"Alles Verbrecher ausser Opi!"

Startbeitrag von Karl. am 27.10.2004 12:55

Der deutsche Frauenfeind hat einen Lieblingsspruch und der lautet: "Alles Schlampen ausser Mutti!"

Doch auch der deutsche unaufgearbeitete Nazi-Enkel lässt auf die Friedhofsruhe von (Un)Toten nichts kommen, schon gar nicht, wenn unter der Erde die eigenen Gene von den Regenwürmern und sonstigem Gewimmel zwar zersetzt, aber von ihm, dem Enkel stets fröhlich zur "Arterhaltung" weitergegeben werden, wie auch so mancher "Geistesfetzen" von uns Grossvaddern.

Und? Haben wir denn schon mal nachgeguckt, ob denn der Alte un sin Fru nicht doch noch heimlich lebendig sind? Quietschte es nicht letztens auffen Dielen, so als ginge da immer noch die alte Oma entlang oder der liebe Opa mit Rauschebart, der immer so schön Geschichten erzählen konnte über die bolschewistischen Untermenschen und die angeblich "intellektuell überspitzten Juden", mit denen man in Deutschland nur aus "Rassenverteidigung" so verfahren musste, wie Onkel Hitler und Onkel Himmler ...-?

Nun ja, wie dem auch sei, hüten wir uns, dass Auschitz nicht in Form einer heimtückischen Schulreform wieder kehrt. Passen wir auf, dass Deutschland ordentlich bleibt und alles an seinem Platz und in der Klitsche, der Scholle, der Parzelle, dem Garten, der Kneipe, ... ach! ... - allem, was Geborgenheit und Gleichartigkeit gibt!

Aufarbeitung? Hatten wir doch gestern, oder?

Da haben wir doch den Garten umgepflügt. Grossvadder war nicht drin. Er wäre sonst von unter nach oben gekommen und womöglich für die Nachbarn sichtbar oben gelegen.

Doch etwas Anstand muss sein, in Deutschland!

Zitat

Alles Nazi außer Opa

Eine sozialwissenschaftliche Studie deutet auf weitverbreitete unkritische Geschichtsbetrachtung bei der familiären Erinnerung an die Zeit des Hitlerregimes hin

Das Interesse an der Veranstaltung »Opa war kein Nazi«, die am Montag in Berlin stattfand, war groß. Daß Opa in den meisten bundesdeutschen Familien doch ein Nazi war, ist eines der Ergebnisse einer Studie, die die Sozialwissenschaftlerin Sabine Moller vorstellte. Moller arbeitete von 1997 bis 2000 zusammen mit Harald Welzer und Karoline Tschuggnall an der Mehrgenerationenstudie »Tradierung von Geschichtsbewußtsein«. Diese ging der Frage nach, woran sich »ganz normale« Deutsche erinnern, wenn es um die Nazizeit geht, und was sie davon wie an die nachfolgenden Generationen weitergeben. Dafür wurden 142 Personen aus 40 Familien befragt. Die Ergebnisse sind zwar nicht repräsentativ, aber verallgemeinerungswürdig und durch eine quantitative Studie von Juni 2002 untermauert. Demnach herrscht in der Gesamtbevölkerung überwiegend die Auffassung vor, daß eigene Familienangehörige keine Nazis waren.

Das Wissen über das Ausmaß der faschistischen Verbrechen hat offenbar den Effekt, daß Kinder und Enkel ihre eigenen Eltern zu Regimegegnern und widerständischen Helfern stilisieren. Moller erklärt dies mit den kognitiven und emotionalen Komponenten, aus denen das »Familiengedächtnis« konstruiert wird. Die guten Erfahrungen mit den eigenen Großeltern würden von den Kindern und Enkeln übergeneralisiert.

Die wohl populärste Strategie des Schönredens ist der Studie zufolge die »Opferkonstruktion«: »Wer selbst Opfer des Systems war, so scheint der Subtext solcher Opferkonstruktionen zu lauten, ist vor jedem Verdacht geschützt, Akteur oder gar Profiteur gewesen zu sein.«

Auch mein Opa war ein solches »Opfer« des faschistischen Systems. Als Fotograf, der Gerechtigkeit herstellen und die Wahrheit ans Licht bringen wollte, wurde er, obwohl ihn seine Pressebinde als neutrale Instanz auswies, von den Russen erschossen. »Wie ungerecht!«, war das vorherrschende Gefühl bei dieser in unserer Familie überlieferten Geschichte – bis ich letztes Jahr durch das Buch »Erziehen zum Wegsehen: Fotografie im NS-Staat« von Rolf Sachsse meinen Opa neu kennenlernte. Als aktives Mitglied der Waffen-SS machte er in seiner Funktion als einer der renommiertesten NS-Fotografen für das Propagandaministerium von Goebbels den ganzen Rußlandfeldzug mit. Mein Opa ein Nazi, und ich hätte das wissen müssen.
http://www.jungewelt.de/2004/10-27/013.php

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