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vor 14 Jahren, 7 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 14 Jahren, 7 Monaten
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Bernd Götz, Thanatos

Leseprobe-CHRONIKEN DES BLUTES

Startbeitrag von Bernd Götz am 02.11.2003 12:43

Hier 2 kleine Leseproben aus CHRONIKEN DES BLUTES Nr. 5 mit dem Titel JEANNE D´ARC

Aus den
Chroniken des Blutes
Buch 2
Das 4. Kapitel


Der Nazarener


Jerusalem, 32 Jahre nach der Zeitwende:

Luzifer trat langsam aus dem Schatten des Felsens. Er hatte den Mann, der unter einem großen Baum Schutz vor der brennenden Sonne suchte, schon länger beobachtet. Aber erst jetzt hielt er den richtigen Augenblick für gekommen, um einzuschreiten.
Es war der Nazarener, der im Schatten des Baumes saß, der bei dieser brütenden Hitze einen angenehmen Schatten spendete. Er weilte schon seit einigen Tagen in Jerusalem, und seine Anhänger wurden von Tag zu Tag zahlreicher. Denn sein Wirken hatte sich in Windeseile verbreitet. Aber auch seine Feinde, die seinen Tod wollten, wurden größer - und Luzifer wusste das auch. Deshalb war es Zeit, jetzt und hier den Kontakt zu suchen.
Als der Nazarener Luzifer bemerkte, verengten sich seine blauen Augen zu schmalen Schlitzen. Der Nazarener saß mit dem Rücken am Baum gelehnt und schien auf einen unbestimmten Punkt in der weiten Ebene zu schauen, die in der Mittagshitze flimmerte. Lange schwarze Haare fielen ihm bis auf die Schultern, und er trug einen Bart, wie es bei den Männern in diesem Land üblich war.
»Luzifer, mein Bruder. Was willst du von mir?« fragte er erstaunt, als hätte er nicht damit gerechnet, dass Luzifer ihn hier aufsuchen konnte. Schließlich war dies ein Ort, an dem er sich bis jetzt ungestört gefühlt hatte und seinen eigenen Gedanken und Wünschen nachgehen konnte. Zumindest bis jetzt.
»Ich muss meine Kinder vor dir und unserem Vater schützen. Ich kann nicht zulassen, dass du sie alle töten willst.« erwiderte Luzifer auf die Frage des Nazareners. Man merkte es Luzifer an, dass er sehr nervös wirkte, trotz seiner imposanten äußeren Erscheinung. Luzifer war sehr groß, ein Meter neunzig, und auch er hatte lange schwarze schulterlange Haare.
»Wir haben uns nichts zu sagen, denn die Entscheidung ist bereits gefallen. Unser Vater hat beschlossen, dass deine Kinder von dieser Erde getilgt werden sollen. Du hattest die Möglichkeit, durch die magielose Zeit deine Kinder zu retten. Aber jetzt sind deine Kinder noch grausamer als je zuvor zu den Menschen geworden.«
Der Nazarener stand bei diesen Worten auf und trat aus dem Schatten des Baumes heraus. Er schaute Luzifer mit seinen blauen Augen herausfordernd an.
»Die Menschheit ist zu wichtig für unseren Vater. Ich bin gekommen, um sie auf ihre Aufgabe vorzubereiten. Unsere Feinde werden kommen. Morgen in tausend Jahren oder noch später, ich weiß es nicht wann. Sicher ist nur, sie werden kommen. Deswegen müssen deine Kinder sterben, Bruder.«
Der Nazarener legte seine Hand auf Luzifers Schulter. »Der Tod wird für deine Kinder eine Erlösung sein. Sie sind wie Parasiten, sie leben von den Menschen. Ohne ihr Blut, würden sie nicht überleben.«
Dann ging der Nazarener, ohne noch ein weiteres Wort zu sagen. Er würdigte Luzifer mit keinem einzigen Blick mehr, sondern entfernte sich rasch aus dem Schatten des großen Baumes. Er fühlte sich in seiner Ruhe gestört.
Zurück blieb ein hilfloser und sehr zorniger Luzifer. Er zitterte am ganzen Körper angesichts dieser verhängnisvollen Worte, die ihm sein Bruder gesagt hatte. Aber er gab trotzdem nicht auf, für seine Kinder zu kämpfen. Denn sie bedeuten für ihn die Zukunft, und er konnte sich einfach nicht vorstellen, daß diese Welt von ihnen nicht mehr bevölkert sein würde. Er schaute dem Nazarener nach, bis er nicht mehr zu sehen war. Seine Hände waren zu Fäusten geballt, und seine Gesichtsfarbe war sehr blaß geworden. Wie ein Kranker, der wochenlang das Licht der Sonne nicht mehr erblickt hatte.
»Das werde und kann ich nicht zulassen, Bruder! Wir werden uns wiedersehen!«
Seine Stimme klang entschlossen und auch ein wenig trotzig. Es hörte sich wie ein Versprechen an, das für ihn viel mehr war. Denn schließlich stand auch sein weiteres Schicksal auf dem Spiel. Er würde es niemals zulassen, daß sein Bruder als Sieger hervortreten würde. Niemals!

