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vor 4 Jahren, 10 Monaten
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vor 4 Jahren, 10 Monaten
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Toto_Pfalz, 102.1, ross22, Hunsrücker, iro, Bolivar diGriz, Alqaszar, rolling_stone

Griechische Eigenheiten

Startbeitrag von Toto_Pfalz am 12.06.2013 07:23

Weil im Thread zur Abschaltung des staatlichen ERT Fernsehens und Radios in Griechenland die Diskussion auch zum Thema Militärausgaben ging hab ich hier einen Beitrag erstellt in dem man Wissenswertes zum Thema Griechenland und dessen politische, wirtschaftliche und kulturelle Besonderheiten zusammentragen kann.

Zum Thema Militär sollte man wissen:
Seit 2009 gibt es in Griechenland einen Wehrdienst mit einer Dauer von 9Monaten.
Die Wehrpflicht beginnt mit dem vollendeten 19.Lebensjahr und endet mit dem 45.Lebensjahr. 
Für Bewohner von strategisch sensiblen Gebieten besteht die Möglichkeit inder Nationalgarde zu dienen. 
Wehrersatzdienst in Griechenland existierte bis 1998 gar nicht, danachlediglich auf dem Papier. 
Auslandsgriechen müssen ebenso ihren Wehrdienst ableisten. Erscheinen sienicht zur Einberufen, wurden sie bis 2004 bei derEinreise nach Griechenland verhaftet und Zwangsweise dem Militärdienstzugeführt.

Bis zum Ende der Generalmobilmachung im Dezember 2002 betrug die Wehrdienstzeit 18-24 Monate. Auslandsgriechenwurden keine Dokumente (Personalausweis, Pass) ausgestellt, wenn sie das Alter erreicht hatten in dem sie wehrpflichtig wurden und denWehrdienst aufgrund ihres Aufenthaltes im Ausland nichtangetreten haben. Wehrdienstverweigerer wurden für die Dauer des Wehrdienstes ins Militärgefängnis (bsp. Syndos bei Saloniki) verbracht.

Zwischenzeitlich dürfen Auslandsgriechen, auch ohne abgeleisteten Wehrdienstfür maximal 30 Tage im Kalendarjahr nach Griechenland reisen. Inwieweit sich das griechische Militär daran hält, oder die eingereistenGriechen dennoch zwangsverpflichtet ist unklar. In Kombination mit der in Griechenland bestehenden Wahlpflicht (!) führtedies nicht selten zu massiven Problemen für junge Auslandsgriechen.  

Zwischen 20.07.1974 und dem 18.12.2002 bestand de facto ein Kriegszustandzwischen Griechenland und der Türkei. Die Streitkräfte waren in dieser Zeit im Zustand der Generalmobimachung. 

Nach wir vor erkennt die Türkei die griechische Souveränität über einigekleine Inseln und Felsen im Ägäischen Meer nicht an. Immer wieder dringen türkische bewaffnete Kampfjets in den griechischenLuftraum ein. 2006 kam ein griechischer Pilot beim einem Absturz nach einem missglückten Abfangmanöver ums Leben. 

Antworten:

alles relativ realitaetsnah. Mir war noch bekannt, dass der Wehrdienst dort ganze 2 Jahre dauern wuerde.

ich kannte einen jungen Auslandsgriechen, der hatte im Pass einen Stempel drinnen, der so aehnlich sagte wie "staendig im Ausland lebender Grieche" und demnach nach GR einreisen durfte ohne damit rechnen zu muessen, zum Wehrdienst zitiert, gebeten, oder gegangen bzw. deportiert zu werden.

Ein anderer Grieche den ich kannte, konnte in der Tat nicht nach GR reisen, eben aus dem bereits geschilderten Grund. Offenbar hatte er den Eintrag nicht im Pass, bzw. scheiterte lt. seinen Schilderungen an den damit verbundenen buerokratischen Huerden, dies obwohl er seit langem im Ausland lebte.

Die Nato war im Prinzip recht klug, indem sie beide Laender in das Militaerbuendnis aufgenommen hatten. Seither herrscht zwischen den beiden Laendern etwas mehr Ruhe.

von 102.1 - am 12.06.2013 08:37
Das Verhältnis der modernen Griechen zu ihrem Staat.

Das wäre sicher ein Thema für eine Diplomarbeit, daher ist es hier nicht ausreichend differenziert darzustellen.
Einige interessante Punkte möchte ich dennoch ansprechen, quasi als Anregung zum weiterdenken und weiterlesen.

In Griechenland ist ein ausgeprägter Nationalstolz vorhanden. Dieser ist aber durchaus sehr ambivalent. Einerseits sieht man sich als das Volk welches die Demokratie erfunden hat, andererseits ist man sich der maroden Situation des modernen griechischen Staates durchaus bewusst. Man schimpft gerne und leidenschaftlich über die "korrupten Diebe", gemeint sind die Parlamentarier, verteidigt sich aber andererseits auch vehement gegen jede negativen Äußerung eines Nichtgriechen gegen den Staat.
Für Mitteleuropäer wirkt die griechische Mentalität sehr orientalisch und weit weniger südeuropäisch wie beispielsweise die der Spanier oder Italiener.

