidezaun auf, den er nicht zu überwinden im Stande war, und fügte sich in den Verlust der Dokumente, der ihn wahrscheinlich den Kopf kosten würde.

Durch den Schuss des „Comte Rouge“ aufmerksam geworden, sah der schwindsüchtige Jacques Montesquieu die beiden Flüchtenden auf ihre Pferde springen und davon reiten. Als er der roten Maske vor den Augen des alternden Abenteurers an der Seite des Mädchens in Männerkleidung gewahr wurde, wusste er sofort, wen er da vor sich hatte. Ebenso war ihm klar, dass der überhastete Aufbruch des ungleichen Paares nur bedeuten konnte, dass die Verzögerung, welche er und seine Kameraden durch die streitsüchtigen Musketiere erfuhren, dem Maskierten längst erlaubt hatte sich die Briefe bereits zu verschaffen.
„Capitain! Capitain Mirabeau...“
keuchte er nach Luft schnappend. Ohne einen weiteren Ton heraus zu bringen, deutete er mit dem ausgestreckten Arm hinter den beiden Reitern her.
Sein Vorgesetzter blickte über D´Octagnans linke Schulter und sah die Zwei in verwegenem Galopp im Wald verschwinden. Er riss die Pistole unter seinem Wams hervor und drückte sie auf des „Cognacers“ Nase. Der machte erschreckt einen verzweifelten Satz rückwärts, um dieser in einem Duell völlig unfairen Bedrohung zu entgehen, und fiel auf den Hintern. Lachend stürmte Gilles Mirabeau an ihm vorbei.
„Auf ein Andermal, Musketier!“
verhöhnte er den Gestürzten im Davonlaufen. Seine beiden Kameraden waren rasch aufgesessen und ritten schleunigst hinter ihm her, wobei sie sein Pferd mitführten. Mirabeau schwang sich im Laufen in den Sattel und gab seinem Rappen die Sporen. In gestrecktem Galopp jagten die Männer des Kardinals hintereinander durch die Bresche, welche die Pferde der Flüchtigen ins Unterholz gepflügt hatten.

Schon bald mussten sie ihre Pferde zügeln, denn das Gestrüpp wurde dichter und der Wald dunkler. Die Tiere verfielen zuerst in Trab und dann in Schritt. Umgestürzte Bäume blockierten hier und da den Weg und mussten umritten werden. Nach einiger Zeit erforderten es die widrigen Umstände sogar abzusitzen, denn den Reitern peitschten immer wieder dürre Zweige in die Gesichter.
Die Männer des Kardinals begannen unsicher in der finsteren Mitte des Waldes umherzuirren. Den fernen Waldrand konnten sie nirgends entdecken. Die Spur des geheimnisvollen adeligen Paares hatten sie längst verloren. Jacques Montesquieu, der Mann mit der schwachen Lunge, suchte die Sonne jenseits der Baumkronen, um ihre Richtung bestimmen zu können, aber er fand sie nicht. Murrend gestanden sich die Männer in rot ein, dass sie sich verlaufen hatten.

„Folgt mir!“
befahl Gilles Mirabeau schlecht gelaunt und führte sein Pferd am Zügel in eine beliebige Richtung. Missmutig trotteten die anderen hinterdrein, bis sie den Waldrand wieder erreicht hatten. Natürlich war weit und breit kein Graf mit der roten Maske und auch keine Jungfrau im Musketierkostüm zu sehen. Die Laune des Capitains war nun vollends miserabel:
„Ausschwärmen! Wer den Alten und seine Tochter als Erster findet, beobachtet sie und ruft die Anderen. Die Verstärkung wird bald eintreffen und gemeinsam werden wir die Briefe sicherstellen.“


Die wackeren Musketiere Pierre Magnifique und Charles D´Octagnan waren inzwischen ebenfalls zu Pferd unterwegs. Ihr Ziel war eine Köhlerhütte im Wald am Rand der nahegelegenen Heide. Dort hatten sie sich für den Fall, dass sie voneinander getrennt würden, mit Aramiches Freund, dem „Comte Rouge“, verabredet. Vor der Hütte trafen sie kurz darauf seine Tochter hoch zu Ross.

