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Neu:Lehrer sollen lehren können

Startbeitrag von Frank S am 23.09.2004 07:18

[www.taz.de]

Was mich an diesem Bericht am meisten stört, ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Ansprüche der Eltern für richtig befunden werden.
Zitat

Neulich vor der Kita. Treffen sich zwei Mütter, Ida H.-K. und Karin S. "Die Köpfe der Kinder sind so weit aufgefächert", sagt Ida, Mutter zweier Grundschüler, "aber die Lehrer geben sich total motivationslos und frustriert."

*schüttel* Aufgefächerte Köpfe! Total motivationslose Lehrer! Darfs wahr sein ...
Zitat

Karin S., gerade auf der Suche nach einer Schule für ihren Filius, antwortet. "Mir ist wichtig, dass die Kinder in ihren ersten Schuljahren nicht versauern. Die Lehrer ziehen aber ihren alten Stiefel durch. Sie fördern die Kinder nicht so, wie es sein müsste."

Wo gibts die richtige Schule für meinen kostbaren Sohn, dass er nicht versauert? "Die" normalen Lehrer können das logisch nicht, Mama weiß, wies sein muss.

Ich glaube, es ist nicht so, dass an der Kritik nichts dran ist. Es gibt bestimmt Lehrer, die sich nichts Neues mehr einfallen lassen, kein Interesse an neuen Entwicklungen haben, jede Veränderung für unmöglich halten und alles in allem "faule Säcke" sind, wie Häuptling Schröder sprach. (Was aber wohl eher weniger mit der Arbeitsplatzsicherheit zu tun hat.) Bei Erzieherinnen im Kindergarten habe ich die Erfahrung auch schon gemacht.

Grässlich ist aber das elitäre Getue. Was man in Kita und Schule lernt, sind halt auch soziale Fähigkeiten, vom Schuhebinden bis zur Gegenwehr. Was man in der Schule lernen könnte, ist auch, wie man etwas rauskriegt, wohin man sich wendet, wenn man was wissen will, wie man Interessen pflegt und verfolgt, wie man den Mund aufmacht und sich artikuliert (und wann man besser zurücksteckt). Aber diese Sorte "Fördern", die hier angesprochen wird, klingt mir nach etwas anderem: nach Motivationskünstlern und Animateuren, die die einzigartigen Fähigkeiten der begabtesten Kinder (welche natürlich immer die eigenen sind) mit geschultem diagnostischem Blick erkennen und durch sensible Betreuung zu einer Höhe entwickeln, dass der Erfolg im Leben garantiert ist.

Das steht da nicht, zugegeben. Aber den Tonfall glaub ich zu erkennen. Es ist nun mal so, dass Wissbegier und Widerstandsfähigkeit (und Trotzpotenzial) von Kindern enorme Größen sind, die erst mal unabhängig davon da sind, was welcher Lehrer tut. Der/Die muss damit erstmal zurechtkommen und dabei allen einigermaßen etwas beibringen - das ist schon eine ganze Menge. Da braucht man vor allem auch Leute, die ein bisschen handfest und standfest sind.

Dieses Gerede mit den "aufgefächerten Köpfen" erinnert mich an gleichermaßen grässliche Erlebnisse beim Umgucken nach einer Geburtsklinik oder beim Gespräch mit anderen Kindergarteneltern, die natürlich niemals die stinknormale Kita um die Ecke als passend ansehen würden, sondern lieber jeden Morgen fünfundzwanzig Kilometer mit dem Auto fahren, um ihr Kind in diesem Super-Montessori-Kindergarten abzuliefern, der den letzten Schrei im Fördern verkörpert. Ist ja kein Weg zu weit, außerdem sind Reiten und Aikido auch da in der Nähe ... Dass vielleicht auf dem Schulweg beim Kastaniensammeln interessantere Sachen passieren als in der (jeder) Schule - kein Gedanke, kann nicht sein.

Übrigens, am Schluss des Artikels bestätigt sich mein Verdacht.
Zitat

Die besorgten Mütter Ida H.-K. und Karin S. wird die Kultusministerkonferenz wohl nicht mehr gewinnen. Sie haben sich entschlossen, ihr nächstes Schulkind nicht dem öffentlichen Schulsystem zu überlassen - sondern einer privaten Reformschule.

Wusst ichs doch.

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hallo frank,

da kann ich dir wieder voll und ganz zustimmen. schon was den anfang betrifft:
Zitat

Wo gibts die richtige Schule für meinen kostbaren Sohn, dass er nicht versauert? "Die" normalen Lehrer können das logisch nicht, Mama weiß, wies sein muss.
das läßt sich allzu leicht fortsetzen: "unsere laura, unser dennis erzählt zu hause, es wird seit drei wochen nur mit bildergeschichten gearbeitet; unsere fine sagt, die klasse sei so laut, noch viel mehr als die vorige; da muß man doch was tun, das kann doch nicht so bleiben".

da fehlt schon mal jedes verständnis dafür, daß in kindergarten und schule gerade keine einzelbetreuung stattfinden kann, sondern die lieben kleinen ihren weg in einem "umfeld" und in auseinandersetzung mit ihm machen müssen. ich glaube gar nicht mal, daß die eltern immer ihre eigenen kinder für die klügsten halten, mehr: daß sie den festen vorsatz gefaßt haben, ihr kind solle der oder die beste sein, und nur die "faulen" lehrer und die "störenden" mitschüler/innen dem im wege stehen. es sollen optimale bedingungen für leistung her, nicht einmal für begabung (obwohl es sicher auch viertel gibt, wo die sache mehr in die von dir geschilderte richtung läuft).

jedenfalls ist nach meinen beobachtungen dennoch die zuwendung der pädagog(inn)en den einzelnen kindern gegenüber deutlich gewachsen. aber eben nicht im sinne eines verlängerten arms vom "elternhaus" her. die lehrer/innen sehen die kinder (auch eben in ihrem neuen umfeld) naturgemäß anders als die eltern (wobei sich die frage nach der gerechtigkeit dieses blicks meist erst in zweiter linie stellen dürfte).

diese typischen eltern-ansprüche jedenfalls sind nicht gerade selten (und zwar egal, auf welchem wohlstands- oder bildungsniveau, versteht sich) auf dem sprung ins geradezu asoziale.

gruß - neil



von ex nihilo - am 23.09.2004 08:23

neue strukturen und neue "Lehrer braucht das Land"

lieber frank,

zunächst möchte ich auf einen anderen artikel hinweisen, bevor ich auf deinen beitrag eingehe. vielleicht entsteht hier soetwas wie eine schulstrukturdebatte.

einige ausgewählte zitate (hervorhebungen von toto):

Lehrer braucht das Land von CHRISTIAN FÜLLER
[www.taz.de]

Neue OECD-Studie stellt Pädagogen schlechtes Zeugnis aus: veraltet, demotiviert und psychisch belastet. Schnellere Reformen angemahnt.
...

Die Politik, so die OECD-Gutachter, habe "nur in kleinem Rahmen und begrenzter Form" auf die prekäre Situation der 884.000 deutschen Lehrer reagiert. Das Land sei bei Schulreformen ein Spätzünder.
...

Die Vorsitzende der GEW, Eva-Maria Stange, empfahl, in der Gesellschaft für ein ganz neues Leitbild des Lehrers zu werben: "Der ,Pauklehrer', der Schüler nach Schularten getrennt im 45-Minuten-Takt die gleiche Bildungsdosis verabreicht", sei passé. Heute brauche es Lehrer, die "individuell auf ganz unterschiedliche Schüler eingehen" könnten.
...

Sie müssten in der Lage sein, jeden Schüler individuell zu unterstützen, und mehr Managementfähigkeiten aufweisen.


für mich steht außer frage, dass die schule radikal reformiert werden muss.

einige bausteine:
- abschaffung des beamtenstatus (u.a. kündbarkeit von lehrerInnen)
- schulleiter, die auch leiten können (d.h. geregelte und leistungsbezogene förderung (einnahmen) erzielen; ausgaben bestimmen; personalmangement; gebäudeunterhaltung und raumgestaltung; einrichtungsgegenstände und bildungsmaterialien einkaufen und verwalten)
- professionelle sekretariate einrichten, die verlässlich mit schülern, eltern usw. kommunizieren können
und ganz wichtig!
- gemeinschaftsschule bis zur 10. Klasse (9.?)

was hältst du von diesen vorschlägen?

toto

von derwahretoto - am 23.09.2004 08:32

Re: neue strukturen und neue "Lehrer braucht das Land"

hallo toto,

wenn ich mal eben darauf antworten darf: das ist für mich genau die art von deregulierung, die gegenwärtig auch die hochschulden zugrunde richtet. "pauklehrer" sind schon seit längerem eine verschwindende minderheit. was aber soll das "management"? wer bestimmt da angebot und nachfrage? die eltern? siehe dazu die anderen beiträge. die schüler/innen? wohl kaum. und was den status betrifft: warum wird auf der einen seite (mit gutem recht) gegen die "lockerungen" des kündigungsschutzes zu felde gezogen, wenn auf der anderen seite massive verschlechterungen für bestimmte gruppen gefordert werden? ich jedenfalls werde das gefühl nicht los, daß da (allgemein; das ist jetzt nicht persönlich gemeint) starke ressentiments (wegen der freizeit, bzw. verfügbarkeit von zeit, die man selbst gerne hätte, aber nicht kriegen wird? wegen eigener, "traumatischer" erfahrungen aus der kindheit??) im spiel sind.

und (nochmals) was die "einheitsschule" angeht: das scheint mir jedenfalls nicht der schlüssel zur lösung aktueller probleme zu sein. wenn aber dort sich etwas verändern sollte, würde ich erstmal für die ausdehnung der gemeinsamen schulzeit auf sechs jahrgangsstufen plädieren.

gruß - neil



von ex nihilo - am 23.09.2004 08:44

die bildungsstrukturen sind asozial

lieber frank und neil,

ich widerspreche euch entschieden.

Wo gibts die richtige Schule für meinen kostbaren Sohn, dass er nicht versauert?

die bildungsnahen und wohlhabenden leute in deutschland reagieren heute schon länger auf die beschissenen situation in den öffentlichen schulen. sie melden ihre kinder gleich auf einer privatschule an. diese tendenz wird sich verstärken, wenn keine grundlegenden veränderungen erfolgen.

seht euch bitte meinen anderen beitrag und die vielen artikel der letzten tage an, endlich wird mal wieder darauf hingewiesen, dass wir nicht an phänomenen herumdoktern sollten, sondern die strukturen verändern.

jetzt aber doch ein paar worte zu den phänomenen, die neil benennt:

ex nihilo schrieb:

Zitat

da fehlt schon mal jedes verständnis dafür, daß in kindergarten und schule gerade keine einzelbetreuung stattfinden kann, sondern die lieben kleinen ihren weg in einem "umfeld" und in auseinandersetzung mit ihm machen müssen.


das erlebe ich anders, ich habe kinder im kindergarten- und schulalter. viele eltern sind genervt, dass die schule so träge ist und dass gemeinsame initiativen für die verbesserung der situation alller kinder der klasse oder der schule so schnell versanden, weil die schule und viele lehrerInnen reformresistent zu sein scheinen.
viele eltern sagen rette sich wer kann (privatschule), nachdem sie erfolglos für veränderungen in ihrer öffentlichen schule eingetreten sind.

ex nihilo schrieb:

Zitat


diese typischen eltern-ansprüche jedenfalls sind nicht gerade selten (und zwar egal, auf welchem wohlstands- oder bildungsniveau, versteht sich) auf dem sprung ins geradezu asoziale.


die gibt es. aber es gibt die lehrerlobby (885.000 lehrerInnen), die die elternhäuser oft zu unrecht beschimpft, obwohl sie ihren eigenen laden, ihre arbeitsstelle mal richtig instandbesetzen müssten. dazu fehlt den meisten beamtInnen anscheinend jede vision und jeder mut.


ich hoffe auf eine spannende kontroverse!

toto

von derwahretoto - am 23.09.2004 08:51
Hallo Neil,

weil mein Sohn erst fünf ist, habe ich keine neuen Erfahrungen mit GrundschullehrerInnen vorzuweisen. Es ist aber interessant, wenn Du schreibst, dass die Zuwendung der LehrerInnen zu einzelnen Kindern deutlich gewachsen ist. Das klingt doch erstmal nicht schlecht.

Es freut mich jedenfalls, dass wir uns bezüglich dieser Eltern-Ansprüche einig sind. Da gibt's ja noch mehr Ansprüche, so gruselts mich nicht selten bei der Vorstellung, die Lehrer könnten durch geschickte pädagogische Behandlung von Auschwitz (im Rollenspiel?) die Kinder gegen Neofaschismus imprägnieren oder dgl. Sozusagen als Ingenieure von Hirn und Seele (nein, das waren ja die Schriftsteller; aber diesen Paten hätten sie wohl nicht gern ...).

Vom Kindergarten weiß ich, dass es schon so etwas gibt wie Trägheit: dass man z.B. aus dem Draußenspielen ein so riesiges organisatorisches Problem machen kann, dass es nur alle drei Wochen zustande kommt. Oder dass die Idee, mal die Feuerwehr aufzusuchen oder den Venusdurchgang anzugucken, schon als zuviel Unterbrechung der Routine gelten kann. Aber das ist überhaupt kein Argument für diesen "asozialen" Wahn der optimalen Einzelförderung, der von Politikern und Beratern dann gern als Argument für den Begriff der Kundenorientierung genutzt wird.

Gruß Frank

von Frank S - am 23.09.2004 08:58

Re: neue strukturen und neue "Lehrer braucht das Land"

Hallo toto,

gegen Abschaffung des Beamtenstatus habe ich prinzipiell nichts, wenn die LehrerInnen dafür das Streikrecht kriegen ... Aber meinst Du ehrlich, der Unterricht wird besser, wenn man die Lehrer rausschmeißen kann? Das ist doch absurd. Im Kindergarten gibt es keine Beamten, siehts da so super mit der Förderung aus?

Wie stellst Du Dir denn diese Schulleitung vor - insbesondere die "leistungsbezogenen" Einnahmen? Schulgeld? Dieses "Leistungsbezogene" ist mir zutiefst verdächtig. Wie soll denn so eine Leistung der Schule gemessen und gar auch noch in Geld ausgedrückt werden? Fällt da nicht genau das unter den Tisch, was eben kein Geld bringt und in Geld auch nicht sinnvoll zu messen ist? Mir kommt das so vor wie bei den Focus-Rankings: Ärzte, die 500mal in Fachzeitschriften zitiert werden, sind natürlich leistungsstärker als welche, die letztes Jahr gar nichts publiziert haben .... egal welches Blech nun in dem zitierten Artikel steht.

Eine längere Gemeinschaftsschule finde ich gut und sinnvoll. Das heißt dann aber einfach: Kinder müssen mit der Zumutung leben, mit netten und fiesen, armen und reichen, gebildeten und ungebildeten Kindern zusammen in die Schule zu gehen. Auch die Eltern müssen das. Das sind echte Zumutungen. Die wollen nicht alle. Es muss gegen viele Eltern durchgesetzt werden. Ich bin dafür, meine aber, man muss das sehen.

Gruß Frank

von Frank S - am 23.09.2004 09:13

lehrer arbeiten in demotivierenden strukturen, die machen sie kaputt

hallo neil,

ex nihilo schrieb:

Zitat

wenn ich mal eben darauf antworten darf: das ist für mich genau die art von deregulierung, die gegenwärtig auch die hochschulden zugrunde richtet. "pauklehrer" sind schon seit längerem eine verschwindende minderheit. was aber soll das "management"?


mir geht es darum, zu verdeutlichen, dass die strukturen in und um unsere schulen nicht stimmen und das seit jahrzehnten.
die schulen bieten eine "erklärungsbedürftige dienstleistung" an, der staat (die steuerzahler) sind die auftraggeber. eine schule sollte m.e. genauso professionell geführt werden, wie ein dienstleistungsunternehmen am markt, deshalb management.

ex nihilo schrieb:

Zitat

wer bestimmt da angebot und nachfrage? die eltern?


bei einer gemeinschaftsschule bis Klasse 10 würden mehrere schulen um die selben schüler und deren eltern werben. das würde bedeuten, die eine schule wird mehr nachgefragt als die andere. wer mehr schüler hat, bekommt mehr staatliche zuschüssse. also bestimmen angebot und nachfrage und damit die eltern und schüler.

ex nihilo schrieb:

Zitat

und was den status betrifft: warum wird auf der einen seite (mit gutem recht) gegen die "lockerungen" des kündigungsschutzes zu felde gezogen, wenn auf der anderen seite massive verschlechterungen für bestimmte gruppen
gefordert werden?


ich fordere, weg mit dem beamtenstaus! und dafür ganz normale angestelltenverhältnisse, weil nur so die notwendige dynamik entsteht.

wer feststellt, dass ihm der lehrerjob überfordert und ihm keinen spaß mehr macht, der sucht sich einen anderen job. und wenn der/die chefIn feststellt, dass ein angestellter nicht vernünftigt arbeitet, dann wird er entlassen. natürlich im rahmen von kündigungsschutzgesetzen und tarifverträgen!

ex nihilo schrieb:

Zitat

ich jedenfalls werde das gefühl nicht los, daß da (allgemein; das ist jetzt nicht persönlich gemeint) starke ressentiments (wegen der freizeit, bzw. verfügbarkeit
von zeit, die man selbst gerne hätte, aber nicht kriegen wird? wegen eigener, "traumatischer" erfahrungen aus der kindheit??) im spiel sind.


bei mir ist es kein sozialneid, ich habe einen besseren job als es der lehrerjob ist.

ich werde den eindruck nicht los, dass die jetzigen strukturen engagierte lehrer bestrafen ("du idiot, es geht auch lauer") und verpisser produziert (merkt doch sowieso keiner, ob ich einen guten oder schlechten job mache, also mache ich einen schlechten).

ex nihilo schrieb:

Zitat

und (nochmals) was die "einheitsschule" angeht: das scheint mir jedenfalls nicht der schlüssel zur lösung aktueller probleme zu sein. wenn aber dort sich etwas verändern sollte, würde ich erstmal für die ausdehnung der gemeinsamen schulzeit auf sechs jahrgangsstufen plädieren.


ich bin dagegen überzeugt, dass die gemeinschaftsschule (nicht einheitsschule) ein entscheidender schlüssel ist, um mehr soziale gerechtigkeit und besssere strukturen zu schaffen. deshalb 9 bis 10 jahre gemeinsam.

schöne grüße

toto

von derwahretoto - am 23.09.2004 11:46

Re: lehrer arbeiten in demotivierenden strukturen, die machen sie kaputt

Hej toto,

Deine Vision überzeugt mich gar nicht.
Zitat

bei einer gemeinschaftsschule bis Klasse 10 würden mehrere schulen um die selben schüler und deren eltern werben. das würde bedeuten, die eine schule wird mehr nachgefragt als die andere. wer mehr schüler hat, bekommt mehr staatliche zuschüssse. also bestimmen angebot und nachfrage und damit die eltern und schüler

Das ist für mich keine positive Aussicht. Im Gegenteil. Wenn die Schulen davon abhängig sind, dass sie sich bei den Eltern lieb Kind machen, dann wird da nicht mehr viel Gescheites laufen. Als die Universitäten von den Kolleggeldern der Studenten abhängig waren (noch in der Weimarer Republik), wirkte sich das auch nicht eben positiv aus. Statt marktwirtschaftlichem Wettbewerb würde ich da, wenn schon, auf innere Demokratisierung und auf "Glasnost" setzen - eine Schülervertretung, die was erfährt und auch was zu melden hat.
Zitat

wer feststellt, dass ihm der lehrerjob überfordert und ihm keinen spaß mehr macht, der sucht sich einen anderen job.

Funny, my boy. Klar, die liegen ja auf der Straße.
Zitat

und wenn der/die chefIn feststellt, dass ein angestellter nicht vernünftigt arbeitet, dann wird er entlassen.

Ach so. So kommt es also immer zu diesen Entlassungen in der "freien Wirtschaft". Ich glaube, Du sitzt da der Propaganda der Freunde der Marktwirtschaft auf. Übrigens gibt es bei solchen "Feststellungen" auch noch andere Verfahren als Entlassung - ob Dus glaubst oder nicht. Man könnte schlechte Arbeit sogar als Hinweis verstehen, dass im Unternehmen was schief läuft.

