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tazdiss
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vor 14 Jahren, 7 Monaten
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Poetter, usa, frajo, derwahretoto, ex nihilo, uwe, patric k, MoonRa, Frank S

Ist der Neoliberalismus der neue Faschismus - nur mit Glacehandschuhe?

Startbeitrag von Poetter am 18.12.2003 12:59

Abgesehen von der Gewaltenteilung, ist der Neoliberalismus der neue Faschismus, nur mit Glacehandschuhen?

Demokratie verkommt immer mehr zu Farce, zu einem nichtssagenden Begriff, wenn "alles Leben im Land" unter die Kontrolle der Finanz- und Großindustrie gerät. Und genau diese Entwicklung erleben wir momentan, denn die „Herren Politiker“ - egal welcher Couleur auch immer – sind nur noch Marionetten der Konzerne. Schröder, Fischer, Merkel, Merz, Koch oder Stoiber, um nur einige zu nennen, sie alle sind Erfüllungsgehilfen des Kapitals. Diese Charaktermasken sind austauschbar. Wir haben nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera! Die Multis beherrschen weltweit die Produktionsmittel, den Handel, die Werbung, das Transport- Kommunikationswesen. Hinzu kommt, daß durch die Medien (mit Ausnahme des Internets) und anderer Propagandainstrumente wir in deren Sinne, zu Konsumidioten und unterwürfigen Menschen konditioniert werden. Wer täglich das neoliberale Gift eingeträuft bekommt - die Dosierungen werden in Krisenzeiten kontinuierlich erhöht - der glaubt letztlich an den Schwachsinn dieser neoliberalen Verbrecher. .Ich als Arbeitsloser habe jedenfalls von dieser Art Konzernherrschaft die Schnauze gestrichen voll. Der an den Rändern beginnende Verarmungsprozeß, bei Teilen der Bevölkerung, wird nach den jüngsten Kürzungsorgien (Agenda 2010, Hartz, Gesundheit) zunehmen. In diesem profitorientierten System fallen immer mehr Menschen aus dem Kapitalverwertungsprozeß. Gestiegene Produktivität wird nicht mit Arbeitszeitverkürzungen verbunden, nein die Ware Arbeitskraft wird einfach entsorgt. Profit zählt, nicht der Mensch. Die Ausgrenzung von immer mehr Menschen, schafft den Humusboden für eine neue (hoffentlich) revolutionäre Bewegung. Wir stehen erst am Anfang eines beginnenden Kampfes, und dieser Kampf gegen Konzernherrschaft muß weltweit unerbittlich und zäh, aber auch radikal geführt werden. International agierende antikapitalistische Bewegungen sind ein ermunterndes Zeichen. Noch befinden sich - z. B. bei Attac - die Reformisten in der Mehrheit, aber das kann sich auch bei zuspitzender Kapitalverwertungskrise schnell ändern. Man schaue sich doch nur die Entwicklung in Argentinien an. Ich will nicht bestreiten, daß es den meisten Menschen in den industrialisierten Ländern des Westens - einschließlich Japans - noch relativ gut geht, allerdings verdanken wir unseren Wohlstand in einem nicht unerheblichen Teil der Ausplünderung der Dritten Welt. Aber dies Thema ist zu komplex, um darauf jetzt einzugehen. Fakt ist aber, daß der globalisierte neoliberale Kapitalismus seine Akkumulationskrise (Sinken der Profitrate) auf den Rücken der Unterprivilegierten austrägt.
Um den weltweiten Widerstand dagegen im Keim zu ersticken, bedient sich das Kapital einer modern ausgetüftelten Manipulationstechnik. Und leider gelingt es den Neoliberalisten noch immer erstaunlich gut, die breite Masse mit tyttitainment bei Laune zu halten. Fragt sich nur, wie lange noch?

Die subtilen Manipulationstechniken der der neoliberalen Räuber

Es gibt ein wichtiges Handbuch der PR-Industrie aus der Feder eines ihrer Exponenten, Edward Bernays, und dort findet sich alles ganz genau beschrieben. "Ein wichtiges Element einer Demokratie ist die bewußte und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der breiten Masse." So hebt Bernays an, um dann fortzufahren, zur Erfüllung dieser entscheidenden Aufgabe müßten "die intelligenten Minderheiten ständig und systematisch Propaganda betreiben". Denn nur sie, die "die Denk- und Verhaltensmuster der Massen verstehen", könnten "die Drähte ziehen, an denen die Öffentlichkeit letztlich hängt." Daher habe sich "unsere Gesellschaft darauf geeinigt, den freien Wettbewerb durch Propaganda und Führung zu gestalten" - also wieder mal jene "unterstellte Zustimmung". Die Propaganda gibt der Führung die Mittel in die Hand, "das Denken der Massen zu formen" und dadurch zu erreichen, daß diese "ihre soeben errungene Macht in die gewünschte Richtung wirken lassen." So könne die Führung "das öffentliche Denken durchaus ebenso straff reglementieren wie eine Armee ihre Soldaten." Hier, in diesem "ingenieurmäßigen Aufbau von Konsens", liegt "das Herzstück aller demokratischen Prozesse" - so Bernays 1949, kurz bevor er von der Amerikanischen Gesellschaft für Psychologie für seine Arbeiten geehrt wurde.

PS. Ich bin zur Zeit arbeitslos und vom Beruf Schlosser und 52 Jahre alt!

Poetter, bekennender Rätedemokrat, somit Antileninist und Trotzkismus und Stalinismus ablehnt!