Die „Fleur de France“ saß ab und führte die beiden Freunde ins Innere der windschiefen und verräucherten Hütte, die schon lange unbewohnt war. Drinnen wartete der maskierte Graf mit dem Hut in der Hand, erschöpft an eine Wand gelehnt. Er stieß sich von der staubigen Wand ab und hieß die Musketiere mit einer eleganten Verbeugung Willkommen, wobei er den gefiederten Hut ausschweifend vor sich schwenkte. Ebenso formvollendet erwiderten Magnifique und D´Octagnan den respektvollen Gruß, als von draußen Hufgetrappel zu hören war.
„Die Roten!“
zischte Pierre Magnifique flüsternd zu den anderen.
„Wie haben die uns so schnell gefunden? Schnell, versteckt euch und verrammelt die Tür!“

befahl D´Octagnan. Draußen sprangen die Gardisten von ihren Pferden und banden die Zügel an ein paar dürren Birken fest, die auf einer kleinen trockenen Insel aus dem morastigen Heideboden ragten.
Vorsichtig arbeiteten sie sich an die verrottende Köhlerhütte heran und umkreisten das Gebäude, bis sie unter den Fenstern in Position gegangen waren. Dann feuerten sie gleichzeitig durch die leeren Fensterhöhlen in die dunkle Stube. Als sich der Rauch verzogen hatte, spähten sie zögernd hinein. Nichts mehr rührte sich. Ganz langsam öffnete Gilles Mirabeau die Tür. Immer noch war keine Bewegung und kein Geräusch aus dem dämmerigen Hütteninneren zu vernehmen. Der Anführer der Kardinalsgarde stieß die Tür mit einem derben Stiefeltritt vollends nach innen auf. Die zweite Pistole hatte er vorsichtshalber im Anschlag, aber von drinnen drohte ihm wirklich keine Gefahr mehr. Der große D´Octagnan, der schon zu Lebzeiten eine Legende und Vorbild zahlloser junger Musketiere gewesen war, lag mit einem Loch in der Stirn in dem staubigen und schimmeligen Schutt der zerfallenden Hütte. Ebenso reglos lag auch Pierre Magnifique in einer immer größer werdenden Blutlache mit dem Gesicht nach unten auf dem faulen Dielenboden.
Plötzlich war eine kraftlose Warnung von außerhalb der Hütte zu hören. Es war der schwindsüchtige Jacques Montesqieu, der durch eine rückwärtige Fensteröffnung die Lage im hinteren Bereich der Hütte ausgespäht hatte und keuchend rief:
„Capitaine, im Hinterzimmer haben sie sich verschanzt...“
Und tatsächlich blockierte der Graf die Tür, indem er sich mit seinem ganzen Körpergewicht dagegen lehnte. Das konnte den kräftigen Emile Chanson allerdings nicht wirklich aufhalten. Mit großer Wucht rammte er die Tür auf und Gilles Mirabeau kam sofort mit dem Degen über den roten Grafen.
„Wo sind die Briefe?“
herrschte Mirabeau den „Comte Rouge“ an.
„Welche Briefe?“
fragte der Maskierte scheinheilig. Die tapferen, aber unbedachten Worte sollten seine letzten sein. Bis zum Heft schob der wütende Gardistenanführer seinen Degen von unten durch den Körper des alternden Volkshelden.

„Papa!“
schrie die entsetzte „Fleur de France“ hinter einem umgestürzten Tisch auf und schnellte nach oben. Der Getreue des Kardinals setzte im Sprung über die Leiche des Grafen und durchbohrte ihre Kehle, noch bevor seine Füße wieder den Boden berührten.
Fassungslos starrte sie auf die Klinge, die unter ihrem Kinn aus dem Hals ragte und ihren sterbenden Körper aufrecht an die schmutzige Wand hinter ihr heftete. Brechenden Blickes formte sie mit blutigen Lippen ein lautloses
„Adieu...“
und ließ das Bündel mit den Briefen aus der Hand gleiten. Als es auf dem Boden aufschlug, löste sich die morsche Lederschnur, die es zusammengehalten hatte, und gab den Inhalt preis: Liebevolle und tröstende Worte von zwei braven Töchtern an eine verarmte und einsame Mutter geschrieben, schlichte Zeichnungen von ungeschickten Kinderhänden dahingekritzelt und an eine nie gekannte Großmutter geschickt, ein ehemals parfümiertes Spitzentüchlein und zwei Miniaturen mit Portraits ihrer königlichen Verwandtschaft. Kurz gesagt: Wertloses Zeug...
Gilles Mirabeau raffte die beschriebenen und bemalten Papierseiten zusammen und verließ die Stube. Im Gehen wandte er sich noch einmal an seine Männer und sagte:
„Wir wollen keine Heldenbegräbnisse. Niemand soll um das Schicksal des Comte Rouge und seiner Tochter wissen. Sollen sie ruhig Legenden bleiben, aber ihr Wirken hat ein Ende. Und was D´Octagnan und den anderen betrifft: Hat die irgendjemand in letzter Zeit gesehen?“
Seine Waffenbrüder verneinten die rhetorische Frage stumm und kopfschüttelnd. Zufrieden lächelnd saß Gilles Mirabeau auf seinem Rappen auf und gab einen letzten Befehl:
„Steckt die Bude in Brand! Wir sehen uns in Paris...“
Dann ritt er gemächlich los, um dem Kardinal die Briefe auszuhändigen, deren Inhalt ihm selbst egal war. Wieder einmal würde die Garde des Jules Mazarin ihren Herrn zufrieden stellen. Das war alles, was zählte.

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