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vor 13 Jahren, 10 Monaten
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Sentinental

Es geht um Amerika, aber es geht auch um den Rest der Welt

Startbeitrag von Sentinental am 16.02.2004 22:07

George Soros

"Bush kämpft mit dem Teufel in seinem Leib"

Herr Soros, Sie sind ein vielfacher Milliardär, Sie sind alt, Sie ... Wie? Ich bin 73 und ...

... Sie könnten sich doch nun entspannen, Ihr riesiges Vermögen genießen. Stattdessen stürzen Sie sich in einen hitzigen Kreuzzug gegen den Präsidenten George Bush. Das ist kein Kreuzzug.

Okay, es ist ein Krieg. Es ist auch kein Krieg, ich mag diese Worte nicht. Mich treibt Pflicht. Wir leben in ungewöhnlichen Zeiten. Die kommende Wahl ist einzigartig, das ist nicht Business as usual, nein, das müssen Sie begreifen: Es geht um Amerika, aber es geht auch um den Rest der Welt. Diese Wahlen sind eine Frage von Leben und Tod.

Sie übertreiben. Ja? Ich fürchte, höchstens ein bisschen. Die Bush-Regierung möchte ihren Willen der ganzen Welt aufzwingen. Diese Regierung ist in die Hände von politischen Extremisten gefallen, die einer primitiven Form des Sozialdarwinismus anhängen: Das Leben ist für sie ein ständiger Kampf ums Dasein, und das Überleben wird durch Gewalt, letztendlich Krieg, gesichert. Amerika ist eine Gefahr für die Welt.

Kritiker wie Noam Chomsky sagen schon, Amerika sei keine Demokratie mehr, sondern ein faschistischer Staat. Nein, nein! Das ist eine Übertreibung, die den Terror der Nazis banalisiert und die politische Diskussion lähmt. Ich habe als Kind und als Jude den Faschismus in Ungarn erlebt, ich habe die sowjetische Besatzung erfahren. Ich vergleiche Bush nicht mit den Nazis. Aber in diesem Land passiert nun, was ich nie für möglich gehalten hätte: Die offene Gesellschaft ist zutiefst gefährdet.

So sieht es Bush auch - er meint durch den Anschlag vom 11. September 2001. Es heißt immer, diese schrecklichen Terrorakte haben die Welt verändert. Nein, die Welt wird dadurch verändert, wie die Bush-Regierung auf diesen Terror reagiert, wie sie ihn ausbeutet und für sich nutzt - bürgerliche Freiheiten beschneidet, die unumschränkte Herrschaft auf dem Globus anstrebt. Vielleicht wird man im historischen Rückblick einmal sagen: Das war der Beginn eines fürchterlichen Erdbebens - dieses Ausrufen des "Krieges gegen den Terror".

Und Sie sind nun derjenige, der Amerika, der die Welt vor dem Unheil rettet? Ach was. Ich bin einfach in einer Position, in der ich meine Meinung laut sagen kann.

Andere sehen das weniger pathetisch. Zum Beispiel die Republikanerin Christine Iverson. Sie sagt: "George Soros hat sich die Demokratische Partei gekauft." Ich bitte Sie, das muss diese Dame so sagen. Sie ist eine Sprecherin der Republikanischen Partei. Aber klar, ich werde jetzt von vielen Konservativen glühend gehasst, sogar als Verräter meiner Klasse betrachtet. Ich habe bisher 12,5 Millionen Dollar für Organisationen ausgegeben, die den Demokraten nahestehen. Die Konservativen schäumen auch so heftig, weil ich mit meinem Geld für ein wenig mehr Waffengleichheit im Wahlkampf sorge. Aber es ist ja nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Sie hören sich an, als ob Sie für die Niederlage George Bushs sogar Ihren letzten Dollar einsetzen würden? Tja, wenn man mir das richtige Ergebnis garantieren könnte!

Ist es eigentlich ein schlechtes Gewissen, das Sie treibt? Nein, wieso denn? Wie meinen Sie das?