Gruß Frank

von Frank S - am 23.09.2004 14:33

ein unternehmen ginge kaputt, die schule sitzt diese probleme aus

lieber frank,

Frank S schrieb:

Zitat

Das ist für mich keine positive Aussicht. Im Gegenteil. Wenn die Schulen davon abhängig sind, dass sie sich bei den Eltern lieb Kind machen, dann wird da nicht mehr viel Gescheites laufen.


die schulen sollen davon abhängig werden, ob schüler, eltern und der staat zufrieden sind.
- von schülern, die ihre schule empfehlen oder nicht.
- von eltern, die die schule ihres kindes empfehlen oder nicht.
- vom staat, der objektivierbare ziele formuliert und bei erreichen zufrieden ist oder nicht.

Frank S schrieb:

Zitat

Statt marktwirtschaftlichem Wettbewerb würde ich da, wenn schon, auf innere Demokratisierung und auf "Glasnost" setzen - eine Schülervertretung, die was erfährt und auch was zu melden hat.


das könnte eins von vielen merkmalen sein, die die eine schule von der anderen unterscheidet. gute mitbestimmungsmöglichkeiten oder nicht.

Frank S schrieb:

Zitat

Funny, my boy. Klar, die liegen ja auf der Straße.


natürlich würden einige lehrerInnen "auf der straße liegen", das liegt an der arbeitsmarktsituation und an der einseitigen qualifikation des "alten lehrers".
strukturveränderungen ohne schmerzen gibt es eben nicht.

Frank S schrieb:

Zitat

Übrigens gibt es bei solchen "Feststellungen" auch noch andere Verfahren als Entlassung - ob Dus glaubst oder nicht. Man könnte schlechte Arbeit sogar als Hinweis verstehen, dass im Unternehmen was schief läuft.


hast natürlich recht. ich fordere doch gerade strukturveränderungen, weil in schlechten strukturen die guten leute kaputt gehen und sich unfähige leute viel zu lange halten können. ein unternehmen ginge kaputt, die schule sitzt diese probleme seit jahrzehnten aus.

toto

von derwahretoto - am 23.09.2004 16:53

schulreform?

hallo frank,
Zitat

Das sind echte Zumutungen. Die wollen nicht alle. Es muss gegen viele Eltern durchgesetzt werden. Ich bin dafür, meine aber, man muss das sehen.
was diese zumutungen angeht: da kann ich mich deiner auffassung durchaus anschließen (in ihren beiden teilen).

aber: ich sehe eben immer noch - vielleicht ja auch schon längst auf verlorenem posten - im gymnasium ein residuum von nutzlosigkeit; so wie ich es ja, mehr oder weniger "verzweifelt", auch für die hochschulen noch versuche geltend zu machen.

da habe ich den verdacht, daß dies neue plädoyer für die "einheitsschule" ("gemeinschaftsschule", wie toto sagt, klingt besser, hat aber auch seine härten) zunächst einmal nur das freudige ergreifen der neoliberalen "reform"-perspektive im sinne von "praxis-tauglichkeit" (wie beim bachelor/master) bedeutet.

ich habe nichts gegen die gesamtschule: wenn dieser aspekt erhalten, vielleicht auch noch - für einen größeren personenkreis - ausgebaut werden könnte. aber da bin ich (auch wegen der grenzen, auf die das bei den schüler/innen - aller "sorten", wenn auch in unterschiedlicher weise - stoßen wird) leider skeptisch.

gruß - neil



von ex nihilo - am 23.09.2004 17:58

Re: ein unternehmen ginge kaputt, die schule sitzt diese probleme aus

Hallo toto,

ein Missverständnis: Meine Bemerkung (bitte mit der Szenenanweisung "bitter" versehen), "die liegen auf der Straße", bezog sich auf die Jobs, nicht die LehrerInnen. Wer keine Lust mehr auf den Lehrerberuf hat (oder irgendeinen anderen), wäre wahnsinnig, wenn er (nur) deshalb eine feste Stelle aufgibt (und das gilt ausdrücklich auch für Angestellte). Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist nicht so, dass man es sich leisten kann, irgendeinen Job freiwillig aufzugeben, schon gar nicht einen unbefristeten.

Bei Deiner Bemerkung "Ein Unternehmen ginge kaputt" muss ich mich leider MMA anschließen: die alte neoliberale Leier. Ich glaube es übrigens auch nicht. In Unternehmen gibt es verkrustete Strukturen noch und noch.

Deine Vorstellung einer Marktorientierung der Schule gefallen mir noch weniger, je mehr Du sie detaillierst. Ich meine vielmehr, die Schulen müssen als Institution unabhängig (und nicht: abhängig) sein, damit sie gut arbeiten können. Die Zufriedenheit von Staat und Eltern ist m.E. kein guter Maßstab für "gute Arbeit", und auch die Zufriedenheit der SchülerInnen zumindest kein ausreichender.

Gruß Frank

von Frank S - am 23.09.2004 21:36

unabhängig von allem und jedem?

hallo frank,

Frank S schrieb:

Zitat

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist nicht so, dass man es sich leisten kann, irgendeinen Job freiwillig aufzugeben, schon gar nicht einen unbefristeten.


deshalb muss es chefInnen geben, die lehrer versetzen oder entlassen, die für ihren job ungeeignet bzw. nicht mehr geeignet sind. ansonsten baden die kinder das aus.

Frank S schrieb:

Zitat

Bei Deiner Bemerkung "Ein Unternehmen ginge kaputt" muss ich mich leider MMA anschließen: die alte neoliberale Leier. Ich glaube es übrigens auch nicht. In Unternehmen gibt es verkrustete Strukturen noch und noch.


die neolieberale leier ist aber auch ein todschlagargument...
für den lehrerberuf behaupte ich einfach, dass sowohl der beamtenstatus als auch die quasi unkündbarkeit abgeschafft werden müssen, damit wir mehr qualität und dynamik in den laden bekommen.

das schulsystem ist ein laden mit 880.000 lehrerInnen und 86% persoanlkosten (der höchste prozentsatz in europa!). verkrustete strukturen gibt es natürlich auch in großunternehmen vergleichbarer größenordnung (caritas 499.000, siemens ca. 300.000 usw.), aber so veraltet wie die schulstrukturen sind die noch lange nicht.

Frank S schrieb:

Zitat

Ich meine vielmehr, die Schulen müssen als Institution unabhängig (und nicht: abhängig) sein, damit sie gut arbeiten können.


unabhängig von allem und jedem?
auch unabhängig von dem urteil der kinder und eltern?


Frank S schrieb:

Zitat

Die Zufriedenheit von Staat und Eltern ist m.E. kein guter Maßstab für "gute Arbeit", und auch die Zufriedenheit der SchülerInnen zumindest kein ausreichender.


heute haben schüler und eltern fast keinen entscheidenden einfluss auf die gestaltung ihrer schule und auf die personalausstattung und -auswahl.

das sollte sich m.e. ändern.

toto

von derwahretoto - am 24.09.2004 10:34

Re: unabhängig von allem und jedem?


Hallo toto,

Zitat

Frank S schrieb:
Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist nicht so, dass man es sich leisten kann, irgendeinen Job freiwillig aufzugeben, schon gar nicht einen unbefristeten.

Du schriebst:
deshalb muss es chefInnen geben, die lehrer versetzen oder entlassen, die für ihren job ungeeignet bzw. nicht mehr geeignet sind. ansonsten baden die kinder das aus.

Is ja reizend. Deshalb also muss es ChefInnen geben, die entlassen, weil auf dem Arbeitsmarkt die Lage übel ist? Also die Sorte "Hire and Fire" will mir ja gar nicht gefallen.

Zitat

die neolieberale leier ist aber auch ein todschlagargument...
für den lehrerberuf behaupte ich einfach, dass sowohl der beamtenstatus als auch die quasi unkündbarkeit abgeschafft werden müssen, damit wir mehr qualität und dynamik in den laden bekommen.

Also dass das Leute-Rausschmeißen-Können die Bedingung für "mehr Qualität" sein soll, geht mir schon nicht ins Hirn.

Zitat

das schulsystem ist ein laden mit 880.000 lehrerInnen und 86% persoanlkosten (der höchste prozentsatz in europa!).

Ja und? Ich finde es ganz in Ordnung, dass der Personalkostenanteil in der Schule bei weitem der größte Brocken ist.

Zitat

heute haben schüler und eltern fast keinen entscheidenden einfluss auf die gestaltung ihrer schule und auf die personalausstattung und -auswahl. das sollte sich m.e. ändern.

Ich weiß nicht, was Du Dir da vorstellst. Von Dir unwidersprochen hab ich doch beschrieben, wie manche (gar nicht wenige) Eltern so drauf sind. Ich würde sagen: mehr Einfluss der Schüler auf die Unterrichtsgestaltung ist ne gute Sache. Bei den Eltern habe ich viel größere Bedenken. Schrecklich finde ich die Vorstellung, dass die Eltern auf die Personalauswahl "entscheidenden Einfluss" haben. Oder z.B. durchdrücken können, dass man in der Schule mehr Klassiker liest oder dgl. Nee, nee - wenn die LehrerInnen nicht "machen" können, auch durchaus anders, als die Eltern wollen, ist das gar keine gute Entwicklung. Keiner kann seinen Job gut machen, wenn er im Verhältnis unmittelbarer Abhängigkeit steht; schon gar nicht so einen.

Gruß Frank

von Frank S - am 24.09.2004 12:25

abstimmung mit den füßen!

hallo frank,

Frank S schrieb:

Zitat

Also die Sorte "Hire and Fire" will mir ja gar nicht gefallen.


es gibt eine große anzahl von lehrerInnen, die ihrem beruf in den momentanen strukturen nicht oder nicht mehr gewachsen sind.

welche lösung dieses problems, das seine ursprünge m.e. in den ineffektiven strukturen des schul- und bildungssystems hat, schlägst du vor?

mein vorschlag: zunächst eine grundlegende strukturreform und dazu müsste auch die abschaffung des beamtenstatus und die möglichkeit gehören, unfähige oder ausgebrannte lehrerInnnen zu versetzen oder zu entlassen.

Frank S schrieb:

Zitat

Also dass das Leute-Rausschmeißen-Können die Bedingung für "mehr Qualität" sein soll, geht mir schon nicht ins Hirn.


es ist eine von mehreren bedingungen. warum soll das eine heilige kuh bleiben?

Frank S schrieb:

Zitat

Ich weiß nicht, was Du Dir da vorstellst. Von Dir unwidersprochen hab ich doch beschrieben, wie manche (gar nicht wenige) Eltern so drauf sind.


es gibt aber auch manche (gar nicht wenige) eltern, die an der dialogunfähigkeit vieler schulen verzweifeln. es fängt doch schon damit an, dass es nur selten professionell geführte sekretariate gibt und regelmäßige sprechstunden an verlässlichen, ruhigen und schönen orten.

Frank S schrieb:

Zitat

Schrecklich finde ich die Vorstellung, dass die Eltern auf die Personalauswahl "entscheidenden Einfluss" haben.


ich meinte, dass die eltern mehrere alternativen haben sollten, dadurch, dass erst nach dem 10. schuljahr differenziert wird. es geht mir darum, dass eine abstimmung mit den füßen stattfinden soll. gute schulen mit gutem unterricht und beliebten lehrern werden besucht, bei anderen sinken die anmeldezahlen. dann haben die schulleitung und das kollegium die aufgabe, ihre schule attraktiv zu gestalten? mir geht es nicht um direkten einfluss!

schöne grüße

toto

von derwahretoto - am 28.09.2004 08:48

Unsichermachen des Arbeitsplatzes

hallo frank,

Frank S schrieb:

Zitat

ich reagiere empfindlich auf zwei Vorstellungen:

dass ein Unsichermachen des Arbeitsplatzes "Qualität" in Deinem Sinne bringt

und dass die Vermarktlichung der Schulwahl "Qualität" in Deinem Sinne bringt.


nicht das unsichermachen des arbeitsplatzes bringt die bessere qualität, sondern eine vielzahl von maßnahmen zu denen m.e. auch die abschaffung des beamtentums gehört. das wäre sozialverträglich möglich, wenn die 400.000 lehrer, die in den nächsten jahren ausscheiden, durch angestellte ersetzt würden.

die arbeitsplätze und die bezahlung der lehrer sind leider abgekoppelt von der leistung. leistung im lehrerberuf lohnt sich in der regel nicht, denn die unmotivierten lehrer haben weniger stress und genauso viel geld. das ist ein strukturelles problem.

siehst du das anders?

ich sprach nicht von der vermarktung, sondern von der konkurrenz der öffentlichen schulen untereinander. wenn gute schulen bessere schülerzahlen und entsprechend mehr mittel bekämen als weniger gute schulen, dann würde mir das gefallen. die rolle der "privaten" schulen steht auf einem anderen blatt. ich würde z.b. keine kirchlichen schulen fördern, wegen der trennung von staat und kirche.

Frank S schrieb:

Zitat

Es ist doch logisch, dass ein Lehrer (wie jeder andere) sich nicht gerne einfach in eine andere Stadt versetzen lässt.
Wenn man das so tut, erreicht man nicht bessere Arbeit, sondern schlechtere Arbeit.


ich dachte vor allem an das versetzen in andere arbeitsbereiche, falls der angestellte lehrer den job nicht mehr machen kann.
ich dachte einfach nur an bedingungen moderner dienstleistungsunternehmen, die, wenn sie nicht dumm sind, ihr personal motivieren und nicht demotivieren, d.h. auch, willkürliche entscheidungen der unternehmensführung vermeiden.

Frank S schrieb:

Zitat

Zudem gelten hier bei Dir plötzlich die stinknormalen Arbeitnehmerinteressen der Lehrer gar nichts, weil sie Dir nicht in den Kram passen.


du interpretierst in meine vorschläge etwas hinein, was ich nicht sagen wollte. die stinknormalen arbeitnehmerinteressen zählen für mich sehr viel.
lehrer haben beamteninteressen und keine stinknormalen arbeitnehmerinteressen.

Frank S schrieb:

Zitat

Genauso macht Dir plötzlich die Marktwirtschaft keine Probleme mehr - obwohl doch die logische Folge Deiner Vorstellung eine Entmischung ist: die Guten dahin, die Schlechten dahin. Ist das Naivität (die in diesem Ausmaß, finde ich, eigentlich nicht erlaubt wäre) oder wie soll ich mir das erklären?


ob sozialismus oder marktwirtschaft, in jedem gesellschafts- oder wirtschaftssystem sollte es mechanismen geben, die gute leute an verantwortliche stellen befördern und schlechte leute an weniger verantwortliche.

toto

von derwahretoto - am 28.09.2004 15:11

Re: Unsichermachen des Arbeitsplatzes

Hallo toto und Frank,

passend dazu ein Artikel aus der JW zum Thema Engagment und Leistungsanreiz:

Zitat

Ein DDR-Landwirtschaftsexperte erinnert daran, daß ökonomische Spitzenleistungen ohne Kapitalismus möglich sind

(...)

Der größere Teil des Buches ist der Entwicklung der Landwirtschaft in der DDR gewidmet. Elvert hat sie als Institutsdirektor der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der DDR, später als langjähriger Direktor des Volkseigenen Gutes Klockow und schließlich als Vorsitzender der LPG Brüssow in der Uckermark erlebt und beeinflußt. Es waren die schweren Jahre nach dem Kriege. Der Hunger mußte überwunden und die neue gemeinschaftliche Bewirtschaftung eingeübt werden. Die großen Schwierigkeiten lassen sich schon daraus ersehen, daß Elvert 1962 bereits der 14. Direktor des Klockower Gutes seit 1945 war. Aber es gelang, ein völlig neues Gemeinschafts- und Arbeitsleben auf dem Lande aufzubauen. Die Klockower errichteten eine zehnklassige Oberschule, eine Betriebsberufsschule mit Internat, Sportplatz, Freibad, Betriebsküche, Kindergarten, Gaststätte mit Tanzsaal, Konsumverkaufsstelle und eine Bibliothek mit 10 000 Bänden. Durch individuelle Viehhaltung konnte jede Familie bis zu 10000 Mark zu ihrem regulären Arbeitseinkommen hinzuverdienen.

(...)

Elverts Fazit: »Hohe Produktionsleistungen, sogar Spitzenergebnisse, sind ohne kapitalistisches Management und die ihm entsprechenden Eigentumsverhältnisse machbar. Gleiches gilt für ein hohes Niveau auf sozialem Gebiet und in den Bereichen der Kultur, der Bildung und des Sports. (...) Staatlich gewährleistete humane Arbeits- und Lebensbedingungen waren hervorragende Errungenschaften des realen Sozialismus. Sie begünstigen jedoch Trägheit und Bequemlichkeit, wenn sie nicht durch ein wirksames Leistungssystem flankiert werden. Das Monopol und die Zentralisierung der Macht in den Händen weniger Personen einer Partei haben sich unter europäischen Verhältnissen nicht nur als zivilisatorischer Rückschritt, sondern als wesentliche Ursache für das Scheitern des Sozialismusversuches erwiesen.«

Ich finde, gegen ein Leistungsanreizsystem ist nichts zu sagen. Auch sollten die verschiedenen Arbeitsplätze nach Eignung und Motivation vergeben werden unter der Bedingung natürlich, dass die Arbeitsbedingungen human und demokratisch sind und Engagement auch zulassen, anstatt abzuwürgen.

Grüsse - Karl

von Karl. - am 28.09.2004 15:22

leistungs- statt erfolgsprinzip

lieber patric,

patric k schrieb:

Zitat

daß ich das noch erleben darf - Karl und toto sprechen sich für´s Leistungsprinzip aus.


ich habe mich noch nie dagegen ausgesprochen. wie kommst du dadrauf, dass ich dagegen sein könnte?

patric k schrieb:

Zitat

Ich seh das bei der schulischen Bildung aber auch - Lehrer sind für Kinder da, nicht umgekehrt. Eignet sich eine Person nicht fürs Lehramt, muß die Möglichkeit bestehen, diese zu entlassen.


schön, dass wir einer meinung sind.

patric k schrieb:

Zitat

Problematisch ist ja eher die Frage, wer die Beurteilung vornimmt; und nach welchen Kriterien diese erfolgt.


objektivierbare kriterien müssen her, die fehlen im schulsystem und dann ist das kein großes problem. andere dienstleister können doch auch beurteilen, welches personal gut - durchschnittlich oder schlecht geeignet ist oder arbeitet.

patric k schrieb:

Zitat

Ein bißchen mehr frischer Wind von externen "Lehrern" könnte da sicher nicht schaden.


genau, vielleicht muss sogar das ganze berufsbild verändert werden. lehrer nur noch nach bewährung im leben und nur noch als teilzeitjob und nicht mehr lebenslänglich. wer immer nur lehrt ist irgendwann vielleicht leer.

im kapitalismus gilt vor allem das erfolgsprinzip, das leistungsprinzip ist eine sekundäre angelegenheit. leistung sollen vor allem die abhängig beschäftigten bringen, die anderen wollen vor allem den finanziellen erfolg.

der reale sozialismus hatte nicht ausreichend verstanden, dass leistung sich für den einzelnen wirklich lohnen muss. leistungsprinzip und sozialismus widersprechen sich nicht.

toto

von derwahretoto - am 29.09.2004 17:09

Re: Unsichermachen des Arbeitsplatzes

patric k schrieb:

Zitat

Nebenbei: was mir an totos Ideen auch gefällt - Unterricht
wird bisher ausschließlich von Lehrern erteilt, also von
Leuten, die aus der Schule in die Uni (PH) und von dort
wieder in die Schule fallen; im Prinzip ohne das reale Leben
jemals kennengelernt zu haben. Ein bißchen mehr frischer Wind
von externen "Lehrern" könnte da sicher nicht schaden.


Toto meint aber auch, ich solle mal als Elternteil die Schule renovieren.
'Mag ich aber nicht. 'Bin froh, es mir leisten zu können, Menschen dafür zu bezahlen, solches in meiner eigenen Wohnung zu machen.

Mein Gott, was man man einst bei Umzügen (eigenen und öfter noch bei Freunden) geschleppt und vorgerichtet......
Nee, ich bleib dabei. Die Idee finde ich nicht gut :-(

Ob Lehrer das richtige Leben wirklich nicht kennen?
Vielleicht doch mehr als manch anderer in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft.
Ein weites Feld.
Ich habe Freunde, die an Berliner Schulen unterrichten.....

Ansonsten noch ein kleine Frage an Toto :

Wie lange dauert es, einen Klassensatz mit Aufsätzen zu korrigieren und zu zensieren?