*


Der Weg zum Schädelberg war voller Menschen. Links und rechts standen sie am Wegesrand und warteten auf die von den Römern zum Tode – durch Kreuzigung verurteilten Verbrecher. Von weitem hörte man schon das Gegröle der Menge, wenn die Todgeweihten an ihnen vorbeikamen. Es war ein besonderer Tag für die Menschen in Jerusalem, denn einen oder mehrere Menschen sterben zu sehen, lockte immer große Massen herbei.
Dann waren sie zu sehen. Der Nazarener, den sie den König der Juden nannten, stolperte über den staubbedeckten Boden. Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Hinter ihm kamen die zwei Diebe, die von den Römern deswegen auch zum Tode verurteilt worden waren. Das Volk der Juden konnte unter dem römischen Statthalter von Jerusalem Pontius Pilatus wählen, wer gekreuzigt werden sollte - der Nazarener oder Barrabas, ein Freiheitskämpfer. Das Volk entschied sich für den Nazarener. Pontius Pilatus hatte jetzt keine andere Wahl mehr, als den Nazarener zum Tode zu verurteilen, obwohl er von der Unschuld des Nazareners überzeugt war.
Schwer wogen die Balken, die über ihre Schultern gelegt worden waren. Die Hände der Verurteilten waren daran gefesselt. Mit diesen Balken wurden sie später an den Pfahl gehängt und dann mit einem Seil hochgezogen, bis die Kerbe an dem Balken in die Kerbe des Pfahls einhackte. Die drei Pfähle wurden gerade in diesem Moment auf dem Schädelberg von den Römern aufgestellt.
Auch Luzifer war unter den Schaulustigen. Er ließ sich nicht ansehen, was ihm durch den Kopf ging, als er die Prozession der Todgeweihten beobachtete. Er hörte nur die Schreie aus der Menge und sah die haßerfüllten Gesichter der Männer und Frauen am Wegesrand. Die Menge tobte angesichts der bevorstehenden Hinrichtung.
Als sein Bruder an ihm vorbei ging, blieb er plötzlich stehen. Seine blauen Augen schauten Luzifer an. Blut hatte ein Auge verklebt, denn die Dornenkrone, die man ihm aufgesetzt hatte, war tief in die Kopfhaut eingedrungen. Seine Miene spiegelte die großen Schmerzen wider, die er aushalten mußte. Aber dennoch erkannte Luzifer etwas in seinen Augen, was ihn erzürnen ließ. Trotz des nahen Todes spiegelte sich dort eine Zuversicht und ein innerer Frieden wider, die Luzifer einfach nicht begreifen konnte. Als wenn der Nazarener schon von Anfang an gewußt hatte, welchen Verlauf sein Leben nehmen würde und daß er diesem Schicksal niemals entrinnen konnte.
»Du hast noch nicht gewonnen, Bruder. Nach mir werden andere kommen, die mein Werk fortsetzen werden.«
