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Gottfried-Benn-Forum
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Erster Beitrag:
vor 11 Jahren, 7 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 11 Jahren, 7 Monaten
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Sphairon, --------------, AE, FBS

Wer allein ist -

Startbeitrag von Sphairon am 27.02.2006 23:00

Liebe Freunde,

Ich schreibe Ihnen, etwas über die Interpretation des Gedichtes "Wer allein ist -" zu fragen. Die Übersetzungen des Gedichtes, die ich finden könnte scheinen mir unklar. Ich kann ein wenig auf Deutsch, aber nicht genug, alle Zweifel zu beseitigen. Könnten Sie, bitte, mir helfen, die bestmöglich eindeutige Verständnis dieses Gedichtes des grossten Dichter XX Jahrhunderts zu erreichen?

1) In der Zeile nr. 3, «ihrer Zeugung, ihrer Keimnis», «ihrer» bezieht sich zu «der Flut» oder zu «der Bilder»? (Bzw., die Zeile bedeutet: «immer steht er in der Zeugung und in der Keimnis der Flut» oder «immer steht er in der Zeugung und in der Keimnis der Bilder»?)

2) In der Zeile nr. 4, «selbst die Schatten tragen ihre Glut», «ihre» bezieht sich zu «der Flut» oder zu «der Bilder» oder zu «die Schatten»? (Bzw., die Zeile bedeutet: «selbst die Schatten tragen die Glut der Flut» oder «selbst die Schatten tragen die Glut der Bilder» oder «selbst die Schatten tragen ihre eigene Glut»?)

3) In der Zeile nr. 6, «denkerisch erfüllt und aufgespart», «erfüllt und aufgespart» bezieht sich zu «er» oder zu «jeder Schichtung»? (Bzw., die Zeile bedeutet: «er trächtig jeder Schichtung und er ist denkerisch erfüllt und aufgespart» oder «er ist trächtig jeder denkerisch erfüllten und aufgesparten Schichtung»?)

4) In der Zeile nr. 8, «allem Menschlichen, das nährt und paart», der Dativ meint: «der Vernichtung [der] allem Menschlichen... [gescheht]»? Oder?

5) In dieselber Zeile, was ist das Subjekt des Satzes «das nährt und paart»? Ist es «das Menschliche» oder «er» (in diesem Fall, «das» würde das Objekt).

6) In dieselber Zeile: «nährt und paart» bedeutet «sich nährt und sich paart» oder die Bedeutung ist die der transitiven Form?

Vielen Danken für Eure Hilfe.

Antworten:

Entschuldigung! Ich habe nur jetzt bemerkt, dass ich meine email Addresse falsch angelegt habe. Die korrekte Addresse ist

polityne@yahoo.co.jp

(nicht polytine@...)

