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Lyrikforum
Beiträge im Thema:
11
Erster Beitrag:
vor 14 Jahren, 1 Monat
Letzter Beitrag:
vor 1 Jahr, 2 Monaten
Beteiligte Autoren:
Sergiu, selma, oliver, imani formen, Oliver Gassner

neues gedicht

Startbeitrag von selma am 22.07.2003 19:06

Hallo, das ist ein neuer Text von mir. Ich freue mich auf jeden Kommentar!

and the story: out of tausendmorgenland

entstrickt mich dieses musters
masche für masche für
eine gerade linie
das genadel klappt
falle für masche für
rund erspielte wolle
spitz gespinntes, altes weib
blutEnde zeigefinger

Antworten:

Liebe Selma,
ich beginne, wie immer, mit dem, was mir spontan einfällt. Die ersten drei Zeilen sind vielversprechend, obwohl / weil ich nicht so genau weiß, wie "entstrickt mich" gemeint ist. Die vierte Zeile aber empfinde ich als Bruch. Du hast hier unerwartet einen Hauptsatz eingebaut, der nie endet, sondern sich in Nebensätze ohne Verb verliert. Das Ergebnis kommt mir wie eine Collage vor, in der man mal interessante ("blutEnde zeigefinger"), mal weniger interessante (die Wiederholung in "falle für masche", das skizzenhafte "altes weib") Bilder finden kann. Außerdem finde ich den Titel zu lang und irgendwie unpassend: Was sagt der Titel? Was zeigt das Gedicht? - Es sind einige stilistische Probleme, die gelöst werden sollten, denn der Grundgedanke ist wunderbar. Es geht hier, wenn nicht alles täuscht, um dich zwischen den komplizierten Mustern des Lebens und der Einfachheit der geraden Linie. Wenn das stimmt, dann solltest du dir überlegen, wie es ab der vierten Zeile weitergehen könnte. (Bin gespannt, was du und die anderen sagen werdet...)

von Sergiu - am 22.07.2003 19:08
Hall Sergiu,
"entstricken" finde ich exzellent und eigentlich (eher zu) klar: Das Gegenteil von sich verstricken: Entbunden werden von der Komplexität (des real exstierenden Lebens).
Das alte Weib (im Kontext von spitz und spinnen) ist die böse Fee aus Dornröschen (das ja auch verstrickt ist in einen Fluch, für den D. nichts kann und 'verheddert' ist hinter einer Dornenhecke.
Ich lese den Text als Versuch den 'Märchen-Mythos' der unschuldig 'verhedderten' jungen Frau, die nur durch Liebe erlösbar ist, für sich neu zu versprachlichen und ihn sich so 'habhaft' zu machen.
Ich heideggere und höre auf. Gute Nacht ;)
Oliver

von oliver - am 22.07.2003 19:10
Hi, ich finde deine Auslegung passend, aber meine Einwände waren rein stilistischer Art. Siehe meinen Kommentar zur zweiten Fassung. (Und mit der Unbestimmteit des Wortes "erstrickt" meinte ich die Konjugation: ist es "jemand entstrickt mich" oder "ihr sollt mich entstricken"? Sollte m.E. auch so unbestimmt bleiben am Gedichtanfang.

von Sergiu - am 22.07.2003 19:11
Gut, Stilistik ist nicht mein erster Blick. So ergänzt man sich.
Auch wenn Du die Autorin fragst (sollte man das?), assoziiere ich mal:
Tausendmorgenland: entweder - großes Land (tausend Morgen = Flächenmaß) [Bild für entgernzung, Freiheit, eigener Raum?], oder: Morgenland aus Tausendundeiner Nacht (Gegensatz: Morgen, Neubeginn). Der Märchenkontext scheint mir hier vollkommen ausreichend angedeutet. 'out of the story' wäre dann: Ende der Fiktion, Ende der 'Verstrickung' im Märchen, in der Struktur. (Sturkutierter kann man ja kaum noch sein als das Märchen.)
As I said: Befreiung als Thema.
Mir scheint das "bildtechnisch" sehr schön durchgeführt. Unbenommen einer stilistischen Überarbeitung find ich den text stimmig.
Gruß
OG

von oliver - am 22.07.2003 19:13

Re: neues gedicht / 2. fassung

wie findest du diese neufassung?

