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Forum:
Gottfried-Benn-Forum
Beiträge im Thema:
11
Erster Beitrag:
vor 10 Jahren, 2 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 8 Jahren, 4 Monaten
Beteiligte Autoren:
HBe, AE, FBS, asdf, Martin Preiß

komm in den totgesagten park

Startbeitrag von AE am 17.09.2007 23:06

N’Abend,

nachdem die kleinen „Hallo“s jetzt schon monatelang verhallt sind, dachte ich, ich komme mal zurück auf das Herbstgedicht, das hier im Sommer eingestellt wurde, als nur Herr Preiß ahnte, dass es mit dem Wetter in Deutschland ein grausiges Ende nehmen würde. Ich lese gerade die neue George-Biografie, die in allen Feuilletons abgefeiert worden ist (Karlauf, Die Entdeckung des Charisma), wirklich ein feines Buch, bestimmt ordentlich recherchiert, ohne Geraune und schön und gerade eben so ein bisschen sarkastisch geschrieben, dass man es bei einer Figur wie George gut ertragen kann. Zum Herbst steht da (S. 40):
„Es ist die Zeit der Weinernte, die Zeit der welken Farben und der schweren Düfte. Bis zur Lebensmitte zog George den Herbst allen anderen Jahreszeiten vor.“ Dann kam Maximin und George fand Spaß am Frühling. George habe immer gern Spaziergänge gemacht; aber, kann man lesen: „Im Grunde habe George ein gebrochenes Verhältnis zur Natur, fand Sabine Lepsius nach einem Besuch in Bingen. ‚Unbekümmert um die Herrlichkeit des Sommers' sei er ‚wie ein gefährlicher Dämon' neben ihr hergelaufen: ‚Eine plötzliche, unheimliche, ich möchte fast sagen böse Wirkung ging von ihm aus.'“
Ich weiß nicht, ob das jetzt ein anregender Diskussionsvorschlag ist, aber es ist eigentlich ein zu schönes Gedicht, um es nur mit ein paar Sätzen abzuhandeln, und es ist doch jetzt auch wirklich richtig traurig und melancholisch draußen. Und ich habe immerhin mal wieder Gelegenheit, diese Benn-Stelle aus dem Ptolemäer zu zitieren, die zu rühmen ich ja nicht müde werde und in der es um den Frühling geht, was man aber kaum merkt:
„Nein, - mit dem Frühling verhielt es sich anders: ich würde das seit Monaten nicht vernommene Geräusch des Regens hören, dies süße Geräusch, ich würde am Fenster stehn, ihn auf die Gartenerde fallen sehn, diese monotone ruhige Erde, für die man, auch wenn man sie lange anstarrt, keine Organe hatte und die man nicht begriff -, eine neue Zerstörung würde beginnen.“
Ist doch auch komisch, dieses ewige Am-Fenster-Stehen bei Benn ...

Na, wenn sich hier mal je wieder jemand hin verirrt –

Viele Grüße
AE

Antworten:

Ja, das Fenster. Hier wird, wie übrigens auch am Telephon, meinetwegen auch Handy, der Menschheitstraum der Gleichzeitigkeit von Freiheit und Sythesis wahr, oder scheint wahr zu werden. Man kann es auch einfach nur "Dabei sein" nennen. Information gelangt von draußen nach drinnen, aber eine Verschmelzung wird verhindert. Das Fenster ist der Durchgangsort, der Innen und Außen verbindet und doch trennt. Ich habe Kontakt, muss aber nicht die Symbiose eingehen, nicht mal eine Mischung - chemisch gesprochen. Ob Benn wohl lieber am Fenster zum Hof oder an dem zur Staße, respektive Garten stand. Also lieber Natur oder Kunst?
P.S. In seiner Dichtungstheorie (glaube in "Soll die Dichtung das Leben bessern?") nimmt Benn ja auch Bezug auf das von AE im Titel zitierten Gedicht von George - wie Sie ja alle wissen.

von FBS - am 19.09.2007 10:36
Ich dachte schon, Sie meinen mit dem totgesagten Park das Benn-Forum. Na ja, da ich ja hier selber nichts mehr beitrage, will ich lieber schön stille schweigen.