Antworten:

Poetter schrieb:

Zitat

...
Poetter, bekennender Rätedemokrat, somit Antileninist und
Trotzkismus und Stalinismus ablehnt!


erstmal willkommen hier, in diesem entlegenen winkel des internets :-)
einen bekennenden rätedemokraten haben wir hier noch nicht (soweit ich sehe);
das dürfte einige interessante diskussionen geben.

dürfen wir wissen, wie du hierhin gefunden hast?
doch nicht etwa über die taz?

von frajo - am 18.12.2003 13:12
Hallo Poetter,

bei allen Verständnis für Deinen sehr emotionalen Beitrag:
Nein, der Neoliberalismus ist nicht der neue Faschismus.
Westerwelle, Merz, Clement und wie sie alle heißen, vertreten keine faschistoide Gesellschaftspoltik.
Neoliberalismus und Faschismus haben aber eine gemeinsame Wurzel: Den sogenannten Sozialdarwinismus.
Und ob wir am Anfang einer revolutionären Bewegung stehen, bleibt abzuwarten. Es kommt immer darauf an wieviel Menschen dazu bewegt werden können.
In den USA, indem schon seit Jarhzenten Menschen ins Elend regiert werden, gibt es eine solche Bewegung nicht, jedenfalls nicht im großen Stil.
Weder bin ich da allzu optimistisch, was eine neue Bewegung angeht, noch glaube ich daran, dass eine neue Bewegung alleine schon etwas grundsätzliches bewirken würde.
Da muss mehr kommen. Darüber können wir gerne diskutieren.

Gruß usa

von usa - am 18.12.2003 13:37
@ USA
Ich setze Neoliberalismus nicht mit Faschismus gleich. Ich habe es nur ein wenig provokant und überspitzt formuliert. Der totalitäre Charakter, z. B. von Stalinismus oder Faschismus (ich verweise auf die Studien von Hannah Arendt u. von den Rätekommunisten Otto Rühle) ist im Neoliberalismus nicht vorhanden. Der Neoliberalismus möchte ja so wenig Staat wie möglich, so jedenfalls einer seiner Heilsverkünder Milton Friedman. Sozialdarwinismus trifft schon eher den Kern, da hast Du vollkommen recht. Allerdings sollten wir über den Tellerrand hinwegsehen. Im Mutterland des Neoliberalismus sind die autoritären Tendenzen und der demokratische Abbau voll im Gange. Mit Fug und Recht kann man dort von einer Faschistoiserung der US-Gesellschaft sprechen. Zum Beispiel: Die CIA wurde mit der Befugnis zu Attentaten und politischen Morden ausgestattet. Patriot Act und Homeland Security Act schränkten demokratische Rechte ein (Brief- und Telefongeheimnis, Verteidigungsrechte, Freiheit der Person). Zugleich wurde mit der Homeland Security Agency eine riesige Überwachungsbehörde geschaffen. Kritiker sehen darin eine Weichenstellung zur „Militarisierung der Innenpolitik, zu aufgeblähten StaSi-Behörden und zivilen Blockwart- und Spitzelsystemen“.

In den USA wird mittlerweile von „totalitärer Demokratie“ oder auch davon gesprochen, daß die „Grenzen zwischen einer Demokratie und einer Diktatur zerfließen. Arundhati Roy, indische Schriftstellerin und Friedensaktivistin, beklagt: „Empörendes und Schändliches wird im Namen der Demokratie verübt.“ (Süddeutsche Zeitung, 28./29. 5. 03) Sie spricht von „Demokratie unter Belagerung“ und weist darauf hin, daß in den USA Medienkonzerne (der Konzern Clear Chanell mit 1 200 Kanälen und neun Prozent Marktanteil) Demonstrationen gegen die Friedensbewegung organisieren, über die sie dann als „überraschende Neuigkeiten“ berichten. Kurt Pätzold schrieb in der jungen Welt (11. März 2003): „Bush muß kein Braunhemd übergezogen werden“, aber die Außenpolitik der Bush-Administration mache deutlich, daß die Verwandtschaft des US-Präsidenten »mit dem gewesenen deutschen Führer« eine »Geistes-« und auch eine “Klassenverwandtschaft“ ist. Und in der Friedensbewegung geht die Frage um, ob die Vorbereitung und Führung immer neuer Kriege seitens des US-Imperialismus mit dem Weiterbestehen demokratischer Institutionen und Rechte noch vereinbar ist. Das sind Zeichen einer besorgniserregenden Entwicklung.
Fazit: Die Konzernherrschaft bei uns hat es noch nicht nötig nackte Gewalt anzuwenden. Aber der auch bei uns stattfindende schleichende Demokratieabbau sollte uns schon Sorge bereiten.

Die totale Herrschaft – oder was ist Totalitarismus?!?!?!
[edv-journalist.de] =>Hannah Arendt
Gruß: Poetter

von Poetter - am 18.12.2003 15:19
Poetter schrieb:

Zitat

Ich setze Neoliberalismus nicht mit Faschismus gleich. Ich
habe es nur ein wenig provokant und überspitzt formuliert.
Der totalitäre Charakter, z. B. von Stalinismus oder
Faschismus (ich verweise auf die Studien von Hannah Arendt
u. von den Rätekommunisten Otto Rühle) ist im Neoliberalismus
nicht vorhanden. Der Neoliberalismus möchte ja so wenig Staat
wie möglich, so jedenfalls einer seiner Heilsverkünder
Milton Friedman. Sozialdarwinismus trifft schon eher den
Kern, da hast Du vollkommen recht.


Man kann schon in gewisser Weise von einem totalitären Charakter des Neoliberalismus sprechen. Robert Kurz spricht z. B. vom totalitären Markt.
Sozialdarwinismus: Ich möchte nochmal erwähnen, dass ich diesen Begriff wegen der besseren Verständlichkeit benutze.
Es gibt eigentlich gar keinen Sozialdarwinismus, denn Darwin hat nie eine Theorie aufgestellt, nachdem der Stärkere immer Recht hat.

Zitat

Allerdings sollten wir
über den Tellerrand hinwegsehen. Im Mutterland des
Neoliberalismus sind die autoritären Tendenzen und der
demokratische Abbau voll im Gange. Mit Fug und Recht kann man
dort von einer Faschistoiserung der US-Gesellschaft sprechen.
Zum Beispiel: Die CIA wurde mit der Befugnis zu Attentaten
und politischen Morden ausgestattet. Patriot Act und Homeland
Security Act schränkten demokratische Rechte ein (Brief- und
Telefongeheimnis, Verteidigungsrechte, Freiheit der Person).
Zugleich wurde mit der Homeland Security Agency eine riesige
Überwachungsbehörde geschaffen. Kritiker sehen darin eine
Weichenstellung zur „Militarisierung der Innenpolitik, zu
aufgeblähten StaSi-Behörden und zivilen Blockwart- und
Spitzelsystemen“.


