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Nahverkehr Rhein-Neckar
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vor 1 Jahr, 6 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 1 Jahr, 6 Monaten
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Fabegdose, bassemohluff

OEG vor 70 Jahren

Startbeitrag von bassemohluff am 11.04.2016 08:00

Am 10. April 1946 erschien in der Rhein-Neckar-Zeitung ein Artikel über die OEG am Ende des zweiten Weltkrieges,
der letztes Jahr erneut veröffentlicht wurde [www.rnz.de]. Darin heißt es :

US-Tiefflieger nahmen OEG ins Visier

Wie die Dossenheimer vor 70 Jahren das Kriegsende erlebten:
"Wir konnten die Gesichter der angreifenden Piloten erkennen"


Zwischen Mitte Dezember 1940 und Mitte März 1945 konnten die Dossenheimer von der Bergstraße aus zusehen,
wie draußen in der Rheinebene die nordbadische Industriestadt Mannheim durch über 150 alliierte Luftangriffe mit mehr als 25.000 Tonnen Spreng- und Brandbomben in Schutt und Asche versank.

Ab Herbst 1944 war die Gefahr aus der Luft dann auch für die Dossenheimer selbst ganz real:
US-amerikanische Tiefflieger griffen am helllichten Tag aus heiterem Himmel an - Ziel waren oftmals die zwischen Weinheim, Heidelberg und Mannheim verkehrenden Züge der Oberrheinischen Eisenbahngesellschaft (OEG).

Am 10. April 1946 berichtete die RNZ, dass von 21 OEG-Zügen bei Kriegsende nur noch acht übrig waren.

Waltraud Bohneberg, geborene Schmitt (Jg. 1927) hat das alles hautnah miterlebt :

"In einer kurz vor Kriegsende zwischen Handschuhsheim und Dossenheim von Tieffliegern beschossenen OEG saß ich selbst.
Die Flieger kamen so tief herunter, dass wir die Gesichter der Piloten vorne in der Glaskuppel deutlich erkennen konnten. Nachdem dieser mit seinem MG auf die OEG gefeuert hatte, lagen mehrere Tote und Verletzte neben dem zerschossenen Zug am Boden.

Karl Otto Frommel (1871-1951), evangelischer Theologie-Professor in Heidelberg,
hielt die damaligen Ereignisse in seinem Tagebuch fest:

Demzufolge kam es am Freitag, 23. März 1945, gegen Abend in Dossenheim zu einem weiteren Tieffliegerangriff auf einen Zug der OEG. Darin saß auch eine Frau, die bei einem Bauern in Schriesheim Milch für ihre Enkelkinder holen wollte.
Bei der Attacke "erlitt die unglückliche Frau schwere Verwundungen in Brust und Unterleib. Man brachte sie - statt nach Heidelberg - nach Schriesheim, wo ihr rechtes Bein - ohne Narkose - amputiert wurde. Dort erlag sie dem Blutverlust und den Qualen der Operation. Ihr Gatte, der, obwohl schwer herzleidend, im Eilschritt von Heidelberg herübereilte, traf sie bereits tot an, furchtbar zugerichtet, mit zerfetzten Kleidern, neben ihr das amputierte Bein. Schon getraute sich niemand mehr die Eisenbahn zu benutzen".

Manfred Schmich (Jg. 1941) und seine Mutter hatten damals riesiges Glück:

"Ich wohnte allein mit meiner Mutter, der Vater war im Krieg, die Geschwister noch nicht geboren. Da hörten wir plötzlich Flugzeuglärm und schon durchschlugen einige Geschosse eines amerikanischen Tieffliegers, der offenbar gerade entlang der Landstraße die vorbeifahrende OEG angriff, auch das Glas einer Fensterscheibe der elterlichen Wohnung. Sie trafen auch irgend etwas im Zimmer dahinter, sodass uns die Brocken um die Ohren flogen. Meine Mutter, die von etwas gestreift wurde und einen furchtbaren Schrecken bekam, packte mich und sprang mit mir hinter einem Möbelstück in Deckung."

