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Erster Beitrag:
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Letzter Beitrag:
vor 13 Jahren
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Reinhard, KDL

Big Brother Awards in Österreich

Startbeitrag von KDL am 28.10.2004 21:29

Anm. KDL: nicht nur lustig...

Geteert und gefedert: Symbolische Bestrafung österreichischer Big Brother

Der gestrige österreichische Nationalfeiertag war zum sechsten Mal auch
Termin für die Verleihung der Big Brother Awards[1] des Landes. Mit den
bereits auf vier Kontinenten jährlich verliehenen negativen
Auszeichnungen sollen unerwünschte Trends in Sachen Daten-Integrität,
also Angriffe auf die Privatsphäre von Menschen, aufgezeigt werden. Die
Veranstalter in Österreich sind der Verein zur Förderung Freier
Software (FFS[2]), der Verein für Internet-Benutzer Österreichs
(vibe!at[3]) und die quintessenz[4].

Im Wiener Szenelokal Flex[5] gab es in sechs Kategorien fünf
Preisträger. Die sechste Kategorie, bislang Lifetime Achievement
genannt, konnte zum zweiten Mal in Folge nicht vergeben werden, da die
Bildungsministerin Elisabeth Gehrer offenbar ein Abonnement dafür hat.
2002[6] hatten ihr Pläne für umfassenden Chipkarten- und
Biometrieeinsatz im Schulalltag, wie etwa für Bibliotheks-, Labor- und
Sportstättennutzung, zusammen mit dem Bildungsdokumentationsgesetz, das
zur Speicherung diverser Schüler- und Absolventendaten ohne Löschdatum
führt, den "Preis" für ihr Lebenswerk eingebracht. 2003[7] hätte die
bekennende Flötenspielerin Gehrer erneut gewonnen, weil in diesem Jahr
mit der Umsetzung der "Bildungsevidenz", welche Zensuren und
Betragensbeurteilungen von Schülern für sechzig Jahre speichert,
begonnen wurde. Aufgrund der "nachhaltigsten Annäherung an die
Romanvorlage 1984" wurde der fußmarod gewordene Wanderpokal diesmal in
"Lebenslanges-Ärgernis-Elisabeth-Gehrer-Preis" umbenannt. Symbolisch
wurde eine Querflöte von einem Hexenmeister und zwei Hexen geteert und
gefedert.

Zuvor waren bereits ein Steckdosenverteiler, eine Überwachungskamera,
ein Stethoskop, eine Saugglocke und ein 3Mobile, wie der
österreichische UMTS-Netzbetreiber 3 seine Handy bezeichnet, der
mittelalterlichen Bestrafungs- und Anprangerungsmethode unterzogen
worden. 3 wurde wegen des neuen 3FriendFinder-Dienstes kritisiert und
obsiegte in der Kategorie "Kommunikation und Marketing". Mit dem
3FriendFinder ist es möglich, einen anderen 3-Kunden auf Knopfdruck
metergenau zu lokalisieren, da in den meisten 3Mobiles A-GPS-Module
eingebaut sind. "Damit eröffnen sich der Überwachungswut derart
veranlagter Erziehungsberechtigter ganz neue Möglichkeiten der
Freizeitkontrolle", heißt es in der Begründung[8], vor allem aber würde
der Dienst zur Überwachung von Ehepartnern eingesetzt: "Der
Privatdetektiv aktiviert die Friendfinder-Funktion, stellt den
Klingelton auf lautlos und ab in den Kofferraum des anderen Ehepartners
damit."