Vielleicht ist es ja die Hoffnung, nicht in die Geschichte einzugehen als der Mann, der mit seinen Spekulationen die Bank von England knackte - eine Aktion, die jeden Briten, Kind oder Greis, zwölf Pfund kostete. Und Sie um eine Milliarde Dollar reicher machte. Sie wollen mir ein schlechtes Gewissen einreden, lassen Sie das. Ich habe nicht gegen Gesetzte verstoßen, ich habe nur Spielräume ausgenutzt. Als ich gegen das englische Pfund wettete, habe ich einfach eine Bemerkung des damaligen deutschen Finanzministers Waigel richtig interpretiert. Aber das ist Vergangenheit.

Für die 'Washington Post' sind Sie und Ihre Wahlkampfspenden sogar eine "Gefahr" für die Demokratie: "Niemand will, dass eine Person mit einer großen Tasche den Präsidenten auswählt." Was? Ich halte mich an die Regeln. Ich erfinde keine Organisationen, sondern ich unterstüzte legale Gruppen. Gleichzeitig kritisiere ich, dass das große Geld eine so wichtige Rolle im Wahlkampf spielt.


Das ist doch Heuchelei. Nein, überhaupt nicht. Es ist kein Widerspruch, sich an die Regeln zu halten und dennoch zu sagen, diese Regeln muss man verbessern. So habe ich es auch bei meinen Finanzaktionen gehalten.

Aber es ist doch einfach so: Wer Geld gibt, will was dafür. Ich möchte nichts für mich. Ich bin anders, glauben Sie mir.

Sie sind also der gute Mensch aus New York, so selbstslos, so? Halt! Ich war mal ein überzeugter Egoist, ich habe das hinter mir. Ich habe mehr als genug Geld. Deswegen gebe ich es auch aus. Da ist in mir der Wunsch, etwas für die Menschheit zu tun.

Nochmals: Sie wollen beweisen, dass ein richtig reicher Mensch auch ein richtig guter Mensch sein kann? Vergessen Sie das. Ich möchte einfach, dass Amerika seine Rolle in der Welt neu überdenkt, internationale Verträge respektiert und mit den internationalen Organisationen ehrlich zusammenarbeitet, sie nicht einfach herumkommandiert. Ich will nicht, dass die Welt brav in Reih und Glied hinter Amerika hermarschiert.

Schlechte Nachrichten für Sie, Herr Soros. Egal, wie Sie sich im Wahlkampf mühen, Sie haben keine Chance. Wieso denn? Die Zeiten sind dunkel, das stimmt. Und manchmal habe auch ich den fatalen Eindruck: Die Demokraten haben die Wahl schon abgeschrieben. Ich aber nicht.

"Erdrutschartig" wird Bush gewinnen - das verkündet der Evangelist Pat Robertson, denn Bush hat "Gott auf seiner Seite. Gott hat ihn gesegnet, Gott hat ihn auserwählt, egal ob er Fehler macht oder nicht. Gott hat ihn gesegnet". Ja, die christlichen Fundamentalisten reden viel von Gott, aber sie unterstützen Bush ganz weltlich mit Millionen Dollar. Es wird ein schwieriger Kampf, das stimmt, die Demokraten zerfleischen sich. Ich kämpfe trotzdem. Und was Sie hier zitieren, zeigt auch die Gefahr durch Bush. Ich weiß, dass ich Unrecht haben kann, dass ich nicht im Besitz der absoluten Wahrheit bin. Bush aber, auch die Leute um ihn herum, glauben, im Vollbesitz der Wahrheit zu sein. Sie sehen sich ja im direkten Kontakt zum Allmächtigen.

"Eigentlich sollte ich", hat Bush mal gesagt, "in einer Bar in Texas sein und nicht im Weißen Haus. Ich war ja Alkoholiker. Der einzige Grund, weshalb ich im Oval Office und nicht in der Bar bin: Ich habe den Glauben gefunden. Ich hab Gott gefunden. Ich bin hier wegen der Kraft des Gebetes." Er ist ein wiedergeborener Christ. Er hat persönlich Bekanntschaft mit dem Teufel gemacht, denn der Teufel war jahrelang in ihm. Er kämpft mit dem Teufel aus Überzeugung. Ich habe nichts gegen fromme Menschen. Aber ein Mensch, der mit dem Teufel in seinem Leib kämpft, den halte ich als Präsident für gefährlich.