Die Worte waren leise – fast nur ein Hauch. Aber Luzifer hatte sie dennoch genau verstanden. Er konnte seinem Bruder nicht mehr in die Augen schauen und wandte sein Antlitz ab.
Plötzlich klatschte eine Peitsche auf den Rücken des Nazareners und hinterließ blutige Striemen. Der Gepeinigte stöhnte und blickte hinauf zum wolkenverhangenen Himmel, als wenn er für Bruchteile von Sekunden erhoffte, von dort Hilfe zu bekommen. Aber nichts geschah – bis auf ein Zusammenballen von grauen Wolken. Genau über der Schädelstätte Golgatha.
Der Römer trieb ihn an, weiter zu gehen, denn der Nazarener war auf dem Weg zu seiner Hinrichtung. Es galt keine Zeit zu verlieren, denn seine Henker warteten schon auf ihn.
Weiter führte der Weg durch die engen Gassen der Altstadt, aber das nahm der Nazarener nur am Rande wahr. Schon längst hatte er seinen Bruder Luzifer vergessen, sondern richtete statt dessen seinen Blick auf die Hinrichtungsstätte, die sich auf einem Berg vor den Toren der Stadt erhob. Immer mehr Menschen säumten beide Seiten der steinigen Straße, und die Last der Kreuze, die er und die beiden anderen Todeskandidaten trugen, ließ ihn mehr als einmal zu Boden sinken. Aber das Knallen der Peitschen riß ihn immer wieder hoch – und die blutigen Striemen auf seinem Rücken brannten mittlerweile wie Feuer.
Er wußte selbst nicht, woher er eigentlich die Kraft nahm, um dieses Ziel zu erreichen. Ewigkeiten schienen verstrichen zu sein, als er schließlich den höchsten Punkt des Hügels erreicht hatte. Dort wurde der Nazarener gleich zu Boden gezerrt. Ein hämisch grinsender Römer hatte einen Hammer und Nägel in der Hand. Ohne zu zögern, setzt er einen Nagel in die Handfläche des Nazareners und schlug mehrmals zu.
Der Nazarener schrie vor Schmerzen auf, als seine Hände an den Balken genagelt wurden. Drei Soldaten hielten ighn fest, so daß er sich nicht wehren konnte – selbst wenn er es zu Beginn noch gewollt hätte. Aber nun war es zu spät – es gab kein Zurück mehr auf dem Weg, den er selbst gewählt hatte.
Dann wurde der Balken an dem Pfahl hochgezogen. In der vorbereiteten Kerbe rastete der Balken ein. Die Füße des Nazareners wurden ebenfalls ans Holz genagelt. Der Gepeinigte spürte das Meer der Schmerzen, in das er eingetaucht war und dessen blutige Wellen sich über seinem Kopf geschlossen hatten. Und als er wieder die Augen öffnete, fand er sich als Gekreuzigter wieder, sah hinab auf die Stadt, wo er seit seinem triumphalen Einzug viele Wunder bewirkt hatte. Aber trotzdem hatten sie ihm den Tod gewünscht und erst dann Ruhe gegeben, als sein Urteil von Pilatus besiegelt worden war!

