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Auf der Suche nach dem Ruhrpott

Startbeitrag von PeterSchwarz am 13.08.2006 11:40

Gestern hab ich mich mal auf die Suche gemacht. Ich war ja nun schon einige Male im "Ruhrgebiet", dieser alten Bergbau- und Schwerindustrieregion an Ruhr und Emscher. Man hatte mir dort bislang alles mögliche gezeigt: Seen, Villensiedlungen, Einkaufsstraßen, Kulturzentren in alten Zechen, Fachwerkdörfer(!)...nur eines nicht: Den dreckigen, ziemlich fiesen Pott aus den Schimanski-Filmen. Mit rauchenden Schloten und grau-schwarzen Fassaden.
Das musste sich ändern, denn irgendwo muss es ihn doch geben, den Pott! Oder sollte das alles nur noch eine verblasste Erinnerung aus vergangenen Tagen sein, als man den Pulsschlag aus Stahl noch laut in der Nacht hören konnte.
Also ging es los, mit dem Regionalexpress gen duisburg. Zuerst stand aber noch ein Plattengeschäft in Essen-Steele auf meiner To-Do-Liste, wo ich dann ungefähr 1 1/2-Stunden zwischen CDs und Vinyl versank. Hat sich aber immerhin gelohnt, wieder neuen Stuff für meine Radiosendung gefunden.
Im Rockstore, einem kleinen Lädchen im Osten von Essen, wird noch richtig fachgesimpelt zwischen Besitzer und Stammkundschaft, schon mal eine Empfehlung ausgesprochen oder eine Neuentdeckung kundgetan.
Dann weiter Richtung Rüttenscheid. Wie vielleicht der eine oder andere weiss, bin ich nicht nur Radio-und Musik, sondern auch Landkartenfetischist. Grund genug, mal das Landkartenhaus am Rüttenscheider Stern aufzusuchen. Doch leider, man war eine knappe halbe Stunde zu spääät zum Kartenbrooot...um 13.00 hat man dort bereits die Karten zusammengefaltet. Jetzt meldete sich bei mir und meinem Begleiter langsam der Hunger. Nun, da hat man in Rüttenscheid eine gute Auswahl, letztlich haben wir uns dann den Chinesen am Martinsplatz gegönnt, von wo aus man im 1. Stock eine wunderbare Aussicht auf Parkplatz und Verkehrsknotenpunkt hat :D . Geschmeckt hats, bezahlbar war das Mittagsmenü auch, somit sollte es nun gesättigt neuen Gefilden entgegen gehen.
Doch erstmal entschlossen wir uns zu einem kleinen Verdauungsspaziergang. Die Rüttenscheider Str. (der Essener nennt sie RÜ) entlang und dann schräg rechts abgebogen in eine Strasse, die vielleicht mittlerweile fast typisch für ein Wohngebiet in einer der Revierstädte gelten könnte: Vorwiegend geschlossene 3-4 stöckige Bebauung aus den 50er und frühen 60er-Jahren, tlw. auch ein paar ältere Gebäude, der grossteil mittlerweile fassadenerneuert, und spätestens an jeder dritten Ecke eine "Trinkhalle" oder "Verkaufshalle", den kommse vonne Schicht, holse dich ersma' "anne Bude" n Bier un nen Pack Zarretten! Links dann irgendwann ein Haus mit überdimensionalen UKW-Antennen. Mag da nicht etwa mal ein DXer gewohnt haben, direkt neben den "Bösen Frisuren"?
Damit nicht nur die Sparkasse etwas grün (in Essen nicht rot!) in die Stadt bringt, hat man den Folkwang-Park angelegt, eine kleine Grünfläche mit Ententeich, nach dessen Durchqueren man wieder ins Großstadtgetriebe entlassen wird, direkt zwischen Opernhaus und dem leicht futuristischen RWE-Hochhaus, das, hätte es ein paar Stockwerke mehr, sich bestimmt auch ganz gut in ein Shanghaier Ensemble einfügen würde.Von da aus leuchtet einem schon ein Mercedesstern entgegen, der zwar nicht, wie in Stuttgart, AUF dem Bahnhofsgebäude steht, sondern ein paar hundert Meter daneben, trotzdem ist es nicht mehr weit bis zu den Gleisen.