Und an Dich eine andere Frage:

Warum kannst Du Dir Qualitätssteigerung nur unter der Voraussetzung vorstellen, daß es möglich ist, die soziale Existenz des zu Qualifizierenden zu vernichten?
Warum sollen ausgerechnet von Angst gepeinigte Menschen bessere Lehrer, Bäcker oder sonst was sein?

Abgesehen davon, daß ich meine - aber das steht ja schon in meinem ersten Posting zum Thema - daß ich die Parole, die deutsche Bildung könnte besser sein, würden sich die Lehrer kollektiv nur mehr Mühe geben, für propagandistischen Unfug halte.


Gruß über den Rhein und herzliches Willkommen nach Deiner Abwesenheit (Urlaub?)



uwe

von uwe - am 29.09.2004 17:35

Re: leistungs- statt erfolgsprinzip

derwahretoto schrieb:

Zitat

lieber patric,

patric k schrieb:


daß ich das noch erleben darf - Karl und toto sprechen sich
für´s Leistungsprinzip aus.


ich habe mich noch nie dagegen ausgesprochen. wie kommst du
dadrauf, dass ich dagegen sein könnte?

patric k schrieb:


Ich seh das bei der schulischen Bildung aber auch - Lehrer
sind für Kinder da, nicht umgekehrt. Eignet sich eine Person
nicht fürs Lehramt, muß die Möglichkeit bestehen, diese zu
entlassen.


schön, dass wir einer meinung sind.

patric k schrieb:


Problematisch ist ja eher die Frage, wer die Beurteilung
vornimmt; und nach welchen Kriterien diese erfolgt.


objektivierbare kriterien müssen her, die fehlen im
schulsystem und dann ist das kein großes problem. andere
dienstleister können doch auch beurteilen, welches personal
ist oder
arbeitet.


Objektivierbare Kriterien gibt es letztlich nicht. Und auch andere Dienstleister haben große Probleme damit objektiv zu beurteilen, welches Personal gut - durchschnittlich oder schlecht geeignet ist. Die meisten Beurteilungen sind äußerst subjektiv. Und ob jmd. gut oder schlecht ist, hängt von ganz vielen Faktoren, die nicht unbedingt in der Person liegen müssen.

Gute Organisationen haben meist auch gutes Personal, da gibt es einen direkten Zusammenhang. Und unser Schulsystem krankt daran, dass es eine saumäßige Organisation ist, eine Spielwiese profilierungssüchtiger Politiker. Da können die Lehrer relativ wenig für.

von HeinoRipinski - am 29.09.2004 18:00

Re: Unsichermachen des Arbeitsplatzes

uwe schrieb:

Zitat

Toto meint aber auch, ich solle mal als Elternteil die Schule renovieren.


da hast du mich falsch verstanden.

die eltern sollen vielmehr entlastet werden, die ineffektiven organisations- und kommunikationsstrukturen der schule belasten kinder und eltern und lehrer.

uwe schrieb:

Zitat

Ich habe Freunde, die an Berliner Schulen unterrichten.....


a) nicht auf die goldwaage legen und b) gegenbeispiele gibt es natürlich immer

uwe schrieb:

Zitat

Ansonsten noch ein kleine Frage an Toto :

Wie lange dauert es, einen Klassensatz mit Aufsätzen zu korrigieren und zu zensieren?


bei 30 schülern der klasse 10 hauptschule und einem gewissenhaften lehrer tippe ich auf 22,75 stunden.

zwei gegenfragen.
verdient ein sport- und biologielehrer weniger als eine deutsch- und mathelehrer?

findest du es richtig, dass ein gymnasiallehrer im gehobenen umfeld mehr verdient als ein hauptschullehrer im sozialen brennpunkt?

uwe schrieb:

Zitat

Und an Dich eine andere Frage:

Warum kannst Du Dir Qualitätssteigerung nur unter der Voraussetzung vorstellen, daß es möglich ist, die soziale Existenz des zu Qualifizierenden zu vernichten?
Warum sollen ausgerechnet von Angst gepeinigte Menschen bessere Lehrer, Bäcker oder sonst was sein?


ich denke an ganz normale arbeitsverhältnisse mit ganz normalen tarifverträgen und ganz normalen tarifauseinandersetzungen, wie im richtigen leben.


uwe schrieb:

Zitat

Abgesehen davon, daß ich meine - aber das steht ja schon in meinem ersten Posting zum Thema - daß ich die Parole, die deutsche Bildung könnte besser sein, würden sich die Lehrer kollektiv nur mehr Mühe geben, für propagandistischen Unfug halte.


wer behauptet das?

es geht um grundlegende und dringend notwendige strukturveränderungen!

bin für ein paar tage offline

schöne grüße an alle

toto

von derwahretoto - am 29.09.2004 18:48

Re: Unsichermachen des Arbeitsplatzes

Hi uwe,

das mit der Renovierung hab´ ich wohl überlesen - soweit würde ich auch nicht gehen. Ich finde Heinos Aussage mit der Organisationsqualität ganz interessant; unser Bildungssystem ist wohl tatsächlich etwas verkrustet in der Organisation. Auch deshalb halte ich viel vom Gedanken der externen "Lehrer".

Zur Realitätsnähe / -ferne: meine Schwester ist Rektorin und sicher in ihrem Beruf sehr engagiert. Trotzdem hat sie keine Erfahrungen (woher auch?) mit Dingen wie Bewerbungsschreiben, Arbeitnehmerrechten, Zustände in Unternehmen usw. Diese (und viele andere) Sachverhalte finde ich wichtig auch für die schulische Ausbildung. Ich habe beispielsweise während meiner ganzen Schulzeit nicht gelernt, wie eine Bank funktioniert - und stelle das auch bei meinen Azubis immer wieder fest. Es hilft aber ungemein, so was zu wissen - schon bei ganz profanen Anforderungen beim Berufsstart.

Zur sozialen Sicherheit: naja, da ist Deine Aussage ein bißchen dick aufgetragen, oder? Es ist ja nicht so, daß jeder Arbeiter / Angestellter angstschlotternd zur Arbeit erscheint und bei jedem Fehler befürchten muß, auf der Straße zu landen. Allerdings bin ich schon der Meinung, daß gerade im Lehramt eine gewisse Eignung vorhanden sein muß - und diese nicht immer im Vorfeld, also während der Ausbildung, abgeklopft werden kann. Und irgendeine Möglichkeit brauch ich da eben - als ultima ratio, versteht sich. Immerhin wären Lehrer weit weniger von betriebsbedingten Kündigungen bedroht als beispielsweise Verkäufer.

Tja, Urlaub ist vorbei - bei Dir wohl auch. Da freu ich mich natürlich über Deinen Willkommensgruß :-)

Herzliche Grüße auf die andere Seite!
patric

von patric k - am 30.09.2004 08:40

Re: Unsichermachen des Arbeitsplatzes

hi uwe, patrik, toto:

also ich hätte überhaupt nichts einzuwenden, wenn bei lehrern (wie ja bereits in manchen bundesländern bei neueinzustellenden hochschullehrern) zunächst ein befristeter "vertrag" gemacht wird (so 2, 3 jahre), mit der option auf überführung in ein festes verhältnis ohne erneute ausschreibung (und also unmittelbare konkurrenz).

im übrigen finde ich, was die uni angeht, die anglo-amerikanische einrichtung der "tenure tracks" nicht schlecht: eine stelle, die ausdrücklich zur erprobung gedacht ist, dann aber ebenfalls in eine dauerhafte position überführt werden kann.

bei "unserem" (mittlerweile ja durch die entscheidung des BVerfG etwas in der luft hängenden) "juniorprofessor" ist das (bislang zumindest) in aller regel nicht so. dabei wäre nur so ein fortschritt gegenüber der bisherigen variante von habilitation auf assistenten-stellen gegeben (der die nachteile: höhere lehrverpflichtung trotz des natürlich einstweilen fortbestehenden erfordernisses, sich gerade auch "theoretisch" zu qualifizieren) aufwiegen könnte.

leider wird von den "bewährten modellen" aus anderen ländern immer nur das übernommen, was bisher geltende standards absenkt, ohne die kompensierenden (und auch erst eine "positive" dynamik eröffnenden) elemente mit einzuführen.

man kann nun allerdings die seite der "forschung" gänzlich abtrennen von der "lehre". und man kann natürlich auch die oberstufen-lehrer an den "allgemeinbildenden" schulen von ihren fachlichen ressourcen trennen und ihren auftrag auf eine vorbereitende sozialisierung reduzieren.

ich jedenfalls habe in der schule, bei sehr unterschiedlichen gestalten natürlich, noch so etwas wie die freude am wissen, begreifen, nachdenken und reden gelernt; und würde mir wünschen, daß es solche angebote auch weiterhin gibt.

dazu brauchen lehrer allerdings auch jeweils eine gewisse ausbildung in der sache, natürlich auch fortbildung. was die um sich greifenden einforderungen massiver gehaltsabsenkungen (wie sie ja ebenfalls bei den neuen hochschullehrern bereits erfolgt sind) angeht, so wäre dann wenigstens die für studium und referendariat (oder was auch immer) erforderliche zeit von der noch verbleibenden lebensarbeitszeit abzurechnen, um überhaupt vergleichen zu können.

und schließlich: was die weitere verunsicherung der arbeitsbedingungen (also nicht mehr nur zu beginn) angeht, so hielte ich die in der tat geradezu für unmoralisch und auch zynisch. wenn lehrer/innen - aus gründen, die wie toto ja sagt "im system" liegen; mag das nun das der schule oder der gesellschaft überhaupt sein - "ausgebrannt" sind, dann sind sie opfer, und verdienen fürsorge statt "freisetzung".

gruß - neil



von ex nihilo - am 30.09.2004 10:17

Re: Unsichermachen des Arbeitsplatzes

moin patric & uwe,

hinsichtlich der realitätsnähe / -ferne von lehrerInnen hat mein jüngster sohn
(realschule, derzeit 8. klasse) in letzter zeit die unterschiedlichsten
erfahrungen sammeln können:
die klassenlehrerin, die er im letzten jahr hatte, war seit über 25 jahren
im schuldienst, "burned out", wie man so schön neudeutsch sagt, und
versuchte den ihr anvertrauten fast 30köpfigen haufen pubertierender
jugendlichen mit hilflosen apellen und ermahnungen (mit beinahe unhörbarem
stimmchen vorgetragen) im griff zu behalten. natürlich war sie auch ständig
krank, und da es keine vertretungslehrerInnen gibt - schon gar nicht in ihren
fächern mathematik und physik - haben die schülerInnen da nun schon
beträchtliche defizite. pisa läßt grüßen!
als kontrastprogramm gab es dann noch einen ebenso alten deutschlehrer,
der im kasernenhofton in der klasse herumbrüllte und die halbe klasse
(= die besonders "vorlauten" und "undisziplinierten" knaben, zu denen auch
meiner zählt) mit blauen briefen und klassenkonferenzen einzuschüchtern
versuchte. was eine ebenso erfolglose strategie war.

in diesem schuljahr hat die klasse nun eine neue klassenlehrerin bekommen.

sie ist zwar nur etwa zehn jahre jünger als die vorige, aber erst seit einigen
jahren lehrerin, weil sie vor ihrem studium schon in der freien wirtschaft gearbeitet
hat. sie komme "aus der werbung", erklärte sie auf dem ersten elternabend.
die schülerInnen und sie haben bereits in der ersten woche mit der planung
der klassenreise begonnen (die vorige klassenlehrerin lehnte es ab, klassenreisen
zu unternehmen - dem fühlte sie sich nicht mehr gewachsen...), auf der die
schülerInnen in kleingruppen appartements bewohnen (im november sind die
an nord- und ostsee günstig zu kriegen) und sich selber verpflegen werden.
auch hat sie referenten engagiert, die mit den schülerInnen dort an zwei tagen
workshops zu konfliktmanagement und mediation durchführen werden.

diese neue lehrerin bereitet die schülerInnen auf ihr anstehendes berufspraktikum
u.a. auch vor, indem sie mit ihnen das verfassen von bewerbungen und lebens-
läufen trainiert, OBWOHL das in den lehrplänen nicht vorgesehen ist.
ebenfalls nicht vorgesehen ist, daß die schülerInnen z.b. lernen, lebensläufe
mit "word" so zu schreiben, daß die daten bündig untereinander stehen - deshalb
bietet diese lehrerin entsprechende kurse im computerraum an, in einer
FREISTUNDE ! schülerInnen, die zuhause keinen rechner haben, können
ihre bewerbungen und lebensläufe dort auch gleich schreiben und ausdrucken.
(allerdings versteht ein großteil der an dieser schule unterrichtenden lehrerInnen
weit weniger von pcs und programmen als die meisten schülerInnen...)

ich habe diese engagierte lehrerin neulich gefragt, warum sie studiert und in
den schuldienst gewechselt hat. die antwort war:

erstens (wie erwartet) - sie mag kinder und jugendliche.

zweitens - sie ist alleinerziehende mutter von zwei kindern und schätzt die
bessere absicherung, die der BEAMTENstatus mit sich bringt, auch wenn sie
in ihrem früheren beruf zeitweilig mehr verdienen konnte.

grüße aus dem norden,

dodo (thyra)

von dodo - am 30.09.2004 10:42

Re: Unsichermachen des Arbeitsplatzes

Hallo Neil, uwe und patric

ex nihilo schrieb:

Zitat

und schließlich: was die weitere verunsicherung der
arbeitsbedingungen (also nicht mehr nur zu beginn) angeht, so
hielte ich die in der tat geradezu für unmoralisch und auch
zynisch. wenn lehrer/innen - aus gründen, die wie toto ja
sagt "im system" liegen; mag das nun das der schule oder der
gesellschaft überhaupt sein - "ausgebrannt" sind, dann sind
sie opfer, und verdienen fürsorge statt "freisetzung".

Wenn jemand ausgebrannt ist, liegt das meist "im System", man sollte aber auch die zweite Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es daran liegt, dass der Leherberuf nicht zu jedem passt, der ihn ergriffen hat. Wer z.B. Kinder im Grunde sowieso nicht mag, der steht stärker unter Stress als jemand, der einen besseren Draht zu ihnen hat. Natürlich gibt es hier Wechselbeziehungen.

Das gilt auch für andere Berufe, wie etwa den Arztberuf.

Und in jedem Fall leiden ungeeignete Lehrer und Ärzte nicht nur selbst an ihrem Job, sondern auch die ihnen anvertreuten Menschen, auch wenn "das System", also die Schule und das Medizinwesen in Ordnung gebracht sind.

Es sind also durchaus zwei verschiedene Aspekte, auf die toto hier hin gewiesen hat.

--------------------

Was die Arbeitsplatzsicherheit betrifft, so sollte sie als Recht auf Arbeit entsprechend der persönlichen Eignung und der Qualifikation auf jeden Fall bestehen und ist politisch zu erkämpfen, aber nicht in Form der Ausweitung des Beamtentums, also des Anspruches auf einen einmal gewählten Berufszweig, also einen bestimmten Arbeitsplatz.

Denn - wie ich schon oben sagte - jemand, der als Dienstleister am Menschen tätig ist, ist nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere da.

Dass natürlich in Zeiten immenser Arbeitslosigkeit auch schlechte Lehrer an ihrem Posten (!) festhalten, ist verständlich, nur ...-!

Gruss - Karl

von Karl. - am 30.09.2004 11:24

Artikel in der ZEIT zum Thema

Ob die im folgenden Artikel vorgestellte "Idealschule" wirklich eine wäre, sei mal dahin gestellt. Aber diskussionswürdig ist der Artikel von Hans-Günter Rolff allemal:

Zitat

Traum von einer Lehranstalt

In der "Idealschule" wird das Lernen viel ernster genommen als bisher, es geht um mehr als um Klassenarbeiten, Prüfungen oder Schulabschlüsse. Hier geschieht nichts, was nicht zu sichtbaren Lernerfolgen führt - und zwar bei den lernschwachen Schülern genauso wie bei den talentierten. (...)

Die Schüler sollen dabei möglichst umfassend lernen - also nicht nur Wissen und Können, sondern auch soziale Kompetenzen erwerben und ihren Charakter entwickeln. Sie unterstützen sich gegenseitig und lernen voneinander, indem zum Beispiel stärkere Schüler den schwächeren erklären, was diese nicht verstanden haben, und mit ihnen gemeinsam an Lösungen arbeiten.

Die Schülerinnen und Schüler dürfen selbst mitentscheiden, was sie lernen möchten. Ihre Lehrer machen ihnen Angebote zu verschiedenen Lerninhalten. Die meisten davon sind verpflichtend, andere Themen dürfen abgelehnt werden. Die Schüler sollen dabei in erster Linie das Lernen lernen - also im Umgang mit Arbeits-, Präsentations- und Kommunikationstechniken vertraut werden; und sie sollen das Gefühl haben, dass ihnen das Lernen etwas nützt, wenn sie zum Beispiel im Mathematikunterricht nicht nur wichtige Formeln begreifen, sondern ganz nebenbei auch noch verstehen, wie sich der Energieverbrauch eines Familienhaushalts optimieren lässt. (...)

Ein großer Teil des Unterrichts findet in Schülergruppen statt. Dabei erarbeiten sich beispielsweise vier Gruppen die Gründe für den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, getrennt nach religiösen, sozialen, machtpolitischen oder ökonomischen Aspekten. Je ein Vertreter dieser "Expertengruppen" wechselt dann in eine neue Schülergruppe, in der die unterschiedlichen Sichten ausgetauscht werden. (...)

Die Bildungsministerien liefern dabei das Gerüst eines Lehrplans; dessen Profilierung und Ausgestaltung dagegen bleibt den Schulen selbst überlassen. So können sie rund 60 Prozent der Lehrinhalte frei wählen. Mit besonderen Förderkursen für schwache Schüler und Zusatzangeboten für starke können deren unterschiedliche Talente und Interessen nicht nur bewältigt, sondern produktiv genutzt werden. Das verlangt von den Lehrern diagnostische und psychologische Fähigkeiten, die sie in ihrer Ausbildung (anders als heute) auch vermittelt bekommen.

Sie haben sich von dem Traum verabschiedet, vor ihren Klassen mit ebenso geschliffenen wie belehrenden Vorträgen zu brillieren; stattdessen haben sie gelernt, die Eigenaktivität jedes einzelnen Schülers zu fördern und dessen Lernergebnisse zu sichern. Außerdem sind die neuen Lehrer nicht mehr allein auf ihr Fach und ihre Klasse fixiert, sondern arbeiten eng mit ihren Kollegen zusammen. (...)

In beiden Teams werden die Lehrer zu Lernenden. Sie tauschen ihre besten Ideen, Materialien und Unterrichtssequenzen (best practice) aus, hospitieren beieinander und besuchen Fortbildungen in und außerhalb der Schule. Außerdem überprüfen sie gegenseitig systematisch ihren Unterricht. Sie legen gemeinsam Halbjahresziele fest und entwickeln Indikatoren für den Unterrichtserfolg. (...)

Leiter oder Leiterin einer Schule bleibt man künftig nicht mehr automatisch bis zur Pensionierung, sondern zunächst nur für sechs Jahre; danach muss er oder sie neu bestätigt werden. Dafür haben die Schulchefs erheblich mehr Verantwortung und mehr Rechte als heute: Sie sind für das Gesamtbudget ihrer Schule verantwortlich, nehmen Einfluss auf Neueinstellungen, entscheiden über Beförderungen und Prämien für besondere Leistungen ihrer Lehrer.

Außerdem können sie ungeeignete Pädagogen entlassen. Zwar ist man sich bewusst, dass Lehrer für die Ausübung ihres Berufs eine gewisse Sicherheit benötigen. Man erkannte jedoch, dass der Einfluss, den unfähige Lehrer auf das Lebensschicksal der Heranwachsenden haben, nicht zu verantworten ist. Voraussetzung für solche Entlassungen (die im Übrigen selten sind) ist ein transparentes Verfahren, in dem zunächst die Kriterien der Eignung geklärt werden. Der Entscheidung müssen mindestens zwei Unterrichtsbesuche vorausgehen, die die Schulleitung nicht allein vornimmt. Der in der Kritik stehende Lehrer erhält zum Beispiel Auflagen zur Fortbildung und zum Coaching. Wenn nach knapp einem Jahr keine Verbesserung seiner Leistungen zu erkennen ist, steht die Entlassung an.

Ein Lehrerrat bündelt und vertritt die Interessen der Lehrer. (...)