*

Längst war die Abenddämmerung über dem Land hereingebrochen. Der Wind, der von Osten kam, hatte in der letzten Stunde deutlich an Stärke zugenommen. Die meisten Schaulustigen hatten sich wieder zurück in die Stadt begeben, denn nach Sonnenuntergang hatte die Hinrichtungsstätte etwas Beängstigendes an sich. Sie wollten wieder zurück in die Stadt – dort wo pulsierendes Leben herrschte und nicht länger als nötig an einem Ort verweilen, wo die zum Tode Verurteilten auf qualvolle Weise ihr Leben aushauchten. Eine besonders Neugierrige verharrten jedoch noch immer am Fuße des Hügels und blickten hinauf zu den drei Kreuzen, an die die Unglücklichen geschlagen worden waren. Sie konnten ihr Haupt einfach nicht abwenden und die drei Männer in Frieden sterben lassen. Statt dessen gierten sie förmlich danach, sie vor Schmerzen schreien zu hören.
Luzifer hatte so lange gewartet, bis er sicher sein konnte, daß niemand mehr in der unmittelbaren Nähe war. Erst dann wagte er sich unter die drei Kreuze, blickte hinauf zu seinem Bruder und wartete darauf dass er endlich starb. Er musste so handeln, um seine Kinder zu retten. Eine andere Möglichkeit gab es nicht mehr – und er spürte das so deutlich wie nie zuvor.
Plötzlich zog der Himmel sich zusammen. Es wurde dunkel, und schwarze Wolken kündigten ein Gewitter an. Langsam fing es zu regnen an. Große Tropfen klatschten Luzifer und dem Nazarener ins Gesicht und durchnässten die Kleidung.
Als Luzifer sah, wie sein Bruder die Augen öffnete und benommen in seine Richtung blickte, zuckte er zusammen. Wie ein Dieb, den jemand buchstäblich auf frischer Tat ertappt hatte. War es jetzt soweit? Würde der Tod endlich den Nazarener holen?
Um die Lippen des Gekreuzigten spielte die Andeutung eines Lächelns – ein krasser Gegensatz zu den Schmerzen, die er eigentlich verspüren mußte. Als der stärker werdende Wind ihm die Regenschleier ins Gesicht peitschte, hob der Sterbende mühsam den Kopf und blickte hinauf in den wolkenverhangenen Himmel, wo jetzt ein Blitz nach dem anderen die Dunkelheit erhellte – gefolgt von lautem Donnergrollen.
»Vater, vergib meinem Bruder, denn er weiß nicht was er tut!«
Er schrie noch einmal sein ganzes Leid aus sich heraus, und Luzifer hörte trotz des Donners diese Worte. Sie brannten sich für immer in seine Erinnerung ein. Dann zuckte ein gleißender Blitz am Himmel auf, der von solcher Kraft war, daß Luzifer kurz die Augen schließen mußte. Dann fiel sein Kopf zur Seite, der Nazarener war tot
Das Gewitter brach nun umso heftiger los und brachte den Tod unter die Schaulustigen, die sich am Leiden des Nazareners und der zwei Diebe ergötzt hatten.
Blitz um Blitz schlug in die Menschenmenge ein und verbrannte zahlreiche Menschen. Sie wollten fliehen, aber das gelang ihnen nicht mehr. Wie von unsichtbarer Hand wurden sie von den grellen Blitzen niedergestreckt und starben einen gräßlichen Tod. Ein Wehklagen lag in der Luft, das aber rasch wieder verstummte und einer schrecklichen Stille Platz machte, die trotz des Prasselns des Regens und dem Donnern des Gewitters zu spüren war.
Luzifer bekam es plötzlich mit der Angst zu tun. Er hatte Angst vor seinem Vater, denn er wußte, daß dieses Unwetter nicht natürlichen Ursprungs war. Er rannte so schnell er konnte von der Hinrichtungsstätte weg und versuchte sich zu verstecken, denn er fürchte den Zorn seines Vaters für den feigen Brudermord.