Nun entflüchten wir der "Perle des Ruhrgebiets" dahin, wo wir es etwas "pottiger" vermuten. Ab nach Bottrop! Das hört sich schon nach Kohle und Stahl an! Als wir den Bahnhof dieser Stadt verlassen, hält uns erstmal ein Regenschauer auf. Sehr provinziell der erste Eindruck, gottverlassen das Gelände rund um den Bahnhof. Ein Bus fährt uns in die City. Durch den Sichtbetoncharme der 60er-Jahre wandelnd, vorbei an geschlossenen Geschäften, es ist immerhin schon nach 17 Uhr, erfahren wir einen guten Hauch Trostlosigkeit, der sich auch bei einer weiteren Busfahrt, die uns durch zwar nicht heruntergekommene oder verwahrloste, aber doch einigermassen triste Wohngebiete führt. Bottrop, ein Platz also, vor dem man eher flüchten würde, bzw. man tut es, anders kann man sich die Ausgestorbenheit am Samstagnachmittag kaum erklären. Voll waren nur sämtliche Verkehrsmittel, die aus dem Ort herausführten, vielleicht hin "auf Schalke", wo gerade gegen Frankfurt gespielt wurde. Nur die Schornsteine, der Staub, in dem die Sonne versinken würde, hätte sie sich nicht schon längst hinter dicken Wolken versteckt, der fehlt immer noch.
Doch mein Begleiter war schon mal weiter vorgedrungen. Er empfahl, die Fahrt in den tiefen Westen fortzusetzen. Nächstes Ziel: Oberhausen-Sterkrade, wo die Einzelhändler das Centro in die Hölle wünschen. Na, hier hat man immerhin schon in den frühen 80ern generalsaniert, und so wirkt die Fußgängerzone schon mal einen Tick einladender als eben im benachbarten Bottrop. Eine italienische Großfamilie samt Kind und Kegel regelt lautstark und emotional ihre Familienzwistigkeiten zwischen Springbrunnen und Kaufland-Hintereingang. Uns störend vorkommen, entwischen wir, um nach einem kurzen Spaziergang zu beschliessen: Da ist noch viel Luft nach unten, Richtung Tristesse, Richtung Dreck, Richtung POTT! Wir wollten doch Schimanskis Spuren finden. Duisburg muss die Rettung sein. Die Innenstadt sei ebenfalls nur langweilig, meint Steffen. Also besteigen wir eine Stadtbahn in den Duisburger Norden, dort wo der Stadtplan einen nicht näher definierten grossflächigen Betrieb von "ThyssenKrupp" ausweist. Na, das kann ja so falsch nicht sein. Bis Dinslaken könnte man fahren, mit der engen, stickigen und hoffnungslos überfüllten Bahn, die durch den Tunnel ruckelt und zuckelt, bis sie endlich das Tageslicht erreicht und auf der Strasse weiterrumpelt. Gefühlsmässig von der Zeit her schon irgendwo im tiefen Niederrhein kurz vor Holland, zuckeln wir immer weiter durch mehr oder weniger graue Strassen. Marxloh, da entsteigen wir dem Bähnlein. Welche Farben die Hausfassaden hier mal hatten, die wir durch die Oberleitungen hindurch, das lässt sich bestenfalls erraten. Man könnte darüber diskutieren, ob sie heute braun, grau oder schwarz sind und vielleicht mal dran kratzen, um zu erraten, was sich da abgelagert hat in den Jahrzehnten.
Die Geschäfte hier heissen "Seydogan Süpermarket" "Aldeniz Kebap", die Bäckerei verkauft "Ekmek" und das Reisebüro verfügt vorwiegend über Angebote von "Onur Air".
Frauen ab 40 tragen bodenlange Mäntel und Kopftücher, die Strassensprache ist ausschliesslich türkisch. Doch es riecht nicht nach Sesambroten oder Dönerbude, nein, da ist was anderes in der Luft. Das riecht, nach Industrie, nach Koks. Haben wir ihn gefunden, den Ruhrpott 2006?
Hinter einer Häuserreihe mit zugenagelten Fenstern und abgebrochener Fassade, zwischen reichlich Müll im Strassengraben und spielenden Kindern, biegen wir ab in eine grüne Oase. Marxloh hat seinen eigenen Stadtpark, und der ist gar nicht klein. Doch dahinten, raucht es nicht da zwischen den Baumwipfeln? Was ist das für ein Summen in der Ferne? Nach ein paar Metern geben die Bäume den Blick frei. Tatsächlich, da steht es, das Stahlwerk Thyssen-Krupp, Betrieb Duisburg-Bruckhausen. Seine monströse Hässlichkeit bleibt noch verborgen hinter den Bäumen, doch was da herausqualmt aus den Schloten, das ist beileibe nicht nur Wasserdampf, und man mag sich ausmalen, daß die graue Schicht der Hausfassaden vermutlich denselben Geruch trägt wie die Luft hier, die mittlerweile recht eindeutig nach Koks riecht.
