Morgen im wilden Westen: Ein Vorspiel

Startbeitrag von Michi am 19.12.2006 16:10

Es dämmerte bereits ein neuer Morgen über der Prärie herauf, als sich drei Rothäute unbemerkt von den noch schlafenden Siedlern an die robuste Hütte heranpirschten. Sie waren lange und weit zu Fuß über das endlose Grasland unterwegs gewesen, um bei Charles Ignatz einen Vorrat an Feuerwasser für den Winter zu beschaffen. Der Siedler war den Indianern stets als freundlicher und fairer Handelspartner begegnet. Er verkaufte ihnen die Waren der Bleichgesichter auch zu deren Preisen und machte keine doppelt so hohen Sonderpreise für die Ureinwohner. Viele Sympathien brachte ihm das unter seinem eigenen Volk nicht ein. Aber sein Handelsposten lag soweit abseits aller anderen Siedlungen, dass er niemandem ins Gehege kam und von allen geduldet wurde. Außerdem wurde sein Geschäft durchaus protegiert, denn er war als freier Handelsvertreter der Triple S Company aus Sweetwater tätig, deren billige Waren reißenden Absatz vor allem unter den Indianern fanden.
Die Indianer spähten aus dem Gehölz um das Anwesen der kleinen Handelsniederlassung nach Lebenszeichen im Haus. Und tatsächlich vernahmen sie das leise Klappern eines Metallkessels und sahen, wie sich dünne blaue Rauchfäden aus dem Kamin in die stille Morgenluft kräuselten. Die Fensterläden wurden von innen aufgestoßen und eine wunderschöne junge Frau mit bleicher Haut und gelben Haaren streckte den Kopf heraus. Mit geschlossenen Augen atmete sie die frische Luft ein, die schwer von Feuchtigkeit und dem Duft des Grases in ihre geblähten Nüstern stieg. Grinsend blickten die Indianer sich an und schnalzten mit den Zungen. Dann wurde kicherndes Gekreische im Haus laut, gefolgt vom dröhnenden Schimpfen des alternden Händlers. Wie eine aufgeregte Schar Hühner stoben die drei Töchter aus der auffliegenden Hüttentür und flatterten hektisch in alle Richtungen davon. In der Tür erschien triefend der Alte in einem klatschnassen Nachthemd und zeterte auf dem Hof stehend, dass sich die Indianer vor Lachen die Bäuche hielten und aus der Hocke auf den Rücken purzelten.
Aufgeschreckt durch die Anwesenheit der fremden Männer, flohen die Mädchen in ihren ebenfalls weißen, aber trockenen, Nachthemden an dem Alten vorbei zurück ins Haus. Als die Rothäute sich wieder eingekriegt hatten, traten sie aus der Hecke heraus und begrüßten Charles Ignatz freundschaftlich. Der Alte bat sie ins Haus, hieß seine Töchter Kaffee zu kochen und zog sich rasch etwas Trockenes an. Seine Frau brutzelte inzwischen schon ein gehaltvolles Frühstück aus Speck und Bohnen in der Pfanne zusammen. Bei einer guten Pfeife, mit gefüllten Mägen und einem heißen Getränk in der Hand kam man dann zum Geschäftlichen.

Die Indianer waren ziemlich stark angetrunken, als sie die Hütte zwei Stunden später mit einem kleinen Fass „Triple S Premium Brew“, sowie zwei Kästen mit je zwanzig Flaschen „SSS´s Best Bourbon“ verließen. Charles Ignatz war um mehrere Büffelfelle, handgewebte Decken, allerlei Halbedelsteine und einige Goldnuggets reicher geworden. Doch weder die Rothäute, noch der Händler ahnten, dass beide Seiten einem verhängnisvollen Schwindel aufgesessen waren. Die Bourbonflaschen waren nämlich mit einem üblen Verschnitt aus Spiritus, Petroleum und Ahornsirup gefüllt, der anfangs zwar das erwünschte Brennen in der Kehle hervorrief und auch die erwartete Benebelung der Sinne eintreten ließ, aber unweigerlich bei gesteigerter Aufnahme zu Durchfall, Erbrechen und rasenden Kopfschmerzen führte. Lähmungen, Blindheit und durch Atemstillstand verursachter Tod waren die weiteren Folgen des unmäßigen Genusses dieses bösartigen Fusels.
Nachdem ein Viertel der Männer des Stammes dahingerafft oder zumindest so angeschlagen war, dass sie für nichts mehr taugten, beschloss der Häuptling nach eingehender Beratung mit seinem Medizinmann ein Exempel zu statuieren. Er machte sich also mit den Angehörigen einiger der am schwersten betroffenen Familien auf den langen Weg zurück zu dem Handelsposten, um Rache an dem schändlichen und betrügerischen Händler zu nehmen.
Charles Ignatz ahnte nichts von dem minderwertigen Inhalt der Flaschen, denn sein „Probierkasten“, den er von der Triple S Company jedes Mal zu einer Lieferung umsonst dazu bekam, enthielt immer nur erstklassigen und einwandfreien Bourbon. Auch wenn der Inhalt zur Verkostung durch potenzielle Kunden gedacht war, genehmigte sich Ignatz auch hin und wieder selbst einen Schluck. Allerdings nie soviel, dass er nicht bis zur nächsten Lieferung nicht noch ein paar Flaschen übrig gehabt hätte, die er nebenher, sozusagen als „Bonus“, verkaufen konnte. So manche der übriggebliebenen Flaschen hatten schon den einherziehenden Reisenden die langen Ritte durch die einsame Prärie verkürzt. Nachdem die Indianer die letzten zwei Kästen gekauft und obendrein sogar noch ein Fässchen Bier mitgenommen hatten, war es Zeit schnellstens wieder neue Vorräte zu ordern. Außerdem mussten die Felle und Decken versilbert werden. Da die weiten Ritte zur entlegenen Eisenbahnstation, wo sich der Telegraph befand, seinen Hämorrhoiden in jedem Jahr zunehmend zu schaffen machten, schickte er seine Töchter mit dem Wagen los, um das Notwendige zu veranlassen.
Die Mädchen waren seit zwei Tagen weg, als die Indianerhorde in der Abenddämmerung angriff. Der alte Mann und seine Frau hatten den Wilden nichts entgegenzusetzen, die sie zu Tode marterten, den Posten plünderten und alles niederbrannten. Der Häuptling wusste sehr wohl um die drei Töchter mit den goldenen Haaren, die nirgends zu finden waren. Also behielt er einen kleinen Trupp und genügend Vorräte aus der Plünderung bei sich und schickte die anderen Krieger zurück zu den Squaws. Die Männer um den Häuptling legten sich auf einer kleinen Anhöhe auf die Lauer. Am nächsten Vormittag erschien der Wagen der Mädchen am Horizont. Als diese ihre verwüstete Heimstatt erblickten, machten sie sofort Kehrt und nahmen Reißaus. Die Indianer schickten sich an sie zu verfolgen, aber zu Fuß waren sie zu langsam. Trotzdem gaben sie die Verfolgung nicht auf, denn der Häuptling hatte vor den Geistern große Eide geleistet, die der Medizinmann bezeugen konnte. Tag und Nacht marschierten sie, bis das Lager der Händlertöchter endlich in Sicht kam. Diese wähnten sich in Sicherheit, denn sie glaubten nicht an die Zähigkeit und Verbissenheit der Indianer. Der Häuptling stutzte, denn im Lager saßen mehr Personen ums Feuer als er Finger an einer Hand hatte. Drei davon waren ihm unbekannte weiße Männer.

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