Den Begriff der "Faschistoisierung" halte ich für abwegig. Denn Faschismus ist mehr als Mord und Krieg. Bush und Co. treten ja nicht für eine Stigmatisierung der Juden ein, noch nicht mal für die Stigmatisierung einer anderen ethnischen Gruppe. Dass in den USA und auch in anderen westlichen Ländern wie dem unseren die Demokratie abgebaut wird, ist richtig. Aber das ist kein Faschismus, es gibt sehr wohl gewisse Überschneidungen.

Zitat

Kurt Pätzold schrieb
in der jungen Welt (11. März 2003): „Bush muß kein Braunhemd
übergezogen werden“, aber die Außenpolitik der
Bush-Administration mache deutlich, daß die Verwandtschaft
des US-Präsidenten »mit dem gewesenen deutschen Führer« eine
»Geistes-« und auch eine “Klassenverwandtschaft“ ist
.

Ich schätze die Junge Welt der klaren Sprache wegen. Aber der Kommentar von Pätzold ist Unsinn, verharmlost Hitler und ist ein Bärendienst an alle Bush-Kritiker.

Zitat

Fazit: Die Konzernherrschaft bei uns hat es noch nicht
nötig nackte Gewalt anzuwenden. Aber der auch bei uns
stattfindende schleichende Demokratieabbau sollte uns schon
Sorge bereiten.


Dem Fazit kann ich mich anschließen.

Gruß usa

von usa - am 18.12.2003 15:42
hallo usa,

kein "faschismus", das sehe ich auch so. die "faschisierungs"-these der 70'er hatte vielleicht sogar noch ein wenig mehr für sich, und war doch ebenso grundfalsch.

zu dem pätzold-zitat:
Zitat

»mit dem gewesenen deutschen Führer« eine
»Geistes-« und auch eine “Klassenverwandtschaft“...
ach, gehört georgie etwa auch zum lumpenproletariat? ;-)

gruß - neil


p.s.: ich schätze die "junge welt" eher weniger, vor allem wegen der beiträge des immer wieder mal ins antisemitische abdriftenden autors werner pirker.



von ex nihilo - am 18.12.2003 18:38
frajo schrieb:

Zitat

Poetter, bekennender Rätedemokrat, somit Antileninist und
Trotzkismus und Stalinismus ablehnt!

erstmal willkommen hier, in diesem entlegenen winkel des
internets :-)
einen bekennenden rätedemokraten haben wir hier noch nicht
(soweit ich sehe);


frajo, was ist los? Karl verwendet, wie er kürzlich schrieb.

"den Begriff "Rätedemokratie"
a) im Unterschied zur sozialistischen Parteidiktatur gemäss Lenin und
b) als Gegensatz zur Diktatur des Kapitals (- und seiner verschiedenen Formen:
Parlamentarismus, Militärdiktatur oder Faschismus -)"

Und weißt du nicht von seiner Erkenntnis, dass Demokratie "stets
Aneignungsprozese, Vergesellschaftung der Mittel, Kontrolle der Regierenden
durch Räte (- Sowjets! -) und vieles mehr!" bedeutet?

Kurz, und um noch einmal Karl zu zitieren:
"Das Volk ist die Sowjets. Idiot!".

von MoonRa - am 18.12.2003 18:44
ex nihilo schrieb:

Zitat

p.s.: ich schätze die "junge welt" eher weniger, vor
allem wegen der beiträge des immer wieder mal ins
antisemitische abdriftenden autors werner pirker.


Den Streit, ob Pirker tatsächlich Antisemit ist oder nicht, heben wir uns bis nach Weihnachten auf. Wegen Frieden und so.

Aber es gibt Schlimmeres in der JW!
Dies abartige Vergötterung von Borussia Dortmund. Immer und immer wieder. Einfach krankhaft!
:mad: :mad:

Gruß uwe

von uwe - am 18.12.2003 20:31
MoonRa schrieb:

Zitat

frajo schrieb:


Poetter, bekennender Rätedemokrat, somit Antileninist und
Trotzkismus und Stalinismus ablehnt!

erstmal willkommen hier, in diesem entlegenen winkel des
internets :-)
einen bekennenden rätedemokraten haben wir hier noch nicht
(soweit ich sehe);


frajo, was ist los? Karl verwendet, wie er kürzlich schrieb.

"den Begriff "Rätedemokratie"
a) im Unterschied zur sozialistischen Parteidiktatur gemäss
Lenin und
b) als Gegensatz zur Diktatur des Kapitals (- und seiner
verschiedenen Formen:
Parlamentarismus, Militärdiktatur oder Faschismus -)"

Und weißt du nicht von seiner Erkenntnis, dass Demokratie
"stets
Aneignungsprozese, Vergesellschaftung der Mittel, Kontrolle
der Regierenden
durch Räte (- Sowjets! -) und vieles mehr!" bedeutet?