and out of the story:

tausendmorgenland
entstrickt mich dieses musters
masche für masche für
eine gerade linie

das genadel klappt
ichfalle für masche für
runderspielte wolle
spitz umspinntes weib öffnet
blutEnde zeigefinger

von selma - am 22.07.2003 19:15

Re: neues gedicht / 2. fassung

Selma, den englischen Titel und das Wort "tausenmorgenland" musst du mir in diesem Zusammenhang noch erklären. Zu den Änderungen: Die ersten drei Zeilen fand ich wunderbar so, in ihrer Unbestimmtheit. Den Bruch hast du jetzt durch eine Leerzeile entschärft, sieht schon viel besser aus. "ichfalle" ist auch ein schöner Einfall ("rund erspielte wolle" war dagegen überzeugender), doch allgemein habe ich immer noch den Eindruck, dass der zweite Teil schematisch bleibt. Ich weiß es nicht... Wenn du ein Verb benutzt ("klappt", "öffnet"), dann musst du auch etwas erzählen, sonst stehen die Wörter irgendwie allein da und finden nicht zueinander. Aber dazu ist das Gedicht zu kurz und sprachlich zu konzentriert. Vielleicht solltest du dich zunächst auf das, was du sagen willst (die Bilder im Kopf), konzentrieren, und erst dann auf die Wörter. Nur als Beispiel, damit du weißt, wie ich das meine: "wie das genadel klappt / ichfalle / masche für masche für / rund erspielte wolle / spitzt umspinntes (nicht umsponnenes?) dann / blutEnde zeigefinger". Und vielleicht das alte Weib und das Märchen, die Oliver richtig erkannt hat, im Titel irgendwie retten / andeuten?

von Sergiu - am 22.07.2003 19:16

Re: neues gedicht / auflösung

and out of the story:
TAUSENDMORGENLAND(= vergänglichkeit, da ein leben länger sein kann als 1000 morgen. ausserdem: anspielung an 1000+1nacht, also: was ist bevor die nacht kommt? was kommt nach der nacht? ausserdem: in einem märchen gibt es den tausendmorgenWALD und noch was: morgenland ist ein gegensatz zum abendland also=> alles in allem ein mischmasch, aber kompakt genug um verschiedene assoziazionen zu wecken! übrigens an das flächenmaß wäre ich ohne oliver nicht gekommen, interessant!!! ) ENTSTRICKT MICH (imperativ; gegenteil von stricken, also loslösen, aus dem muster entfernen, aber auch vom STRICK befreien)
DIESES MUSTERS(morgen,tag,nacht,morgen,tag,nacht x 1000)MASCHE FÜR MASCHE FÜR(maschen, also verstrickungen, machen das muster, wickeln jdm./etw. ein)
EINE GERADE LINIE (komplettes gegenteil zu allem davor, also simplizität, musterlosigkeit, unkompliziertheit, trotzdem schwer zu machen/malen)

DAS GENADEL KLAPPT (nadeln klappern, aber die nadeln die die maschen produzieren(somit das muster machen) klappern
nicht, sondern stechen und das klappt / funktioniert)ICHFALLE FÜR MASCHE FÜR (also ich bin die falle für die maschen denn ich löse sie und mache das muster kaputt, ihr merkt wohl hier fehlt ein zweites MASCHE)
RUNDERSPIELTE WOLLE ( normalerweise spielt eine katze mit knäuel und zerstört die wollkugel, hier aber geschieht das gegenteil: durchs spielen entsteht eine runde kugel das gegenteil deshalb weil im märchen jede hirnspinnerei erlaubt ist)
SPITZ UMSPINNTES WEIB ( wenn man auf einem spinnrad wolle spinnt entsteht kein rundes knäuel sondern eher ein ovales und es gibt zwei spitze holzenden)ÖFFNET
BLUTENDE ZEIGEFINGER ( wenn man auf etwas zeigt, dann mit dem zeigefinger, dieser aber ist vom spinnen/der rauhen wolle blutig, ausserdem soll man nicht auf jdm. zeigen!)

