Diese Seite mit anderen teilen ...

Informationen zum Thema:
Forum:
Nahverkehr Rhein-Neckar
Beiträge im Thema:
9
Erster Beitrag:
vor 2 Jahren, 2 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 2 Jahren, 2 Monaten
Beteiligte Autoren:
Tw237, Fabegdose, Stefan Klein, bmstrab, Vetter 16SH, Frieder Schwarz

[MA] Die Straßenbahn auf bzw. unter dem Mannheimer Luisenring (mB)

Startbeitrag von Tw237 am 03.12.2015 00:30

Alles begann mit einer alten Postkarte von ebay, auf die mich der Rhein-Neckar-Weit bekannte Tramologe Fubby aufmerksam machte…


Einen Ausschnitt daraus habe ich bereits hier im RNLF-Forum im Rahmen eines Rätsels gezeigt: [20066.foren.mysnip.de]


Darauf bezugnehmend nun noch etwas mehr zur Straßenbahn auf dem Luisenring.

Die quadrateförmig anglegte Mannheimer Innenstadt wird von vier Ringen umgeben: Kaiserring zwischen Bahnhof und Wasserturm, Friedrichsring zwischen Wasserturm und Kurpfalzbrücke, Luisenring zwischen Kurpfalzbrücke und Rheinstraße und dem Parkring zwischen Rheinstraße und Schloss.

Diese vier Ringe waren als Prachtstraßen angelegt, was man heute oft nur noch schwer erkennen kann. Während der Friedrichsring noch weitgehend sein Erscheinungsbild wahren konnte, wurden die drei übrigen Ringe in den 50er-70er Jahren dem Verkehr geopfert.


Aber beginnen wir am Anfang:

Mit Eröffnung der elektrischen Straßenbahn am 10.12.1900 – das Datum kennt man als Mannheimer Tramologe auswendig – wurde auch der Straßenbahnbetrieb auf dem Luisenring eröffnet.


Auf dem Luisenring an der Jungbuschstraße kreuzte die Strecke, welche vom Marktplatz kommend über die Filsbach in den Jungbusch führte.
Später zweigte dann noch eine Strecke durch die Beilstraße ab, um über die Jungbuschbrücke den Neckar zu queren. Auf Höhe der heutigen Straßenbahnendstelle Neckarstadt West schloss sie wieder ans Netz an.




Hier einen Blick auf den Gleisplan von 1927.




Hier nun die besagte Postkarte. Ich musste sie unbedingt haben. Und für nur 5 Euro ist sie gut angelegtes Geld.
Sie zeigt den Luisenring ungefähr um 1906. Statt einer farbigen Scheibe trägt der Wagen bereits eine Liniennummer. Ab 1907 begann man die Plattformen zu verglasen, was dann natürlich auch noch etwas dauerte.

Zu sehen ist der Wagen von der Teufelsbrücke kommend, wie er den Luisenring kreuzt und seine Fahrt zum Marktplatz fortsetzt.

Besonders schön ist auch, dass die Farben, die die Bahnen - laut Überlieferung – gehabt haben sollen recht gut getroffen sind. Da gibt es ganz andere Kolorierungen, die beispielsweise blaue oder rote Bahnen zeigen, wovon in Bezug auf Mannheim jedoch nie die Rede war.

Und wenn ihr nun weiter unten seht, wie es dort heute aussieht, werdet ihr schockiert sein. Erfreulich ist jedoch, dass ein Großteil der alten Bausubstanz heute noch erhalten ist, was wohl daran liegt, dass man in den Mannheimer Slums – zu denen zählen Filsbach und Jungbusch heute wie damals – lange Zeit weniger investiert wurde. Heute kann man sagen: Gott sei Dank!
Es zeigt aber auch, dass der Einfluss des zweiten Weltkrieges auf das Mannheimer Stadtbild erheblich überschätzt wird. Die Bilder unten werden das noch verdeutlichen.