Kurz, und um noch einmal Karl zu zitieren:
"Das Volk ist die Sowjets. Idiot!".

tja, vielleicht habe ich nicht weit genug gesehen.
aber ich tue mich immer schwer mit dem etikettieren.
poetter ist mit seinem offenen bekenntnis die ausnahme.

von frajo - am 18.12.2003 20:37
uwe schrieb:

Zitat

Aber es gibt Schlimmeres in der JW!
Dies abartige Vergötterung von Borussia Dortmund. Immer und
immer wieder. Einfach krankhaft!
:mad: :mad:

:eek: ist das jetzt eine fußball-zeitschrift? :eek:

von frajo - am 18.12.2003 20:43

studien-räte-republik?

studien-räte-republik?, die haben wir doch schon, die kann also nicht gemeint sein.

räte finde ich ansonsten auch bedenkenswert, sie müssen ja nicht unbedingt sowjets oder basisgruppen heißen....

vielleicht durchblicke ich das ganze wegen der vorgerückten stunde auch nicht richtig!

toto

von derwahretoto - am 18.12.2003 20:45

wenn es gegen den bvb geht, dann hört der spaß auf!

wollt ihr etwa den forumsfrieden riskieren?

lasst uns über etwas weniger ernstes als fußball unterhalten!

toto

von derwahretoto - am 18.12.2003 20:48
USA schrieb:
Den Begriff der "Faschistoisierung" halte ich für abwegig. Denn Faschismus ist mehr als Mord und Krieg. Bush und Co. treten ja nicht für eine Stigmatisierung der Juden ein, noch nicht mal für die Stigmatisierung einer anderen ethnischen Gruppe. Dass in den USA und auch in anderen westlichen Ländern wie dem unseren die Demokratie abgebaut wird, ist richtig. Aber das ist kein Faschismus, es gibt sehr wohl gewisse Überschneidungen.


von Poetter - am 18.12.2003 20:51

Re: der Neoliberalismus...

hallo poetter,

die frage ist aber doch (nicht, daß ich sie beantworten könnte), wie solche verhältnisse fundamental überwunden werden. die frage ob räte oder avantgarde-partei scheint mir da die politische ebene zu isolieren.

m.a.w.: was ist mit der sozialen revolution? auch wenn die arbeiter die fabrik führen, die direktoren wählen etc.: was sollen sie tun, in welche richtung kann und soll die reise gehn?

gruß - neil



von ex nihilo - am 18.12.2003 20:58

Poettter hätte natürlich

was Ernsthafteres als mein abseitiges Geschwätz verdient.
Sorry.
Aber irgendwie zum Jahresende fehlt es diesmal an Strom. Zuviel Energie in lästige Erwerbsarbeit investiert, zuwenig gelebt, nur Geld verdient.

Obwohl das schon wieder was mit dem Thema zu tun hat.....

von uwe - am 18.12.2003 20:58

p.s. (faschismus)

den nationalsozialismus vom faschismus zu unterscheiden ist sicher notwendig und wichtig. dann sehe ich aber auch die nazi-gefahren weniger von "oben" her kommen als auf der ganzen breite des kulturellen "diskurses", über ethnien, völker-befreiung usw., verbunden mit den einschlägigenprojektionen auf die üblichen verdächtigen: "die hochfinanz", "die ostküste" usw. usf.

nur der faschismus: trifft das denn wirklich die entdemokratisierungs- und meinetwegen auch polizeistaats-tendenzen? faschismus lief doch wohl auf eine andere form verfaßter gesellschaft hinaus, neu-ständisch und modernistisch (bis futuristisch); hat also eher einen avantgarde-charakter und also auch einen eigenen hintergrund für seine verbrechen.

beides wäre aber wohl als totalitär zu bezeichnen (obschon man insbesondere über italien wohl noch etwas mehr wissen müßte); was uns aber ins haus steht, ist eher autoritär, oder? allerdings: wenn noch verzichts-ideologie (nicht nur herzog und rau, sondern etwa helmut schmidt usw.) hinzukommt, dann kommen diese grenzen langsam ins schwimmen.

also nochmal von vorn: vielleicht gibt es solche tendenzen doch in gewissen maße, gerade in einer bestimmten umkehrung des neo-liberalismus. aber dann doch wohl eher "bei uns" als in den usa, oder?

ich sehe dort (soweit hier wahrnehmbar, etwa nyt oder auch cnn) nirgendwo einen derartigen durchmarsch von sprachregelungen und betrügerischen konzepten; m.a.w.: ansätze eines totalitären zugriffes...



von ex nihilo - am 18.12.2003 21:08
Poetter schrieb:

Zitat

In meinen Augen ist selbst
Trotzki (...siehe Kronstadt) ein verhinderter Stalinist.

gegen diesen vorwurf kann er sich nicht mehr wehren.
immerhin ist herr bronstein fragen nach der niederschlagung der kronstädter erhebung nie ausgewichen und hat in mexiko ausführlich seine begründung dargelegt.
ihm wird ja mit dem kronstadt-vorwurf oft versucht, ein terroristisches image anzuhängen. das halte ich für unangebracht. die aufständischen matrosen waren nach darlegung bronsteins im vergleich zur stadtbevölkerung privilegiert.

aber ich identifiziere mich nicht mit dieser darstellung; ich möchte nur nicht, daß allzu einseitig beurteilt wird.

Zitat

Antileninisten lehnen Personenkults - egal wie
auch immer radikal ab. Wir brauchen keine neuen Götzen, denn
wir haben schon genug elendige Götzen und Götzenanbeter.

das war auch den trotzkisten ein bedürfnis.

Zitat

Moderne
Industriegesellschaften auf demokratische Rätebasis zu
organisieren, ist sicherlich ein unglaublich schwieriger Akt,
aber nichts ist unmöglich.


ein übergang von der jetzigen situation wäre m.e. unglaublich schwierig,
nicht jedoch der laufende betrieb. er wäre im rätesystem einfacher als jetzt.
u.a. weil die ganzen heimlichtuereien, verschleierungen, täuschungen zwischen "oben" und "unten" entfallen: weil es kein herkömmliches oben-unten-gefälle mehr gibt.

Zitat

Wenn nun einige von Euch - ich
denke da an die Vertreter des wissenschaftlichen
Marxismus,
mich als Utopisten bezeichnen, so sollten sich
diese mal selber an die eigene Nase fassen. Es gibt viele
brauchbare und analytische hoch bedeutsame Teile im
Marxismus, die noch heute Gültigkeit haben, aber das
papageienhafte Nachplappern dieser Ideologie ist nicht mein
Ding.

dann liegst du in diesem forum richtig.
hier wird zwar u.a. auch unsinn verzapft, aber es ist zumindest kein nachgeplapperter :D

von frajo - am 18.12.2003 21:59

tazdiss-proleten vereinigt euch mit den taz-diss bürgern!

lieber Poetter,

herzlich willkommen im tazdiss-forum!

du bereicherst unser forum!

die räte-diskussion verspricht spannend zu werden.

