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Radioforum Schweiz
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raeuberhotzenplotz1, Westwind, dxbruelhart, Stefan Heimers, Manager., MagicMax, RADIO354, Wrzlbrnft, CBS, Alqaszar, smid, Peter Schwarz

Deutsches Fernsehen in den 80er Jahren in der Schweiz

Startbeitrag von raeuberhotzenplotz1 am 25.02.2013 21:25

Ich war in den 1980er und Anfang der 1990er Jahre öfters mit meinen Eltern in der Schweiz zum Skiurlaub. Das war vorallem im Kanton Graubünden glaube aber auch im Tessin und im Wallis.

Damals konnte man in den Ferienwohnungen und Hotels immer auch deutsches Fernsehen, meistens ARD, ZDF, SW3 und BR3 sehen, neben dem ORF. Es war vermutlich kein Kabelfernsehen, in machen Hotels waren es kleine SW Fernseher mit Zimmerantenne. Ich habe mir damals nichts dabei gedacht, aber heute weiß ich, daß z.B. der Grünten oder der Höchsten bis dahin niemals gereicht hätten.

Wo kamen also die Programme her? Wer hat diese ausgestrahlt und wie wurde das finanziert? War das ein Dienst für die Touristen?

Schade, war schon so lange nicht mehr in der Schweiz zum Skifahren, aber kann mir das heute nicht mehr leisten...

Antworten:

In der Bergregionen der Schweiz, wo kaum oder kein terrestrischer Empfang von ausländischen Programmen möglich war und auch kein Kabelnetz vorhanden war, etablierten sich in der 70er und 80er Jahren öffentliche oder auch private Gesellschaften, die in exponierten Lagen die ausländischen Signale auffingen und diese über ein Netz von Sendern im Berggebiet wieder ausstrahlten, so wurden ARD, ZDF, ORF1 und ORF2 in der Deutschschweiz in diesen DRAVAP-Netzen überall ausgestrahlt; zudem gab es RTL oder Sat1 zusätzlich in Graubünden bzw. im Wallis.
Finanziert wurden diese Netze von der Bevölkerung dieser Regionen, alle Haushalte bezahlten einen günstigen Tarif von z.B. Fr. 42.-- pro Jahr für diese Dienstleistung.

von dxbruelhart - am 25.02.2013 21:58
Meine Erfahrungen:

In den siebziger und achtziger Jahren war Ausland-TV-Empfang in der Regel nur in Grenzgebieten zu empfangen. Ausnahme war die ARD (und teilweise ZDF) mit Reichweiten bis über die Region Bern hinaus. Basel, St. Gallen und auch Zürich waren immer gut versorgt, Luzern und Chur schon schlechter.

In den Städten gab es immer mehr Kabelfernsehen, namentlich via die damalige Reddiffusion und Autophon (Vorläufer der Cablecom). In Graubünden gab es später Telerätia mit vier terrestrisch verbreiteten ausländischen Programmen (ARD, ZDF, ORF 1+2) via Umsetzer, um der Bergbevölkerung und den Touristen die Programmauswahl etwas zu vergrössern. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren Valaiscom mit Programmen aus Frankreich (Wallis) und DRAVAP (Glarnerland, Walenseegebiet, Toggenburg).

Nach dem Aufkommen des Satelliten-Empfangs verlor DRAVAP an Bedeutung, Telerätia und Valaiscom wurden hingegen auf DVB-T umgerüstet und ausgebaut. Die sonst über Satellit verschlüsselten Programme aus Österreich bzw. Frankreich bleiben somit heute noch relativ kostengünstig empfangbar.

von Westwind - am 25.02.2013 22:05
Was ist denn DRAVAP?

Ich schätze mal das verschlüsselte Telerätia ist der Nachfolger / Erbe dieser ehemaligen Sender?

von raeuberhotzenplotz1 - am 25.02.2013 22:08
Die genaue Abkürzung von DRAVAP habe ich nicht mehr auswendig im Kopf, sinngemäss: drahtlose Verbreitung von ausländischen TV-Programmen im Berggebiet, Umsetze meist im Besitz von Gemeinden. Details siehe Google, speziell:

http://www.gvq.ch/_data/sl_qm_all.pdf

von Westwind - am 25.02.2013 22:23
Schade, dass nicht mehr über dieses Netz im Internet zu finden ist. Damals, noch zur Jahrtausendwende, war es wichtige Infrastruktur. Hier ein Artikel zu Digitalisierungsabsichten:

http://home.datacomm.ch/madpad/rfs_aktuell/dvbt.htm

von CBS - am 25.02.2013 23:13
Danke für die Info hatte sowas schon vermutet.

Wie war das dann mit der Genehmigung und Frequenzplanung?