Sagen Sie , Frau AE, wird denn Benn in dem George-Buch mal erwähnt, oder genauer, spricht George selbst mal von Benn (Rilke tut es, so weit ich sehe, nie), oder war das alles Kroppzeug für ihn?

Güßchen von HBe

von HBe - am 20.09.2007 10:29
HBe! Da schau her. Wie schön! Benn kommt gelegentlich vor in der Biografie, die Stelle aus PdL wird zitiert, die hier auch vor Monaten schon mal kursierte ("schönstes Herbstgedicht" ...), ansonsten wird Benn nur beiläufig heranzitiert zu Themen wie Nietzsche, Expressionismus, ich glaube, selbst seine George-Rede wird nicht erwähnt. Ob George sich je zu Benn geäußert hat, weiß ich nicht, bin ja selbst keine George-Expertin, auch in der Biografie ist nichts darüber zu finden. Aber die Sache mit den Fenstern: Was halten Sie denn davon? Das Aus-dem-Fenster-Gucken bei George und Benn - und natürlich bei Rilke, der hat doch später dem Fenster einen ganzen Zyklus gewidmet, nur auf französisch meines Wissens ...

Il suffit que, sur un balcon,
ou dans l'encadrement d'une fenêtre,
une femme hésite ..., pour être
celle que nous perdons
en l'ayant vue apparaître.

Usw. Da kommt sogar der Balkon vor, den Benn ja nicht leiden konnte, im Gegensatz zu Benjamin, der zumindest Karyatiden prima fand. Thema: Architektur und Poesie.
Hätte ich bloß Zeit, mich mal wieder mit so müßigemTand zu befassen ...

Klar ist das Forum der totgesagte Park.
Und dieses Dings hier, in das ich reinschreibe, ist das Fenster -

aus dem freundlich winkt
AE


von AE - am 20.09.2007 11:31
Das wäre mir nicht aufgefallen, daß Benn besonders oft am Fenster gestanden hätte, was allerdings nichts heißt. Es gibt ein paar Gedichte, klar, aber das ist doch normal. Nur in der Bozener Str. geht sein Blick immer wieder auf den Hinterhof, auf die Brennesseln, Kaninchenställe, Nachbars Unterwäsche, den Kriegsschutt, die mageren Kinder usf., man könnte eine bescheidene Soziologie dieses Hinterhofblickes schreiben. Der Blick zur Straße interessiert ihn nicht so, da sehen einen die Patienten oder der Leierkastenmann.

Das Fenster ist ein Grenzwert der Zivilisation, das sehe ich wie FBS, Natur sehen und trotzdem unbeteiligt sein. Hölderlin stand nicht am Fenster, sondern lief hinaus, aber außer abendlichen oder winterlichen Spaziergängen beschränkt sich Benn, ich hätte beinah weitgehend gesagt, auf den Weg zur Kneipe. Natur selbst war ihm doch unangenehm, Sonnenstrahlen, Kletterpflanzen, Berge. Ich denke, nur Seen, vielleicht das Wasser überhaupt, ließ er gelten, neben den Schnittblumen und den Frauen. Wußten Sie, daß er mal einen Hund hatte, bzw. seine dritte Frau, die das unbedingt wollte, hat er 2 oder 3 Tage ausgehalten, dann war Schluß.

Nochmals Grüßle, mit "r" natürlich, was ich immer schreibe.


von HBe - am 20.09.2007 13:15
nur um die Stoffsammlung zu ergänzen: in dem Prosatext "Alexanderzüge mittels Wallungen" (~1923) sitzt Rönne am Fenster und schaut in die Nacht hinaus - viel mehr passiert in diesem Text nicht; in irgendeinem Jahrbuch habe ich mal eine völlig uninspirierte Interpretation dazu geschrieben, aber alles, woran ich mich noch erinnere, ist der gelangweilt am Fenster sitzende Rönne, der sich einigermaßen missgelaunt über Gott und die Welt auslässt (er hatte mir besser gefallen, als er noch nicht so genau Bescheid wusste, der Herr Rönne).