Das Stethoskop versinnbildlichte die in der Sektion "Behörden und
Verwaltung" siegreichen Wiener Amtsärzte. Sie hatten entgegen ihrer
ärztlichen Schweigepflicht Krankenakten von Patienten an andere
Behörden weitergereicht. Beispielsweise wurden die Daten eines unter
"mildem Bluthochdruck" leidenden Mannes, der nach einer Operation um
Steuererleichterungen angesucht hatte, wegen "Gefährdung des
Straßenverkehrs" an die Verkehrsbehörde weitergeleitet, die daraufhin
seinen Führerschein einzog und nur eine befristete Fahrerlaubnis
ausstelle. Im Bereich "Politik" wurde die Saugglocke von den Hexen als
Zeichen für die Innen- und Justizminister von Schweden, Frankreich,
Irland und Großbritannien behandelt. "[Die Minister] fordern in ihrem
Richtlinien-Vorschlag zu 'Data Retention', alle Kommunikationsdaten
(Telefon, E-Mail, Internet, P2P, ICQ, etc.) präventiv drei Jahre oder
sogar länger zu speichern. Dies steht in krassem Widerspruch zur
EU-Richtlinie und zu nationalen Datenschutzgesetzen. Diese werden de
facto aufgehoben, sollte diese Richtlinie in Kraft treten", führt die
Jury dazu aus. Die Überwachungskamera schließlich stand für die Grazer
Diskothek WON (World of Nightlife), die demnach ohne Information ihrer
Kunden das Geschehen mit einem knappen Dutzend Kameras ins Internet
überträgt und auf ein Fingerabdruck-Scanner zur Besucherkontrolle
setzt. Wegen langer Warteschlangen wurde das zweitgenannte System
vorübergehend stillgelegt. "Die Veranstalter sind dennoch überzeugt,
dass es in einem zweiten Anlauf funktionieren kann, wenn genügend Zeit
ist, das Publikum zu 'erziehen', den richtigen Finger richtig
aufzulegen", erzählen die Preisrichter.

In der Kategorie "People's Choice" entfielen in der "Volkswahl" die
meisten Stimmen auf die Linz Strom GmbH in ihrer Eigenschaft als
Anbieter von Internetzugängen über ungeschirmte Stromkabel (Powerline).
"Nichts unterlassen hat die Linz Strom, um ein ihr nicht genehmes Thema
aus den Medien zu bringen, nämlich, dass die in Linz eingesetzte
Powerline-Technologie Funkstörungen verursachen kann. Funktechniker
wurden wegen 'Kreditschädigung' verklagt, weil sie ihre Messergebnisse
veröffentlicht hatten. Ein entsprechend hoher Streitwert der Klage
sollte der Einschüchterung dienen", hatte ein Bürger die Nominierung
begründet. Auch Medienberichte versucht das Unternehmen zu verhindern,
das sich unter anderem ein Mitglied des Stiftungsrates des
Österreichischen Rundfunks (ORF) als Anwalt leistet. (Daniel AJ
Sokolov) /
(tol[9]/c't)

URL dieses Artikels:
[www.heise.de]

Antworten:

immer wieder eine freude, dass es menschen gibt, die so etwas aufdecken.
und elisabeth gehrer, die wirklich weibliche westerwelle, ist das beste beispiel dafür, dass bildung und bildungsministerium trotz namensähnlichkeit nichts zwingend miteinander zu tun haben müssen. diese gestaltgewordene unfähigkeit schafft es nicht nur, endlich den perfekten pisa-versager zu züchten, sondern dessen blödheit auch noch lebenslänglich zu dokumentieren!
und 3 ebenso wie WON sollten einen future-award bekommen, denn sie sind nur vorreiter dessen, was uns an überwachbarkeit noch blüht. letztens ist erst (noch) eine schule daran gescheitert, viedeocams in den klokabinen zu installieren, weil die schüler immer die klos verstopfen oder das papier herumschmeißen. pech für den pädophilen hausmeister, würd ich mal sagen... dafür ist es ja große mode, jedes dorf mit panoramacams auszustatten, damit man live im netz schauen kann, bei wem in der schillerstraße um halb 12 noch licht brennt... bei manchen aktionen kommt einem das kalte kotzen.
und das ist erst der anfang.

von Reinhard - am 30.10.2004 06:55
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