Ich glaube wenn in Deutschland jemand privat z.B. einen Umsetzer für's Schweizer Frensehen betreiben wollte, wäre das damals wie heute ein Ding der Unmöglichkeit. Ganz abgesehen von der Problematik der Urheberrechte heute (das war früher wohl weniger ein Problem). In Deutschland bekommen es schon Betreiber von Hotels oder Gemeinschaftsantennen z.B. mit der VG Media zu tun...

von raeuberhotzenplotz1 - am 26.02.2013 21:11
Denke früher hat man das nicht so eng gesehen.

Sicherlich hatten die Sender Frendrechte nur für das eigene sendegebiet bezahlt, aber ein gewisser Overspiell war eben technisch vorhanden und wurde akzeptiert.

In der Schweiz, aber auch in Italien war es üblich, ausländische Programme weit zu verbreiten, so das italiensichesprachige TV Capodistria aus dem damaligen Jugoslawien, France 2 aus Frankriech oder die deutschen Programme in Südtirol.

Das Fernshehen der DDR war beispielsweise ja auch im Westen im Kabel, das auch noch vor er Wene, und es gab sicher keinen Vertrag darüber. Umgekehrt hat man auch große Teile der DDR aus Westdeutschand versorgt, und das im laufenden Programm auch immer wieder betont.

Die Diskussion um Urheberrechte hat sich nur in den letzten Jahren so verschärft.

von Alqaszar - am 03.03.2013 02:18
Zumal in der Schweiz die Gesetzeslage eine andere ist als in Deutschland. In der Schweiz dürfen Programme, sofern sie innerhalb der Staatsgrenzen irgendwo (!) mit "normalem Aufwand" frei empfangbar sind, landesweit weiterverbreitet werden, z.B. via Kabel oder IPTV. Da zum Beispiel ORF eins HD und ORF 2 HD am äußersten Zipfel im Münstertal via DVB-T aus Südtirol frei empfangbar sind, dürfen diese auch quer durch die ganze Schweiz bis hinunter zum Genfersee weitergeleitet werden.

DVB-T-Frequenzen für Privatbetreiber, die solche Programme auf ihren Anlagen umsetzen möchten, würden mit Sicherheit auch heute noch erteilt. Nur ist der Bedarf dank Satelliten-TV und IPTV-Anbietern wie Swisscom TV heute nicht mehr so akut, wie noch vor 10 Jahren.

von Wrzlbrnft - am 03.03.2013 08:40
In Laax war es auch so, dass es ARD,ZDF ORF1 und ORF2 über Antenne gab.
Dann kamen immer mehr Schüsseln auf die Dächer. Das war damals Astra analog. Somit schaute man SF via Antenne, RTL per Sat. Das war eine Einkabellösung und es war nur die Hälfte der Transponder vorhanden.

Später baute man doch ein Kabelnetz. Viele Häuser schlossen sich dann ans Kabelnetz an, da es somit auch Internet gab. Andere haben ihre Schüssel auf Dual Feed erweitert.
Telerätia kann man in Laax noch empfangen, aber ich glaube es kaum mehr Stellenwert. Ausser Sat Kunden die ORF wollen. Kostet 8 Franken pro Monat.

von smid - am 03.03.2013 09:50
8 Franken im Monat für den ORF, naja.

Mir scheint, daß die Schweiz dann liberaler bei der Frequenzvergabe war. Mir wäre nicht bekannt, daß in Deutschland jemand privat Umsetzer betrieben hätte. Hätte mir auch Spaß gemacht, für meine Gemeinde einen Umsetzer in installieren bzw. zu betreiben. Aber ist heute bedeutungslos...

O.K. Danke für die Infos. Jetzt kann ich das ganze einordnen.

von raeuberhotzenplotz1 - am 07.03.2013 21:12
Wie ich nun erfahren habe, wurden die meisten DRAVAP-Sender via GAZ-Netz angespiesen; das GAZ-Netz war ein Radio-TV-Richtfunknetz, welches Radio- und TV-Programme via wichtige Senderstandorte wie z.B. Säntis auf 2,3 GHz verteilte in die ganze Schweiz.

von dxbruelhart - am 09.04.2013 19:09
Danke für die Info.