Auf dem Weg zurück, eine Kleingartenkolonie, die auf ihr Sommerfest am kommenden Wochenende hinweist. Fehlt eigentlich nur noch der Taubenzüchtverein. Die "Budde umme Ecke" fehlt auch hier nicht, wenn auch der Besitzer schon längst nicht mehr Heinz Müller oder Herbert Breuckmann heisst, sondern Lokman Üzgül! Und so steht in den Regalen zwischen Köpi und Korn auch Ayran, Ülker-Cola und Uludag-Limonade.
Doch es kommt noch besser, verspricht mir Steffen. Mit der Tram fahren wir noch drei Stationen, in den benachbarten Stadtteil Duisburg-Bruckhausen. An der vielversprechenden Haltestelle "Kokerei" steigen wir aus. Um diese Uhrzeit kaum was los auf der Strecke, da müsste man vermutlich den Schichtwechsel abwarten. Tatsächlich, hier raucht und dampft es, orangeroter Flammenschein lässt sich erwähnen, irgendwo da drin zwischen den dunklen Mauern des Stahlwerks, wo es doch beileibe nicht nur summt, sondern dröhnt.
Da die Tore für uns so oder so verschlossen bleiben, kehren wir dem Koloss den Rücken zu, und schauen mal, wie das Leben unter den Schornsteinen ausschaut.
Die Fassaden: Brüchiger als in jeder ostanatolischen Kleinstadt, in die man sich beinahe versetzt fühlt. 51% soll der Ausländeranteil hier betragen. Die anderen 49% halten sich zumindest an diesem Abend gut versteckt. Durch die Dämmerung in tröpfelnder Feuchte wandelnd kommen wir uns beinahe vor wie Ghetto-Touristen. Anwoher erzählen uns von Bildzeitungsjournalisten, die dieser Tage anwesend waren, um Häuser zu fotografieren. Oder, um ehrlich zu sein, Ruinen von Häusern, solche, die teilweise längst nicht mehr bewohnt sind. Ein Erdwall soll wohl an ihre Stelle treten, "damit man Thyssen nicht mehr sieht", erzählt man uns. Doch das Haus, dessen Bewohner den Platz räumen müssen, ist eines der besten im Stadtteil. Zugegebenermassen erhält es keinen Schönheitspreis, doch sein Eindruck ist grundsolide, 60er-Jahre-Mietshaus, die Fassade bestimmt erneuert vor 10 oder bestenfalls 15 Jahren.
In der Dönerbude hängt ein Plan, der das Abrissgebiet zeigt, es ist der halbe Stadtteil, der weichen soll. Welcher Sinn dahinter steckt, wird nicht erklärt. Ob Thyssen vergrössern soll, ein Grüngürtel entstehen oder höherwertiger Wohnraum entstehen soll? Das muss ich wohl noch herausfinden. Auf jeden Fall hatte man Angst, daß wir, ich gerade telefonierend, mein Begleiter mit der Kamera, schon wieder Journalisten seien, die das Elend in Bruckhausen, "ganz unten" also, vorführen wollen, vielleicht so, wie es Günter Wallraf als "Ali" einst beschrieb. Von Türken, die lieber im Dreck hausen wollen und somit der Stadtverschönerung unsinnig im Weg stehen. Nichts liegt uns ferner. Man glaubt uns, der Ton wird sofort freundlicher, und man erzählt uns von dem Artikel in der Zeitung mit den grossen Buchstaben, wo man die Wirklichkeit anscheined mal wieder ein klein wenig zurechtbog, damit sie in die gewählte Polemik passte.
Von Ghetto-Dramatik bemerken wir zumindest an diesem Abend nichts, ein paar Jungs, die eine Grünfläche mit Hiphop beschallen zwar, das mag es auch andernorts geben, vielleicht sogar im Essener Süden, aber keine brennende Mülltonne, keine Strassengang, ein paar eingeschlagene Türscheiben weissen wohl darauf hin, daß es wohl nicht immer ganz entspannt zugeht, da, wo nebenan noch der Stahl glüht. Wo noch Ruhrpott ist. So ein klein wenig. Doch hier, im Duisburger Norden spricht es türkisch.



