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Forum Kinder- und Jugendtheater
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Erster Beitrag:
vor 16 Jahren, 3 Monaten
Beteiligte Autoren:
Henning Fangauf

Jugendtheater in Singapur

Startbeitrag von Henning Fangauf am 22.08.2001 12:25

Jugendtheater in Singapur

Auf Einladung des Goethe-Instituts hatten die Hamburger Autorin Eva Maria Stüting, der Berliner Autor Kristo Sagor und ich im Juli 2001 die Gelegenheit, nach Singapur zu reisen. Wir hatten ein Arbeitstreffen mit den Kollegen der Necessary Stage vereinbart. Die Gruppe ist eine der führenden des Landes und hat ein interessantes Programm für Jugendliche zu bieten.Ich habe meine Erfahrungen in einem kleinen Bericht zusammengefasst, der diesem Eintrag angefügt ist.

Wichtig ist mir jetzt die Mitteilung, dass es im November 2002 zu einem Gegenbesuch der Kollegen aus Singapur in Deutschland kommen wird. Wir erwarten 3-4 Personen, Autoren, Theaterleiter, Regisseure.

Wer im deutschen Kinder- und Jugendtheater interessiert sich für diesen Austausch, wer hat in der fraglichen Zeit etwas interessantes zu bieten, wer möchte auf dieser Ebene international kooperieren?

Henning Fangauf
Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland


Jugendtheater in Singapur?

Ein Besuch bei der Necessary Stage


Eine Theaterreise nach Singapur? In diese Wirtschaftsmetropole, diese Banken- und Handelsstadt? Asiens Geldmachmaschine, in der alles sauber und diktatorisch geordnet ist, soll Kultur bieten? Und bloß keine Kippen, kein Kaugummi auf den Bürgersteig werfen. Ist dort überhaupt Platz für Theater, in diesem seit 1965 souveräne Stadtstaat mit seinen 4 Millionen Einwohnern, der in seiner geografischen Ausdehnung kleiner als die Hansestadt Hamburg ist? Und wenn es auch für die Kunst nicht am Geld fehlen sollte, dann doch wohl am Interesse der Bevölkerung und der Kulturpolitik? Soweit die Vorurteile und die Fragen, die wir uns während der Vorbereitungen sowie auf dem 12-stündigen Flug an den Äquator stellten.

Am 3. Juli 2001 flogen Eva Maria Stüting, Autorin und Hamburger Kampnagel Dramaturgin, Kristo Sagor, Berliner Student und Dramatiker sowie der Autor dieses Beitrages nach Singapur. In den folgenden drei Tagen hatten wir Gelegenheit, unsere Vorurteile und Bilder zu bestätigen oder in Frage zu stellen. Mit finanzieller Hilfe des Goethe-Instituts Singapur und auf der Durchreise zum "World Interplay" Festival of Young Playwrights in Australien, kamen wir mit Theaterkünstlern zusammen, diskutierten mit Autoren und Regisseuren und bestritten zwei öffentliche Veranstaltungen mit zahlreichen interessierten Gästen.

Eingeladen hatte uns die Necessary Stage Singapore (www.necessary.org). Diese Theatergruppe, 1987 von dem Multitalent Alvin Tan gegründet und seitdem geleitet, hat in den letzten Jahren seine Aktivitäten auf vielfältige Weise entwickelt. Im Zentrum steht die "Main Season", die Spielzeit mit fünf Inszenierungen pro Jahr. Die Gruppe, der auch der "Resident Playwright" Haresh Sharma angehört, fühlt sich verpflichtet, mit ihren Stücken und Aufführungen, den Singapurern eine Stimme, eine zu suchende kulturelle Identifikation zu geben. So liegt es auf der Hand, dass vorwiegend eigens in Auftrag gegebene Stücke singapurischer Autorinnen und Autoren gespielt werden. Daneben verfügt die Necessary Stage seit 1992 über ein "Theatre for Youth Branch". Es werden Stücke mit und für Jugendliche inszeniert, und in Schulvorstellungen gezeigt. Ferner finden alljährlich mehrere Jugendtheater-Festivals statt und eine Gruppe von über 80 Theaterpädagogen (Drama Teachers) arbeitet Tag für Tag in den Schulen. So hat man, im Auftrag des Arts Education Program des National Arts Council, in den letzten 9 Jahren über 400.000 Schüler erreicht und sich zur führenden Bühne in Sachen Jugendtheater entwickelt. Beeindruckend sind auch die zahlreichen Publikationen des Theaters: ausführliche Selbstdarstellungen, Bücher mit Stücken, Tagungsdokumentationen und ab sofort die Buchreihe FOCAS Forum On Contemporary Art & Society.

