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Forum:
Gottfried-Benn-Forum
Beiträge im Thema:
4
Erster Beitrag:
vor 11 Jahren, 9 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 11 Jahren, 9 Monaten
Beteiligte Autoren:
FBS, Martin Preiß, HBe

gdw

Startbeitrag von FBS am 13.01.2006 11:58

einst

einst, wenn der winter begann,
duhieltest von seinen schleiern,
den dämmerdörfern, den weihern
die schatten an.

oder die städte erglommen
shinxblau an schnee und meer -
wo ist das hingekommen
und keine wiederkehr.

alles des grams, der graben
früh her in unser blut - :
wenn wir gelitten haben,
ist es dann gut?

Antworten:

Wo haben Sie denn diese Fassung her, seit wann stehen Benns Gedichte in Kleinschreibung? Ich will keine philologische Erbsenzählerei betreiben (es gibt zwei konkurrierende Fassungen des Gedichts), aber in so schlamperter Form (shinxblau) sollten Sie als altgedienter Benn-Leser und Sterndeuter hier nichts einstellen, das gibt nämlich eine Rüge. Auch ist das Kürzel "gdw" für "Gedicht der Woche" inzwischen auch institutionell ein derartiger Anachronismus, daß außer 6,7 Insidern es hier niemand mehr versteht, das waren ja geradezu selige Zeiten.

Um jetzt aber nicht nur zu mähren: das Gedicht ist 1934 entstanden, *das* Jahr des Umbruchs für Benn, abhängig von seiner politischen Erfahrung und massiven Nazi-Enttäuschung oder Ent-Täuschung, weshalb man das Gedicht als Beispiel für seine "Verlorenen Illusionen" lesen kann, im Medium eines Nord/Süd-Schemas. Ich verstehe es also vor geschichtlich-biographischem Hintergrund, aber zwingend ist das nicht, und wenn jemand es anders sieht, etwa ganz aus sich selbst heraus, um so besser.


Einst [1. Fassung]

Einst, wenn der Winter begann,
du hieltest von seinen Schleiern,
den Dämmerdörfern, den Weihern
die Schatten an.

Oder die Städte erglommen
sphinxblau an Schnee und Meer -,
wo ist das hingekommen
und keine Wiederkehr.

Alles des Grams, der Gaben
frühher in unser Blut - :
wenn wir gelitten haben,
ist es d a n n g u t ?

von HBe - am 14.01.2006 16:41
darf ich ehrlich sein? ich habe es selbst eingetippt und manchmal bin ich schlicht zu faul die zweite hand hinzuzunehmen. eine unverzeilichkeit - ich weiß.

von FBS - am 14.01.2006 17:03
die Stuttgarter Ausgabe liefert dazu den Hinweis "GBs Freundin Lili Breda hatte sich am 01. Februar 1929 das Leben genommen". Was die Stuttgarter Ausgabe damit sagen will, ist mir aber eher unklar.

Ich erinnere mich daran, dass Benn dieses Gedicht einmal als besonders geglückt bezeichnet hat (man müsse es nicht hübsch finden, aber es sei gelungen - so zumindest meine vage Erinnerung an diese Passage). Ich dachte, es sei in den Problemen der Lyrik gewesen, aber dort habe ich den Abschnitt nicht gefunden. Erinnert sich jemand genauer?

Ein autobiographisches Element habe ich in diesen Zeilen auch immer vermutet, dachte aber weniger an 33 als an die östlichen Ebenen, geliebte Heimat, verlorene Kindheitswelt etc. - es kann aber natürlich auch beides sein.

Gruß

MP

von Martin Preiß - am 14.01.2006 19:35
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