Antworten:

Toller Bericht :spos:!

Das ganze kombiniert mit einer von mir besonders geliebten Fotoreportage wäre ideal :-).

von WiehengeBIERge - am 13.08.2006 11:55
Geiler Text!

Der "echte" Pott ist türkisch geworden, die Bergleute und Stahlarbeiter haben früher gut verdient, und der Strukturwandel hat sie zwar von der Maloche vertrieben, aber das früher durchaus mit einkömmlichen Frührenten. Die Kumpel sind also aus dem Pott weggezogen, an den Niederrhein, in das südliche Münsterland. Die Türken jedoch, ebenso Kollegen, sind gebleiben, denn lange Zeit war ihr Ziel nicht das Einfamilienreihenhaus in Rheinberg, sondern die Altersresidenz "zuhause" in der Türkei.

Marxloh und Beek sind nicht schön, aber sie sind die Heimat von vielen Menschen, deren Leben früher nichts anderes wert war als ihre Arbeitskraft, und die aus einem unmenschlichen Nützlichkeitsaspekt 2000 km weit verschoben wurden. Es wurde wie selbstverständlich erwartet, dass sie zurückgehen, doch der Mensch ist Subjekt, und nicht Objekt des Kapitals.

Also blieben sie beim Stahlwerk, das vielleicht mehr Heimat ist als Anatolien, wo die Sonne scheint und die Ziegen malerisch am Straßenrand weiden und wo die mit dem in Duisburg verdienten Geld errichteten Häuser warten.



von Alqaszar - am 13.08.2006 13:52
Für die Bilder ist der Kollege zuständig. Die muss er wohl noch aussortieren. Dann wird der Bericht noch ausstaffiert, versprochen.


von PeterSchwarz - am 13.08.2006 14:33
Den "Pott" wie er in den Schimanksi-Filmen der achtziger Jahre wiedergegeben wurde gibt es tatsächlich nicht mehr. Der Strukturwandel hat hier ganze Arbeit geleistet. Wo früher "Drecksecken" waren sind heute Parks, Grünflächen oder eine neue Bebauung. Im übrigen war es nie so schlimm wie es immer im TV dargestellt wurde. Ich kann dir aus sicherer Quelle sagen, dass da auch mal gerne "nachgeholfen" wurde, wenn es zu "sauber" war.

von zerobase now - am 14.08.2006 06:29
Gibts keine Fotos? Ich wurde gerne mal sehen, ob Bielefeld, was es ja gar nicht gibt, an Hässlichkeit da mithalten kann.

BTW:
Zitat

Den "Pott" wie er in den Schimanksi-Filmen der achtziger Jahre wiedergegeben wurde gibt es tatsächlich nicht mehr.

So wie er da wiedergegeben wurde, gab es ihn wahrscheinlich nie ;-).

von WiehengeBIERge - am 25.01.2008 21:49
Hach, die Bilder. Da muß ich den Kollegen wohl nochmal dran erinnern...


von Peter Schwarz - am 25.01.2008 22:02
Ja, den Trip mit der 901 nach Marxloh hab ich mir vor ca. 10 Jahren auch schon mal gegeben. Da, wo Pott noch Pott ist! Scheint sich nicht allzuviel verändert haben.

von Alqaszar - am 25.01.2008 22:41
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