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vor 14 Jahren, 6 Monaten
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vor 14 Jahren, 6 Monaten
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rabenteam

Verhaltenstherapie

Startbeitrag von rabenteam am 08.12.2003 22:17

Verhaltenstherapie
Nach Eva Jaeggi (1. Teil)

Die Verhaltenstherapie (VT) ist eine seit Beginn der sechziger Jahre rasch an Bedeutung gewinnende thrapeutische Richtung, die sich darauf beruft, praktische Anwedungen experimentell-naturwissenschaftlich gewonnener Gesetze des Lernens zu sein. Der Begriff VT wird verwendet, wenn es sich um traditonellerweise als pathologisch geltende Verhaltensweisen handelt; der Begriff Verhaltensmodifikation (VM) dort, wo Verhalten zwar unerwünscht ist, aber nicht unbedingt den Kriterien des Pathologischen entspricht. Beide Begriffe sind fliessend und gehen ineinander über.

Die VT geht davon aus, dass als pathologisch geltendes Verhalten in derselben Weise gelernt wird wie sogenanntes „nomales“ Verhalten. VT besteht aus einer Vielzahl therapeutischer Methoden, durch die gestörtes Verhalten gelöscht und (wenn nötig) neues Verhalten gelernt wird. Auch dieses „therapeutische Lernen“ unterscheidet sich nach Meinung der Verhaltenstherapeuten nicht von jedem anderen Lernprozess und unterliegt daher den Prinzipien des respondenten und operanten Konditionierens sowie des Modelleroperanten Konditionierens sowie des Modellerlernens. Bei Yates (1970) wird ausserdem noch betont, dass verhaltenstherapeutisches Vorgehen prinzipielll dem in der experimentellen Psychologie üblichen methodischen Vorgehen analog sei, so dass jeder einzelne Fall ein dem psychologischen Experiment nachgebildeten Design aufzuweisen habe.

Diese Betonung des methodischen Vorgehens gegenüber dem von anderen Autoren betonten Rekurs auf inhaltlich festgelegte lerntheoretische Paradigmata ist für die neuere Entwicklung verhaltenstherapeutischer Methoden besonders wichtig, da bei ihnen häufig die Anlehnung an „klassische“ Lernparadigmata fehlt. Von traditionellen triebdynamischen Richtungen grenze sich die VT ausser durch ihren Bezug zur lerntheoretischen Grundlagenforschung auch noch ab durch ihre Ablehnung eines medizinischen Krankheitsmodells, durch das Ausserachtlassen der Aufdeckung von Ursachen der Störung als therapeutisches Mittels, sowie durch Verzicht auf globale Therapieziele (z.B. „Persönlichkeitsveränderung“) zugunsten möglichst konkreter therapeutischer Lernziele. Es entsteht in der VT ausserdem eine gewisse Konzentration auf den beobachtbaren Aspekt (Verhaltensaspekt) psychischer Störungen, was aber nicht immer durchgehalten wird.

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Die Entwicklung der VT ist undenkbar ohne die grundliegenden reflexologischen Arbeiten Pawlows zur Konstituierung konditionierter Reaktionen, zur Erzeugung sog. „experimenteller Neurosen“, sowie seiner Theorie korrikaler Erregungs- und Hemmungsprozesse; eine zweite Basis bilden die Arbeiten von Watson und Rayner (1920) („Little-Albert“-Studie) und von M. Jones (1924) (Löschung eines Angstreizes durch gleichzeitige Darbietung angenehmer Reize, z.B. Süssigkeiten); andere (sehr viel spätere) Vorläuferarbeiten entstammen der Schule Skinners mit dem Konzept des operanten Lernens.

Die vielfältigen theoretischen Arbeiten, auf die spätere Verhaltenstherapeuten sich berufen, beginnen also schon um die Jahrhundertwende (Pawlow) und setzen sich bis in die fünfziger Jahre hinein fort. Bei Skinner und seinen engsten Mitarbeiter (z.B. Ferster, Lindsley) treffen sich erstmals die Interessen des Forschers und des Therapeuten.