Um festzustellen, ob die schuleigenen pädagogischen Grundsätze auch wirksam werden, müssen sie intern überprüft werden. Die Ergebnisse dieser Wirksamkeitsevaluation "gehören" den Lehrern, die sie mit Kollegen und fallweise auch mit der Schulleitung besprechen. Wenn Schüler ihre Lehrer beurteilen, verlangt das Schulethos auch, dass die Ergebnisse mit den Schülern besprochen und Verbesserungsvorschläge gemeinsam beraten werden. Die "ideale Schule" ist keine Familie, in der jeder jeden schützt, sondern eine professionelle Lerneinrichtung. Sie duldet keine Fassaden, sondern praktiziert eine authentische Evaluation, die offen und wirksam ist. (...)

Die externen Evaluationsteams machen ihre Ergebnisse öffentlich, zumindest für die Lehrerkollegien und die Elternvertreter. Sie geben der Schule konkrete Empfehlungen für das Qualitätsmanagement. (...)

Der Autor ist Leiter des Instituts für Schulentwicklungsforschung in Dortmund

Wie gesagt, eine gute Diskussionsplattform ...-!

[www.zeit.de]

von Karl. - am 30.09.2004 18:26

Re: Selektion

uwe schrieb:

Zitat

ist das Wort, daß mir dabei immer und immer wieder in den
Sinn kommt.



Die "ideale Schule" ist keine Familie, in der jeder jeden
schützt, sondern eine professionelle Lerneinrichtung. Sie
duldet keine Fassaden, sondern praktiziert eine authentische
Evaluation, die offen und wirksam ist.


Keinen Schutz, keine Kameradschaft, keine Freundschaft, keine
menschliche Schwäche. Menschlichkeit selbst als Schwäche.
Blanke Nützlichkeit. "Authentische Evaluation" klingt aber
besser.

Auschwitz war die Aufhebung bürgerlicher Nützlichkeit im
rasenden Wahn.
Und doch, noch im Rasen setzt es sich dieses heilige
Prinzip bürgerlicher Nützlichkeit wieder durch. Auf die
Spitze getrieben.
An der Rampe wird die wahrhaft deutsche "authentische
Evaluation" "praktiziert". "Sie duldet keine Fassaden, ist
"offen und wirksam"
Niemand wird geschützt......

Na, nun mach' aber mal'n Punkt.

Dir fällt zu diesem Text "Auschwitz" ein?

Ich habe ja nichts gegen Zuspitzungen. Aber eine krassere Verharmlosung und Relativierung faschistischer Selektion ist ja wohl kaum möglich.

So ein Unsinn, fass' Dich mal an den Kopf!

von Karl. - am 01.10.2004 13:39

Re: Artikel in der ZEIT zum Thema

Frank S schrieb:

Zitat

Na ja,

ich will mich auf einen Nebenaspekt begrenzen:
Die "ideale Schule" ist keine Familie, in der jeder jeden
schützt, sondern eine professionelle Lerneinrichtung. Sie
duldet keine Fassaden, sondern praktiziert eine authentische
Evaluation, die offen und wirksam ist.
Dass es ein Problem sein kann, wenn "jeder jeden schützt",
leuchtet ein - dann passiert eben nichts. Aber: "duldet keine
Fassaden"? Wie in aller Welt soll denn das funktionieren?
Wenn man möchte, dass die Leute wirklich (halbwegs) offen
sagen, was sie meinen ... und sich vor allem was sagen lassen
... dann muss man ihnen Fassaden zugestehen. Der
Sanierer-Saubermann-Tonfall, der an dieser Stelle am
krassesten an die Oberfläche kommt, ist mir zutiefst
unsympathisch. Und ruft natürlich erst recht ganz
unerfreuliche Fassadenbildung hervor: jeder wird dann so tun,
als ob er ganz offen und authentisch und ergebnisorientiert
wäre ... was, wie jeder weiß, natürlich nur unter erheblicher
Verdrängung möglich ist.

Gruß Frank

Dein Beitrag, der sich auf ein oder zwei Sätze über ein oder zwei Sätze beschränkt, ist schon ein wenig dürftig.

Geh' doch mal auf das Konzept ein.

Was aber schon richtig ist: dieses Konzept richtet sich schon gegen Seilschaften und dergleichen, gegen Klitschendenken, etc. Das aber ist doch gerade das Progressive daran.

Denn die kleinbürgerliche Familienklitsche - ich schrieb ja schon des öfteren darüber - ist eine sehr reaktionäre Angelegenheit und ist mit einer offenen Schule, ja mit einer offenen Gesellschaft, in der es transparent zugeht und Menschen sich gegenüber jenen, mit und für die denen sie arbeiten, verantworten müssen, überhaupt nicht vereinbar.

Das wissen wir doch nicht nur seit der taz-Kneipenforum-Geschichte, die ja hier ein recht abschreckendes Beispiel abgibt, finde ich.

Aber das Problem ist schon allgemeiner und ich will es nicht nur an bestimmten Beispielen festmachen.

von Karl. - am 01.10.2004 13:47

Re: Selektion

ex nihilo schrieb:

Zitat

hallo karl,

sorry, hatte deinen beitrag in dieser sache noch nicht gesehn.

> So ein Unsinn, fass' Dich mal an den Kopf!

aber warum denn? es wird ja nicht die gleichung schulreform =
auschwitz aufgemacht, oder so. aber ein konzept, das mit
"authentischer evaluation" und zero tolerance
gegenüber jeder "fassadenbildung" arbeitet, kann einem doch
nur zutiefst suspekt sein, und zwar aus gründen, die in der
tat auch auf den nationalsozialismus u.ä. verweisen.

gruß - neil

Also Neil, beim besten Willen, aber wo steht denn in dem Text etwas von 'zero tolerance'?

Gegenüber was und wem denn soll eine 'zero tolerance' ausgeübt werden?

Und was hat dieses Schulkonzept mit "Rampe Auschwitz" zu tun, wo es darum ging Menschen zu vernichten, die nicht "rassen- oder volkskonform" waren?

Das ist doch ein Relativierungs- und Verkehrungswahn bei Euch beiden, uwe und Dir. Denkt doch mal in Ruhe nach, was Ihr da schreibt.

Es gibt in Deutschland schon zu viele Relativierungen und Verharmlosungen dessen, was Faschismus war und ist, als dass man ihn nun in diesem Schulkonzept finden muss.

Leute!

von Karl. - am 01.10.2004 13:53

Re: Artikel in der ZEIT zum Thema

HeinoRipinski schrieb:

Zitat

Karl. schrieb:



Außerdem können sie ungeeignete Pädagogen entlassen. Zwar
ist man sich bewusst, dass Lehrer für die Ausübung ihres
Berufs eine gewisse Sicherheit benötigen. Man erkannte
jedoch, dass der Einfluss, den unfähige Lehrer auf das
Lebensschicksal der Heranwachsenden haben, nicht zu
verantworten ist.
Voraussetzung für solche Entlassungen
(die im Übrigen selten sind) ist ein transparentes Verfahren,
in dem zunächst die Kriterien der Eignung geklärt werden. Der
Entscheidung müssen mindestens zwei Unterrichtsbesuche
vorausgehen, die die Schulleitung nicht allein vornimmt. Der
in der Kritik stehende Lehrer erhält zum Beispiel Auflagen
zur Fortbildung und zum Coaching. Wenn nach knapp einem Jahr
keine Verbesserung seiner Leistungen zu erkennen ist, steht
die Entlassung an.



Ja, unter solchen Bedingungen ist es akzeptierbar. Aber es
wird dann auch nicht viele ungeeignete Lehrer geben, denn wie
gesagt - gute Organisationen haben meist auch gute Mitarbeiter.

Hallo Heino,

noch ein paar Anmerkungen dazu:

Ob eine Organisation "gut" ist, entscheidet sich danach, ob sie einem rationalen Zweck gerecht werden kann, insofern ist das immer relativ und müssen Organisationen ggf. auch immer wieder geändert werden, was oft nur unter Mitarbeit der Beschäfigten geht. Etwas, was heute "gut" war, kann morgen schon schlecht, d.h. untauglich sein.

Das zweite: Ich würde die Bezeichnung "guter Mitarbeiter" eigentlich nur hiflsweise verwenden. Es kann jemand ein guter Arzt, aber ein schlechter Lehrer sein, oder ein guter Rektor, aber ein schlechter Lehrer, usw., oder umgekehrt.

Wenn, dann kann es doch nur um die Frage gehen, ob Mitarbeiter für den bestimmten Job "gut" sind, also dazu passen.

ist dies nicht der Fall, so können sie dennoch "gute" Mitarbeiter in einem ganz anderen Beruf sein.

Oder auch: Lehrer sollte weder ein "Job" noch ein (Beamten-)"Posten" sein, sondern der Berufung entsprechen, wie es so schön heisst.

Oder auch: Jeder nach seinen Fähigkeiten ...-!

Gruss - Karl

von Karl. - am 01.10.2004 14:02

Re: keine relativierung

ex nihilo schrieb:

Zitat

karl,

es handelt sich keineswegs um relativierung. ich würde eben
auch nicht sagen: "auschwitz ist überall" (und wir wissen ja,
wo es dann so stattfindet); es handelt sich, wenn du so
willst, um ideologiekritik: zu benennen, wo sich die momente
wieder zeigen, die zu auschwitz geführt haben, und in der
konsequenz führen.

zwischen uns gehts insofern immer wieder um dieselbe frage:
inwieweit die nazi-ideologie aus gesellschaftlichen
einstellungen (und auch "verkehrungen", die eben dort
angesiedelt sind) resultiert, resp. um ihre un-geistige
eigenständigkeit, die in einem gebrochenen verhältnis steht
zu ihrer "praktischen" nutzbarmachung (und meinetwegen auch
finanzierung).

es sind eben nicht nur nietzsche und andere "finstere
gesellen", die von macht und übermenschen reden. es handelt
sich um verhältnisbestimmungen: bestimmungen der verhältnisse
und letztlich des verhältnisses von mensch zu mensch. auch
hier besteht übrigens ein enger - eben ideologisch bestimmter
- zusammenhang zur bürgerlichen gesellschaft.

gruß - neil


---------------------------------------------------------------------------------------

don't follow leaders, watch the parkin’ meters

Neil, der Faschismus geht aber gerade aus der Familienklitsche hervor, wenn man es kulturell betrachtet.

Die klassenlos-wahnhafte "Volksgemeinschaft", als Erweiterung der kleinbürgerlichen Betriebsgemeinschaft ist so was wie die erweiterte "Schutzgemeinschaft" derjenigen untereinander, die zusammen nicht nur eine "Blutsgemeinschaft", sondern vor allem auch eine "Harmoniegemeischaft", eine "Geistesgemeinschaft und -verwandtschaft" bilden, wo jeder sich kennt und jeder sich schützt - trotz aller (- gemeinschaftlich begangener! -) Verbrechen.

Es ist also genau umgekehrt.

Was sagst Du nun?

Gruss - Karl

von Karl. - am 01.10.2004 14:06

Re: Selektion

Hallo (Uwe, Karl, Neil u.a.),

mir fiel an dieser Stelle nicht Auschwitz ein, wohl aber ein Problem. Ich habe das Problem umrissen.

Was ich sehe: uwe und Neil gehen auf meine Überlegung ein, dass "Evaluation" eben nichts Unschuldiges ist, sondern etwas Zweischneidiges (und das erst recht in einer kapitalistischen Gesellschaft). Genauso wie übrigens Effizenz. Natürlich ist es nicht vernünftig, jedem Effizienzstreben und jeder offenen Evaluation gleich Auschwitz zuzuordnen; diese Sachen in Bausch und Bogen zu verdammen und statt dessen Ineffiezienz und Vetterleswirtschaft zu verlangen.

Aber wo alle Rücksichten ("Fassaden") zurückstehen müssen gegenüber einer wahrhaft offenen, authentischen Evaluation, da ist schon ein Tonfall angestimmt, der zu Bedenken Anlass geben kann. Da sind jedenfalls die Leute nicht mehr ein Zweck in sich selbst, sondern Mittel zum Zweck. Auch das ist Alltag; will man das aber radikal durchsetzen, dann hat es extreme Konsequenzen. (Zum Glück wirds wohl so weit nicht kommen.)

Was ich bei Dir, Karl, vermisse, ist der Versuch, dieses Problem zu bedenken.

Gruß Frank

von Frank S - am 01.10.2004 14:52

Re: Artikel in der ZEIT zum Thema

Zitat

Karl. schrieb:



Außerdem können sie ungeeignete Pädagogen entlassen. Zwar
ist man sich bewusst, dass Lehrer für die Ausübung ihres
Berufs eine gewisse Sicherheit benötigen. Man erkannte
jedoch, dass der Einfluss, den unfähige Lehrer auf das
Lebensschicksal der Heranwachsenden haben, nicht zu
verantworten ist.
Voraussetzung für solche Entlassungen
(die im Übrigen selten sind) ist ein transparentes Verfahren,
in dem zunächst die Kriterien der Eignung geklärt werden. Der
Entscheidung müssen mindestens zwei Unterrichtsbesuche
vorausgehen, die die Schulleitung nicht allein vornimmt. Der
in der Kritik stehende Lehrer erhält zum Beispiel Auflagen
zur Fortbildung und zum Coaching. Wenn nach knapp einem Jahr
keine Verbesserung seiner Leistungen zu erkennen ist, steht
die Entlassung an.


Heino:
Ja, unter solchen Bedingungen ist es akzeptierbar. Aber es
wird dann auch nicht viele ungeeignete Lehrer geben, denn wie
gesagt - gute Organisationen haben meist auch gute Mitarbeiter.


Zitat

Karl:
Hallo Heino,

noch ein paar Anmerkungen dazu:

Ob eine Organisation "gut" ist, entscheidet sich danach, ob
sie einem rationalen Zweck gerecht werden kann, insofern ist
das immer relativ


Was wäre denn ein irrationaler Zweck? Ob eine Organisation gut ist, entscheidet sich daran, ob und wie sie ihre Ziele erreicht und dabei auch Belange der Mitarbeiter, der Kunden, der Öffentlichkeit, der Umwelt etc. berücksichtigt.


Zitat

Das zweite: Ich würde die Bezeichnung "guter Mitarbeiter"
eigentlich nur hiflsweise verwenden. Es kann jemand ein guter
Arzt, aber ein schlechter Lehrer sein, oder ein guter Rektor,
aber ein schlechter Lehrer, usw., oder umgekehrt.

Wenn, dann kann es doch nur um die Frage gehen, ob
Mitarbeiter für den bestimmten Job "gut" sind, also dazu
passen.

ist dies nicht der Fall, so können sie dennoch "gute"
Mitarbeiter in einem ganz anderen Beruf sein.

Zitat

Oder auch: Jeder nach seinen Fähigkeiten ...-!


In einer "guten Organisation" ist jeder am richtigen Platz.

von HeinoRipinski - am 01.10.2004 14:58

Betriebsgemeinschaft und Volksgemeinschaft

Hallo neil,

ex nihilo schrieb:

Zitat

erstmal nur soviel: zur nazi-herrschaft gehört auch das
lager, ja es erscheint in gewisser weise als der zielpunkt
des ganzen: die entfesselte gewalt der "bewegung". es handelt
sich entschieden um die "feindliche" seite: also das, was
"naturgemäß" gerade außerhalb von "familie, klitsche,
gemeinschaft" steht.

beide seiten gehören also dazu: die dumpfe kumpanei
und die grenzenlose barbarei. vielleicht gibt es eine innere
verwandtschaft zwischen dieser barbarei und einem aggressiven
(auf bildung, kultur, politik mit anspruch machenden)
marktliberalismus? eine zerstörerische wut jedenfalls (um es
stark auszudrücken).

jedenfalls gehört für mich zu den "verteidenswerten"
errungenschaften bürgerlicher gesellschaftsordnung die
personalität, auch privatheit. "das private ist politisch" -
das fand ich schon immer als kritischen satz ebenso
treffend wie als programm verheerend.

gruß - neil


---------------------------------------------------------------------------------------

don't follow leaders, watch the parkin’ meters

o.k., immerhin siehst Du auch, dass auch die "dumpfe Kumpanei" ein untrennbarer Bestandteil der faschistischen Verbrechen war.

Ich hatte vor ein paar Jahren mal einen Artikel in der taz gelesen, wo es um die sehr grossen Wahlerfolge der italienischen Faschisten ging, also der Partei, die heute mit Berlusconi eine Kolalition eingeht.

Diese Wahlerfolge waren am grössten in der Region um Verona, wo die italienischen Faschisten ihre Hochburg haben. Dort gibt es nur kleinbürgerliche "Klitschen" fast nur ohne Gewerkschaften und Betriebsräte, wo die Meister und "Betriebsführer" in paternalistischer Weise das Sagen haben.

Der zweite Profi-Fussball-Club aus Verona, der vor ein paar Jahren noch in der Primera Division spielte, besitzt so viele faschistische Fans, dass er - wie auch einer der beiden römischen Erstligavereine - keine afrikanischen Spieler verpflichten kann; zu gross ist der Druck der dortigen "Fussballfans".

Das ist nur ein Spotlight.

Ich will mal auf ein paar Quellen hinweisen, die ein wenig Licht in die Sache bringen.

Während in dem von mir verlinkten Schul-Artikel z.B. die Rede davon ist, dass auch die Lehrer Lernende sein sollten und zu einer ständigen, auch umfassenden psychologischen Weiterbildung verpflichtet werden, sowie Schüler das Lernen lernen und also selbstständig denken lernen sollen, beschreibt der folgende Artikel über das "Volkswagen"-Werk tatsächlich eine Selektion von Arbeitern als Soldaten, die das Denken verlernen und den Kadavergehorsam für "den Führer" lernen sollten:

Zitat

Es wurde eine "Betriebsgemeinschaft", die dem Konzept der "Volksgemeinschaft" nahestand, beschworen.
Der Arbeitgeber war die `Deutsche Arbeitsfront. Die Ausbilder der Jugendlichen waren SS-Betreuer,die den Tagesablauf sowie die Freizeitgestaltung militärisch organisierten. Die Wertigkeit des Einzellnen bemaß sich an seiner Wertigkeit für die Werks- und "Volksgemeinschaft".

Aufnahmekriterien
Grundvorraussetzungen für die Aufnahme basierten auf elitär erbbiologisch und rassischen Kriterien.

usw., usf.

[www.vernetztes-gedaechtnis.de]

Wichtig auch der folgende text, der über die Verwandtschaft der kleinbürgerlichen "Betriebsgemeinschaft" sowie der "Volksgemeinschaft" aufklärt. Hierbei wird der Soziologe Ferdinand Tönnies zitiert, der hierzu ein wichtiges Buch mit dem Titel "Gemeinschaft und Gesellschaft" geschrieben hat.

Zitat

Inszenierung und Realisierung von Volksgemeinschaft
Die Formatierung des Volkes zu einer nationalsozialistischen Volksgemeinschaft erfolgte in einer bereits 1933 einsetzenden und bis 1945 ununterbrochenen Propaganda. Dies begann bereits im offiziellen Sprachgebrauch in Behörden, Schulen und Presse. An Stelle des demokratischen Begriffs "Bürger" trat jetzt das Wort "Volksgenosse", womit bereits eine gewissen Zusammengehörigkeit suggeriert werden sollte. In den Betrieben sollte nicht mehr die nach Ansicht der NS-Propagandisten klassenspalterischen Begriffe Arbeitnehmer und Arbeitgeber gebraucht werden. Statt dessen war von Betriebsgemeinschaft die Rede,
...

[www.shoa.de]

Ich erinnere vor allem daran, dass sehr grosse Teile des ehemals kaisertreuen Beamtenapparates nicht nur mit grösster Sorgfalt, sondern auch mit grosser Leidenschaft Selektionen durchgeführt haben. Eichmann ist hier nur ein beamteter, staatstreuer Biederman unter sehr vielen.

Genau dieser kleinbürgerliche Kadaver-Karrierismus, dieses nach-Pöstchen-Schielen und sich nicht Verantworten müssen, ausser dem Vorgesetzten, das war eine Basis des deutschen National"sozialismus".

Die "Idee" des Faschismus ist, dass sich die konflikthafte, in Klassengespaltene Gesellschaft zu Gunsten einer pseudoharmonischen, alle Korruptionen und Verbrechen deckende, Gemeinschaft auflösen sollte, in der sich jeder "Volksgenosse" "geborgen" und vor Rechenschaft und Verfolgung sicher fühlen durfte.

Wer als dies mit jenem zitierten Schulkonzept vergleichen will, bei dem interessiert mich, aus welchem Interesse, er dies tun will.

cui bono?