Dies hier ist einer der Triebwagen der typischen Siemens-Bauform, wie er auf der Karte zu sehen ist. Mannheim beschaffte von 1900-1902 120 Stück dieser Wagen bei Falkenried in Hamburg, wobei die Wagen 118-120 direkt nach Heidelberg abgegeben wurden (dort 1-3), wo sie den Grundstock der dortige Ursprungserie technisch identischer Fahrzeuge bildeten.
Von den Mannheimer Wagen existiert heute leider keiner mehr. Von den Heidelberger Wagen existieren noch die TW 11 (in Privatbesitz) und 12 (Museum Marxzell) und warten auf bessere Zeiten.



Bis in die 30er Jahre hinein war man es in Mannheim noch gewohnt, dass die Straßenbahn einigermaßen kostendeckend arbeitet. Da waren die Strecken durch die Elendsviertel natürlich eher ein Dorn im Auge, zumal alle Strecke im Jungbusch und die Bahn durch die Filsbach zusammen gerade einmal knapp 1 Km des Netzes ausmachen. Man hängte also niemanden wirklich vom ÖPNV ab.
Von Umtrassierungen abgesehen war die Aufgabe der Filsbachstrecke im Sommer 1932 die erste wirkliche Stilllegung in Mannheim. Von dort an begann das Netz, geringfügig an zu schrumpfen, was sich mit den Hafenstrecken bis in die 50er fortsetzte, bevor es wieder zu Wachsen begann (Rheinau neu, Schönau, Vogelstang, Feudenheim Ost)
Seine größte Netzausdehnung erreichte das Netz dann erst wieder mit Eröffnung der B-Linie 1995 und seit dem mit jeder Neueröffnung.

1936 wurden dann auch die Bahn zur Teufelsbrücke dicht gemacht. 1944 wurden die Gleisanlagen im Jungbusch zwecks einer erneuten Inbetriebnahme wieder hergerichtet, im Dezember 1944 mit Zerstörung der Jungbuschbrücke (damals Hindenburgbrücke) jedoch für immer aufgegeben.







Der Betrieb auf dem prächtigen Luisenring blieb weiterhin bestehen. Hier sehen wir die Straße im Jahr 1967. Das war das Jahr, in dem der Fotograf Werner Rabe von der ÜSTRA zur Mannheimer Straßenbahn wechselte.

Doch schon bald darauf sollte hier alles verschwinden. Die Straßenbahn, die Vorgärten, die Bäume.
Für den Anschluss der neuen Rheinbrücke meinte man einen „leistungsfähigen“ IV-Anschluss herstellen zu müssen.

Generell gab es zu dieser Zeit ernsthafte Bestrebungen die Straßenbahn in der Mannheimer Innenstadt weitestgehend oder teilweise unter die Erde zu verbannen.
Ein großer Verfechter davon war der Baustadtrat Wolfgang Borelly (wie die gleichnamige Grotte oder die Schneckennudel), dem Stadtbild oder irgendeine Form sinnhafte Verkehrspolitik so ziemlich egal waren. Er liebte die technische Herausforderung.
Für den Luisenring sah er zeitweise eine Hochbahn vor. Schriftlich vermerkte er, dass dies zwar nicht unbedingt bereichernd für das Stadtbild wäre, aber ein diesem Stadtviertel eigentlich kein wirklicher Schaden mehr anzurichten sei.
Zugunsten einer breiten Brückenabfahrt und einer Überführung zum Parkring, fiel die Wahl auf einen Tunnel unter dem Luisenring.

Ganz anders waren da der damalige erste Bügermeister (später OB) Ludwig Ratzel (SPD) und Straßenbahndirektor Otto Dietrich. Diese beiden glaubten an die moderne Straßenbahn mit einer dichten Innenstadterschließung, modernen Sechsachsern und eigenen Bahnkörpern – alles an der Oberfläche.
Aus diesem Grunde torpedierten sie Borellys Pläne auf heftigste und mit allen Mitteln, sodass dieser sich insbesondere von diesen beiden offenbar auch menschlich sehr enttäuscht zeigte… Dazu aber ggf. irgendwann nochmal mehr…




Am Tunnel unter dem Luisenring war aufgrund er darüber zu bauenden Brückenrampe nichts mehr zu machen. Er wurde gebaut. Von 1967-71 war der Betrieb über den Ring eingestellt.
Hier hat Günther Rudnicki Wagen 237 (1913-2007) beim Umsetzen auf der geteilten Ringbahn aufgenommen. Der fast fertige Tunnel ist im Hintergrund zu erkennen.