Poetter schrieb:

Zitat

[/u] Ich möchte nun mal den Rätegedanken kurz skizzieren: Räte sind flexibel, Parteien starr. Räte garantieren die größtmögliche Nähe zur Basis, Parteien vertrauen ihrem Apparat. Räte minimieren Hierarchie, Parteien sind auf Hierarchie ausgelegt. Räte delegieren Funktionen, Parteien delegieren Macht. Räte leben von der Diskussion, Parteien von der Anordnung. Räte vernetzen sich dezentral, Parteien sind Zentralen.


ich würde etwas vorsichtiger formulieren, z.b.: räte könnten flexibler sein, die parteien sind erstarrt. räte könnten eine größere Nähe zur basis herstellen, parteien sind basisferne apparate usw....

wir brauchen räte, direkte formen der demokratischen teilhabe und einflussnahme, das alles ist möglich, nur nicht gewollt.
allerdings bin ich davon überzeugt, dass wir auch möglichst flache hierarchien brauchen, entscheidend ist, dass diese sich tatsächlich legitimieren müssen, z.b. dadurch, dass die machthaberInnen auch zu tatsächlichen verantwortungsübernehmerInnen werden. genug der utopie zu später stunde.

freiheit will gut organisiert sein! ob die räte allein dafür sorgen, daran zweifle ich, ich denke wir bräuchten mischformen.

Poetter schrieb:

Zitat

Gruß Poetter, der sich demnächst bei einem Sklavenhändler – dank unserer ja so tollen Gewerkschaftsfritzen - weit unter seinen Preis verkaufen muß. D. h. ich bin wirklich noch Proletarier und komme wirklich von unten!


ich kam von unten und bin jetzt in der unteren mitte angelangt, ohne meine herkunft zu vergessen oder gar zu verleugnen.

hier gibt es außer uns beiden noch ein paar andere bekennende proleten!

schöne grüße

toto

von derwahretoto - am 18.12.2003 22:10

Hi Poetter

Willkommen im Forum.

Dein Syndikalismus ist mir nicht unsympathisch (insofern Du die Vorstellung kritisierst, der "richtige" Staat würde es schon machen und notfalls sogar sein eigenes Absterben managen). Erscheint mir aber etwas idealistisch - natürlich kannst Du Dir, sozusagen am Reißbrett, Räte zurechtbasteln, die genau so sind, wie Du es möchtest. Die Frage ist aber schon, wie die wirklichen Menschen (von heute und von morgen) agieren können und wollen. Da halte ichs schon mit Marx: Der Kommunismus ist (wenn überhaupt etwas) die wirkliche Bewegung (z.Z. nicht vorhandne, ok), nicht eine "im Grunde gute Idee" oder ein "besseres System". Und natürlich bleibt Neils Frage: Ist die Herrschaft im Betrieb gebrochen, so ist noch längst nicht klar, wo die Gesellschaft hingeht.

Da gibts viel Möglichkeit und Raum zur Diskussion. Ich glaubs Dir übrigens auch ohne dass Du ständig beteuerst, Du seist ein echter Proletarier.

Gruß Frank

von Frank S - am 19.12.2003 08:18
Der Faschismus ist eine verbrecherische Ideologie per se. Damit unterscheidet er sich von fast allen anderen Ideologien. Dass muss nicht bis zum Holocaust führen, kann es aber.
Was Stalin und Pol Pot angeht: In Sachen Menschenverachtung waren sie durchaus Hitler ähnlich. Aber deswegen waren Stalin und Pol Pot keine Faschisten.
Stalin hatte, meines Erachtens überhaupt keine Überzeugung, Pol Pot vertrat eine andere Ideologie.
Zum Schluß: Meiner festen Überzeugung nach kann es innerhalb dieses Systems langfristig keine Lösung geben.
Wir müssen die Marktwirtschaft überwinden.
Aber: Mit Begriffen wie Leninismus, Antileninismus oder auch Rätedemokratie herum zu werfen, bringt uns alleine nicht weiter. Wesentlich wichtiger wäre Lösungen aufzuzeigen, die verifizierbar und damit diskutabel sind. Es gibt kein Konzept das uns ins Paradies führt, es gibt nur Konzepte die einen Ausweg aus diesem gescheiterten Gesellschaftssystem weisen. Diese Konzepte sollten nicht in sich geschlossen, sondern flexibel sein.

Gruß usa

von usa - am 19.12.2003 08:47
Leninismus – Stalinismus – Trotzkismus – das TRIO der doktrinären Partei- und Staatsfetischisten installierte eine despotische Diktatur über das Proletariat.

Ich wundere mich immer wieder über die Partei- und Staatsfixiertheit bei Leninisten. Aber auch Trotzki hat sich davon nicht lösen können, im Gegenteil, er betonte zwar, daß der proletarische Staat im Interesse der werktätigen Massen handeln müsse, das schließt das Element des Zwanges in allen seinen Spielarten nicht aus. Trotzki=> Der Arbeiterstaat hält sich für berechtigt, jeden Arbeiter auf den Platz zu stellen, wo seine Arbeit notwendig ist. Trotzki meint „Der im Bau begriffenen sozialistische Staat braucht die Gewerkschaften nicht zum Kampf um bessere Arbeitsbedingungen – das ist die Aufgabe der gesamten gesellschaftlichen und staatlichen Organisationen -, sondern die Arbeiterklasse zu Produktionszwecken zu organisieren , zu erziehen, zu disziplinieren, zu verteilen, zu gruppieren, die einzelnen Gruppen und die einzelnen Arbeiter für bestimmte Zeit an ihren Posten festzulegen usw.. Kurz, der Weg zum Sozialismus (führt) über die höchste Anpassung der Staatsorganisation...So nimmt...der Staat, bevor er verschwindet, die Form der Diktatur des Proletariats an, d. h. des schonungslosesten Staates, der das Leben der Bürger von allen Seiten erfaßt.