Gruss - Karl

von Karl. - am 01.10.2004 15:01

Re: Artikel in der ZEIT zum Thema

Lieber Karl,

ich habe keine Lust und keine Zeit, sehr lange Beiträge zu schreiben. Ich möchte auch nicht auf das Konzept eingehen. Ich habe aber Bedenken angemeldet gegen einen ganz bestimmten Punkt, der mir auffiel. Wieso sollte das illegitim sein?

Hast Du schon mal erlebt, wie es (bei manchmal recht alltäglichen Konfliktpunkten) zum Tribunal gegen einzelne Leute kommt? Leute, die oft wirklich was falsch gemacht haben (oder auch nicht), ziehen den Ärger und Zorn aller möglichen Leute auf sich. Dann passiert es schnell, dass ein Tribunal eröffnet wird; gern übrigens mit der Begründung, man müsse alles hier offen diskutieren und dürfe nichts hinter dem Berg halten etc. Dies ist aber doch keine gute soziale Umgangsform, es kann wirklich die Ausmaße sozialer Vernichtung annehmen: Feuer frei!

Im Gegenteil: Es ist ein recht schwieriges Unterfangen, Kritik so zu formulieren, dass sie überhaupt angenommen werden kann. Da ist das Wahren des Gesichts ("Fassade"), das Schützen, das Zulassen von Ausreden absolut unverzichtbar. Wenn man darauf verzichtet, wird man Leute schon gut los. Aber man kann ganz sicher nicht erreichen, dass sie ihre Arbeit gern und deswegen gut machen.

Ich sage nicht, dass der ZEIT-Artikel darauf hinausläuft. Ich meine nur, der Autor nimmt diese Gefahr offenbar nicht ernst (genug).

Gruß frank

von Frank S - am 01.10.2004 15:04

Re: Selektion

Frank S schrieb:

Zitat

Hallo (Uwe, Karl, Neil u.a.),

mir fiel an dieser Stelle nicht Auschwitz ein, wohl aber ein
Problem. Ich habe das Problem umrissen.

Was ich sehe: uwe und Neil gehen auf meine Überlegung ein,
dass "Evaluation" eben nichts Unschuldiges ist, sondern etwas
Zweischneidiges (und das erst recht in einer kapitalistischen
Gesellschaft). Genauso wie übrigens Effizenz. Natürlich ist
es nicht vernünftig, jedem Effizienzstreben und jeder offenen
Evaluation gleich Auschwitz zuzuordnen; diese Sachen in
Bausch und Bogen zu verdammen und statt dessen Ineffiezienz
und Vetterleswirtschaft zu verlangen.

Aber wo alle Rücksichten ("Fassaden") zurückstehen müssen
gegenüber einer wahrhaft offenen, authentischen Evaluation,
da ist schon ein Tonfall angestimmt, der zu Bedenken Anlass
geben kann. Da sind jedenfalls die Leute nicht mehr ein Zweck
in sich selbst, sondern Mittel zum Zweck. Auch das ist
Alltag; will man das aber radikal durchsetzen, dann hat es
extreme Konsequenzen. (Zum Glück wirds wohl so weit nicht
kommen.)

Was ich bei Dir, Karl, vermisse, ist der Versuch, dieses
Problem zu bedenken.

Gruß Frank

Ja, aber Frank, ich habe doch den Artikel vor allem zur Diskussion gestellt und nicht selbst geschrieben.

Ich werde das Problem bedenken, muss jetzt aber weg.

Gruss - Karl

von Karl. - am 01.10.2004 15:07

Re: Artikel in der ZEIT zum Thema

Lieber Fank,

Frank S schrieb:

Zitat

Lieber Karl,

ich habe keine Lust und keine Zeit, sehr lange Beiträge zu
schreiben. Ich möchte auch nicht auf das Konzept eingehen.
Ich habe aber Bedenken angemeldet gegen einen ganz bestimmten
Punkt, der mir auffiel. Wieso sollte das illegitim sein?

Hast Du schon mal erlebt, wie es (bei manchmal recht
alltäglichen Konfliktpunkten) zum Tribunal gegen einzelne
Leute kommt? Leute, die oft wirklich was falsch gemacht haben
(oder auch nicht), ziehen den Ärger und Zorn aller möglichen
Leute auf sich. Dann passiert es schnell, dass ein Tribunal
eröffnet wird; gern übrigens mit der Begründung, man müsse
alles hier offen diskutieren und dürfe nichts hinter dem Berg
halten etc. Dies ist aber doch keine gute soziale
Umgangsform, es kann wirklich die Ausmaße sozialer
Vernichtung annehmen: Feuer frei!

Im Gegenteil: Es ist ein recht schwieriges Unterfangen,
Kritik so zu formulieren, dass sie überhaupt angenommen
werden kann. Da ist das Wahren des Gesichts ("Fassade"), das
Schützen, das Zulassen von Ausreden absolut unverzichtbar.
Wenn man darauf verzichtet, wird man Leute schon gut los.
Aber man kann ganz sicher nicht erreichen, dass sie ihre
Arbeit gern und deswegen gut machen.

Ich sage nicht, dass der ZEIT-Artikel darauf hinausläuft. Ich
meine nur, der Autor nimmt diese Gefahr offenbar nicht ernst
(genug).

Gruß frank

hm. War das der Tenor des Beitrags, nur weil dort von externer Evalution die Rede war?

Immerhin geht es doch auch um die Schüler, oder?

Wenn man den text liest, klingt dort eigentlich so etwas wie ein Tribunal nicht durch.

Es geht doch auch um Weiterbildung und Kommunikation zwischen Schülern, Lehrern und Verwaltung.

Was ich problematisch an dem text finde, sind die grossen Kompetenzen für den Schulrektor.

Bis dann - Karl

von Karl. - am 01.10.2004 15:11

Re: Artikel in der ZEIT zum Thema

Zitat

Da sind jedenfalls die Leute nicht mehr ein Zweck in sich selbst, sondern Mittel zum Zweck


Ich zitiere Dich hier mal aus einem anderen Posting.
Ich halte dies für wesentlich.

Was mir auch auffällt.

Karl nimmt Bezug auf einen Artikel, der einer Effizienzsteigerung in Absehung der Persönlichkeit durch aus das Wort redet.

Du kritisierst mich in dezenter Wiese so:

Zitat

Natürlich ist es nicht vernünftig, jedem Effizienzstreben und jeder offenen Evaluation gleich Auschwitz zuzuordnen; diese Sachen in Bausch und Bogen zu verdammen und statt dessen Ineffiezienz und Vetterleswirtschaft zu verlangen.


Ich denke mal, daß ich Auschwitz nicht in der beschriebenen Weise zugeordnet habe.
Aber Du hast es angesprochen und es sollte dann schon auf den Punkt gebracht werden.

Menschliche Effizienz ist in der bürgerlichen Gesellschaft untrennbar an den Zweck der Produktion gebunden. Und der ist die Kapitalakkumulation.
Und die nicht in "Bausch und Bogen zu verdammende Evaluation" die "keine Fassaden duldet" kann und soll eben eine Funktionsfähigkeit für diesen Zweck feststellen. Und sonst garnichts.

Warum soll das Gegenteil dieses Pferdemarktes nur als "Ineffizienz und Vetterlewirtschaft" zu denken sein?
Wäre allerdings diese Zuordnung bzw. Gegenüberstellung absolut, dann müße ich - der ich dies eigentlich nicht wahrhaben möchte - gradezu als Hyperoptimist durchgehen....

von uwe - am 02.10.2004 06:35

Ich bin zwar nicht gefragt...

- aber das konnte mich noch nie daran hindern, meinen Senf dazu zu geben:
Zitat

Hast Du schon mal erlebt, wie es (bei manchmal recht alltäglichen Konfliktpunkten)
zum Tribunal gegen einzelne Leute kommt?
Oh ja.

Genau hier, in diesem tazdiss-Forum, und in seinem Vorgänger-Forum.
Zitat

Leute, die oft wirklich was falsch gemacht haben (oder auch nicht), ziehen
den Ärger und Zorn aller möglichen Leute auf sich. Dann passiert es schnell,
dass ein Tribunal eröffnet wird; gern übrigens mit der Begründung, man müsse
alles hier offen diskutieren und dürfe nichts hinter dem Berg halten etc.
Die hier in diesem Zusammenhang am liebsten verwendeten Ausdrücke lauten
"Aufarbeitung" und "Enttabuisierung".
Zitat

Dies ist aber doch keine gute soziale Umgangsform, es kann wirklich
die Ausmaße sozialer Vernichtung annehmen: Feuer frei!
Glaube mir:
Es ist wirklich ganz und gar sinnlos, Karl und Co. das erklären zu wollen.

Da gibt es für die Angeklagten des tazdiss-Tribunals in der Regel nur eins:

Ebenfalls aus vollen Rohren feuern.

Gruß,

diTHYRAmbe

von thyra - am 02.10.2004 13:40

Da hast du sicher recht:

Zitat

Wünschen wir der Lehrerin Deines Sohnes, daß sie lange durchhält.
Sie wird es schwer haben. 30 Jahre lang vor Klassen mit mehr als 30 Menschen
zu stehen, ist nicht nur in sozialen Brennpunkten eine richtig harte Arbeit.
Und sie wird mit zunehmenden Stundenzahlen, wachsenden sozialen Problemen,
gekürzten Mitteln nicht leichter werden.
...vielleicht hatte ich mein Argument ja so geschickt in dieser kleinen Geschichte
aus unserem Familienalltag versteckt, daß es dort nicht weiter auffiel... :-)

Deshalb noch mal der explizite Hinweis:

Ich denke, daß LehrerInnen wie die meines Sohnes mit der harten Arbeit
vor Klassen mit mehr als 30 Menschen, mit zunehmenden Stundenzahlen,
wachsenden sozialen Problemen
und gekürzten Mitteln möglicherweise
ein wenig besser fertig werden, wenn sie sich wenigstens auf eine - mit dem
Beamtenstatus verbundene - relativ gute Absicherung ihrer persönlichen
Lebensverhältnisse stützen können.

Bei der Lehrerin meines Sohnes war diese Sicherheit wohl zumindest
ein Grund, sich für diesen anstrengenden, aber dafür manchmal sicher
auch sehr befriedigenden Beruf zu entscheiden.

Gruß zurück von
thyra (wieder ;-) )

von thyra - am 02.10.2004 13:52

Verbeamtete Lehrer verhüten kein neues Auschwitz.

Hallo uwe, (auch Neil, Frank und toto)

uwe schrieb:

Zitat

Karl. schrieb:


Na, nun mach' aber mal'n Punkt.

Dir fällt zu diesem Text "Auschwitz" ein?

Ich habe ja nichts gegen Zuspitzungen. Aber eine krassere
Verharmlosung und Relativierung faschistischer Selektion ist
ja wohl kaum möglich.

So ein Unsinn, fass' Dich mal an den Kopf!


Wenn Du eine ernsthafte Diskussion wünschst, dann mußt Du
Dich schon der Mühe unterziehen, die Texte, die Du permanent
mit Zensuren belegst, auch zu lesen.
Und wenn Du nicht verstehst, ist nach zu fragen.
Dann kannst Du noch immer polemisieren.

Ich kann hier nicht mein Posting noch mal schreiben.
Da steht aber nicht, daß ich Auschwitz mit Deiner
"Modellschule" vergleiche. Da steht daß das Prinzip der
Selektion von Menschen nach Ihrer "Nützlichkeit" - dass im
übrigen in Auschwitz "wahnhaft aufgehoben wurde" -
letztendlich eine endgültige Form an der Rampe fand.

Wo da Auschwitz verharmlost wird, bleibt Dein Geheimnis.

Na gut, ich will den Ball mal ein bischen flach halten. Es nützt ja nichts, dem anderen Verständnisdefizite oder ähnliches zu unterstellen, es sei denn, man will gar nichts ausdiskutieren.

Also entschuldige ich mich einmal.

Dennoch:

Du schreibst:

Zitat

[Selektion] ... ist das Wort, daß mir dabei immer und immer wieder in den
Sinn kommt.

Zitat aus dem "Schulmodell"-Text: -----

Die "ideale Schule" ist keine Familie, in der jeder jeden schützt, sondern eine professionelle Lerneinrichtung. Sie duldet keine Fassaden, sondern praktiziert eine authentische Evaluation, die offen und wirksam ist.

---- Zitatende

Keinen Schutz, keine Kameradschaft, keine Freundschaft, keine menschliche Schwäche. Menschlichkeit selbst als Schwäche. Blanke Nützlichkeit. "Authentische Evaluation" klingt aber besser.

Auschwitz war die Aufhebung bürgerlicher Nützlichkeit im rasenden Wahn. Und doch, noch im Rasen setzt es sich dieses heilige Prinzip bürgerlicher Nützlichkeit wieder durch. Auf die Spitze getrieben. An der Rampe wird die wahrhaft deutsche "authentische Evaluation" "praktiziert". "Sie duldet keine Fassaden, ist "offen und wirksam" Niemand wird geschützt......

Zum einen war Auschwitz in seiner Irrationalität doch Teil einer immanenten (!) Kapital"rationalität", wie auch so viele andere irrationale und mörderische Dinge in Kapitalrationalität und letzten Endes Kapital umgewandelt werden.

Dazu hatte ich einiges geschrieben, ich glaube, da warst Du im Urlaub. Aber die KZs hatten auch ihre Kapitalfunktion, und die Selektion, die eine ganz bestimmte war, war irrational und (kapital)"rational" zugleich, also auch hier ein Doppelcharakter, ähnlich wie bei der Ware. Aber das schreibst Du ja auch so ähnlich.

Die Produktion von Destruktion ist auch Teil der Wert-Produktion, nimm bspsw. Kriege, Umweltvernichtung grossen Stils, Massenelend in der "3. Welt", usw. Da sind nicht nur "Verrückte" und "Verführte" am Werk, da drückt sich die Umwandlung kapitalistischer Effizienz in Destruktivkräfte aus.

Jetzt zu der von Dir mit assoziativen Parallelen belegten "Selektion" im vorgestellten Schulmodell:

Da geht es doch eigentlich darum:

Zitat

Die Schüler sollen dabei möglichst umfassend lernen - also nicht nur Wissen und Können, sondern auch soziale Kompetenzen erwerben und ihren Charakter entwickeln. Sie unterstützen sich gegenseitig und lernen voneinander, indem zum Beispiel stärkere Schüler den schwächeren erklären, was diese nicht verstanden haben, und mit ihnen gemeinsam an Lösungen arbeiten.

Die Schülerinnen und Schüler dürfen selbst mitentscheiden, was sie lernen möchten. Ihre Lehrer machen ihnen Angebote zu verschiedenen Lerninhalten. Die meisten davon sind verpflichtend, andere Themen dürfen abgelehnt werden. Die Schüler sollen dabei in erster Linie das Lernen lernen - also im Umgang mit Arbeits-, Präsentations- und Kommunikationstechniken vertraut werden; und sie sollen das Gefühl haben, dass ihnen das Lernen etwas nützt, wenn sie zum Beispiel im Mathematikunterricht nicht nur wichtige Formeln begreifen, sondern ganz nebenbei auch noch verstehen, wie sich der Energieverbrauch eines Familienhaushalts optimieren lässt. (...)

Ein großer Teil des Unterrichts findet in Schülergruppen statt. Dabei erarbeiten sich beispielsweise vier Gruppen die Gründe für den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, getrennt nach religiösen, sozialen, machtpolitischen oder ökonomischen Aspekten. Je ein Vertreter dieser "Expertengruppen" wechselt dann in eine neue Schülergruppe, in der die unterschiedlichen Sichten ausgetauscht werden. (...)

Der Autor ist dafür bekannt, dass er die soziale Selektion in der herkömmlichen Schule scharf kritisiert. Diese will er u.a. dadurch verhindert wissen, indem z.B. die stärkeren den schwächeren Schülern helfen sollen, anstatt dass die "Schwächeren" durch den Rost fallen.

Zitat

PISA zeigt, dass ein hohes Leistungsniveau keiner frühen Selektion für den Übergang in unterschiedliche Schulformen und Bildungsgänge bedarf. Seit Ende des zweiten Weltkrieges setzt sich international der Trend zu einer langen gemeinsamen Schulzeit durch. So gibt es beispielsweise in Finnland und in den anderen skandinavischen Ländern eine mindestens neunjährige gemeinsame Schulzeit. In den meisten unserer Bundesländer trennen sich die Bildungswege nach einer nur vierjährigen Grundschulzeit so früh wie in nur wenigen Staaten. Nachteile von Kindern aus sozial schwachen Familien lassen sich jedoch in nur vier Grundschuljahren nicht kompensieren.

Der Dortmunder Erziehungswissenschaftler Hans- Günter Rolff sagte: „Finnland, Neuseeland und vor allem Kanada zeigen, dass im Gesamtschulsystem die Begabten stärker gefördert werden als bei uns im Gymnasium“. Zugleich habe die PISA – Studie belegt, dass wir „nach Mexiko und Brasilien die allergrößte soziale Auslese (haben). Wer aus sozial schwachen Familien kommt, hat schlechte Bildungschancen“. „Ich finde das beschämend“.

Weil nahezu alle Länder, in denen die Schülerinnen und Schüler mindestens acht Jahre gemeinsam die Schule besuchen, bessere Ergebnisse erzielten, „spricht vieles dafür, die Fenster möglichst lange offen zu halten und die Leistungsauslese nach hinten zu verschieben“. Der Dresdner Erziehungswissenschaftler Wolfgang Melzer kritisierte: „Einige Ergebnisse der PISA – Studie werden auch ausgeblendet. So zum Beispiel, dass soziale Verhalten, Persönlichkeitsentwicklung und schulische Leistung eine Einheit bilden. Wir haben die Bluttat von Erfurt erstaunlich schnell wieder vergessen“. „Wir müssen von einem selektiven zu einem integrativen System kommen. Heute ist es so: Wer die Leistungen nicht bringt, wird in den Hauptschulbildungsgang oder die Förderschule aussortiert. Außerdem verlassen rund zwölf Prozent die Schule ohne Abschluss. So schaffen wir uns Selbst die sozialen Brennpunkte“.

[sozialisten.de]


Lernen statt "selektieren", das schwebt Rolff in dem ZEIT-Artikel auch für die Lehrerschaft vor:

Zitat

In beiden Teams werden die Lehrer zu Lernenden. Sie tauschen ihre besten Ideen, Materialien und Unterrichtssequenzen (best practice) aus, hospitieren beieinander und besuchen Fortbildungen in und außerhalb der Schule.

Wie Du weisst, gibt es viele Lehrer - und ich denke,jeder kennt aus eigener Erfahrung solche Exemplare -, die einfach schlechte Lehrer sind, die die Schüler schlecht behandeln, mit ihnen nicht umgehen können, nichts vermitteln können und dazu auch gar keine Lust haben, sondern nur ihren JOB abreissen wollen, und genau so gut Polizisten, Pastoren oder Finanzbeamte sein könnten.

Die selben Phänomene finden wir auch bei anderen Berufsgruppen zuhauf: Miese Ärzte und Professoren, Nieten in Nadelstreifen als Manager, kalte Karrieristen als Politiker, wenig einfühlsame Pfleger in der Kranken-, Alten- oder auch Tierpflege, usw. usf., die eben Beamte aus Gesinnung sind, aber am falschen Platz.

Und vor allem: Niemand kann ihnen was. Sie müssen sich in der Regel weder den ihnen anvertrauten Menschen noch der Öffentlichkeit noch wissenschaftlichen Evaluierern gegenüber verantworten.

Genau das soll - in Anlehnung an skandinavische und holländische Vorbilder, so viel ich gelesen habe - mit dem Vorschlag des ZEIT-Autoren geändert werden.

Und anstatt dass nun ein kommunikations- und konflikt-inkompetenter, unqualifizierter Kneipen-Chef daher kommt, und Kraft seiner Machtstellung irgend welche Mitarbeiter raus schmeisst, deren Nasen ihm nicht passen, werden eine sorgfältige Weiterbildung, Krisengespräche und wissenschaftlichere Evalutionen durchgeführt, bevor die Entlassung einige (wenige) Mitarbeiter trifft, und zwar im Interesse der Schüler.

Insofern geht es nicht nur immer um Kapitalnützlichkeit, so wie ja im Kapitalismus auch durchaus Gebrauchswerte geschaffen werden, sondern das sind in der Tat auch Modelle der Personalpolitik, die als Elemente für menschliche und sozialistische Gesellschaftsformen einen Sinn bekommen könnten, indem etwa jeder nach seinen Fähigkeiten und Neigungen optimal - und das heisst auch mit maximaler persönlicher Befriedigung! - tätig sein kann.