Wenn ich Paul O'Neill glaube, der als Finanzminister aufgab, weil er Bushs Politik der Steuerkürzungen nicht mittragen konnte, war schon vor dem 11. September geplant, den Irak anzugreifen, also hat Bush die Bevölkerung bewusst getäuscht. Ja, und überdies schürt seine Regierung seit diesem grauenhaften Tag systematisch die Angst. Terroristen sind ein idealer Feind. Sie sind unsichtbar, sie veschwinden, man muss sie ständig suchen, man kann sie ständig bekämpfen - überall. Sie sind perfekter Ersatz für den verlorengegangenen kommunistischen Feind.

Der Feind in jenem neuen "Weltkrieg", in dem sich der ehemalige CIA-Direktor James Woolsey zu befinden glaubt? Vermutlich glaubt er das tatsächlich. Terrorismus und Gegenterrorismus schaukeln sich gegenseitig hoch. Vielleicht hat Osama bin Laden sogar genau darauf spekuliert? Bush jedenfalls schürt bewusst die allgemeine Verunsicherung, nährt die Angst, denn verängstigte Menschen lassen viel mit sich machen. Es ist nun wie bei Orwell: Ständige Angst für ständigen Frieden. Sie benötigten dies alles, um ihren Traum der unumschränkten Herrschaft durchzusetzen.

Wen, mit Verlaub, meinen Sie denn mit "sie"? Es sind die Neo-Konservativen in der Regierung. Leute wie Cheney, Rumsfeld, Wolfowitz. Sie wollen die totale Überlegenheit Amerikas, sie haben die geopolitischen Realisten verdrängt. In der Republikanischen Partei sind die Moderaten an den Rand getrieben worden, das gesamte politische Spektrum ist nach rechts gerutscht. Die Republikanische Partei, die Regierung sind nun in der Händen von Eiferern: Überlegenheitsfanatiker, religiöse Fundamentalisten, Marktfundamentalisten - ein gefährliches Amalgam. Sie haben in Deutschland auch Extremisten, Republikaner, Nazis, aber nicht in der Regierung. Das ist der Unterschied.

Über 60 Prozent der Amerikaner finden es gut, wie Bush regiert. Ich bin auch erstaunt, wie erfolgreich Bush im Moment dasteht. Aber das ist diese Angst, die wie Mehltau über allen hängt und die es den Ideologen ermöglicht hat, die aggressive Bush-Doktrin durchzusetzen, die auf zwei Säulen ruht. Erstens: Amerika wird seine unangefochtene militärische Überlegenheit für immer bewahren, und zweitens: Amerika nimmt sich das Recht heraus, Präventivkriege zu führen. Und wenn man diese beiden Säulen vereinigt, schafft dies eine besondere Art der Souveranität, eine konkurrenzlose Pax Americana: Amerika steht über den anderen Staaten, Amerika steht über internationalem Recht, Amerika steht über allem. Und damit sind wir genau bei George Orwells "Farm der Tiere": "Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere sind gleicher."

Sie hören sich an, als ob Amerika das "Reich des Bösen" wäre. Nein, das wäre ein zu einseitiger Blick. Amerika ist immer noch eine pluralistische Gesellschaft. Wir haben die Rede-, Pressefreiheit, der Staat kontrolliert nicht die Medien. Gleichwohl haben wir hier etwas, das ich die "konservative Wahrheitsmaschine" nenne, und diese Wahrheitsmaschine entstellt die Wirklichkeit.

Das verstehe ich nicht. Okay, ich habe vielleicht ein besonders feines Gespür für diesen Orwellsches Doppelsprech, ich habe ja die Nazis und die Kommunisten erlebt. Doppelsprech heißt, man gibt den Worten einen ihnen entgegengesetzten Sinn. In der Bush-Doktrin ist viel von "Demokratie" die Rede, aber gleichzeitig schränkt Justizminister Ashcroft bürgerliche Rechte rigide ein. Wenn Bush sagt, dass die "Freiheit" siegt, meint er tatsächlich, dass Amerika seine Vormachtstellung über den Globus ausbauen wird. Wenn Bush sagt: "Wer nicht für uns ist, der ist für die Terroristen", dann schrillen bei mir die Alarmglocken. Das ist die Sprache von Machthabern totalitärer Systeme.