Dutzende von Gedanken gingen ihm durch den Kopf, während er durch den Regen rannte – und es war ihm, als wenn die grellen Blitze jetzt direkt nach ihm zielten. Luzifer dachte an seinen Vater – und an all dies, was ihn schließlich dazu veranlaßt hatte, das Schicksal für sich entscheiden zu lassen. Indem er den Tod seines Bruders beschloß und auch darauf hinarbeitete. Das Band, das beide miteinander verbunden hatte, war genau in diesem Moment zerrissen worden – und zwar für immer.
Alle Engel waren Brüder und Schwestern, erschaffen von IHM. Auch wenn seit Tausenden von Jahren ein fürchterlicher Krieg unter den Engeln tobte. Auf der einen Seite stand Gabriel, der die Menschheit vernichten wollte, und auf der anderen Seite stand Uriel, der den Plan ihres Vaters, die Menschheit gegen ihre Feinde kämpfen zu lassen, unterstütze. Der Nazarener war der Bruder von Luzifer, und deshalb hatte er nicht das Recht ihn zu töten.
Gabriel aber war abtrünnig geworden und hatte ein Heer von Engeln auf seine Seite gezogen. Er würde seinen Zorn an den Menschen auslassen. Die Engel waren erbost, dass ihr Vater die Menschen ihnen vorzog. Die Menschen besaßen etwas, was ein Engel nicht hatte, nämlich eine Seele.
Das Volk der Engel war gespalten. Ein dunkler Schatten hatte Gabriel in seine Gewalt gebracht, hatte sein Denken und Fühlen vergiftet. Gabriel hatte die Ebene der Heimat verlassen - und mit ihm verließen Tausende Engel auch die Heimat. Ein zweiter Krieg würde unausweichlich sein und noch schlimmer werden als der erste. Viele Engel würden dabei ihr Leben lassen...
Während Luzifer all dies durch den Kopf ging, suchte er Schutz unter einem Baum. Es war stockdunkel. Plötzlich schlug ein gewaltiger Blitz nicht weit vom Baum in die Erde ein und erhellte die Umgebung.
Luzifer zuckte zusammen, als er sah, daß ein lebloser Körper am Ast des Baumes baumelte. Das war Judas, der da am Baum hing. Judas, der in seinem Auftrag den Nazarener an die Römer verraten hatte. Sein Gesicht war blau angelaufen, seine Zunge hing ihm aus dem Mund. Die Augen waren weit aufgerissen und durch die geplatzten Äderchen blutunterlaufen. Das dünne Seil hatte sich tief in die Haut des Halses gegraben. Judas hatte sich selbst gerichtet.
Da hörte Luzifer die Stimme seines Vaters. Sie war so gewaltig, dass er sich duckte und sich die Ohren mit den Händen zuhielt. Die Stimme war nur in seinem Kopf zu vernehmen – aber sie ließ Luzifer trotzdem am ganzen Körper erzittern..
»Verflucht sollst du für diese Tat sein, Luzifer«, hörte er die Stimme seines Vaters, die wie Stacheln in sein Gehirn drangen. »Verkriechen sollst du dich von nun an in die Erde. Sie soll zu deiner Hölle werden, für alle Ewigkeiten.«
Luzifer spürte plötzlich, wie etwas mit ihm geschah. Er hatte auf einmal keine Kontrolle mehr über seinen Körper und fühlte, wie eine stärkere Macht darüber bestimmte. Seine Füße steckten plötzlich in der Erde fest, und er wurde langsam in die Tiefe gezogen. Als wenn er in heimtückischen Treibsand geraten war. Verzweifelt streckte er die Hände nach den Wurzeln des Baumes aus und versuchte sich daran festzuklammern. Aber das half nichts.
Er sank immer tiefer, und bereits jetzt schon steckte er bis zur Brust in der tückischen Erde, die sich schwer an ihn drückte. Er hob den Kopf und schrie seine Hilflosigkeit in die Nacht hinaus. Aber niemand hörte seine Rufe. Dann war es vorbei. Die Erde schloss sich über seinem Haupt und verschluckte ihn, als habe er niemals existiert.