Die Massenarbeitslosigkeit im Kapitalismus heutiger Tage verkehrt natürlich diesen rationalen Ansatz zum Teil in die Vernichtung von Existenzen, vor allem, wenn es ältere Lehrer trifft, die vielleicht nicht mehr so flexibel sind, dass sie die neuen Anforderungen leisten können.

Deshalb können die besten und idealsten Lösungen im Kapitalismus auch immer nur partikulare Lösungen sein, die sich insgesamt, in der Gesamtbetrachtung gegen den Menschen wenden.

Die Rationalisierungsmöglichkeiten in der Produktion führen ja auch nicht dazu, dass der Wohlstand für alle wächst, sondern dazu, dass er nur für einen Teil wächst, für den anderen Teil dagegen progressiv absinkt.

Die technischen und organiatorischen Effizienz-Potenziale, die im Kapitalismus entwickelt werden, sind als solche und für sich genommen zum grossen Teil fortschrittlich und ja gerade die Grundlage und Berechtigung für deren Anwendung in demokratischen/sozialistischen Produktionsverhältnissen.

Insofern habe ich Verständnis für die Kritiken.

Zum einen ist es aber so, dass die Alternative zur Weiterentwicklung der technischen und organisatorischen Effizienz nicht die Aufrechterhaltung kleinbürgerlicher, familienähnlicher Idyllen sein kann, sondern dass es gilt, das positive, gerade auch humane Potenzial von wachsender Effizienz zu sehen und dieses Potenzial dadurch zu entfalten, indem der Kampf geführt wird, für umfassende rationale gesellschaftliche Lösungen, die den Menschen auch die benötige Sicherheit (und Geborgenheit) bringen.

Zum zweiten, und aus diesem Grund, sehe ich Assoziationen zur "Rampe Auschwitz" hier als wenig berechtigt an.

Denn "An der Rampe wird" zwar "die wahrhaft deutsche "authentische Evaluation" "praktiziert". "Sie duldet keine Fassaden, ist "offen und wirksam" Niemand wird geschützt......", aber dort ging es um Vernichtung durch Arbeit, dazu wurde selektiert, und nicht für den Zweck, die für eine bestimmte Dienstleistung geeignetsten Mitarbeiter auszubilden und auszusuchen.

Oder mit anderen Worten: Der Zweck der Zerstörung ist darin nicht intentioniert, das ist sehr sehr wichtige Unterschied!

Also bitte ich auch Dich und Neil, den Ball hier flach und die Maßstäbe einzuhalten.

Gruss und schönes Wochenende - Karl

P.S.: Dabei denke ich an die kürzlich erfolgte Trainerentlassung von "Jupp" Heynckes bei Schalke 04. Manager Assauer sagte, dass der Trainingsstil von Heynckes von der Mannschaft nicht akzeptiert worden sei, er aber nicht bereit gewesen sei, sein Konzept zu überdenken.

Wer denkt da denn an "Rampe Auschwitz"?

von Karl. - am 02.10.2004 15:29

den ball flach halten...

hallo karl,

gerne. natürlich war das (was mich angeht) eine polemische überspitzung. aber nicht aus spontanem ärger, sondern doch grundsätzlichen bedenken. ich greife deine äußerung vom ende des letzten beitrages auf:
Zitat

Oder mit anderen Worten: Der Zweck der Zerstörung ist darin nicht intentioniert, das ist sehr sehr wichtige Unterschied!
gewiß, volle zustimmung. aber: gerade in diesem bestehen auf dem einreißen aller "fassaden", dem abschneiden persönlicher wege und auswege äußert sich - das wird mir zunehmend klarer - eine zerstörungswut, die in die von uns angesprochene richtung geht.

und was - andererseits - das stichwort "vernichtung durch arbeit" angeht: da stecken die beiden seiten doch schon unmittelbar drin: die entschieden ergriffene zerstörung einerseits, so etwas wie radidale "vernutzung" andererseits. in aller vorsicht darf man doch wohl sagen, das beides "irgendwie" zum kapitalistischen "wirtschaften" gehört: und daß die nazis diese doppelte logik in einer weise ergriffen haben, die eben die wirkungen weglenkt von der "volksgemeinschaft" und auf die feinde und "minderwertigen" eben nicht nur theoretisch, sondern auch mit aller entschlossenheit praktisch projiziert.

so weit erstmal (wieder wengiger zur schule selbst; aber ich denke: auch in die hier wieder thematisierte richtung sollten wir um weitere klärung bemüht sein), gruß - neil.



von ex nihilo - am 02.10.2004 18:51

Re: Artikel in der ZEIT zum Thema

Hallo uwe,

Zitat

Ich denke mal, daß ich Auschwitz nicht in der beschriebenen Weise zugeordnet habe.

Das stimmt. Und meine Kritik ist nicht in der glücklichsten Weise formuliert gewesen (nämlich sozusagen ohne Adressaten ins Freie).

Was ich meine, ist eigentlich:
Ich finde, in Deinem Weiterdenken wird die Zweischneidigkeit der Effizienz (im Kapitalismus) tendenziell aufgelöst - nämlich auf die Seite von "Auschwitz", Zerstörung.

Es ist richtig, dass die Steigerung der Produktivität keine unschuldige Sache ist (ganz sicher nicht im Kapitalismus).

Es ist auf der anderen Seite - das ist hier mein Argument - die abstrakte Negation von Effizienz, Produktivität usw. nicht sinnvoll und wünschenswert (weder zum Zweck der Analyse noch politisch). Ich habe selbst schon genügend erlebt, wie schrecklich es sein kann, wenn man niemals den Eindruck hat, man bringt was Vernünftiges zusammen; und wie gut es sein kann, wenn man den Eindruck hat, man arbeitet effektiv und erfolgreich. Das fällt nicht mit dem Ziel der Kapitalverwertung zusammen, ist aber (im Kapitalismus) daran gebunden.

Ich habe bei Dir den Eindruck gehabt, dass diese Unterscheidung untergeht - in dem massiven moralischen Impuls, der mit Auschwitz angesprochen wird. Vielleicht irre ich mich.

Jedenfalls stimme ich Dir völlig darin zu, dass die Alternativen der Effizienz "ohne Ansehen der Person" und der Ineffizienz nicht alles sind - nur aus einem bestimmten Blickwinkel kann das so sein, eben dem des Kalkulierers, des Sanierers, des Kapitalisten ... wie auch immer. Die Kritik braucht sicherlich einen anderen Blickwinkel.

Gruß Frank

von Frank S - am 03.10.2004 10:21

Böses ahnen

Zitat

Bei Deiner Beschreibung fehlt leider die Vorgeschichte. Ich bin nicht geneigt,
darüber eine Diskussion anzufangen,
Ich auch nicht. Nicht mehr.

Jedenfalls keine ernsthafte.
Zitat

Besonders der Schluss:
...
lässt Böses ahnen.
Wow! "Böses" !

Wechseln wir jetzt vom Tribunal zur Heiligen Inquisition?
Zitat

Es ist schon praktisch, sich als Angeklagte und sonst gar nichts zu imaginieren,
So eindimensional habe ich meine virtuelle Person aber nie gesehen...
Zitat

da braucht man sich weder über den Blödsinn unterhalten, den man selbst macht,
Warum denn nicht?

Ich bin gern bereit, hier einen kleinen Workshop über die Segnungen
einer unernsten Sicht auf das Leben (insbes. auf das virtuelle Leben)
zu veranstalten.
Zitat

noch mal nüchtern zu bilanzieren, wie es denn eigentlich mit dem "Tribunal"
wirklich ausschaut.

Angesichts der hier aufgeführten Possen so stocknüchtern wie du zu bleiben,
Frank, ist nun mal nicht jeder / jedem gegeben...

:cheers:
Zitat

Schad drum.
Ansichtssache.

diTHYRAmbe

von thyra - am 03.10.2004 12:12

"Bindungstyp Familie" oder: "11 Freunde sollt ihr sein!" (Sepp Herberger)"

Hallo Neil, Frank, uwe, toto,

ex nihilo schrieb:

Zitat

gerade in diesem bestehen auf dem einreißen aller "fassaden", dem abschneiden persönlicher wege und auswege äußert sich - das wird mir zunehmend klarer - eine zerstörungswut, die in die von uns angesprochene richtung geht.

Also, ich glaube, das mit den "Fassaden" ist schlicht und einfach anders gemeint vom Autor. Er schreibt:

Zitat

Die "ideale Schule" ist keine Familie, in der jeder jeden schützt, sondern eine professionelle Lerneinrichtung. Sie duldet keine Fassaden, sondern praktiziert eine authentische Evaluation, die offen und wirksam ist.

Die "Fassaden" beziehen sich offenbar auf die Aussenwirkung der Fassaden-Schule, die nach innen eine (- fassadenlose -) Familie ist, nach aussen aber zuweilen eine Fassade gegenüber der Öffentlichkeit.

Denn innerhalb einer Familie braucht es ja keine Fassaden, da herrscht Vertrautheit. Siehe auch den Text über Ferdinand Tönnies:

Zitat

Tönnies konstatiert, daß sich das Individuum in der modernen Gesellschaft immer in zwei Typen sozialer Bindung befindet. Zum einen in einer Verbindung, die durch gewachsene Strukturen und Zugehörigkeitsgefühl geprägt ist: Familie, Nachbarschaft, Volk. Diesen Typus nennt Tönnies "Gemeinschaft". Dagegen steht die "Gesellschaft", ein Bindungstyp, der vor allem durch Nutzenüberlegungen bestimmt wird: Ökonomische und politische Verbindungen, Vereine und Versammlungen.

[www.shoa.de]

Der Schulwissenschaftler Rolff meint also, dass der kleinbürgerliche "Bindungstyp Familie" nach dem Motto "11 Freunde sollt ihr sein!" aus professioneller Sicht nicht nur im Fussball, sondern auch für eine erfolgreiche Schule obselet geworden ist, so romatisch die alten Zeiten auch gewesen sind.

Auch der Rest ist nicht "überspitzt", sondern falsch interpretiert worden von Dir und uwe.

Du schreibst:

Zitat

und was - andererseits - das stichwort "vernichtung durch arbeit" angeht: da stecken die beiden seiten doch schon unmittelbar drin: die entschieden ergriffene zerstörung einerseits, so etwas wie radidale "vernutzung" andererseits. in aller vorsicht darf man doch wohl sagen, das beides "irgendwie" zum kapitalistischen "wirtschaften" gehört: und daß die nazis diese doppelte logik in einer weise ergriffen haben, die eben die wirkungen weglenkt von der "volksgemeinschaft" und auf die feinde und "minderwertigen" eben nicht nur theoretisch, sondern auch mit aller entschlossenheit praktisch projiziert.

Da bist Du ja auch auf meinen Text nicht eingegangen. Ich habe mich bemüht, heraus zu arbeiten, dass es dort gerade nicht um das Aussortieren "Schwächerer" geht, sondern um leicht geänderte, nicht unbedingt schwierigere Aufgaben für die Lehrer, die eben keine Fachidioten mehr ausbilden, keinen Fronntalunterricht machen sollen, sondern fächerübergreifendes Denken und überhauüt das Denken und Lernen befördern sollen und dabei sich auch selber weiterbilden und ihren Horizont erweitern können.

Und ich habe noch mal nachgedacht über das Thema "ältere Lehrer". Ich glaube sogar, dass diese mit ihrer relativ langen Berufszeit froh sind, aus einem langweiligen Trott auszubrechen und neue Motivation für ihren Lehrerberuf gewinnen können.

Noch einmal: Es geht nicht um das Hochschrauben einer Fliessbandnorm, sondern darum, zu gucken, ob Lehrer möglicher Weise den lernbegierigen Schülern schaden können, anstatt sie umfassend auszubilden.

Wie Du da auf solche Begriffe wie "Volksgemeinschaft", "vernutzen" oder "Minderwertige" kommst, ist mir schleierhaft.

Es geht doch schlicht und einfach darum, zu gucken, wer am besten zu welchem Beruf passt und dort glücklich wird, wenn man das mal weiter spinnt.

Wie gesagt, wer kein begeisterter Lehrer ist, sondern eher einen Job um des Jobs willen sucht, der kann ja - die ökonomischen und politischen Voruassetzungen jetzt mal unterstellt - genau so gut einen Job machen, wo er ebenfalls Geld verdient, aber keinen Schülern schadet.

Meinst du nicht, dass allein dies das Thema ist?

Ich weise auch auf Rolff's Bemerkungen zur sozialen Selektion hin. Auch das passt ja nicht in Dein etwas sehr an den Haaren herbei gezogenem Bild.

Weisst Du, was mich an den Vorschlägen von Rolff interessiert?

Es ist z.B. eine Vision wie die folgende (gefettet):

Zitat

Ein großer Teil des Unterrichts findet in Schülergruppen statt. Dabei erarbeiten sich beispielsweise vier Gruppen die Gründe für den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, getrennt nach religiösen, sozialen, machtpolitischen oder ökonomischen Aspekten. Je ein Vertreter dieser "Expertengruppen" wechselt dann in eine neue Schülergruppe, in der die unterschiedlichen Sichten ausgetauscht werden. (...)

Sie haben sich von dem Traum verabschiedet, vor ihren Klassen mit ebenso geschliffenen wie belehrenden Vorträgen zu brillieren; stattdessen haben sie gelernt, die Eigenaktivität jedes einzelnen Schülers zu fördern und dessen Lernergebnisse zu sichern. Außerdem sind die neuen Lehrer nicht mehr allein auf ihr Fach und ihre Klasse fixiert, sondern arbeiten eng mit ihren Kollegen zusammen. (...)

In beiden Teams werden die Lehrer zu Lernenden. Sie tauschen ihre besten Ideen, Materialien und Unterrichtssequenzen (best practice) aus, hospitieren beieinander und besuchen Fortbildungen in und außerhalb der Schule.

Schon als Schüler hatte ich die Idee, dass es gut wäre, zwischen den verschiedenen Fächern Verbindungen zu schaffen.

Beiepiel: Nicht Geschichte und Naturwissenschaften getrennt lehren, sondern z.B. über die Geschichte der Naturwissenschaften! Oder über den Einfluss der Naturwissenschaften (- Erfindungen! -) auf die Geschichte. Es wäre doch kein schlechter Nährboden für ein dialekterisches Grundverständnis der Schüler und Schülerinnen, im Gegensatz zur Plattschule heute und früher.

Und eine Schule, die das Lernen lehren will, - na! das ist doch was!

Das dazu natürlich auch Lehrer mit einem Verständnis und einer Lust dafür gebraucht werden, und keine Beamtenärsche - das ist doch wohl einleuchtend.

Dir nicht?

Oder willst Du ungeeignete Biologie-Lehrer, die womöglich gute Forscher sind, aber weder vermitteln noch motivieren noch kommunizieren können, auch nach Weiterbildung nicht, auf die SchülerInnen los lassen?

Ich denke, ich hab's jetzt noch mal verständlich gemacht.

Und Dein Verständnis vom Sozialdarwinismus scheint ja auch ein falsches zu sein:

Während Charles Darwin vom Überleben der am besten angepassten Individuen sprach, fabulieren die Sozialdarwinisten vom "Überleben der Stärksten", was etwas völlig anderes ist.

Deswegen schrieb ich an Heino Ripinski, dass man von "guten" oder "schlechten" Mitarbeitern eher nicht sprechen sollte, sondern von (für einen bestimmten Beruf) geeignete oder nicht geeignete.

Natürlich blendet dieses Konzept von Rolff auch eine Menge aus.

Aber es ist trotzdem modern und lehnt sich an die erfolgreichen Konzepte in Skandinavien, Kanada und Holland an.

Der Kapitalismus erzeugt manchmal seinen eigenen Totengräber. Marx nannte das Proletariat.

Aber auch Schüler, die besser in der Lage sind, Zusammenhänge zu verstehen, werden nicht einfach funktionieren wie Roboter, sondern auch eher kritische Fragen und Anmerkungen produzieren können.

Mit Maschinenstürmerei ist der Kapitalismus noch nie aufgehalten worden.

Man muss sehen, wie man seine Entwicklungen für neue kritische und politische Bewegungen nutzt.

Das Internet, welches ja auch eine Plattform bietet, für die Vernetzung staats- und kapitalkritischer Menschen und Gruppen, dient einerseits Verwertungszwecken aller Art bis hin zur blanken Vernichtung von Mensch und Natur.

Es hat aber eben auch eine andere Seite, wie auch fächerübergreifendes Lernen und Lernen-Lernen, welches ja - und das ist die Intention dieses Schulmodells - dazu dienen soll, die komplexer gewordenen betrieblichen Prozesse in der Arbeitswelt beherrschen zu helfen.

Zitat

auch in die hier wieder thematisierte richtung sollten wir um weitere klärung bemüht sein.

Auschwitz darf nicht verharmlost werden!!!

Das aber tut Ihr beiden in geradezu grotesker Weise.

Karl

von Karl. - am 03.10.2004 20:37

Re: "Bindungstyp Familie" ...

hallo karl,

hast du denn das (sozusagen "extra" für dich) eingefügte "andererseits" überlesen? ich habe im zweiten teil tatsächlich von der "vernichtung durch arbeit" und der "volksgemeinschaft" gesprochen, nicht von der (sei es idealen, sei es realen) schule; deshalb auch noch das p.s. in dem vorigen beitrag.

was dein eingestreuter textsplitter über ferdinand tönnies hier soll, erschließt sich mir nicht. die wirkung von tönnies ist ja wohl auch - gegen seine intentionen womöglich - gewesen, daß das konzept "gemeinschaft" auch weiterhin seine konjunktur hatte (womit es mir allerdings nicht schon einfällt, ihn zum "vorläufer" der nazis zu erklären).

soweit wir statt "gemeinschaft" uns auf "gesellschaft" einlassen, ist damit ein - wie man so sagt - anonymer zusammenhang angesprochen, in dem nahezu alles über "fassaden" läuft. das ist ja gerade gegenstand der kritik: daß es dort nicht "authentisch" genug zugehe.

insofern wird in "deinem" schulkonzept ein neuer ton angeschlagen: an die stelle dessen, was du als schulische "gemeinschaft" identifizierst (häufig ist ja auch von den "reservaten" des öffentlichen dienstes die rede), wird hier nicht einfach "gesellschaft" gesetzt: wo also strategien zur selbstvermarktung gefragt wären, sondern: ein zurückwerfen des einzelnen anbieters auf sein "eigentliches" wesen: das, was "wirklich" an ihm dran ist.

das hat essentielle, substantialistische, überspitzt gesagt: ethnologische züge. und paßt übrigens auch nur gut zu einem standort-nationalismus, von dem schon der olle helmut schmidt seit jahrzehnten träumt. es ist ein nationalistisch forcierter markradikalismus, der seine strategisch-vernünftige seite haben mag, wie aber auch den irrationalismus, der immer auf der kehrseite der kapitalwirtschaft anfällt.

in zeiten der krise nehmen solche angebote zu. und es handelt sich eben nicht einfach um lösungen der anderen (oder gar, wie du hier anzunehmen scheinst, eigenen) seite, sondern häufig um aspekte einer in der konsequenz verheerenden und mörderischen strömung, die mit auschwitz leider nicht erledigt ist: wie der blick rundum doch nur allzu deutlich zeigt.

was das alles mit "verharmlosen" zu tun hat, vermag ich nicht zu sehen.

gruß - neil


noch ein p.s.: die schuldiskussion selbst wäre etwas anderes (wozu ich gerne auch, bei gelegenheit, weiter beitragen werde); dies ist ein beitrag zu den angesprochenen weiteren zusammenhängen.



von ex nihilo - am 03.10.2004 21:05

Beruf aus Berufung ---> erster Schritt zu einem neuen Auschwitz?

Hallo Neil,

ex nihilo schrieb:

Zitat

hast du denn das (sozusagen "extra" für dich) eingefügte "andererseits" überlesen?

Nein, diesen Punkt sehe ich ja genau so wie Du..

Aber warum sprichst Du dann von "Zerstörungswut" beim "Einreissen der Fassaden", während Du mir zuerst zustimmst, dass die Zerstörung als Zweck ja nicht gegeben ist, trotz dieses Einreissens. Also da widersprichst Du Dir selbst, wie ich meine.

Zitat

ich habe im zweiten teil tatsächlich von der "vernichtung durch arbeit" und der "volksgemeinschaft" gesprochen, nicht von der (sei es idealen, sei es realen) schule; deshalb auch noch das p.s. in dem vorigen beitrag.

Ach so, Du beziehst Dich gar nicht darauf.