Hinter dieser geradezu explosionsartige Entwicklung, die auch bei Singapurs zweiter Jugendtheatergruppe ACT 3 zu beobachten ist (siehe ASSITEJ Yearbook 2000/2001), steht eine klare kulturpolitische Entscheidung. Beide Gruppe erhalten seit einem Jahr deutlich mehr öffentliche Gelder und sollen, so der Wille des National Arts Council, in die Lage versetzt werden, Angebote im Jugendtheater quantitativ und qualitativ zukünftig zu steigern. Ob diese unerwartete Förderung auch mit dem gerade im Bau befindlichen großen Kulturpalast mit seinen zahlreichen Bühnen zu tun hat, mag man spekulieren.

"Playwright's Cove" nennt sich das Autorenförderungsprogramm der Necessary Stage. Unter der Anleitung von Haresh Sharma, der mit seinen Stücken eine bekannte Größe in Singapurs Autorenszene ist, können sich ca. 10 Jungautoren in regelmäßigen Treffs und in enger Anbindung an das Theater weiterbilden und erproben. Regelmäßig gepflegt wird auch der internationale Austausch, im letzten Jahr durch den workshop eines kanadischen Dramatikers, in diesem Jahr durch die Begegnung mit der Theaterszene aus Deutschland.

In Vorbereitung unserer Gespräche lasen wir uns durch die Stücke der zehn singapurischen Nachwuchsautoren. Szenen aus dem Alltagsleben standen dabei im Vordergrund. Komödiantische Lehrergeschichten, hilflose Jugendliche unter der Kuratel der Erwachsenen ... die sozialen Themen dominieren, auf dem "message" kommt es an. Und es stellte sich in unseren Gesprächen immer wieder die Frage, wie sich die dramatische Literatur entwickeln kann. Die Macht der Regisseure wurde von den singapurischen Kollegen kritisiert, aber auch die Zwänge, in denen sich ihr Jugendtheatersystem befindet, nämlich abhängig zu sein von der Schule und deren Lehrplan. Viele der Probleme und der künstlerischen Haltungen kamen uns vertraut vor. Singapur ist in viele Dingen doch näher dem Westen verbunden als Asien. Der Leiter des Goethe-Instituts in Singapur, Dr. Heinrich Blömeke, drückte es treffend aus: "In keiner anderen Stadt Asiens liegen die westlichen und östlichen Kulturen so nah' beieinander. Das macht das Leben in Singapur spannend." Wir können diese Erkenntnis nur bestätigen und verabschiedeten uns mit der Gewissheit, neue künstlerische Freundschaften gefunden zu haben.

Der Austausch wird auch im kommenden Jahr fortgesetzt werden. Auf Einladung der Necessary Stage wird im März eine deutsche Jugendtheatergruppe an dem Festival "Youth Connection 2002" teilnehmen und die Kollegen aus Singapur werden im Herbst 2002 zu einem Besuch nach Deutschland eingeladen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir von ihrer Kompetenz, von ihrem asiatisch und westlich geprägtem Blick auf die Kulturen der Welt, sehr viel profitieren können. Wer sich an der Vorbereitung und Durchführung des Programmes beteiligen möchte, sei herzlich eingeladen.

Henning Fangauf

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