Soros: "Für die Konservativen bin ich ein Verräter meiner Klasse"

Sie klingen düster. Nein, mir geht es um Aufklärung. Ich möchte, dass die Bush-Doktrin eine kurze Verirrung war - und dieses Land wieder normal wird, dass es zu den Prinzipien der offenen Gesellschaft zurückfindet, also wieder akzeptiert, dass nicht alles schwarz oder weiß ist, dass Macht nicht immer Recht hat.

Sie machen sich große Sorgen. Doch die amerikanische Öffentlichkeit schert sich eine Dreck um die Wahlen: Höchstens 50 Prozent der Amerikaner wollen zu den Urnen gehen. Das finde ich beunruhigend, und ich glaube, dass sie den herrschenden Doppelsprech nicht entziffern können. Es ist etwas Neues für sie: Wie bei den Indianern, die mit Alkohol nicht umgehen, die sich gegen die Pocken nicht wehren konnten. Sie erkennen nicht, was auf dem Spiel steht.

Vielleicht ist es ja ganz anders. Vielleicht sagen sie sich: Es ist egal, wenn wir wählen; es ist eine Wahl, wie viele Amerikaner sagen, zwischen Tweedledee und Tweedledum - also Zwillingen. Nein, diesmal ist es wirklich etwas anderes. Wir müssen die Bush-Doktrin ablehnen. Es ist ein Riesenunterschied, ob Mr Bush im Weißen Haus sitzt oder ein Demokrat - sei es Dean, Clark, Kerry oder Edwards, egal wer, jeder ist besser als Mr Bush. Und dafür setze ich mich ein.

Warum sollen die Leuten Ihnen glauben? Ich habe keine Interessen, ich erwarte von niemandem etwas, ich will von niemandem etwas, mir geht es ganz altmodisch ums Gemeinwohl. Ich bin ein Philanthrop. Mit meinen Stiftungen, in die 450 Millionen Dollar jährlich fließen und ...

... mit denen Sie in rund 50 Ländern aktiv sind. Sie haben die "Charta 77" in der Tschechoslowakei und "Solidarno" in Polen gefördert, und Schewardnadse klagt, Sie hätten die Streikenden in Georgien finanziert, die ihn stürzten ... ... habe ich die demokratischen Prozesse im auseinanderfallenden Ostblock unterstützt, vor allem auch in Ex-Jugoslawien, wo Europa so kläglich versagt hat. Ich schulde es Leuten wie dem sowjetischen Dissidenten Sacharow, dass ich mich auch in Amerika engagiere. Ich setze mein Geld jetzt da ein, wo mein Mund ist.


Ex-Regent Eduard Schwewardnadse über Soros: "Er hat die Streikenden finanziert, die mich stürzten"

In Ihrem Geschäftsleben, so hat die 'Los Angeles Times' mal über Sie geschrieben, haben Sie keinen Hauch von Idealismus gezeigt. Für Ihre "Rücksichtslosigkeit" waren Sie bekannt: "Gier ist gut", dieses Mantra des Helden Gordon Gekko aus dem Fim 'Wall Street' würde perfekt auf Sie passen. Da ist was Wahres dran. Wenn Sie an der Börse handeln, denken Sie nicht an die Menschen, die durch Ihr Tun beeinflusst werden. Der Markt hat keine Moral. Der Markt denkt nur an sich, das Soziale ist ihm egal. Dafür muss die Politik sorgen - auch gegen den Widerstand des Kapitals.

In Ihrem neuen Buch 'Die Vorherrschaft der USA - eine Seifenblase' findet sich eine für einen Milliardär ungewöhnliche Anmerkung: Marx' 'Kommunistisches Manifest' sei "eine interessante Lektüre". Ja, es ist absolut faszinierend, wie genau er die Globalisierung vorausahnend beschrieben hat - mit einer großartigen, mitreißenden Sprache, und so akkurat: "Das Bedürfnis nach einem ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen."