Heute sieht es hier so aus. Detail am Rande: Den Turm hatte die Liebfrauenkirche auf dem Bild von 1906 noch nicht. Beim Bau war damals das Geld ausgegangen. Wahrscheinlich eine Spätfolge des Umsatzrückgangs beim Ablasshandel.





Sucht man heute nochmal den Rabeschen Fotostandort auf, zeigt sich einem dieses schockierende Bild. Von der einstigen Prachtstraße ist nichts mehr geblieben. Nur noch eine „Stadtautobahn“.
Die Straßenbahn verlässt an dieser Stelle den Tunnel.



Während Ratzel nach Eröffnung des Tunnels – jetzt OB – in einer Haushaltsrede sagte „Ohne diesen Tunnel hätten wir den Brückenkopf billiger und schöner haben können“, brachte er seine Ablehnung gegen Tunnelpläne einmal mehr zum Ausdruck.

Dennoch waren diese in der nächsten Runde:



Die Hamburger Gutachter Pampel und Grabe planten zu dieser Zeit die Stadtschnellbahn. Diese hob sich von den bisherigen Planungen für eine „U-Strab“ ab und war nahezu als „Voll-U-Bahn“ gedacht, weitestgehend im Tunnel und ohne Kreuzungen mit anderen Verkehrsträgern.

Gekommen ist es soweit – auch Dank Ratzel und Dietich - Gott sei Dank nicht ansatzweise. Doch schockierend für die Mannheimer Planer war, dass der Gutachter den neuen Tunnel nur als eingleisige Betriebsstrecke zwischen A- und B-Linie vorsah. Sämtliche Vorschläge diese Strecke in das Netz einzubinden lehnte der Gutachter ab.


Zur Erinnerung, hier nochmal die Postkarte:





Heute sieht es an genau dieser Stelle so aus (Bing Vogelperspektive):



Wer heute hier lebt setzt sich wohl echten Gesundheitsrisiken aus.










Heute wird der Tunnel planmäßig nur von der Linie 2 bedient. Eigentlich wie damals. Nur ist diese heute keine Ringbahn mehr, sondern fährt „Von Freudenheim ins Freudenhaus“. Der zu sehende Wagen verkehrt jedoch in die Gegenrichtung.

Entgegen einem Bericht aus der Stuttgarter Zeitung von 2004 nicht fast ausschließlich mit Bordellbesuchern besetzt, welche sich bei der Fahrt durch die Neckarstadt (anderer Slum) keine obszönen Gesten spielender Migrantenkinder in der Mittelstraße ansehen mussten.






Etwa dort, wo wir auf der Postkarte den Wagen sehen, befindet sich heute Mannheims einzige U-Haltestelle „Dalbergstraße“. Und im Gegensatz zu einigen Ludwigshafener Haltestellen findet man keine vorbereiteten Hochbahnsteige. Dafür hat man den Tunnel auch für eine Fahrzeugbreite von 2,65 m angelegt, während man in LU seine 2,35er Tunnel für 2,50 ausgab.



Während die Haltestelle heute – seit Einbau der Überwachungskameras – eine weitestgehend saubere Unterkunft für Obdachlose und Dosenbiertrinkervereinigungen aus der Nachbarschaft bietet, sieht es im Zwischengeschoß anders aus:



Liebhaber menschlicher Exkremente, insbesondere auf dem „Natursekt-Bereich“ kommen hier voll auf ihre Kosten.


Leider sind auch viele Schmierereien anzutreffen, obwohl man sich mit der Gestaltung durchaus Mühe gegeben hat:



RNV8





Komischer 4-ax-Phantasie-Verbandstyp






GT6N





GT8






An der Haltestelle Rheinstraße – unter dem Brückenkopf kommt die Bahn wieder ans Licht. So mehr oder weniger.