Gruß

MP

von Martin Preiß - am 21.09.2007 07:55

schaffen Sie kleine Gebilde still an Ihrem Fenster

Der Radardenker: „Auf einem bestimmten Holzstuhl sitze ich vielfach vormittags an meinem Fenster, das eine Straße [also nicht den Garten] übersieht. Das kann ich mir für Augenblicke leisten. Reisen kann ich nicht [...]. Dies Sitzen ist angenehm – nicht als ob ich bewegungsunsicher wäre. Der gelähmte Restaurator mir vis à vis, Alkoholmißbrauch, alte Lues, das rechte Augenlid geht nicht mehr hoch, auch sonst beschädigt, der ist gehbehindert, aber er sinnt doch freundlich im Vorgarten seines Etablissements vor sich hin und spinnt gedanklich. [...] Der Mann am Fenster! Die Gedankengänge im Heim! Der Radardenker auf seinem Sessel! [...] Die äußere Kausalität schafft nichts heran, Sie müssen immer ausgehen und was suchen, die innere bereichern Sie in Ihrem Stuhl – Siam, das in Lotosblüten versunkene Land [...]. Ernstlich, betrachten Sie die Lage! Sie sitzen hier in Ihrem Stuhl und draußen beginnt der Angriff auf die Tropen. [...] Wenn nun einer sagt, was der Mann am Fenster da macht, ist etwas für Fischkutter zum Heringsfangen, Horchlot-Orter, Schwingungserreger, aber nur für Untiefen, so kann ich darauf hinweisen, auch in Zeitschriften und dergleichen finden sich sonderbare Sachen. [...] Darum lehre ich die kleinen Gebilde – schaffen Sie kleine Gebilde still an Ihrem Fenster: Fliehen Sie die Ferne, fliehen Sie die Dauer, sehen Sie nicht so weit [...]. Es gibt keine Leere und es gibt keine Fülle, es gibt nur die Möglichkeit, die Leere zu füllen hier, sofort, am Fenster mittels Lotung und Transformation.“
Also: „Romane im Sitzen“ (Roman des Phänotyp).
Oder das berühmte Kapitelchen „Block II, Zimmer 66“: „Zimmer 66 geht auf den Exerzierplatz, drei kleine Ebereschen stehn davor, die Beeren ohne Purpur, die Büsche wie braunbeweint.“
Stimmt, Rönne und die anderen frühen Helden sitzen nicht so oft auf Stühlen, liegen eher auf der Bahre oder wälzen sich im Gras, und wenn sie aus dem Fenster sehen, dann eher im Stehen. Querschnitt: „Er lag und ruhte. Unter ihm war eine Sängerin, die sang und trieb: An fernen Meeren stand das Haus. Eine Frau, die harrte, zwischen Pinien, die vergingen, immer über das Wasser, das stumm zerschlug. Aller Wellen Schauer, aller Möwen Schrei - -
Oder sich erheben, an das Fenster etwa würde eine Wärme schlagen, nichts Strahlendes, doch etwas, in dem Blüte stand, und dann sich neigen und hinnehmen dies: der Zweige Hauch, das blasseste Entschleiern – kurz: das Unumgängliche, würde es in dem Garten sein? –“
An Gedichte, in denen „das lyr. Ich“ vor dem Fenster sitzt, kann ich mich allerdings jetzt auch nicht erinnern. Sitzt höchstens mal vor dem Radio.