Vor Jahren haben Sie selbst beschrieben, wie hektisch dieses Leben mit Ihrem Investmentfonds war: "Er lebte von mir, er lebte mit mir, er schlief mit mir. Er war meine Geliebte, und ich hatte immer Angst, sie zu verlieren. Es war ein furchtbares Leben." Dieser Fonds, den ich 1969 auflegte, war meine Kreation. 1978/79 kam ich in die Midlife-Krise, meine Ehe ging kaputt. Ich stand vor der Frage: Wer ist wichtiger? Mein Fonds oder ich? Wir waren wie siamesische Zwillinge. Er verzehrte mich, er ernährte mich, er fraß mich auf. In mir tobte ein Kampf - so wie mein Vater und meine Mutter in mir gekämpft hatten. Aber ich gewann, mein Fonds verlor.

Gott sei Dank? Ja, sicher. Sollte ich der Sklave des Systems sein, das mich ernährt? Das Leben eines Fonds-Managers ist ein fürchterlicher Stress. Sie bekommen alle mögliche psychosomatischen Krankheiten, Ihr Rücken killt Sie, Sie schlafen nicht, Sie haben nur noch den Blick aufs Geld, auf Kurse, Telefone, Zeitungen, es verschlingt sie.

Buch
George Soros' Analyse und fulminante Abrechung mit dem System George Bush erscheint dieser Tage im Karl Blessing Verlag:
"Die Vorherrschaft der USA - eine Seifenblase", 224 Seiten, 20 Euro Wie? Muss ich nun den Erzkapitalisten bedauern? Nein. Es genügt, wenn ich das tue. Wenn ich nicht so unstrukturiert wäre, wäre ich gern Philosoph geworden. Wir spielen verschiedene Rollen in verschiedenen Situationen. Und als Geschäftsmann schaue ich auf die Wirklichkeit anders als der Philanthrop von heute. Aber ich habe diese zwei Seiten in mir perfekt integriert. Da war lange eine Spannung, ich habe mich analysiert - ich habe das Problem gelöst.

Sind Sie jetzt glücklich? Sehr. Ich habe in meinem Leben mein Bestes gegeben. Ich bin an meine Grenzen gegangen. Ich habe erreicht, was ich nie für möglich gehalten hätte, denn ich hätte mit 13 Jahren in den Öfen von Auschwitz verschwinden können. Ich bin aus Ungarn nach England geflohen, habe mich durchgeschlagen, hatte das große Glück, den Philosphen Karl Popper kennen zu lernen, dessen Gedanken mich nie mehr losließen. Mit 5000 Dollar kam ich in Amerika an. Ich habe mir einen Fünfjahresplan gemacht, wollte 100.000 Dollar verdienen. Es waren dann viel mehr, und es hörte nicht auf. Da gab mir die Freiheiten, die ich nun genieße.

Freiheit, sang mal die Rocksängerin Janis Joplin, heißt, nichts zum Verlieren zu haben. Ja, das ist auch wahr. Genau so hat mein Vater gelebt. Er hat seinen Reichtum, was für einen Bourgeois ungewöhnlich ist, ganz bewusst verlebt. Er sagte immer: Ich trage mein Kapital in meinem Kopf. Ein schöner Gedanke - vielleicht fällt es mir deswegen auch so leicht, mein Geld auszugeben, um etwas für die Menschheit zu tun.

Es ist doch eine nette Ironie: Sie sind ein erklärter Antimarxist, aber versuchen mit Ihrem Geld, Büchern und Reden verzweifelt zu erreichen, was Karl Marx von den Philosophen verlangt hat, nämlich: die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern sie zu verändern. Tja, schön wäre es, wenn ich das schaffte. Aber ich bin ja nicht Gott. Ich weiß nicht einmal, ob ich Spuren hinterlasse.

Arno Luik

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George Soros

Mit falschem Pass überlebte der Jude den Holocaust in Ungarn, er floh 1947 vor den Kommunisten nach London, studierte beim Philosophen Karl Popper. 1956 ging er nach New York, wurde Börsenmakler, ist heute einer der reichsten Menschen der Welt: Mit fünf Milliarden Dollar fördert er in rund 50 Ländern die Idee der "Offenen Gesellschaft" seines Ziehvaters Popper
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[www.stern.de] , 4.2.2004 - 17:10

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