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Nahverkehr Rhein-Neckar
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Erster Beitrag:
vor 1 Jahr, 6 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 1 Jahr, 5 Monaten
Beteiligte Autoren:
Holger Koetting, Heidelberger Straßenbahner

Italien

Startbeitrag von Heidelberger Straßenbahner am 24.08.2016 20:24

Hallo - Salü - Ciao,


von Graubünden aus fuhren wir nicht durch den 6,6 km langen San-Bernardino Straßentunnel, sondern wir entschieden uns über den 2066 m hohen San-Bernhardino Pass zu fahren.

Sehr zu empfehlen übrigens, denn auf dem Scheitelpunkt steht seit 1770 ein Hospiz (= festes Haus oder Hütte in ansonsten unbebautem Gebiet, die zum Schutz vor Unwetter und als Übernachtungsmöglichkeit dient), in dessen urigem Gastraum man freundlich und hervorragend bewirtet wird. Etwas teurer, als im Tal übrigens, aber wenn man weiß, dass die Wirtsleute alles hoch schaffen, und die Abfälle wieder ins Tal bringen müssen, ist dies meiner Meinung nach gerechtfertigt.

Irgendwann gegen Abend erreichten wir unser Urlaubsdomizil am Lago Maggiore.
Eigentlich ist mein Urlaubs(eisenbahn)bericht ja beendet, denn beim aussteigen in Tiefencastel (wir erinnern uns – zumindest der geneigte Leser) erwähnte meine Frau, dass ich für diesen Urlaub ja genug Zug gefahren wäre!

Aber als am nächsten Morgen das Londoner Wetter immer noch anhielt (wie den ganzen Urlaub übrigens), erwähnte (ausgerechnet) meine Frau, dass bei diesem Regen wir genauso gut wieder Eisenbahn fahren könnten.

Zu meinem Glück wurde am 25. November 1923 die meterspurige Centovallibahn zwischen Domodosola in Italien und Locarno in der Schweiz eröffnet.

Da uns die Schweiz (Parkgebühren) negativ in Erinnerung war, fuhren wir nach Domodosola und fanden zufällig einen kostenfreien öffentlichen Parkplatz, der zudem nur wenige Schritte von der unter dem FS Bahnhof beginnenden Verbindung lag.



Im Endbahnhof stand ein Panoramazug bereit, der in 10 Minuten abfahren sollte → also noch schnell die Fahrkarten erworben, einen schönen Fensterplatz ergattert und es konnte los gehen.

Ah, bevor die Besserwisser sich auskennen, ihr Veto einlegen; die Aufnahme der vierteiligen, 2007 in Betrieb genommene Kompositionen entstand erst in Locarno, aber in Domodosola reichte einfach die Zeit nicht mehr! Hergestellt wurden sie übrigens von Officine Ferroviaire Veronesi und Skoda.



Nach dem Bahnhof Vertigo steigt die Strecke in Serpentinen an. Bei einem Blick ins Tal erkennt man einen der zwölf 1994 gebauten (ehemals) ABe 4/6 (Einige der Gelenktriebwagen - wie der Abgebildete - wurden 2011 um ein Mittelteil in ABe 4/8 erweitert).
Acht Fahrzeuge gehören der Ferrovie autolinee regionali ticinesi (FART), die den Schweizer Streckenteil betreibt, vier Fahrzeuge der Società subalpina di imprese ferroviarie (SSIF), der Gesellschaft, die den in Italien liegenden Teil befährt.

Dem Betrieb liegt ein übrigens Staatsvertrag zwischen der Schweiz und dem (damaligen) König von Italien, vom 12. November 1918 zugrunde.

Auf keinen Fall möchte ich versäumen, ein Essensbild zu präsentieren. Im Bahnhof Gagnone-Orcesco (816 MüNN – Domodossola liegt auf 267 MüNN!) stieg eine junge Dame mit einem Servicewagen ein, der allerlei Gutes enthielt, unter anderem Kaffee und Kuchen, toll dachte ich, nun ja, das Ergebnis seht Ihr ja auf dem folgenden Bild:



Nicht vergessen zu erwähnen möchte ich noch, dass nach der Abfahrt in Domodosola wir über Lautsprecher begrüßt wurden. Dabei wurde auch (erst jetzt) erwähnt, dass für die Panoramazüge ein Zuschlag von 1,50 € (wahlweise auch SF) pro Person erhoben wird, wegen dem Panorama eben.