Schönes Wochenende!
AE


von AE - am 22.09.2007 10:04

Re: schaffen Sie kleine Gebilde still an Ihrem Fenster

- "Ich sitze dann an einem bestimmten Fenster meiner Wohnung u. schaue auf die leere u. wenig begangene Strasse u sage mir, ein weiter Weg vom frühen G. B., dem wüsten Encephalitiker (»Vermessungsdirigent«, »Karandasch«) bis zum Verfasser der harmlosen Rosenverse, die von Gustav Falke sein könnten u von Phili Eulenberg komponiert -, zum Speien alles: das Stillestehn u. das Weitermüssen, der Stumpfsinn u. die Produktion, alles von Fratzen umstellt, von Zweifeln zerrüttet, von Schlagern an die Wand gedrückt u. aufgehoben. Ein weiter Weg, - ein alter Herr schliesslich das Resultat, der denkt, ob ihm jemand die Kragen plättet u. der auf die Strasse sieht." (An Oelze, 19/VII/46)

- "Lokale Notiz: alles aus den letzten Jahren ist entstanden in meinem Sprechzimmer, in jenem Stuhl am Fenster, das auf die Strasse sieht. Im Hinterzimmer wird nur poliert u. korrigiert, die Eingebungen stammen alle aus diesem kleinen einfenstrigen Raum, vormittags. Wenn ich dort ein Stehpult, oben grünbezogen, wie es mein Vater hatte, und von 9-12 ungestört gewesen wäre, wäre ich ein mittelgrosser Mann geworden, so ist alles Fragment. -
Allerdings liebe ich Fragmente." (An Oelze, 21/IX/49)

- "Die »Matratzengruft« in der Bozener hat zwei hohe, schmale Fenster zum Hof, wo ein kleiner Baum kümmert. Den Kaninchenstall und die Hortensien auf diesem Hof hat er einige Male erwähnt; er liebte die steife Pracht und stille Würde dieser Blume sehr. Vor allem liebte er Rosen, sie überwuchern so manches Gedicht. Asphodelen, Lilien aller Art, Reseden, Flieder, Astern - den Blumen ist er von allen Lebewesen am meisten zugetan. Mit Tieren konnte er nicht umgehen; gar nicht mit Hunden". (Thilo Koch 1986, S. 55f.)



von HBe - am 24.09.2007 19:44

Re: schaffen Sie kleine Gebilde still an Ihrem Fenster

Mir gefiel folgende Beschreibung einer bennschen Fensterszene immer ganz gut. Man kann sich Benn so hübsch in der Belle-Alliance-Straße mit Blick auf den schmutzigen Hinterhof vorstellen. Ich nehme an es ist eine der bekannteren, da sie sich so gut für Biographien eignet. "Von den Räumen gingen drei auf die Straße, einer in den Hof. In den Hof ergoß sich ein Musikcafé, das ich belauschte, entführende Weisen. Manchmal, wenn ich nachts in mein Zimmer trat, ertönte die Musik. Ich öffnete das Fenster, ich löschte das Licht. Ich stand und atmete den Laut. Lange stand ich." Aus: Urgesicht

von FBS - am 25.09.2007 21:26

Re: schaffen Sie kleine Gebilde still an Ihrem Fenster

"Wer doch einmal die Geschichte des Fensters schriebe - dieses wunderlichen Rahmens unseres häuslichen Daseins, vielleicht sein eigentliches Maaß, ein Fenster voll, immer wieder ein vollgeschöpftes Fenster, mehr haben wir nicht von der Welt; und wie bestimmt die Form unseres jeweiligen Fensters die Art unseres Gemüths: das Fenster des Gefangenen, die croisée eines Palastes, die Schiffsluke, die Mansarde, die Fensterrose der Kathedrale -: sind das nicht ebensoviel Hoffnungen, Aussichten, Erhebungen und Zukünfte unseres Wesens? Unser Umgang mit der Weite ist recht eigentlich auf die Vermittelung des Fensters angewiesen, draußen ist sie nur noch Macht, Übermacht, ohne Verhältnis auf uns, wenn auch ungeheuer im Einfluß -: das Fenster aber setzt uns in einen Bezug, elles nous mesure notre part de cet avenir dans l'instant même qu'est l'espace ..."
Rilke am 27. Aug. 1920.

Gruß, liebe AE!


von HBe - am 29.11.2007 21:34

Re: schaffen Sie kleine Gebilde still an Ihrem Fenster

geht das einfach so?

von asdf - am 31.07.2009 15:57
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