Im Wallis hätte man wohl auch auf den höchsten Bergen nicht mehr vernünftig z.B. den Grünten oder den Höchsten heranholen können.

von raeuberhotzenplotz1 - am 11.04.2013 19:55
In der Schweiz hatte es doch wohl eine gewisse Tradition, immer auch deutsche Programme zu nutzen. Vielfach wurden da auch die Sendungen von SWF und SDR im Radio gehört, die wohl auch tlw. im Telefonrundspruch zu empfangen waren. Beim legendären "Vom Telefon zum Mikrofon" wurden diese Zuhörer sogar extra immer begrüsst.
Gibt es eigentlich irgendwo noch alte Belegungslisten des Telefonrundspruches?

von Peter Schwarz - am 12.04.2013 17:12
Ja daran erinnere ich mich auch noch. In einem Hotel (ich weiß nicht mehr wo das war, aber schon gut 1-2 Stunden Fahrtzeit von der deutschen Grenze aus) stand auch so ein Telerundspruchgerät. Ich war damals krank und musste alleine im Hotelzimmer bleiben, während alle anderen beim Skifahren waren. Und dort wurde Bayern3 übertragen ;) Dann war's nicht ganz so langweilig...

Wobei ich mich auch erinnere, daß mir meine Mutter mal in den Sommerferien in Deutschland (Bodenseegebiet) ein Taschenradio gekauft hat. Der Verkäufer pries da Gerät an mit den Worten (...da geht auch DRS3, da geht's richtig poppig zur Sache, ganz wichtiger Sender...).

Auch die schweizer Sender in Deutschland hatten also ihren Ruf :-)

von raeuberhotzenplotz1 - am 13.04.2013 21:53
Zitat
Peter Schwarz

Gibt es eigentlich irgendwo noch alte Belegungslisten des Telefonrundspruches?


Es gab 6 Programme, die Belegung war folgende:

Kanal 1: 175 kHz "international" analog dem Programm von "Schweizer Radio international"
Kanal 2: 208 kHz RSR1 "la première"
Kanal 3: 241 kHz "klassische Musik"
Kanal 4: 274 kHz RSI1 "rete uno"
Kanal 5: 307 kHz DRS1
Kanal 6: 340 kHz "leichte Musik" ( wurde, glaube ich, später zu "Radio Swiss Pop" )
Quelle

wir hatten nie so ein Teil zu Hause, bei uns gab es MW und UKW Radios.
Aber ich mag mich noch erinnern, als ich klein war gabs die Dinger teilweise in Hotels.
In älteren Wohnungen sieht man heute teilweise noch die alten Telefonbuchsen, wo auch der Telefonrundspruchempfänger angeschlossen werden konnte.

von MagicMax - am 27.04.2013 14:43
Auf einigen TR-Kanaelen wurden zeitweise auch ausl. Programme ausgestrahlt. Steht in einem anderen Thread hier im Forum, und ich habe das auch so in erinnerung. Selbst hatten wir keinen TR, aber in den Ferien manchmal im Hotel.

http://www.mysnip.de/forum-archiv/thema-8773-59806/Der+Schweizer+Telefonrundspruch.html

von Stefan Heimers - am 27.04.2013 19:35
Hallo Zusammen,

Vielen Dank für die Info`s zum Telefonrundspruch.
Es gab eine Sendung, ich glaube " Internationaler Frühschoppen " im Fernsehen.
Da hiess es immer " angeschlossen ist der Schweizer Telefonrundspruch " das klang in einer Zeit,
als die Schweiz für mich weiter weg war als der Mond ( Lebte auf der falschen Mauerseite ),
immer recht geheimnisvoll. Das Geheimnis ist nun gelüftet.:spos:
MfG Det.

von RADIO354 - am 28.04.2013 07:59
@ RADIO354:
Ja, das war der "Internationale Frühschoppen - mit 6 Journalisten aus 5 Ländern". Von 1952 bis 87 jeden Sonntag von 12.00 h bis 12.45 h in der ARD mit Werner Höfer.

War eine Radio-Sendung, die dann auch im TV übernommen wurde. Angesagt wurde der Frühschoppen immer vom Nachrichtensprecher Egon Hoegen:
"Hier ist der Westdeutsche Rundfunk mit seinem 2. Hörfunkprogramm. Angeschlossen sind der Sender Freies Berlin mit seinem 2. Programm, NDR 3 und Südfunk 3, der Schweizerische Telefonrundspruch, die Deutsche Welle und das Deutsche Fernsehen".

Der Telefonrundspruch war für seine Zeit eine tolle Sache. Auf dem Klassik-Kanal wurden Sendungen von Ö1, BR 2, SDR 2, SWF 2 und France Musique übernommen. Auch einige Sendestrecken des DLF waren über den Telfonrundspruch zu hören. Der leichte Kanal war ein Mix aus Sendungen von Bayern 3, Ö3, SWF3 und SDR 3. Wenn man bedenkt, dass es im Scheizer Radio damals noch keine Popwelle gab (DRS 3 und Couleur 3 kamen erst später), kann man sich vorstellen welche Anziehung so ein Pop-Kanal hatte.

von Manager. - am 28.04.2013 08:46
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