@frajo
Auch ein Stalin hätte es nicht besser formulieren können. Folglich ist er in meinen Augen ein verkappter Stalinist! Unumschränkte Herrschaft über alle Seiten der Bürger, keine freie Wahl des Arbeitsplatzes, der Arbeiter quasi als freiverfügbare Masse, der unter der universalen Kontrolle des „proletarischen“ Staatspartei steht, schutzlos, weil ja jede Organisation die nicht im Sinne des ach so „revolutionären Staates“ ist, verboten ist. Entlarvender kann man wohl kaum noch argumentieren!!?!!! Diese Anschauung vertrat auch Stalin und wer den Archipel Gulag noch nicht gelesen hat, der sollte es schleunigst tun, denn Alexander Solschenizyn hat recht ausführlich das Terrorsystem geschildert!!! Fazit: Das versteht also Herr Trotzki unter Arbeiterfreiheit. Auf so ein autoritäres System kann ich liebend gerne verzichten! Dazu sage ich nur: Nein Danke!!!
>>>>>>>>
@USA
Gut, ich möchte auch die neoliberale Marktwirtschaft überwinden, allerdings möchte ich schon wissen wohin die Reise geht! Wer die Vergangenheit nicht kennt, der wird gemachte die Fehler wiederholen. Wenn ich für eine gerechtere Gesellschaft kämpfe - und das wollen wir ja alle - dann will ich wenigstens Wissen, wofür ich kämpfe. Und da kann ich nicht einfach die Augen vor der Vergangenheit schließen. Und ich finde es schon verdammt wichtig, die gravierenden Unterschiede von, einerseits despotische Charakter einer Parteidiktatur, und anderseits die Prinzipien eines demokratische Rätesystem gegenüber zustellen. Wenn wir in EU-Raum Verhältnisse wie in Argentinien bekommen, dann spätestens steht die Organisationsfrage auf der Agenda der proletarisierten Massen. Und glaube nicht einer, daß solche Verhältnisse bei uns von vorneherein ausgeschlossen seien. Angesichts der Staatsverschuldung und der zunehmenden Krisenanfälligkeit des globalisierten Kapitalismus, kann alles viel schneller kommen, als wir uns das jetzt noch vorstellen können. Ich war auf der Demo 1. November in Berlin, immerhin sind zu dieser Demo gegen Sozialabbau 100.000 Menschen erschienen. Der revolutionäre Schwarz/Rote-Block (Anarchosozialisten, marxistische Räte-Syndikalisten und parteiunabhängige Kommunisten) zählte 1000 Personen. Die Stimmung in unserem Block war ausgezeichnet. Die Bullerei lief zeitweise Spalier. Außer kleinen Frozzeleien verlief alles recht friedlich ab. 1000 Personen sind bestimmt nicht viel, aber wir können uns auch ganz schnell vermehren!

Im Bus (Fahrt nach Berlin) saß ich neben einer Gruppe MLPDler, und diese Arbeiter verteidigten die Schandtaten Stalins. Sie meinten, „daß die Kollektivierung der russischen Landwirtschaft ein großer Erfolg sei“. Meine Argumente dagegen wurden als “kleinbürgerliches Geschwätz“ abgekanzelt. Kurzum, es hatte kein Zweck gegen diese geballte Übermacht an Ignoranz und Intoleranz zu argumentieren. Was will ich damit sagen? Es ist leider so, daß viele die Wesensverwandtschaft von Faschismus und Bolschewismus/Stalinismus einfach nicht wahrhaben möchten. Aber wir sehen das ja auch schon hier, daß stalinistische Gulag-Terrorsystem wird einfach bagatellisiert. Der renommierte Marxist Karl Korsch bezeichnete den sowjetischen Staat als totalitäres konterrevolutionäres System, daß er ein staatsmonopolistischer Kapitalismus sei, daß bloß in einem verbalen Zusammenhang mit dem Marxismus steht und eher dem faschistischen Totalitarismus verwandt ist als der Diktatur des Proletariats im Sinne Marx.

Gehen wir mal wieder in die Geschichte zurück. Die Losung "Alle Macht den Sowjets", die den Bolschewiki half, die Macht zu erringen, war pure Heuchelei. Bei der Rechtfertigung der bolschewistischen Reaktion gegen die Arbeiterräte muß oft der Bürgerkrieg von 1918-1920 herhalten. Nach dem Motto: Im Krieg kann es keine Demokratie geben. Doch dieses Argument hält der Kritik nicht stand. Denn die bürokratische Konterrevolution der Leninisten - die Rolle Trotzkis ist nicht zu unterschätzen - begann vor dem Bürgerkrieg. Bereits im November 1917 wurden die ersten Sowjets per Dekret von den Bolschewiki aufgelöst (so zum Beispiel am 9. November 1917 die Sowjets im Volkskommissariat des Post- und Telegrafendienstes).Trotzki, der Organisator der Roten Armee, hat nicht nur den Aufstand von Kronstadt blutig nieder geschlagen, sondern die Machno-Bewegung abgeschlachtet. Diese angeblichen Konterrevolutionäre kämpften zäh und verbissen gegen „Die Weißen“. Für Trotzki und Konsorten waren es einfach Konterrevolutionäre. Ich könnte noch nach viele Beispiele bringen, von den stalinistischen Schweinereien in Spanien ganz zu schweigen.