2.Leseprobe

Als wir früh am nächsten Morgen von der Dorfschänke losreiten wollten, hörten wir einen Schrei aus dem Gasthaus. Wahrscheinlich hatte der Wirt jetzt seine tote Tochter gefunden. Sekunden später sahen wir, wie er keuchend aus dem Haus gerannt kam. Er zeigte mit seinen dicken Wurstfingern auf uns.
»Sie haben meine Tochter getötet«, rief er. »Das sind Mörder.« Dann brach er weinend zusammen.
Von allen Seiten rannten die Dorfbewohner vor dem Gasthof zusammen, weil die verzweifelten Schreie des Wirtes sie alarmiert hatten. Jetzt spitzte sich die Lage dramatisch zu. Auch wenn Asmodis und ich uns der Hilfe seiner drei Waffenbrüder versichern konnten, so war es dennoch gefährlich. Denn einige der Bauern hielten Mistgabeln und Äxte in der Hand, und ihre Blicke sprachen eine eindeutige Sprache.
Wir rissen deshalb unsere Pferde herum und gaben ihnen die Zügel frei. Einige der Dorfbewohner wollten sich uns in den Weg stellen und uns an der Flucht hindern. Aber das gelang ihnen nicht. Wir nahmen keine Rücksicht auf sie und ritten sie einfach über den Haufen. Es kümmerte uns auch nicht, daß einige der Männer von den wild auskeilenden Hufen unserer Pferde schwer verletzt wurden.
Wir preschten im vollen Galopp aus dem Dorf. Wir sahen noch, wie einige der Dorfbewohner auf die Pferde stiegen und die Verfolgung aufnahmen. Wir ritten deshalb wie die Teufel, um so viel Distanz wie möglich zwischen uns und das Dorf zu bringen. Denn wenn es der aufgebrachten Menge gelang, uns zu erwischen, würden wir den ganzen Haß zu spüren bekommen.
Das Dorf war schon bald außer Sichtweite. Wir hatten keine Angst vor unseren Verfolgern - es waren nur Menschen, mit denen würden wir es spielend aufnehmen können. Aber wir hatten keine Zeit, denn der Tag, an dem der PAKT geschlossen werden sollte, war nicht mehr fern. Deshalb durften wir keine unnötige Zeit verlieren.
Und doch zügelte Asmodis plötzlich sein Pferd und sprang aus dem Sattel. Weil er wohl eingesehen hatte, daß er im Grunde genommen den Haß der Dorfbewohner durch seine Blutgier ausgelöst hatte – und er wollte nun ein für alle mal für klare Verhältnisse sorgen. Er hatte uns alle in diese immer noch ziemlich bedrohliche Situation gebracht – und er würde der erste sein, der dafür sorgte, daß sich das änderte.
»Wir werden uns ihnen stellen«, sagte er deshalb zu uns und zog sein Schwert aus der Scheide. Auch ich sprang vom Pferd so wie seine Waffenbrüder. Ich zog auch mein Schwert, und Baphomet mit seinen Gefährten tat es uns gleich.
Wir warteten ungeduldig. Es dauerte nicht lange, da sahen wir sie schon kommen. Acht Reiter preschten im vollen Galopp auf uns zu. Auch sie hatten ihre Waffen gezogen, als sie sahen, dass wir auf sie warteten. Einer der Reiter schwang eine Axt, die er Sekunden später, als er nahe genug heran war, nach uns warf.
Ich wollte meine Hexenkräfte jetzt nicht einsetzen. Ich merkte, dass auch Asmodis so dachte, denn wir wollten nicht noch für weiteres Aufsehen sorgen.
»Wir werden auch so mit ihnen fertig«, hörte ich seine Stimme.
Die Axt flog auf Asmodis zu, und er wollte ihr rasch ausweichen. Was ihm auch spielerisch gelungen wäre, wenn sich sein Fuß nicht in einer Wurzel verfangen hätte, die vor ihm aus dem Boden wuchs. Mit voller Wucht bohrte sich die Axt in die Brust von Asmodis und stieß ihn zurück.
Ich schrie auf, als ich Asmodis wie in Zeitlupe fallen sah. Wut und Trauer stiegen jetzt in mir hoch. Ich schrie meinen Schmerz aus mir heraus. Regungslos lag Asmodis auf dem Boden. Seine drei Gefährten standen wie erstarrt daneben.
Ich drehte mich herum und schaute die acht Reiter hasserfüllt an. Mit einem wilden Schrei rannte ich los. Ich konnte kämpfen, dass hatte ich schon oft bewiesen. Wie ein Berserker fuhr ich zwischen meine Opfer - ja, ich sah sie nicht mehr als Gegner, sondern als meine Opfer an.