Ich muss dann aber zu meinen Anmerkungen hinzu fügen, dass der Herr Rolff ja mit seinen Konzepten sich eher gegen die betriebliche Familiengemeinschaft richtet. Hierin zeigt sich eine fortschrittliche Tendenz des Bürgertums, in Folge der Globalisierung, nicht etwa eines "deutschen" Konzeptes.

Dagegen war ja der Nazi-Staat im Gegenteil die (propagierte) Verallgemeinerung der Familienklitsche, wo alle "Volksgenossen" quasi "blutsverwandt" gewesen seien und gegen alles "äussere", was gegen die Zerstörung des grossen "Volks-Tante-Emma-Ladens" gerichtet war, bis zum Tod bekämpfen wollte.

Die fabrikmässige Massenvernichtung in Auschwitz u.a. war von der Selektion übrigens unberührt. Vernichtet wurde in jedem Fall: entweder ohne oder durch Arbeit.

Insofern sollte uwe sich doch vielleicht noch mal zu seinen Stichwörtern, die er hier ins Spiel geworfen hat, äussern, sofern es im Bereich seiner Möglichkeiten steht selbstverständlich! :rolleyes:

Zitat

was dein eingestreuter textsplitter über ferdinand tönnies hier soll, erschließt sich mir nicht.

Tönnies erklärt, was die kleinbürgerliche Massenbasis der Faschisten u.a. antrieb:

Ihre Sehnsucht nach "Volksgemeinschaft" war vor allem die Übersteigerung der Familienklitsche mit einem patriarchalen Chef an der Spitze, auf den jeder hört, wo Widerspruch und Klassenkampf fremd sind.

Diese wohl geordnete Idylle und gleichzeitig Existenzsicherung einer im Grunde noch vorbürgerlichen/mittelalterlichen Produktionsweise wurde auch als Rückzugsreservat vor der grossen weiten Welt der Konkurrenz angesehen, in der die kleinen Handwerksbetriebe gegenüber der grossen Industrie ebenso machtlos da standen wie gegenüber der fordernden Arbeiterbewegung.

Die Verteidigung der familiären und vertraut-gemeinschaftlichen Atmosphäre in der alten deutschen Lehranstalt wird von Rolff indirekt kritisiert und zugunsten der öffentlichen Transparenz durch das Niederreissen der nach aussen gericheten Fassaden abgelehnt:

Zitat

Die "ideale Schule" ist keine Familie [- d.h. keine "Blutsgemeinschaft"! - K. -], in der jeder jeden schützt, sondern eine professionelle Lerneinrichtung. Sie duldet keine Fassaden [- Fassaden sind immer aussen, wie jeder weiss! - K. -], sondern praktiziert eine authentische Evaluation, die offen und wirksam ist.(...)

Die externen Evaluationsteams machen ihre Ergebnisse öffentlich, zumindest für die Lehrerkollegien und die Elternvertreter.

Da wird also quasi *das Innere nach aussen gekehrt* und transparent gemacht. Darum geht es; und das ist progressiv.

Die Verteidigung der intransparenten Binnenstruktur ist rückschrittlich/reaktionär.

Zitat

die wirkung von tönnies ist ja wohl auch - gegen seine intentionen womöglich - gewesen, daß das konzept "gemeinschaft" auch weiterhin seine konjunktur hatte (womit es mir allerdings nicht schon einfällt, ihn zum "vorläufer" der nazis zu erklären).

Nein. Tönnies hat für die politische Soziologie zentrale Kategorien sehr klar begriffen und heraus gearbeitet.

In der Tat ist dem Vertreter der Familienklitsche der Klassenkampf als gesellschaftliche Kategorie verhasst. Er schreit nach dem big boss, der ihn ersticken möge und sagen soll, was getan werden müsse.

Insofern handelt es sich bei dem Kern der faschistischen Massenbasis nicht einfach um Anhänger irgend eines Führers. Dieser verkörperte vor allem das übersteigerte Bild des Familienpatriarchen oder Mega-Betriebsführers, der mit Macht die "Volksgemeinschaft" zusammen hält und den "Volkskörper" vor "Infektionen", d.h. vor dem Eindringen des "(Art)Fremden" schützt.

Insofern also ein "Heiland", religiöser Prägung.

Insofern war der Faschismus in seiner Massenbasis die Verteidung des "Familiären", nicht etwa dessen Kritik und Überwindung. Dies wäre ja eine völlige Verkehrung und eine Verkennung der populistischen Wirkung der faschistische "Ideen", welche eben auf nichts anderem beruhten als auf sehr unideellen Inhalten: nämlich der kleinbürgerlichen Interessen.

Diese samt gewissen altdeutsch-christlichen und antisemitischen Ideologien war aber eben nur die eine Seite des Faschismus. Die andere Seite war die Vernutzung durch Arbeit, was letzten Endes die BRDDR so "stark" machte, wie sie heute ist:

[www.jungewelt.de]

Die Kombination von Luther und Krupp - das war die Vernichtung durch Arbeit - das war Auschwitz!

Deswegen sollten wir bei der Reformierung des Schulwesens, wie sie hier vom Schulwissenschaftler Rolff im Zuge eines 'best practice' skizziert worden ist, nicht gleich ins falsche Regal greifen. (@uwe!)

Zitat

soweit wir statt "gemeinschaft" uns auf "gesellschaft" einlassen, ist damit ein - wie man so sagt - anonymer zusammenhang angesprochen, in dem nahezu alles über "fassaden" läuft. das ist ja gerade gegenstand der kritik: daß es dort nicht "authentisch" genug zugehe.

Das ist wahr. Der Kapitalismus zerstört immerzu alte Zusammenhänge, wie Engels auch in seiner Schrift "Die heilige Familie" beschreibt. Die "Moderne" zerstört das, was sie heiligt und heiligt das, was sie zerstört. Im Grunde heiligt der Kapitalismus die Zerstörung des Vertrauten, des Vertrauens und predigt es gleichzeitig.

Insofern kann hinter der notwendigen Doppelmoral nur eine ständige Umwertung der Moral hervor lugen. Das alles ist nur konsequent.

Da heisst dann Krieg "Frieden", Sozialabbau "Reform", usw.

Dennoch müssen wir sehen, was die potenziell fortschrittlichen Potenziale dieses Zerstörungsprozesses sind; wo an Stelle des Zerstörten Moderneres an dessen Stelle gesetzt wird, selbst bei Proletarisierung des Beamten- und Mittelstandes und deren Verwandlung in blosse "anonymisierte" Arbeiter und Angestellte. Diese müssen eben sich in gemeinsamen Interessensverbänden neu organisieren und sind dem Kapital deutlicher gegenüber gestellt, während doch der Beamtenstand eher mit dem Staat verbandelt ist.

Insofern: Weg mit dem Beamtenstand!

Zitat

insofern wird in "deinem" schulkonzept ein neuer ton angeschlagen: an die stelle dessen, was du als schulische "gemeinschaft" identifizierst (häufig ist ja auch von den "reservaten" des öffentlichen dienstes die rede), wird hier nicht einfach "gesellschaft" gesetzt: wo also strategien zur selbstvermarktung gefragt wären, sondern: ein zurückwerfen des einzelnen anbieters auf sein "eigentliches" wesen: das, was "wirklich" an ihm dran ist.

Ich sehe das viel undramatischer: Wenn das Berufsbild des Lehrers sich wandelt und modernisiert, dann ändern sich auch die Anforderungen an die einzelnen Lehrer. Ich bin der Meinung, dass es sowohl für die Lehrer als auch für die Schüler besser ist, wenn der Lehrerberuf aus Berufung gewählt und ausgeübt wird, anstatt als Job unter beliebigen Jobs.

Dass unter den Bedingungen der Massenarbeitslosigkeit die soziale Frage ebenso ungelöst ist, wie die alternative berufliche Perspektive, das weiss ich auch. Insofern bleiben Modernisierungen auch immer nur lächerliches Stückwerk im Kapitalismus, welche anderswo wiederum Zerstörung und Leiden hervor rufen.

Dennoch ist auch Maschinenstürmerei keine Perspektive.

Die Lohnabhängigen müssen sich statt dessen vereinigen und ihre gemeinsamen Interessen erbittert verteidigen, auch global.

Insofern könnten sich hier neue Perspektiven auftun, im Gegensatz zur Selbstvermarktung, die die Folgerung nicht sein sollte und in den Evaluationskriterien auch nicht provoziert werden darf, was ich übrigens auch nicht glaube.

Aber da müsste man mal nachlesen, was etwa in Finnland, Kanada, Holland und Neuseeland geschieht.

Zitat

das hat essentielle, substantialistische, überspitzt gesagt: ethnologische züge. und paßt übrigens auch nur gut zu einem standort-nationalismus, von dem schon der olle helmut schmidt seit jahrzehnten träumt. es ist ein nationalistisch forcierter markradikalismus, der seine strategisch-vernünftige seite haben mag, wie aber auch den irrationalismus, der immer auf der kehrseite der kapitalwirtschaft anfällt.

Ganz im Gegenteil: Dieses Konzept ist vor dem Hintergrund der PISA-Studie Ausdruck der Globalisierung, des Wettbewerbs auch im Schulwesens und führt tendenziell zu einer internationalen Standardisierung.

Und insofern müsstest Du es doch befürworten.

Der Markt ist heute doch nicht bloss national, wenn er denn "radikal" ist.

So wie die Ware sich durch einen rationalen und irrationalen Doppelcharakter auszeichnet, so auch die effiziente, "professionelle" Organisation.

Zitat

in zeiten der krise nehmen solche angebote zu. und es handelt sich eben nicht einfach um lösungen der anderen (oder gar, wie du hier anzunehmen scheinst, eigenen) seite, sondern häufig um aspekte einer in der konsequenz verheerenden und mörderischen strömung, die mit auschwitz leider nicht erledigt ist: wie der blick rundum doch nur allzu deutlich zeigt.

Auschwitz ist leider immer noch gegenwärtig, aber nicht da, wo Du es vermutest.

Auschwitz entsteht an der Nahtstelle zwischen Unmodernität und (einer falschen) "Modernität" und ist beides zugleich.

Die Grundlage besteht einerseits in der immanenten Rationalität des Kapitals, dessen Schöpfungen nicht Ausdruck bewussten, kommunikativen menschlichen Produzierens sind, sondern der unbewussten, blinden Produktion des Werts um seiner selbst willen.

Es genügt also nicht, dass Kapital als "irrational" zu bezeichnen, es schafft auch Rationalitätssplitter.

Nur ändern diese nichts daran, dass sie sich einbetten lassen, in die irrationalistische Sosse des spiritualistischen und religiösen Fanatismus, und in den Strom reaktionärster Mythen, die die Menschen sich je erzählt und so weiter getragen (bewahrt) haben.

Vielleicht kannst Du mit diesem Bild etwas anfangen.

Paradoxer Weise wäre eine umfassende Rationalität 'total', weil eben die ganze Gesellschaft umfassend. Die Anklänge an den Begriff "totalitär" haben aber ähnliche Missverständnisse zur Grundlage wie uwes Assoziationen bzgl. "Selektion", "Auschwitz", etc.

Rationalität kann aber nur 'total' sein, oder sie ist nicht.

Zitat

was das alles mit "verharmlosen" zu tun hat, vermag ich nicht zu sehen.

Umgekehrt: Was Deine und uwes Begriffe bei der Schulmodernisierung zu suchen haben, vermag ich nicht zu sehen. Ich trage doch hier nicht die Begründungslast, sondern Ihr!

Zitat

noch ein p.s.: die schuldiskussion selbst wäre etwas anderes (wozu ich gerne auch, bei gelegenheit, weiter beitragen werde); dies ist ein beitrag zu den angesprochenen weiteren zusammenhängen.

Meiner auch.

Gruss - Karl

von Karl. - am 05.10.2004 11:15

Müssen Klitschen klatschen müssen

Zitat

Dagegen war ja der Nazi-Staat im Gegenteil die (propagierte) Verallgemeinerung der Familienklitsche, ...
Zitat

... war vor allem die Übersteigerung der Familienklitsche mit einem
patriarchalen Chef an der Spitze
Zitat

Die Verteidigung der familiären und vertraut-gemeinschaftlichen Atmosphäre
... wird von Rolff indirekt kritisiert und zugunsten der öffentlichen Transparenz
durch das Niederreissen der nach aussen gericheten Fassaden abgelehnt
Zitat

... ist dem Vertreter der Familienklitsche der Klassenkampf als
gesellschaftliche Kategorie verhasst
Zitat

... verkörperte vor allem das übersteigerte Bild des Familienpatriarchen
Zitat

... war der Faschismus in seiner Massenbasis die Verteidung des "Familiären"
Mönsch Kalle, deine Familie muß ja ein echt gräßlicher Haufen sein,
wenn dir im Zusammenhang mit "Familie" oder "familiär" immer nur "Klitsche"
oder "Faschismus" einfällt...

Aber was erzählst du da eigentlich die ganze Zeit von "Patriarchen" und von
"patriarchalen Chefs"?
Ich denk, das Patriarchat gibt es gar nicht - das ist doch bloß eine Erfindung
kleinstbürgerlicher Feministinnnen, die damit von den wahren Klassen-
widersprüchen ablenken wollen (oder so ähnlich)?
Zitat

quote:
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Die "ideale Schule" ist keine Familie [- d.h. keine "Blutsgemeinschaft"! - K. -],
in der jeder jeden schützt, sondern eine professionelle Lerneinrichtung. Sie
duldet keine Fassaden [- Fassaden sind immer aussen, wie jeder weiss! - K. -],
sondern praktiziert eine authentische Evaluation, die offen und wirksam ist.(...)

Die externen Evaluationsteams machen ihre Ergebnisse öffentlich, zumindest
für die Lehrerkollegien und die Elternvertreter.
----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Da wird also quasi *das Innere nach aussen gekehrt* und transparent gemacht.
Darum geht es; und das ist progressiv.
Oh ja, ich weiß, was du meinst!

*aufgeregthüpf*

Während der chinesischen Kulturrevolution haben sie sowas auch veranstaltet,
da hieß das, glaube ich "Aufforderung zur öffentlichen Selbstkritik" oder so.

Kommen die "ungeschützten" LehrerInnen dieses Modells denn auch in
Arbeitslager, wenn sie nicht professionell genug funktionieren?
Zitat

In der Tat ist dem Vertreter der Familienklitsche der Klassenkampf als
gesellschaftliche Kategorie verhasst. Er schreit nach dem big boss, der ihn
ersticken möge und sagen soll, was getan werden müsse.
Du meinst, jeder Chef eines kleinen oder mittelständischen Familienbetriebes
lechzt im Grunde seines Herzens danach, von einem Großkonzern geschluckt
zu werden, damit er endlich nach der Pfeife irgendeines Aufsichtsrates tanzen
darf?

Karliputzi, du solltest vielleicht gelegentlich mal dein Kämmerchen verlassen
und einen Blick auf die Welt dort draußen werfen... :D
Zitat

Dennoch müssen wir sehen, was die potenziell fortschrittlichen Potenziale dieses
Zerstörungsprozesses sind; wo an Stelle des Zerstörten Moderneres an dessen
Stelle gesetzt wird, selbst bei Proletarisierung des Beamten- und Mittelstandes
und deren Verwandlung in blosse "anonymisierte" Arbeiter und Angestellte.
Müssen "wir" das wirklich (so) sehen?
Zitat

Diese müssen eben sich in gemeinsamen Interessensverbänden neu organisieren ...
Müssen sie eben?
Zitat

Die Lohnabhängigen müssen sich statt dessen vereinigen und ihre
gemeinsamen Interessen erbittert verteidigen, auch global.
Müssen sie!

Ach Kalle, wie soll das denn je was werden mit einer Revolution, wo die
Menschen dauernd müssen müssen, auch wenn sie gar nicht wollen???
Zitat

Aber da müsste man mal nachlesen, was etwa in Finnland, Kanada, Holland
und Neuseeland geschieht.
Herrjeh. Das müsste man also auch noch?!?

Na ja, du machst das schon, gell?
Ein Karl muß eben tun, was ein Karl tun muß.
Zitat

Auschwitz ist leider immer noch gegenwärtig, aber nicht da, wo Du es vermutest.
- Sondern da, wo du es vermutest?
Zitat

Es genügt also nicht, dass Kapital als "irrational" zu bezeichnen, es schafft
auch Rationalitätssplitter.

Nur ändern diese nichts daran, dass sie sich einbetten lassen, in die
irrationalistische Sosse des spiritualistischen und religiösen Fanatismus,
und in den Strom reaktionärster Mythen, die die Menschen sich je erzählt
und so weiter getragen (bewahrt) haben.
Ich kennen ein paar dieser reaktionärsten Mythen...
Sie besagen, daß Jesus ein Revolutionär war.
Und Buddha ein Anti-Kapitalist, der das Leben eines Prinzen gegen das
eines besitzlosen Bettelmönchs eintauschte.

Wenigstens haben diese Männer nach ihren eigenen Ideen gelebt.
Während deine Propheten die Befreiung von Ausbeutung predigten - und
selber ausbeuteten und unterdrückten.

:rolleyes:

von thyra - am 05.10.2004 17:50

Re: Müssen Klitschen klatschen müssen

thyra schrieb:

Zitat

Dagegen war ja der Nazi-Staat im Gegenteil die (propagierte)
Verallgemeinerung der Familienklitsche, ... ... war
vor allem die Übersteigerung der Familienklitsche mit
einem
patriarchalen Chef an der Spitze Die Verteidigung der
familiären und vertraut-gemeinschaftlichen Atmosphäre
... wird von Rolff indirekt kritisiert und zugunsten der
öffentlichen Transparenz
durch das Niederreissen der nach aussen gericheten Fassaden
abgelehnt ... ist dem Vertreter der
Familienklitsche der Klassenkampf als
gesellschaftliche Kategorie verhasst ... verkörperte vor
allem das übersteigerte Bild des Familienpatriarchen
... war der Faschismus in seiner Massenbasis die Verteidung
des "Familiären" Mönsch Kalle, deine Familie muß ja
ein echt gräßlicher Haufen sein,
wenn dir im Zusammenhang mit "Familie" oder "familiär" immer
nur "Klitsche"
oder "Faschismus" einfällt...

Was weisst Du darüber, was mir alles zur "Familie" einfällt? Meiner Fantasie sind im Gegensatz zu Deiner keine Grenzen gesetzt!

Zitat

Aber was erzählst du da eigentlich die ganze Zeit von
"Patriarchen" und von
"patriarchalen Chefs"?
Ich denk, das Patriarchat gibt es gar nicht - das ist doch
bloß eine Erfindung
kleinstbürgerlicher Feministinnnen, die damit von den wahren
Klassen-
widersprüchen ablenken wollen (oder so ähnlich)?

Aber nur so ähnlich.

Zitat

Während der chinesischen Kulturrevolution haben sie sowas auch veranstaltet, da hieß das, glaube ich "Aufforderung zur öffentlichen Selbstkritik" oder so.
Kommen die "ungeschützten" LehrerInnen dieses Modells denn auch in Arbeitslager, wenn sie nicht professionell genug funktionieren?

Von Kritik war nicht die Rede. Es geht darum, dass Schule keine 'black box' sein darf, sondern gegenüber der Öffentlichkeit transparent. Die nieder zu reissenden "Fassaden" beziehen sich auf die Schule als Ganzes, nicht auf die LehrerInnen.

Weiterhin geht es darum, dass die alte deutsche Provinzschule endlich Anschluss an moderne internationale Standards findet.

Wenn Dir die bisherige Cliquenwirtschaft in der Schule lieber ist, so wie sie Dir auch während der taz-Kneipen-Wirtschaft lieber war, wo die eine Krähe der anderen kein Auge ausgehackt hat, dann sagt das zwar einiges über Deines Gleichen aus, aber mehr auch nicht. (Nein, Krähen sind nicht nur weiblich, in Antizipierung Deiner üblichen Banalo-Retourkutsche!)

Ich trete ein für Menschenrechte, soziale Verantwortung gegenüber der Gesellschaft sowie maximaler Selbstentfaltung im Beruf.

Zitat

In der Tat ist dem Vertreter der Familienklitsche der Klassenkampf als gesellschaftliche Kategorie verhasst. Er schreit nach dem big boss, der ihn ersticken möge und sagen soll, was getan werden müsse.

Du meinst, jeder Chef eines kleinen oder mittelständischen Familienbetriebes lechzt im Grunde seines Herzens danach, von einem Großkonzern geschluckt zu werden, damit er endlich nach der Pfeife irgendeines Aufsichtsrates tanzen darf?