Seit Mitte der fünfziger Jahre werden zuerst fast unabhängig voneinander verschiedene (meist gegen die Psychoanalyse konzipierte) theroretische Konzepte, die sich auf die Lerntheorie berufen, ausprobiert und mit dem Namen „Verhaltenstherapie“ belegt.

Innerhalb des respondenten Modells zur Erklärung und Behandlung einer Störung bewegt sich J. Wolpe, dessen Methode der Systemstischen Desensibilisierung zu einem Meilenstein in der Entwicklung der VT wurde (1958). Bis heute gilt die Systemstische Desensibilisierung als eine der besten Methoden zum Abbau starker phobischer Ängste (Durch Paarung angsterregendeer Stimuli mit angenehmen Situationen z.B. Entspannung, soll eine feste Verbindung von unkonditionierten emotionalen Reaktionen mit dem angsterregenden Stimulus geschaffen werden). Ähnliche theoretische Vorstellungen unterliegen den sog. Aversionsmethoden (Assoziation eines unerwünschten Verhaltens mit aversiver Stimulation, z.B. Eletro-Schock), die in der Praxis aber viel weniger Anwendung finden, als ihr spektakuläres Image es vermuten lässt (Rachman/Teasdale, 196)).

Auf Skinners opernantem Bekräftingskonzept basieren die „operanten Methoden“, womit sehr unterschiedliche unverwünschte Verhaltensweisen behandelt werden (Ullmann/Krasner, 1965). Wichtig bei diesen Methoden ist die genaue Herausarbeitung der das störende Verhalten bekräftigenden Konsequenzen. Therapie besteht in einem Arrangement, das den (systematischen) Wegfall dieser Bekräftigungen ermöglicht, sowie im Aufbau erwünschten Verhaltens durch entsprechend konzipierte Bekräftigungsprozeduren.

Relativ spät erst wurde Banduras wichtigster Beitrag zu Lerntheorie, das Modellernen, in die verhaltenstherapeutische Methodik umgesetzt. Vielerlei Arten von Rollenspielen (am wichtigsten: das Selbstbehauptungstraining) zur Entwicklung sozialer Kompetenzen sowie einige Methoden, die sich der direkten Imitation zur Erlernung erwünschten Verhaltens bedienen, wurden u.a. auch mit der Theorie des Modellernenes erklärt (Bandura, 1969).

Die Gruppe der Wissenschaftler rund um Eysenck und Shapiro im Mausdley Hospital in London schliesslich verschrieb sich weniger einer bestimmten Methodengruppe als dem Konzept des wissenschaftlich forschenden Therapeuten auf der Basis der Lerntheorie sowie der gesamten experimentellen Psychologie. Wir verdanken ihnen viele qualifizierte, kontrollierte Einzelfallstudien (Schorr, 1984).

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von rabenteam - am 08.12.2003 22:19
Verhaltens- und Bedingungsanalyse

Um all diese Methoden adaequat anwenden zu können, wird – in Nachahmung des experimentellen ABAB-Designs – zuerst jeweils die Grundkurve des Störungsverhaltens festgestellt, dann die Intervention (Bekräftigung, Einführung von respondenten Konditionierungsbedingungen etc.) markiert, die darauffolgende Veränderung des Verhaltens festgestellt und durch die Wiederholung des AB-Anteils nochmals getestet. Damit rückt die Feststellung der aufrechterhaltenden Bedingungen (also z.B. der Konsequenzen) von unerwünschtem Verhalten ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Eine Systematisierung der damit verbundenen Analyse des Verhaltens verdankt die VT vor allem Kanfer (1969). Er entwickelte (gemeinsam mit Saslow) differenzierte Vorstellungen darüber, welche Bestandteile des Verhaltens festgehalten werden müssen, um jeweils störungsspezifische Therapiemethoden für jeden Einzelfall entwickeln zu können. Als Leitfaden der Verhaltensanalyse entwickelt er die Formel: S-O-R-C (S = störungsrelevanter Stimulus; O = organismische Bedingungen; R = Störungsverhalten; K= Bekräftigungsschemata; C = Konsequenz des störenden Verhaltens).