Der Schaffner kam kurz danach vorbei, um dies bar zu kassieren.

Das wäre doch mal eine Einnahmequelle für unseren Verein:
Wenn der 204 auf der 21 fährt, kassieren wir einfach einen Oldtimerzuschlag → also (freiwillige) Schaffner bitte beim Vorstand melden!



Im Vigezzotal liegt die Bahnlinie hoch über dem Melezzo Occidentale, Bergvorsprünge werden in Tunnel, oder wie auf dem vorigen Foto zu sehen, in Steinschlaggalerien unterfahren.


Im Bahnhof Druogno kreuzen wir den Gegenzug aus Locarno.



Nach 17 km wird bei Carmedo die Grenze zur Schweiz passiert, mehr passiert aber auch nicht, keine Grenzkontrolle (immerhin EU Außengrenze), kein Fahrzeug oder Personalwechsel. Die beiden Eisenbahngesellschaften arbeiten eng zusammen und tauschen die (gemeinsam beschafften) Fahrzeuge aus.



Ab hier heißt das Tal nun Centovalli (bedeutet „100 Täler“; sind es natürlich nicht, 100 hat im Romanischen die Bedeutung viel).

Die Lokführer der Panoramazüge haben nur einen „halben“ Fahrerstand, auf der zweiten Wagenhälfte kann der Fahrgast (der den einen Sitz ergattert) die Strecke aus der „Lokführersicht“ genießen. Auch wenn ich dies als Fahrpersonal nicht toll finde (der Fahrerstand ist wirklich sehr eng), als Reisender (wir sind ja bei der Eisenbahn) sieht das Ganze schon anders aus.

Hier ein Blick auf den Bahnhof (eigentlich Haltepunkt??) Borgnone-Cadanza:





Die Centovallibahn war nicht der erste Meterspurbahn, die von Locarno ausging, am 02.09.1907 wurde die Locarno-Ponte Brolla-Bignasco-Bahn (Maggiatalbahn) eröffnet, trotz heftiger Proteste im Maggiatal fuhr am 28. November 1965 der letzte Zug von Bignasco nach Locarno. Heute dient noch ein kurzes Stück dieser Strecke in Ponte Brolla als Zufahrt zu einer Wagenhalle.

Seit 1990 verschwindet die Strecke bei San Martino in einem 2590 m langen Tunnel, der Bahnhof Locarno der FART liegt unter (ja gut - leicht daneben) den Stationsgleisen der SBB. Vorher fuhren die Züge der Centovallibahn auf den ebenfalls meterspurigen Gleisen der Straßenbahn von Locarno bis auf den Bahnhofsvorplatz. Auch hier hat der Automobilverkehr „gesiegt“, zumindest hat man die Centovallibahn nicht eingestellt, wie die Straßenbahn.



In dem relativ großzügigen unterirdischen Bahnhof (zumindest gegenüber Domodosola), sind mehrere Abstellgleise, auf einem dieser steht einer der vier 1959 beschafften ABe 8/8 Triebwagen (ursprünglich gehörten die Triebwagen 21 und 22 der FART, die Nr. 23 und 24 der SSIF. 1982 verkaufte die FART ihre beiden Triebwagen der SSIF).

Und weil es nun mal nicht ohne Busbild geht, ich einen der FART Busse nicht zu Gesicht bekam, als obligatorisches Busbild, dass einer Haltestelle im Valle Vigezzo



Zu dessen Ausstattung würde noch gut der Teppich passen, den ich vor einiger Zeit in der Haltestelle Wieblingen Nord fotografiert habe. Leider hatte ich diesen nicht dabei.



Salü Erhard

Antworten:

Zitat
Heidelberger Straßenbahner
Nach 17 km wird bei Carmedo die Grenze zur Schweiz passiert, mehr passiert aber auch nicht, keine Grenzkontrolle (immerhin EU Außengrenze), kein Fahrzeug oder Personalwechsel.


EU-Außengrenze ja, aber da die Schweizer dem Schengenraum beigetreten sind, sind die Grenzkontrollen weitgehend entfallen.

von Holger Koetting - am 31.08.2016 18:20
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