Daran glaube ich fest! Das ist doch der Traum jedes Mittelständlers, oder? :rolleyes:

Zitat

Karliputzi, du solltest vielleicht gelegentlich mal dein Kämmerchen verlassen und einen Blick auf die Welt dort draußen werfen... :D

Solche wie Du müssen die Welt gesehen haben. Das tropft quasi aus jeder Deiner Zeilen.

Zitat

Dennoch müssen wir sehen, was die potenziell fortschrittlichen Potenziale dieses Zerstörungsprozesses sind; wo an Stelle des Zerstörten Moderneres an dessen Stelle gesetzt wird, selbst bei Proletarisierung des Beamten- und Mittelstandes und deren Verwandlung in blosse "anonymisierte" Arbeiter und Angestellte.

Müssen "wir" das wirklich (so) sehen?

Diese müssen eben sich in gemeinsamen Interessensverbänden neu organisieren ...

Müssen sie eben?

Die Lohnabhängigen müssen sich statt dessen vereinigen und ihre gemeinsamen Interessen erbittert verteidigen, auch global.

Müssen sie!

Ach Kalle, wie soll das denn je was werden mit einer Revolution, wo die Menschen dauernd müssen müssen, auch wenn sie gar nicht wollen???

Das hängt davon ab, was die Menschen wollen. Ich formuliere eigentlich nur "Wenn-Dann"-Bedingungen. Entscheiden müssen (!) das natürlich die Menschen selber.

Das ist eine logische Ebene, nicht mehr, nicht weniger.

Zitat

Aber da müsste man mal nachlesen, was etwa in Finnland, Kanada, Holland und Neuseeland geschieht.

Herrjeh. Das müsste man also auch noch?!?

Wenn schon ---> denn schon!

Oder willst Du dumm sterben?

Zitat

Na ja, du machst das schon, gell?
Ein Karl muß eben tun, was ein Karl tun muß.

Wenn er will, ja. Wenn er nicht will, nein.

Zitat

Auschwitz ist leider immer noch gegenwärtig, aber nicht da, wo Du es vermutest.

- Sondern da, wo du es vermutest?

Wenn ich es wo vermute, dann nicht ohne gute, nachprüfbare und diskutable Begründungen.

Zitat

Es genügt also nicht, dass Kapital als "irrational" zu bezeichnen, es schafft auch Rationalitätssplitter.
Nur ändern diese nichts daran, dass sie sich einbetten lassen, in die irrationalistische Sosse des spiritualistischen und religiösen Fanatismus, und in den Strom reaktionärster Mythen, die die Menschen sich je erzählt und so weiter getragen (bewahrt) haben.

Ich kennen ein paar dieser reaktionärsten Mythen...
Sie besagen, daß Jesus ein Revolutionär war.
Und Buddha ein Anti-Kapitalist, der das Leben eines Prinzen gegen das eines besitzlosen Bettelmönchs eintauschte.

Jesus ist eine zwiespältige Figur.

Buddha? Nun ja.

Was ist Verzicht schon für eine Leistung, gerade in Zeiten der konservativen Verzichtsmoral?

Zitat

Wenigstens haben diese Männer nach ihren eigenen Ideen gelebt.
Während deine Propheten die Befreiung von Ausbeutung predigten - und selber ausbeuteten und unterdrückten.

Der Kapitalismus ist eine Produktionsweise und keine Lebensweise.

von Karl. - am 06.10.2004 12:54

Produktions- und Lebensweise - "antikapitalistischer" Faschismus

patric k schrieb:

Zitat

Der Kapitalismus ist eine Produktionsweise und keine Lebensweise.

Genau. Was soll also die Klassenkampfrhetorik?

Weil diese die angemessene Antwort zur Lebensweise-Rhetorik ist!

Zitat

Außerdem negiert diese, Deine, Aussage, Deine bisherigen Theorien vom kapitalistischen Wesen des Nat.soz.

Das ist doch keine Theorie, sondern jederzeit beweisbar.

Der Faschismus betrifft hauptsächlich den Überbau (Gesetze, Terrorpolizei, Ideologie, usw.).

An der Produktionsweise ändert sich in keinem Faschismus irgend etwas - ganz im Gegenteil! Keine Ideologie verteidigt die kapitalistische Produktionsweise so bis aufs Blut wie der contramarxistische Faschismus.

Passen dazu ein Artikel aus der heutigen JW, der das noch mal unterstreicht:

Zitat

Etikettenschwindel

In den Programmen und Publikationen neofaschistischer Gruppen und Parteien ist von dem im Wahlkampf propagierten Antikapitalismus nicht die Rede

Neofaschistische Parteien haben bei den vergangenen Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen gehörige Stimmenzuwächse erreichen können. Ein maßgeblicher Grund für das Erstarken der extremen Rechten dürfte in der aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzung um die »Hartz-Gesetze« liegen. Vor allem im Osten der Republik ist es NPD und DVU gelungen, mit einem völkisch orientierten Antikapitalismus bei den Wählern zu punkten. Schon seit geraumer Zeit versuchen Neofaschisten vor allem aus den Reihen der sogenannten Freien Kameradschaften und der NPD, sich von einer starren Fixierung auf das Naziregime zu lösen und sich Themen wie der Sozialpolitik zu widmen. Davon zeugt auch die Teilnahme diverser neofaschistischer Gruppen an den Protesten gegen die »Hartz IV«-Gesetze. Taktisch klug übernahmen die Neonazis dabei ursprünglich linke Kritik an dem staatlich verordneten Armutsprogramm. Die NPD trug auf Demonstrationen zeitweilig sogar Transparente mit dem PDS-Slogan »Hartz IV – Das ist Armut per Gesetz!«.

Daß die Propagierung eines »nationalen Antikapitalismus« seitens der extremen Rechten vor allem bedeutet, alle Lebensbereiche den Prinzipien des Marktes und der Verwertbarkeit unterzuordnen, interessiert die Wähler rechter Parteien anscheinend ebensowenig wie ihre massive rassistische Hetze. So könnte ein jeder Bürger heutzutage wissen, daß beispielsweise Flüchtlinge schon aufgrund der diskriminierenden Gesetzgebung gar nicht die Möglichkeit besitzen, deutschen Arbeitslosen die Arbeitsplätze wegzunehmen.

Was vom »Antikapitalismus« der Rechten zu halten ist, zeigen auch Veröffentlichungen aus diesem Spektrum. Im »Entwurf eines Hundert-Tage-Programms der Nationalen Notstandsregierung in Deutschland« des Neonazis Reinhold Oberlercher werden »kraftvolle Maßnahmen« skizziert. Dazu gehören die »Privatisierung der Rentenversicherung« sowie ein »Anstellungsrecht im staatlichen Arbeitsdienst für arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger und für Dauerarbeitslose, die über sechs Monate stellungslos sind«. Die Zahlung von Sozialhilfe an Arbeitsfähige soll verboten und das öffentliche Gesundheitswesen aufgelöst werden.

Selbst die programmatischen Aussagen der sich »antikapitalistisch« gerierenden NPD lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Dem nationalsozialistischem Leitsatz »Du bist nichts – Dein Volk ist alles!« folgend, erteilen die Nationaldemokraten einer »Sozialpolitik nach dem Traumbild des totalen Wohlfahrtsstaates« eine strikte Absage. Statt dessen müsse »wirtschaftliche Vernunft« walten und dem Streben nach »nationaler Volksgemeinschaft« entsprochen werden.


In einer Anfang August diesen Jahres veröffentlichten Erklärung der neofaschistischen Kaderschmiede »Deutsches Kolleg« finden sich unter dem Titel »Rassen- und Klassenkampf im Sommerloch« eindeutige programmatische Aussagen. So sollen »Jugend- oder altersschwache Arbeitskräfte, die am Arbeitsmarkt nicht konkurrieren können, im Staatsarbeitsdienst, dem national organisierten Teil der Eigenwirtschaft«, eingesetzt werden.

Ähnlich klingt es im Programm der Republikaner. Angestrebt wird eine Wirtschaftsordnung, in der »die Unternehmen so frei wie möglich agieren können«. Die Reps fordern ferner, die Zumutbarkeitskriterien bei staatlichen Sozialleistungen zu verschärfen und keine Leistungen an »Arbeitsunwillige« auszuzahlen.

Von Antikapitalismus oder auch nur Verteidigung sozialer Standards kann also keine Rede sein.
Bleibt die Frage, ob die Wähler rechter Gruppierungen dies einfach nicht wissen, oder ob sie es billigend in Kauf nehmen.

[www.jungewelt.de]

Im übrigen kann ich ja noch mal auf einschlägige Beiträge meinerseits verweisen, falls Du die versäumt oder aus Deinem Gedächtnis wieder und wieder getilgt haben solltest.

Geschichtliche Ignoranz hat Grenzen, glaube mir!

von Karl. - am 06.10.2004 13:26

Dostojewski

Hier ein paar Infos über Dostojewski:

Zitat

Dostojewski entstammte verarmtem Adel, sein Vater war Arzt. Nach dem Tod seiner Mutter 1837 ließ sich Dostojewski mit seinem Bruder in St. Petersburg nieder, wo er von 1838 bis 1843 an der Militärakademie Bauingenieurswesen studierte. 1839 wurde sein Vater auf dem heimischen Landgut durch leibeigene Bauern ermordet. 1844 begann er mit den Arbeiten zu seinem 1846 veröffentlichten Debut Arme Leute.

Mit dessen Erscheinen wurde Dostojewski schlagartig berühmt, die zeitgenössische Kritik feierte ihn als Genie. 1847 trat er einem Kreis von Revolutionären bei; als er in deren Reihen 1849 einen später als kriminelles Schreiben apostrophierten Text des Literaturkritikers Wissarion Grigorijewitsch Belinskij an Nikolai Gogol vortrug, denunzierte man ihn und er wurde zum Tode verurteilt. Erst auf dem Richtplatz begnadigte Zar Nikolaus I. ihn zu vier Jahren Verbannung und Zwangsarbeit in Sibirien, mit anschließender Militärdienstpflicht. In der Haft in Omsk wurde zum ersten Mal seine Epilepsie diagnostiziert.

1854 trat er seine Militärpflicht an; Protektion und Wohlverhalten verschaffen ihm 1856 die Beförderung in den Offiziersrang. Nach seiner Heirat 1857 und schweren epileptischen Anfällen beantragte er seine Entlassung aus der Armee, die jedoch erst 1859 bewilligt wurde, so dass Dostojewski nach St. Petersburg zurückkehren konnte.

Dort veröffentlichte er 1860 die Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, ein Dokument seiner Verbannungszeit in Sibirien, an dem er seit 1856 gearbeitet hatte. Gemeinsam mit seinem Bruder gründete er die Zeitschrift Die Zeit, in der im darauf folgenden Jahr sein Roman Die Erniedrigten und Beleidigten erschien, jedoch bereits 1863 fiel Die Zeit wegen eines "antipatriotischen" Beitrags der Zensur zum Opfer und wurde verboten. Von 1862 bis 1865 reiste Dostojewski durch Europa; während dieser Zeit begann seine Spielsucht. 1864 starben in kurzer Folge Dostojewskis Frau, sein Bruder und sein Freund Apollon Grigorjew; die Nachfolgezeitschrift der Zeit, die Epoche, musste er aus Geldmangel einstellen. 1865 ruinierte er sich beim Roulettespiel in Wiesbaden.

1866 erschien der erste der großen Romane, durch die Dostojewski Teil der Weltliteratur wurde: Schuld und Sühne (auch unter den Titeln Verbrechen und Strafe und Raskolnikow bekannt). Die Geschichte des abgerissenen und bitterarmen Studenten Rodion Romanowitsch Raskolnikow, der aus Hochmut zum Mörder wird und sich in der Folge zu einem Menschen entwickelt, der die Welt entdeckt als das, was sie ist, überzeugt durch psychologisch realistische Charaktere und präzises, anschauliches Erzählen. Zugleich ist der Roman auch Abbild der Wandlung Dostojewskis selbst vom Revolutionär zum konservativen Christen. Im selben Jahr erschien auch der innerhalb von nur 26 Tagen verfasste Kurzroman Der Spieler, ein Bekenntnis seiner Spielsucht.

Kurz nach seiner zweiten Eheschließung 1867 setzte er sich wegen seiner hohen Spielschulden fluchtartig ins Ausland ab, um sich dem Zugriff seiner Gläubiger zu entziehen. Er wohnte längere Zeit in Baden-Baden und kehrte erst 1871 wieder nach Russland zurück. 1868 verliert er erneut alles am Spieltisch. Im Folgejahr erschien sein zweites Großwerk, Der Idiot, die tragikomische Geschichte des Fürsten Myschkin, der ob seiner Güte, Ehrlichkeit und Tugendhaftigkeit in der St. Petersburger Gesellschaft scheitert.

Zum Ende seines Lebens hin verlief das Leben Dostojewskis in ruhigeren Bahnen. In dieser Ruhe verfasste er die beiden letzten seiner großen Werke, Die Dämonen - einen politischen Roman über die vernichtende Macht des Anarchismus und Nihilismus, und abschließend Die Brüder Karamasow, ein Panorama der russischen Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts und zugleich eine Quintessenz seines eigenen Werkes.

Als Dostojewski 1881 an Lungenbluten in Folge eines Emphysems starb, nahmen rund 60.000 Menschen an seinem Begräbnis teil.

[de.wikipedia.org]

Und noch ein paar Infos:

Zitat

Glaubensstreit um Dostojewski

Es gab einmal einen Streit, einen Glaubensstreit um Dostojewski, von dem man sich heute kaum noch eine richtige Vorstellung machen kann. Aber man muss einiges davon wissen, auch von den Wandlungen seiner Wirkung, da sie viel über ihn und sein Werk aussagen. Der Streit begann schon zu Dostojewskis Lebzeiten. Die 1861/62 erschienenen "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus", die von Dostojewskis Jahren in einem sibirischen Straflager berichteten, sollen den Zaren Alexander den Zweiten zu Tränen gerührt haben, ähnlich wie einige Jahre zuvor Turgenjews "Aufzeichnungen eines Jägers", die mit zu dem Entschluss des Zaren beigetragen haben sollen, im Jahr 1861 die Leibeigenschaft in Russland aufzuheben.

Bestseller "Schuld und Sühne"

Schließlich war es der Vater des Zaren gewesen, der zwölf Jahre zuvor den jungen, gerade achtundzwanzigjährigen Dostojewski nach Sibirien geschickt hatte. Vier Jahre vor der Verbannung, 1846, war dessen Erstlingswerk erschienen, der Briefroman "Arme Leute" – Verheißung eines außerordentlichen literarischen Talents. Zwanzig Jahre später kam der Raskolnikoff-Roman "Schuld und Sühne" heraus (dies der eingebürgerte Titel, obwohl "Verbrechen und Strafe" die angemessenere Übersetzung wäre) – er wurde zum Bestseller, und der Name des Autors war in aller Munde. Aber die Bücher, die darauf folgten, machten weder der Kritik noch dem Publikum Eindruck, weder "Die Dämonen" noch "Der Jüngling", nicht einmal "Der Idiot".

Nietzsche über Dostojewski

1869 schrieb Dostojewski: "Ich bin doch ohnehin von allen anderen vergessen." Das sollte sich erst mit den "Brüdern Karamasoff" ändern. Die sogenannten "Volkstümler", die Narodniki, Anhänger eines utopischen Sozialismus, gingen mit Tolstoi zu den Bauern aufs Land und beschimpften Dostojewski als Zarenknecht und bigott. Es war Nietzsche, der den Autor von Schuld und Sühne für Westeuropa entdeckte: er nannte ihn den "einzigen Psychologen, von dem ich etwas zu lernen hatte". Und weiter: "Er gehört zu den schönsten Glücksfällen meines Lebens, mehr selbst noch als die Entdeckung Stendhals. Dieser tiefe Mensch, der zehnmal recht hatte, die oberflächlichen Deutschen gering zu schätzen, hat die sibirischen Zuchthäusler, in deren Mitte er lange lebte, lauter schwere Verbrecher, für die es keinen Rückweg zur Gesellschaft mehr gab, sehr anders empfunden, als er selbst erwartete – ungefähr als aus dem besten, härtesten und wertvollsten Holze geschnitzt, das auf russischer Erde überhaupt wächst."

André Gide über Dostojewski

Zwanzig Jahre später schrieb André Gide: "Noch verstellt die ungeheure Masse der Gestalt Tolstois dem Horizont; aber schon bemerken vielleicht einige vorauseilende Geister – so wie man in Gebirgsgegenden, je mehr man sich entfernt, über den nächstliegenden Gipfel hinweg den höheren, den der benachbarte verbarg, wieder hervortreten sieht –, wie hinter dem Riesen Tolstoi Dostojewski wieder erscheint. Er ist, den Gipfel noch zur Hälfte verborgen, das geheimnisvolle Glied der Kette. Einige der großartigsten Strömungen, an denen sich der Durst des heutigen Europas stillen kann, haben dort ihren Ursprung. Ihn, nicht Tolstoi, muß man neben Ibsen und Nietzsche stellen, er ist ebenso groß wie sie und vielleicht der wichtigste von den dreien."

Siegeszug in Westeuropa

So begann Dostojewski in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg seinen Siegeszug in Westeuropa (während er im Land seiner Herkunft nach der Oktoberrevolution zunächst umstritten war und dann sogar dem Bannstrahl verfiel). Es gab kaum einen Autor von Rang, bei dem sich Dostojewskis Einfluss nicht nachweisen ließe: nicht nur bei Nietzsche und André Gide, sondern auch bei Hamsun in Norwegen, Hermann Hesse und Thomas Mann in Deutschland, Sigmund Freud und Stefan Zweig in Österreich. An den kommenden Tagen werden wir noch Gelegenheit haben, ihre Äußerungen über Dostojewski zu zitieren. Heute sollen Sätze von Hofmannsthal diese Einführung beschließen; er schrieb 1921: "Hat die Epoche einen geistigen Beherrscher, so ist es Dostojewski. Seine Gewalt ist unberechenbar, es ist eine wahre Faszination –, er stößt durch die soziale Schilderung hindurch ins Absolute, ins Religiöse... Er und kein Anderer ist Anwärter auf den Thron des geistigen Imperators..." –

Kindheitserinnerungen von Njétotschka Neswa

Doch nun zu unserer Lesung aus "Njétotschka Neswanowna", der Erzählung, die zunächst als großer psychologischer Roman geplant war, aber nicht vollendet werden konnte. Nur die Kindheitserinnerungen der Titelheldin wurden geschrieben, in der Form von drei Novellen, die nur durch die Person der Erzählerin miteinander verbunden sind. Unsere Lesung wiederum beschränkt sich auf die erste dieser drei Novellen, in deren Mittelpunkt Njétotschkas Stiefvater steht, der Musiker Jefímoff.

Dieser Jefimoff ist ein armer Klarinettist, der bei einem geheimnisvollen Italiener das Geigenspiel erlernt hat, ein Musiker von großer Anziehungskraft, der, ganz im Bann der eigenen Begabung, die Kunst als Selbstbestätigung und Selbstverwirklichung betrachtet. Sein Leben wird zu einem verzweifelten Rückzug vor der Wirklichkeit: Je stärker er sein Talent veruntreut, desto hartnäckiger klammert er sich an den Gedanken seiner Genialität.

Njétotschka und ihr Stiefvater

Man erkennt in Dostojewskis Novelle das Vorbild der Künstlernovellen E.T.A. Hoffmanns mit ihren skurrilen und künstlerisch obsessiven Helden, voran der Kapellmeister Kreisler. Diese Novellen übten in den 1840er Jahren nicht nur in Rußland, sondern auch in Frankreich die größte Wirkung aus. Aber das langsame Verkommen des Musikers Jefimoff, wie Dostojewski es unbarmherzig verfolgt, enthält zugleich eine bittere Selbstkritik und Selbstwarnung des Autors vor der Gefahr solcher Träumerei von künftigem Ruhm. Schon in "Weiße Nächte" hatte er selbstkritisch den "ewigen Träumer" in sich verurteilt, diese "Mischung aus etwas Phantastischem und glühend Idealem, mit ihrer trüben, prosaischen Kehrseite". Auch Jefimoff ist ein solcher Träumer – in gesteigerter Form, geschildert aus der Perspektive seiner Stieftochter Njétotschka.

[www.ndrkultur.de]

Mit anderen Worten: ein typischer tazDiss-Autor, dieser Dostojewski!

von Karl. - am 07.10.2004 14:52
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