1) Ausgeprägter Antiamerikanismus und Anti-britische Stimmung

In Griechenland sehr weit verbreitet. Neben der Ignoranz die man den USA in ihrer politischen Haltung vorwirft, ist hierbei natürlich auch die Tatsache relevant dass sich die USA als Erfinder der (modernen) Demokratie und deren Wächter sehen. Diese Aufgabe steht freilich aus Augen der Griechen nur den wahren Erfindern der Demokratie zu.
Daneben spielt die aktive Einmischung der USA und Großbritanniens in die griechische Innenpolitik der Nachkriegszeit sicher eine große Rolle. Hier kann ich den Artikel zum Griechischen Bürgerkrieg (1946-1949) empfehlen. Die weitere Entwicklung bis hin zur "Junta" sollte man dann auch sehen. Es geht dann glatt weiter mit EG-Beitritt 1981 und schließlich 2001 der plötzliche Rutsch in den Euro.
Die USA haben in dem Versuch Griechenland dem kommunistischen Einflussbereich zu entziehen, letztlich die damals ebenso korrupte Innenpolitik der vermeintlichen Volksparteien gestützt. Im Ergebnis gehen die griechischen Politiker davon aus, dass damit die eigene Haltung sozusagen in Ordnung ist.

2) Innenpolitik und Moral

Der durchnittliche Grieche hingegen bemerkte nur, dass er wählen kann was er will in der ethischen, moralischen Haltung sind alle Politiker egal welcher Partei gleich. Hinzu kommen die "Clans", also Familien die seit Generationen an der Macht sind. Karamanlis (Nea Demokratia) und Papandreou (PASOK) seien hier nur beispielhaft genannt. Wieso sollte ich als Bürger einem Staat steuern zahlen, von dem ich weiß dass diese Gelder sowieso nicht für bürgernahe Projekte (Straßen, Schulen, Kindergärten, Parks etc.) ausgegeben werden, sondern für günstlige der Parteien und als Schmiergeld draufgehen? Da zahle ich lieber nichts und behalte mein Geld.
In dieser Erfahrung wurden die Griechen der letzten Generationen groß und es dürfte sehr schwierig werden dieses tief verwurzelte Misstrauen gegen alles was mit dem Staat und Politik zu tun hat loszuwerden.

So fürs erste reicht das mal.

von Toto_Pfalz - am 15.06.2013 09:35
Erinnert alles an Süditalien.

von Alqaszar - am 16.06.2013 02:02
Und an Bayern. Nur dass Bayern wahrlich nicht als Erfinder der Demokratie gilt.

von Bolivar diGriz - am 16.06.2013 05:06
@Exidor: Naja schließlich war ja mal ein Bayer auch König in Griechenland oder so (dieser Otto I. oder wie er hieß, hoffentlich bringe ich da nichts durcheinander).
@Toto_Pfalz: Vielen Dank für deine ausführlichen Erläuterungen. Schön, dass wir auch solche Dinge in der Runde diskutieren. Das sind sehr interessante Einblicke.

von rolling_stone - am 16.06.2013 06:18
Otto Rehakles?

von iro - am 16.06.2013 12:26
Zitat
Toto_Pfalz
Es geht dann glatt weiter mit EG-Beitritt 1981 und schließlich 2001 der plötzliche Rutsch in den Euro.
.


Gerade der EG Beitritt von GR hatte mich immer wieder fasziniert, den die unmittelbare Zeit davor, war Gepraegt von diktatur-aehnlichen Verhaeltnissen, inbs. Papadopoulos.

Bei jedem anderen EG Beitritt bzw heutigem EU Beitrittskandidaten untersuchte man sehr genau die demokratischen Verhaeltnisse vor Ort.

von 102.1 - am 16.06.2013 13:51
Den Verantwortlichen in der EU war die wirtschaftliche Lage Griechenlands bereits vor 2001 bekannt,aber.....

Zitat:

Trotzdem wurde Griechenland im Jahr 2001 in die inzwischen
innerhalb der Europäischen Union geschaffene Gruppe der Euro-
Länder (Euro-Zone) aufgenommen. Zwar verschleierten die nach
Brüssel gelieferten statistischen Grunddaten das Ausmaß der natio
nalökonomischen Schieflage. Es war jedoch allen Akteuren be
wusst, dass Griechenland die im Maastricht-Vertrag festgelegten
Kriterien nicht erfüllte. Vor allem die haushaltspolitischen Parameter
sprachen entschieden dagegen.

Warum dessen ungeachtet die
Weichen zum Beitritt gestellt wurden, werden wir erst mit Sicher
heit wissen, wenn die einschlägigen Akten zugänglich geworden
sind. Wir können jedoch schon jetzt davon ausgehen, dass dabei
vor allem geostrategische und tagespolitische Gründe ausschlagge
bend waren. Zwei Jahre nach der Zerschlagung Jugoslawiens bilde
te Griechenland einerseits ein entscheidendes Glacis für die begin
nende EU-Integration des Balkans, und andererseits sicherte es die
südöstliche Flanke der ins Auge gefassten sogenannten Osterwei
terung der Europäischen Union ab. Aber auch die Tagespolitik
spielte eine wichtige Rolle. Der griechische Oberste Gerichtshof
hatte gerade einer Entschädigungsklage von Opfern der deutschen
Okkupation während des zweiten Weltkriegs stattgegeben und die
Konfiskation deutscher Vermögenswerte in Griechenland für rechtens erklärt.

Nur die griechische Regierung konnte das Verfahren
noch aussetzen. Sie tat dies, nachdem ihr die deutsche Bundesregie
rung die Unterstützung ihres Antrags zur Aufnahme in die Eurozone zugesagt hatte.

Quelle:
http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-28996/08_Roth_Griechenland.pdf

von ross22 - am 16.06.2013 18:19
Zitat
iro
Otto Rehakles?


Eher dieser Otto

von Toto_Pfalz - am 16.06.2013 19:15
Zudem ist Herr Rehakles doch gar kein Bayer! :nono:

von Hunsrücker - am 16.06.2013 20:18
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