Ich holte mit zwei gezielten Streichen die ersten beiden Gegner von den Pferden. Einem schlug ich das Schwert ins Gesicht, so dass es sich in eine häßliche blutige Fratze verwandelte. Er stürzte vom Pferd und schrie wie am Spies. Aber ich kannte kein Erbarmen, denn noch während er fiel, schlug ich ihm den Kopf ab. Nur Bruchteile von Sekunden später wirbelte ich herum und rammte das Schwert dem nächsten in den Körper, der sich von hinten auf mich stürzen und mir den Garaus machen wollte. Inzwischen hatte ich auch mein Messer aus der Scheide gezogen, drehte mich blitzschnell im Kreis und schlitzte dem, der mir am nächsten stand, die Kehle auf.
Er ließ sein Schwert fallen und presste seine Hände auf die klaffende Wunde, aus der das Blut spritzte. Dann brach er röchelnd zusammen. Auf einmal sah ich nur noch das Blut. Das Blut meiner Opfer.
Als meine Gedanken wieder klarer wurden, lagen um mich herum acht Leichen. Nein! Ich hörte noch ein leises Wimmern.
Einer lebte also noch - ich suchte nach ihm, und als ich ihn fand, hob ich mein Schwert und schlug zu. Blut spritzte mir ins Gesicht. Ich wischte es mir mit dem Handrücken weg. Dann ließ ich mein Schwert fallen und brach ich in die Knie, Hemmungslos fing ich an zu weinen, als ich Asmodis so regungslos am Boden liegen sah.
Baphomet und seine beiden Waffengefährten hatten gar nicht in den Kampf eingegriffen. Sie hatten zwar ihre Schwerter empor gereckt, um die Angreifer abzuwehren. Aber das meiste hatte ich getan – in diesen entscheidenden Minuten schien ich mich in eine blutgierige Amazone verwandelt zu haben, deren Lebensinhalt Kampf und Vernichtung sämtlicher Gegner war. Zumindest deutete ich die Blicke der anderen so.
Gerade packte Baphomet mit seinen Händen die Axt und riss sie Asmodis aus der Brust. Dann sah ich Sekunden später, wie er sich zu erheben versuchte. Nun stieß ich einen Schrei der Erleichterung aus. Ich konnte nicht anders - ich rannte auf ihn zu, kniete rasch neben ihm nieder und schloß ihn in die Arme.
»Es ist alles in Ordnung, Jeanne«, sagte er zu mir. Er wurde noch von seinem Bruder gestützt, weil er noch zu schwach war.
»Aber wie ist das möglich, ich sah doch… «, erwiderte ich und konnte nicht mehr weitersprechen.
Er lächelte mich nur an und öffnete sein Hemd. An der Stelle wo sein Herz saß, war mit einer Lederschnur eine Metallplatte um die Brust gebunden. Die Axt war von der Metallplatte abgeglitten und neben dem Herzen in die Brust gedrungen. Die Wunde schloss sich bereits wieder, und die Selbstheilungskräfte haben schon eingesetzt. Was bei Geschöpfen unserer Art etwas ganz Selbstverständliches war.
»Hat man dir bei deiner Weihe nicht gesagt, du sollst dein Herz und Kopf gut schützen?« fragte mich Asmodis, während er schon wieder verschmitzt lächelte.
Ich konnte nicht anders, als ihn sofort in meine Arme zu schließen. Ich küsste ihn und wollte ihn gar nicht mehr loslassen.
Er lächelte nur, als er sich wieder aus meinen Armen löste.
»Komm Jeanne«, sagte er. »Wir müssen weiter, bis Paris ist es noch ein weiter Weg.«
Wir gingen zurück zu unseren Pferden und saßen auf. Die blutigen Leichen der getöteten Gegner bedachten wir mit keinem einzigen Blick.

Antworten:

Öhm, wer ist denn der Autor von Band 5?

von Thanatos - am 02.11.2003 17:57
Die Exposés der Romane schreibe ich und habe die Romane Nr.5 JEANNE D´ARC und Nr.6 DER GRAL DER TEMPLER gemeisam mit Alfred Wallon geschrieben. Ab Band 7 werden neue Autoren bei den Chroniken mitschreiben.

von Bernd Götz - am 02.11.2003 19:02
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