Der zentrale Stellenwert, der der Verhaltensanalyse von Kanfer zugesprochen wird, verhindert somit eine schematische Zuordnung bestimmter Methoden zu bestimmten Störungen. Es wird vielmehr durch die Verhaltensanalyse eine Verbindung von diagnostischem und therapeutischem Prozess geschaffen, die im Sinne einer präzisen Indikationsstellung für die Anwendung jeder verhaltenstherapeutischen Methode wirkt.

Die Wahl der spezifischen verhaltenstherapeutischen Methoden bestimmt sich somit weitgehend vom Ergebnis der Bedingungsamalyse her: Die die Störung aufrecht erhaltenden Bedingungen werden in der Therapie verändert.

Diese Bedingungen sind nicht nur als innerpsychischer Prozesse oder vom Individuum selbst produzierte Verhaltenskonsequenzen zu verstehen, sondern liegen oft auch als Auslöser oder Konsequenz des Verhaltens in der sozialen oder materiellen Umwelt des Patienten. Auch diese Umwelt wird daher oft in den Veränderungsprozess einbezogen; das therapeutische Geschehen verlagert sich daher sehr oft vom Therapiezimmer in das alltägliche Milieu des Patienten (ansterregende Situationen werden z.B. gemeinsam mit dem Therapeuten aufgesucht; Stottererübungen werden in typischen Alltagssituationen geprobt u.ä.m.). Im allgemeinen lässt sich sagen, dass verhaltenstherapeutische Methoden ausgezeichnet sind duch eine besondere Flexibilität, die – dem Anspruch nach – jedem Patienten sozusagen die „massgeschneiderte“ Therapie verpasst.

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von rabenteam - am 08.12.2003 22:20
Selbstmodifikationsprogramme

Anfangs wurde der verhaltenstherapeutische Prozess in traditioneller Weise verstanden als ein Veränderungsprozess unter Anleitung des Therapeuten. Seit Anfang der siebziger Jahre beschäftigte man sich mit der Möglichkeit, dem Patienten selbst alle Mittel in die Hand zu geben, seinen eigenen Veränderungsprozess mit nur geringer Anleitung des Therapeuten zu steuern. Es wurden Selbstmodifikationsprogramme in einer Reihe von Problembereichen (z.B. für Esssucht, Rauchen) entwickelt, durch die Patienten lernen sollten, selbständig die störungsschaffenden Bedingungen zu analysieren und ihre Veränderung in die Hand zu nehmen. Meist geht es dabei um genau definierte Bekräftigungsstrategien, die der Patient an sich selbst anwenden soll (Watson/Tharp, 1972).

Von Scheele (1981) wird kritisiert, dass hier die VT nicht mehr imstande sei, die von ihr angeregten Veränderungsprozesse theoretisch zu erfassen, da sie keinen Begriff des auch sich selbst reagierenden, selbstreflexiven Subjekts kenne.

Durch die Anwendung der Selbstmodifikation wurde klar, dass die Durchführung einer Therapie nicht mehr unbedingt nur dem „Fachmann“ vorbehalten bleiben musste. Nach einer zusammen mit dem Therapeuten durchgeführten Verhaltensanalyse und der Aufstellung eines therapeutischen „Lernprogramms“ konnte in vielen Fällen die Ausführung und Überwachung der Therapie an Laien (z.B. Lehrer, Kindergärtner, Eltern) delegiert werden. Dies machte die VT besonders im Bereich der kindlichen Störungen attraktiv.

Kognitive Verhaltenstherapie

Der letzte Entwicklungstrend der VT ist duch eine vermehrte Befassung mit der kognitiven Seite des therapeutischen Prozesses gekennzeichnet (mahoney, 1974). Probleme der veränderungsschaffenden Gedanken, Phantasien und Vorstellungen wurden einerseits Anstoss zu neuen therapeutischen Methoden (z.B. Selbstinstriktionstraining nach Meichenbaum, 1975; Problemlösungsmethoden nach Goldfried, 1075, u.a.m.). andererseits aber auch zu einer Erweiterung der theoretischen Fundierung der VT in Richtung auf kognitionspsychologische Ansätze hin.
In der Praxis führt diese Entwicklung offensichtlich z.Z. zu einer Integration von eher kognitiv orientierten Methoden (Beck, 1962; Ellis, 1970) mit verhaltenstherapeutischen Techniken.

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von rabenteam - am 08.12.2003 22:22
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