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Forum:
Gottfried-Benn-Forum
Beiträge im Thema:
5
Erster Beitrag:
vor 11 Jahren, 2 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 4 Jahren, 10 Monaten
Beteiligte Autoren:
Mü, Hans Christian Müller, Martin Preiss, jule

Viele Herbste

Startbeitrag von Mü am 26.04.2007 09:34



Hallo Zusammen

Für meine Abschlussprüfung (Buchhändlerin) habe ich fünf Gedichte von Benn gewählt. Nun fehlen mir noch interpretationsansätze zum Gedicht "Viele Herbste". ich würde mich sehr freuen wenn ihr mir helfen könntet. Ausserdem habe ich noch die Gedichte "Kann keine Trauer sein", "Mann und Frau gehen durch die Krebsbarrake" "Kleine Aster" und "Requiem" gewählt.
Als Überthema, denke ich.,ist Vergänglichkeit nicht zuweit her geholt.


Wenn viele Herbste sich verdichten
in deinem Blut, in deinem Sinn
und sie des Sommers Glücke richten,
feg doch die fetten Rosen hin,

den ganzen Pomp, den ganzen Lüster,
Terrassennacht, den Glamour-Ball
aus Crepe de Chine, bald wird es düster,
dann klappert euch das Leichtmetall,

das Laub, die Lasten, Abgesänge,
Balkons, geranienzerfetzt -
was bist du dann, du Weichgestänge,
was hast du seelisch eingesetzt?

Ich danke euch sehr!
Grüsse

Antworten:

an dieses Gedicht konnte ich mich überhaupt nicht erinnern und fand einige Wendungen darin ziemlich erstaunlich. Die ersten drei Zeilen in Strophe I sind ja noch ganz im Stile vieler Stimmungsgedichte zum Thema Herbst - Benn hat dazu ja auch andernorts viel beigetragen - elegische Gedichte, leicht sentimentale Texte im Umkreis der Themen Verlust und Vergänglichkeit. Aber dieses "feg doch die fetten Rosen hin" klingt dann doch etwas salopp, fast schon ein wenig ungehalten und wegwerfend. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass die (von Benn doch hoch geschätzten) Rosen mal mit einem solchen Attribut wie "fett" zusammengebracht worden wären.

Strophe II klingt für mich, als würde sich die Aggression langsam steigern. Die Reime Lüster - düster und Ball - Metall wirken auf mich wie beiläufig hingeworfen; so als hätte nur der Reimzwang dafür gesorgt, dass hier nicht noch viel drastischere Sätze gefallen sind. Und auch hier ist der letzte Vers eine Steigerung - und ganz sicher nicht mehr sentimental.

In der dritten Strophe findet die Aggression gegen das Du dann ihren Höhepunkt in der Zeile "was bist du dann, du Weichgestänge" - eine ziemlich originelle Beleidigung, die mir zumindest bislang noch nicht begegnet war. Die folgende Frage klingt für mich dann wie eine Anklage.

Insgesamt ein großer Spass dieser Text, besonders wenn ich ihn vor der Folie anderer (ernsterer/erhabenerer) Gedichte Benns zum Thema lese.

Aber das sind jetzt natürlich nur ein paar Assoziationen zum Text, keine Interpretation (und sagen vielleicht auch mehr über den Leser aus als über das Gedicht).

Gruß

MP

von Martin Preiss - am 27.04.2007 13:01
also irgendwie hatte ich schon immer den eindruck, dass das thema "vergänglichkeit" bei benn nicht weithergeholt ist ...
in erinnerungen schwelgend,
jule

von jule - am 28.04.2007 20:17
Nein, eigentlich ist es nicht weithergeholt...und wahrscheinlich auch der Grund warum wir Benn so lieben...
Ich danke für die bisherigen Antworten und bin für weitere Antworten offen...

Wenn jemand noch etwas zu den anderen Gedichten beitragen kann, wäre ich sehr dankbar. Nur das Gedicht "Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke" habe ich bis jetzt "vollständig" interpretiert.

von Mü - am 30.04.2007 06:43
Bin zufällig auf diese Interpretationsversuche gestossen, wonach es mich drängt, mich dazu auch nach Jahren noch zu äussern. MP sollte den Versuch unterlassen, Benn-Gedichte interpretieren zu wollen. Das Gedicht ist wohl im Herbst des Lebens entstanden, in dem die erlebten Herbste sich tatsächlich zu verdichten beginnen. Sie richten des Sommers Glücke voll Pomp und Glamourbällen in Terrassennächten. Alles erlebt und der Vergänglichkeit hingeben müssen. Das Leuchten des Lüsters geht ein, und es wird düster, und du fragst dich, wo eigentlich der Sinn deines Daseins als Weichgestänge verborgen liege. Was hast du am grossen Ganzen bewegt? - Ein Gedicht, das die herbstliche Melancholie nicht besser wiedergeben könnte. Sie liegt offen da und Rilkes Herbstlied gar nicht so weit entfernt. (Es sind übrigens 50 Jahre her, dass ich genau dieses Gedicht anlässlich meines Abschlusses an der Kantonsschule Aarau interpretieren durfte).

von Hans Christian Müller - am 01.09.2013 21:12
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