Auch die Haltestelle hier war mal komplett „kreuzungsfrei“. In Bildmitte unten erkennt man noch eine der Holzschwellen, auf denen einmal Absperrungen montiert waren, die das Überschreiten der Gleise an der Haltestelle Rheinstraße verhindern sollten.
Doch schnell waren sie ein Hindernis – beim Überschreiten der Gleise. Also wurden sie abmontiert. Ich kann mich an die Dinger nicht mehr erinnern.
Damit man nun im Gleis auch nicht stolpern muss, hat man vor kurzem einen Niveaugleichen Überweg eingebaut. Somit war die Haltestelle auch barrierefrei zugänglich ;-)
Einen solchen Lerneffekt würde ich mir mal für einen Abbau der Z-Überwege wünschen, um die die meisten Leute eh nur außerumgehen.


Soviel zur Straßenbahn auf dem Luisenring für heute….

Ach du Sch… schon 1:30 und morgen ist Vorlesung…

(Gott sei dank erst um 14 Uhr)


Alla hopp!

Antworten:

bei den beschafften Triebwagen aus Bild 3 muss es für den Fahrer doch ziemlich übel gewesen sein auf solch einer offen Plattform gestanden zu haben bei jedem Wetter. Ich stell mir das gerade vor, bei Wind und Wetter und kälte im Winter. Die waren doch komplett Nass und durchgefroren ohne jeglichen Schutz. Wenn man wenigstens das hohe Dach etwas weiter runtergezogen hätte. Ganz vorne drauf auch noch die Fahrkurbel der Elektrischen.
Hast du eine Bild wie man sich den TW vorne verglast vorstellen kann?

von Vetter 16SH - am 03.12.2015 15:07
Danke für den informativen Artikel.
Dann war der Abzweig vom Luisenring am Anfang also zweigleisig und nicht wie auf dem Gleisplan von 1927.
Es sind eine Vielzahl der Gleiswechseln zu erkennen.

von bmstrab - am 03.12.2015 17:55
Der Vorteil der offenen Plattform war, dass man Passanten und Kutscher ungehindert ankreischen konnte.

Aber in der Tat war es der hohe Krankenstand, der Anlass war, die Wagen zu verglasen.


Die ersten Verglasungen sahen so aus wie hier beim Frankfurter 345.





Später hat man die Front dann komplett umgebaut, wie dieses Foto eines Mannheimer Schadwagens zeigt:



von Tw237 - am 03.12.2015 18:17
Freundschaft,

eine offene Plattform zum ankreischen von Gestalten hätte Herrn G sicher gut gefallen.

von Frieder Schwarz - am 03.12.2015 18:54
der hat das auch aus der abgeschlossenen Fahrerkabine im ET8N geschafft...

von Stefan Klein - am 03.12.2015 19:19
Bis wann waren denn noch die seitlich unten verjüngten Originalwagenkästen im Einsatz?
Abgesehen von Kriegsschäden gab es ja noch reguläre Neuaufbauten.

von Fabegdose - am 03.12.2015 21:34
Damals lief der Betrieb irgendwie flüssiger :confused:










P.S.: Herr G. wollte ihn als Bundeskanzler

von Fabegdose - am 03.12.2015 21:37
Gegeben hat es solche Wagen wohl noch in den 60ern.
Auf der 1956 eingestellten Linie 14 fuhren eigentlich nur solche Wagen. Das erzählte mir zumindest ein Zeitzeuge. Bilder legen nahe, dass das stimmt.

von Tw237 - am 03.12.2015 21:37
Zur Information:
MySnip.de hat keinen Einfluss auf die Inhalte der Beiträge. Bitte kontaktieren Sie den Administrator des Forums bei Problemen oder Löschforderungen über die Kontaktseite.
Falls die Kontaktaufnahme mit dem Administrator des Forums fehlschlägt, kontaktieren Sie uns bitte über die in unserem Impressum angegebenen Daten.