Ich möchte aber mein Augenmerk nicht zu sehr auf die Arbeiterverräter, sondern vielmehr auf die wahren marxistischen undogmatischen Revolutionäre richten, die leider nicht so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnten und die aber von der proletarischen Basis aus ihre Theorien artikulierten.
Jede Menge an Informationen über die revolutionäre Rätebewegung findet
ihr =>[www.left-dis.nl]/
Otto Rühle schrieb über den Charakter der Partei folgendes:

...und das sollten sich hier einige Teilnehmer mal genau durchlesen!
Die Partei funktionierte nur mit Hilfe einer Bürokratie. Ihr ganzer Apparat ist nach dem Vorbild des bürgerlichen Staates aufgebaut, autoritär-zentralistisch, von oben nach unten wirkend, mit der typischen Scheidung der Mitgliedschaft in zwei Klassen. Initiative, Befehlsgewalt und Rangüberlegenheit ist ausschließlich bei den Führern. Die Massen haben Befehle abzuwarten und entgegenzunehmen, nach Kommando einzuschwenken und zu manövrieren, das knet- und formbare Material in den Händen ihrer Führer zu bilden. Sie empfangen fertige Parolen, lesen ihre von der Führung geschriebene Zeitung, befolgen die von oben inaugurierten Beschlüsse, glauben an die von Parteipriestern ausgelegte Wahrheit ihrer heiligen Schrift. So ist die Partei weltanschauliche Kirche und politischer Militarismus in einem, und wie diese zugleich Abbild des bürgerlichen Staatsapparats, in dem sich die technisch-organisatorische Vollendung des Bürokratismus manifestiert. Indem die Bolschewisten sich als Partei organisierten, brachten sie zum Ausdruck, daß sie sich der bürgerlich reaktionären Konstitution dieser Organisationsform nicht bewußt waren. Und indem sie die Partei zum Funktionsorgan des Staatsapparats machten, verschafften sie dem autoritären Klassenprinzip wieder Eingang in die staatliche Machtausübung und Machtrepräsentation. Die Partei wurde zur Klippe, an der ihre sozialistischen Absichten scheiterten.

Rühle hat hier den bürgerlichen Charakter einer Partei schonungslos offen gelegt. . Neben den holländischen Rätekommunisten, halte ich Paul Mattick, Karl Korsch aber auch Rosa Luxemburg für interessant.
.
Leider ist Rosa Luxemburg schon im Januar 1919 zus. mit Liebknecht ermordet worden, denn sie kritisierte schon recht früh den Charakter der dt. Sozialdemokratie. L. kritisierte auch den Bürokratismus, die strategische Unelastizität und den Hang zum Führertum. Dennoch war sie Parteimensch, aber das war Korsch auch und K. wurde aufgrund der Ereignisse in Rußland zwar spät, aber immerhin zum Kritiker des Leninismus.
Kommen wir aber jetzt auf Rühle zurück.
Quelle: Brauner und roter Faschismus =>
Abschnitt => Zurück zu Autorität
Webseite: [ul]http://kurasje.tripod.com/arkiv/8300t.htm[/url]
Lenin schrieb die Broschüre: „Der Radikalismus, die Kinderkrankheit des Kommunismus“, mit dem Untertitel „Versuch einer populären Darstellung der marxistischen Strategie und Taktik“, der später fortfiel, wohl weil man sich des unlauteren Bluffs schämte. Denn die Berufung auf Marx war nichts als Bluff.
...siehe auch die Broschüre von den holländischen Rätekommunisten Herman Gorter
Quelle: [www.left-dis.nl]
Rühle Antwort war klar und eindeutig!
Die Broschüre Lenins war eine polemische Schrift, voller Gift und Galle, aggressiv, grob, von Verdrehungen, Verdächtigungen und Fälschungen strotzend, gehässig und verfolgungssüchtig wie eine päpstliche Bannbulle, ein wahres Herrenfressen für jeden Konterrevolutionär. Aber doch zugleich unter allen bolschewistischen Programmschriften diejenige, die das Wesen des Bolschewismus am schonungslosesten enthüllt, am reinsten darstellt. Der Bolschewismus ganz ohne Maske! Als Hitler in Deutschland 1933 die gesamte sozialistische und kommunistische Literatur unterdrückte, war diese Schrift die einzige, deren Weitererscheinen er gestattete. Er wußte, warum.
Dieser bemerkenswerte Sachverhalt sollte uns doch alle zu Denken geben!!!

Rühle=> Eine verblüffende Übereinstimmung in den Grundanlagen der Systeme - in der Machtdoktrin, dem Autoritätsprinzip, dem Diktaturapparat, der Gleichschaltungsdynamik, den Gewaltmethoden. Es wird von alledem noch ausführlicher die Rede sein.
Ich habe die Wesenszüge des Faschismus kurz zu skizziert und hatte auf die Wesensverwandtschaft mit den Bolschewismus/Stalinismus hingewiesen.
Otto Rühle schrieb =>

Der deutsche Faschismus hätte seine Entwicklung zu einem totalitären, diktatorischen und terroristischen-bürokratischen Einparteisystem nicht so rasch, reibungslos und so erfolgreich durchlaufen und seinen Staat nicht zu einem Machtapparat von solcher Geschlossenheit,
Präzision und Unwiderstehlichkeit ausbauen können, hätte er nicht den russischen Bolschewismus vorgefunden und als Modell benutzt. Hitler wurde Lenins und Stalins bester Schüler. Zweifellos harter Tobak, aber har er nicht seine Berechtigung?1?

Nach dem Vorbilde des' bolschewistischen Staates formte und konstruierte er den faschistischen Staat als sein Ebenbild..

Da wie dort autoritäre Macht in ihrer extremsten Zuspitzung als persönliche Diktatur.

Da wie dort auf der Basls des Einparteisystems eine Bürokratie, die automatisch zur herrschenden Staatsbürokratie wird.

Da wie dort die administrative Funktion als mechanische Reaktion des Gehorsams auf die dekretorische Aktion des Befehls.

Da wie dort restlose Vernichtung der subjektiven und individuellen Initiative als schöpferischen Elements.

Da wie dort die militante, auf Überlegenheit einerseits und Unterwerfung anderseits ausgehende Machtpolitik.

Da wie dort die Vertrustung und Monopolisierung der Wirtschaftsmacht in wenigen Händen, die Disposition über den Arbeitsertrag durch den Staat und die schrankenlose Ausbeutung der versklavten Arbeitermassen.