zusammenfassung:
end of the story ist ein politischer text.
ein mensch ist eine masche in einem wollpullimuster (gesellschaftssystem), welches wiederum von einer person beliebig aber mit systematik gesponnen wird.
falls eine masche fehlt/ fällt entsteht ein loch, das system und das muster ist unvollständig.
falls der spinnerin/ strickerin/weberin dieses zu spät auffällt, ist sie gezwungen den fehler zu beheben. folglich löst sie die anderen maschen bis zur fehlenden. aus der vorigen wolle im muster entsteht eine linie, die aber musterlos ist.
die stricknadeln sind als intrumente gefährlich und spitz. sie können verletzen.
blutende zeigefinger, weil es gefährlich ist mit dem finger auf einen fehler im system zu zeigen. für manche menschen in der geschichte (hi-)story war das sogar das ENDE/der tot
hm. hier fällt mir auf, dass das weib überflüssig ist. ich werde dies ändern, vielleicht war das sogar der auslöser für die verwirrung...
ich habe das märchen gewählt, weil diese ein verzerrtes aber beschönendes bild von der realität geben.
vielleicht hätte ich eher die fabel wählen sollen, weil sie den menschen näher ist?!

von selma - am 24.07.2003 20:58

Re: neues gedicht / auflösung

Liebe Selma,
heute habe ich einen erstaunlichen Satz von Franz Josef Czernin, einem österreichischen Autor, gelesen: "je mehr ein gedicht von dem bestätigt, was wir auch dann zu wissen glauben, wenn wir das gedicht nicht kennen, umso weniger notwendig ist es". Das ist der Grund, warum es meiner Meinung nach kein rein "politisches" Gedicht geben kann: Wenn eine politische Idee in ganz normalen Worten zur Sprache gebracht werden kann, dann sollte sie auch in ganz normalen Worten zur Sprache gebracht werden. Ein Gedicht dagegen sagt uns mehr, als wir über dieses Gedicht oder dessen Sinn sagen können. Und das, weil ein gutes Gedicht einmalig ist in seiner Einheit aus Form und Sinn. Meine Kritik galt also ausschließlich der Form, die noch nicht eins mit dem Sinn (den ich mehr oder weniger schon verstanden hatte) war. Es fehlt aber nur noch ganz wenig - vielleicht eine andere Anordnung der Wörter und Zeilen, vielleicht die Trennung von gewissen Wörtern, die zu abstrakt, zu durchdacht wirken in diesem wunderbar konkreten und bildhaften Gedicht. Versuch bitte, die ganze Diskussion noch einmal zu verfolgen (das geht jetzt übrigens problemlos mit "Nächste / Vorherige Nachricht"), und du wirst sehen: Es ist nur noch ein Schritt von der Verdichtung eines (meinetwegen politischen, obwohl der für mich ein eher existentieller ist) Gedanken zum Gedicht. Lass dir Zeit mit der dritten Fassung...

von Sergiu - am 24.07.2003 21:52

Re: neues gedicht / auflösung

Ggf . wäre es lohnend mal den "Poesie und Politik"-Aufsatz von Enzensberger (in: Einzelheiten II) durchzugehen.

Da steht allerhand Schlaues und Erhellendes zu dem Komplex.

OG

von Oliver Gassner - am 26.07.2003 12:46
...so baut Gott Sterne,wenn er menschen säht und ihnen rät zu lieben,weil es schwerer geht und dann zusammenbringt,die Sterne wären,weil sies sind,wie sich das Kind zur erde niedersenkt wie ne fahne im wind und sagt:das ist der Stern,den muttern uns belebt und den ein mann mühsam durchwebt und sie mal ahnten,dass sies sind und gehen nun zusammen wie vier kinder im wind nach Imani,wo ihre letzten Sterne sind...

von imani formen - am 29.05.2016 19:49
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