- - -

Auch der Mannheimer Morgen berichtete über die OEG in dieser Zeit [www.morgenweb.de] :

Der erste Sommer nach dem Krieg

Durch die Ruinen pendelt und pulst der Berufsverkehr.
Die OEG fährt im Juli von der Neckarstadt nach Weinheim-Gaswerk und von dort nach Heidelberg-Handschuhsheim.

Ende Juli startet auch vor der Lessingschule wieder eine OEG Richtung Neuostheim.

Und der sogenannte Milchzug Mannheim-Heidelberg-Sinsheim-Eppingen mit Abzweigung nach Rappenau-Obrigheim nimmt Fahrt auf - Ordnung bleibt erste Bürgerpflicht:
Strengste Wohnraumlenkung wird befohlen, ab Mitte Juli gilt eine totale Zuzugssperre nach Mannheim.

Der Postverkehr läuft wieder an, Verwaltung und Banken nehmen die Geldgeschäfte in die Hand.

Am 17. August 1945 führt die US-Besatzungsmacht die Meldekarte ein:
Alle Erwachsenen brauchen diesen Ausweis, das Ausland beginnt schließlich auf der anderen Rheinseite in der französischen Besetzungszone.

- - -

Das Stadtarchiv Mannheim liefert Daten zu dieser Zeit [www.stadtarchiv.mannheim.de] :

Anfang Mai 1945
Die Militärregierung gestattet den Zivilverkehr über die von den Amerikanern zwischen den gesprengten Friedrichs- und Hitlerbrücken errichtete Behelfsbrücke, soweit der Truppennachschub nicht behindert wird. Die OEG nimmt einen beschränkten Güterverkehr von der Neckarstadt nach Weinheim auf.

13. Mai 1945
Die OEG nimmt den Vorort- bzw. Lokalbahnbetrieb auf der Linie Mannheim - Weinheim - Schriesheim mit Dampfbetrieb wieder auf.

18. Juni 1945
Die OEG eröffnet den Berufsverkehr zwischen Mannheim-Neckarstadt und dem Weinheimer Gaswerk und von da nach Heidelberg-Handschuhsheim.

23. Juni 1945
Die OEG lässt beschränkten Reiseverkehr zu.

01. Juli 1945
Die OEG fährt wieder von Seckenheim nach Heidelberg und von Seckenheim nach Neckarhausen.

15. Juli 1945
Die OEG fährt ab Neuostheim, ab dem 20. Juli auch von der Lessingschule (Oststadt), zweigleisig und alle 30 Minuten nach Heidelberg.

07. Oktober 1945
Die OEG verkehrt für Ausflügler jetzt auch wieder an Sonntagen.

Weitere Infos auch unter [rnlf.ticse.net] !
.

Antworten:

So war es ja überall in den letzten Kriegsjahren, als die Alliierten die Lufthoheit erlangt hatten.
So auch am 26.11.1944, als ein RHB-Zug kurz vor Ellerstadt West angegriffen wurde.
Bis die schützende Bebauung erreicht war, waren mehrere Tote und eine große Zahl Verletzter zu beklagen.
Oft wurde der Fehler gemacht, in Gruppen vom Zug zu flüchten, denn diese boten ein gut zu treffendes Angriffsziel,
während Einzelpersonen dann meist verschont blieben.
Das richtige Verhalten wurde später mit Plakaten bekannt gemacht.
Wenn man bedenkt, daß heute kleinste Kollateralschäden (etwa Frauen von IS-Angehörigen) weltweit für Empörung sorgen,
ist es schon verwunderlich, daß damals Angriffe auf Schülerzüge scheinbar nichts verwerfliches an sich hatten.
Nach den Verlusten im Betriebshof Collinistraße 1943 war man übrigens dazu übergegangen, die Wagen nachts auf der Strecke abzustellen, dazu wurde am Neuberg bei der Weiche 2.1 das nördliche Streckengleis als Abstellgleis verlängert.

von Fabegdose - am 11.04.2016 11:51
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