Da wie dort die totalitäre Gleichschaltung auf allen Gebieten des sozialen, kulturellen, ideologischen und persönlichen Lebens.

Da wie dort die technisch erzielte Konformität und gewaltsam erzwungene Uniformität der menschlichen Haltung, der ödeste Schablonismus als Erscheinungsform des totalisierten menschlichen Wesens. So bleibt der Unterschied in der Ideologie, der Gegensatz der weltanschaulichen und programmatischen Orientierung

Vom Standpunkt des Staatsbürgers gesehen, bedeutet das Diktatur-Regime den Verlust aller staatsbürgerlichen Freiheiten und Rechte, den unbedingten Verzicht auf eigenen politischen Willen, die Unterwerfung unter ein System schrankenloser Autorität, das Risiko strengster Strafen und das Opfer der Preisgabe aller individuellen Persönlichkeitswerte, aller menschlichen Eigengeltung und Würde.

Nicht etwa erst Stalin hat den Sozialismus pervertiert, schon Lenin hat sich zu Unrecht auf das Erbe der europäischen Kultur, die Aufklärung und die Zivilisation berufen. Nach dem Staatsstreich der Bolschewiki war das erste, was Lenin abschaffte, die Freiheit, die Menschenrechte und die Demokratie. Darauf waren die Kommunisten überall in der Welt immer besonders stolz. Dies war kein Praxisfehler oder ein Versagen einzelner beim Aufbau staatsfixierter Kommandowirtschaftssysteme, aber menschenfeindliche geistige Grundlagen sind die Basis der totalitären Großverbrechen dieses Jahrhunderts gewesen, so der marxistische Rätekommunist Otto Rühle.

Ich stimme Rühles Analyse zu und habe keine Lust noch irgendeine bürokratische, despotische Kommandowirtschaft mitzumachen. Ich sage wer Antifaschismus will, muß auch konsequenterweise Antistalinismus/Antileninismus wollen, sonst wird er total unglaubwürdig.

Der Marxist und Rätekommunist Otto Rühle hat die Illustrierte Kultur- und Sittengeschichte des Proletariats geschrieben. Es ist ein sehr umfangreiches Werk in zwei Bänden (über 1000 Seiten stark) und einer der besten Analysen über die proletarischen Klassenverhältnisse.

Die totale Herrschaft – oder was ist Totalitarismus?!?!?!
[edv-journalist.de] =>Hannah Arendt

. Gruß Poetter, der leider jetzt nicht auf alle Fragen eingehen kann!


von Poetter - am 19.12.2003 14:42
Hallo Poetter,

so einiges gefällt mir an Deinen Gedankengängen. Ich versuch es mal auf den Punkt zu bringen (bitte korrigiere mich, falls ich was falsch verstanden habe).

Du kritisierst in erster Linie nicht das marktwirtschaftliche System, sondern dessen (systemimmanenten?) Zwang dem Individuum gegenüber; also den Zwang, in Deinem konkreten Beispiel, über Deinen Marktwert nicht mitbestimmen zu können.

Einen vergleichbaren Zwang siehst Du gleichfalls in (staats)kommunistischen, wie auch faschistischen System. Zudem kritisierst Du (sehr zu recht!) die de facto Inhumanität bestehender / gewesener kommunistischer Systeme.

Bis zu diesem Punkt gehen wir durchaus konform; außer bei der Marktwertermittlung der Arbeitskraft.

Du siehst Handlungsalternativen durch Austausch der Führung; also Vergesellschaftung von Anlage- und Produktionsvermögen sowie deren Steuerung durch Räte. Damit liegst Du ziemlich auf Karls Linie.

Frage: wie sollen sich diese Räte legitimieren? Und wie wäre, aus Deiner Sicht, das Problem der immer noch notwendigen Weisungen im Produktionsprozeß zu lösen?

Übrigens: ich komme auch aus einer Arbeiterfamilie; würde mich allerdings derzeit nicht als Proletarier im eigentlichen Sinne bezeichnen, obwohl ich außer meiner Arbeitskraft auch nichts zu verkaufen habe.

Gruß, patric

von patric k - am 19.12.2003 14:58
Nun mal langsam. Die Marktwirtschaft muss schon an sich überwunden werden, eine Überwindung nur des Neoliberalimus wäre nicht von Dauer.
Selbstverständlich müssen wir uns der Vergangenheit stellen. Aber doch nicht in dem man eine vorgefaßte Ideologie vertritt. Selbst wenn Du eine feste Absicht im Auge hast, wirst Du nie wissen wohin die Reise geht. Wenn man das vorher wissen möchte, gibt man sich einer Illusion hin. Trotzdem müssen wir zu der Reise aufbrechen und sie mitgestalten.
Selbst wenn Du nichts tust und alles weiterlaufen lässt, weißt Du nicht wohin die Reise geht.
Es lässt sich nur vermuten: Die große Masse der Menschen wird in Arbeitsverhältnissen gesteckt, die in etwa so aussehen: Mangelhafte Bezahlung, willkürliche Arbeitszeiten, ohne Freiheit...
Über die Auswirkungen auf die internationale Lage (Frieden/Krieg) müssen wir uns ebenfalls Gedanken machen. Und mit einem Fortsetzen des Systems würde sich die Menschheit aus ökologischen Gründen selbst die Existenzgrundlage entziehen.
Und ich habe wirklich keine Lust, mich mit allerlei Splittergruppen auseinanderzusetzen. Diese Zersplitterung ist das große Problem der Linken. Die Linke muß "bunt" sein, nur sie muss aufhören sich selbst zu zerfleischen. Erst dann wird sie wieder zu einer ernstzunehmenden Kraft.

Gruß usa

von usa - am 19.12.2003 15:20
Hallo Patric!
Original Patric
Du kritisierst in erster Linie nicht das marktwirtschaftliche System, sondern dessen (systemimmanenten?) Zwang dem Individuum gegenüber; also den Zwang, in Deinem konkreten Beispiel, über Deinen Marktwert nicht mitbestimmen zu können.



von Poetter - am 20.12.2003 20:57
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