von Sphairon - am 28.02.2006 09:07
Ich fürchte, manche der syntaktischen Uneindeutigkeiten sind Absicht. Grundsätzlich bezieht sich das "ihrer", "ihre" in Strophe 1 meiner Meinung nach auf die "Bilder" - allerdings insoweit durchaus auch auf die Flut, als es eben eine "Flut" von Bildern ist, anflutende Bilder: Zeugung, Keimnis, Glut anflutender Bilder. Dass sich das "ihre" vor Glut auf die "Schatten" bezöge, halte ich dagegen für unwahrscheinlich, die Schatten mögen auch ihre "eigene" Glut tragen, an dieser Stelle, eingeleitet durch das "selbst", wie ich denke im Sinne von "sogar", tragen die Schatten die Glut der Bilder, also: selbst die Schatten tragen der Bilderflut Glut.
Der Beginn der zweiten Strophe ist noch weniger eindeutig; zumal hinter "Schichtung" KEIN Komma steht.
1. lässt sich "denkerisch erfüllt und aufgespart" auf "er" beziehen: Der, der allein ist, ist erfüllt und aufgespart, begrenzt, abgezogen von allem, konzentriert, in Anspannung, verdichtet das Material, das er in sich versammelt, wartet vielleicht ab, bis der Verdichtungsgrad des geschichteten Materials so hoch ist, dass es nach außen drängt, hier irritiert mich persönlich vor allem die biologische Metapher des "Trächtig"-Seins; ist schon ein Schlitzohr, der Benn, aber "Zeugung" und "Keimnis" in der ersten Strophe gehen ja in dieselbe Richtung.
2. ist natürlich das geschichtete Material, die "Schichtung", selbst denkerisch erfüllt und aufgespart, aufgespart bis zum Moment des "Entladens", den es zu erwarten gilt, die Vollendung am Ende ist ja eine nur bedingt selbst herbeigeführte, das Vollendete ist ja etwas Fremdes, das einen ANSIEHT.
Wenn man das sozusagen fehlende Komma berücksichtigt, kann man den Satz übers Versende hinweg auch so verstehen: Er ist jeder Schichtung denkerisch erfüllt und aufgespart. Kein schöner Satz. So im Sinne von: Er ist voll des guten Weines. Er ist also erfüllt mit geschichtetem Material.
"Nährt und paart" bezieht sich auf das Menschliche, also die menschliche Kreatur, die sich und ihresgleichen nährt und sich fortpflanzt, dazu gehört auch das "Stirb und Werde" der dritten Strophe. Tja, und dann die Vernichtung: Alles wäre ganz einfach, wenn hier ein ordentlicher Genitiv stehen würde: Vernichtung alles Menschlichen, alles sich Entwickelnden, das "er" sich "ohne Rührung" ansieht. Gegen das "Leben" und die biologischen Belange und die "Entwicklung" das in formstiller Vollendung dastehende Gedicht.
Der Dativ bei "allem Menschlichen" verwundert auch

AE

Wer allein ist -

Wer allein ist, ist auch im Geheimnis,
immer steht er in der Bilder Flut,
ihrer Zeugung, ihrer Keimnis,
selbst die Schatten tragen ihre Glut.

Trächtig ist er jeder Schichtung
denkerisch erfüllt und aufgespart,
mächtig ist er der Vernichtung
allem Menschlichen, das nährt und paart.

Ohne Rührung sieht er, wie die Erde
eine andere ward, als ihm begann,
nicht mehr Stirb und nicht mehr Werde:
formstill sieht ihn die Vollendung an.

von AE - am 28.02.2006 20:39
Lieber AE, vielen Danke für Ihre Antwort. Die Italienische Übersetzung des Gedichtes (meine Muttersprache ist Italienisch) ist ziemlich unklar. Der Dativ bei «allem Menschlichen» ist, zum Beispiel, in der einfachsten Weise wiedergegeben, als Genitiv. Im “Gegenübersetzung” ist das gesamtes Resultat das folgendes:

Der, der allein ist, ist auch im Mysterium,
und er steht immer in der Fluss [sic] der Bilder,
in ihrem [i.e. der Bilder, und eventuell der Flut] Etnstehen, ihrem Keimen,
auch die Schatten haben dieses Feuer.

Trächtig jeder Schichtung ist er im Gedanke
jeder Schichtung erfüllt und aufgespart [aber auch: jeder erfüllten und aufgesparten Schichtung],
mächtig der Vernichtung
alles Menschen, das sich nährt und sich paart.

Unbewegt sieht er, wie die Erde
eine andere wird, als die, die seine war,
nicht mehr «stirb!» und nicht mehr «werde!»:
unbeweglich sieht ihn die Vollendung an.

Als Sie feststellen können, viel wird damit verändert und viel verloren. Sicher muss das Gedicht für der Übersetzer keine leichte Aufgabe gewesen sein, da es sich um dem Werk des grosstes und tiefster Dichters XX Jahrhunterts handelt.

von Sphairon - am 01.03.2006 11:47
Dass hier im Phorum einige der Meinung sind, dass Benn DER Großte ist, kann wohl sein, wo aber haben Sie ihre Information her? Sie widerholen dies "Größter des 20. Jh." bereits.
War es nicht Benn der schrieb - sinngemäß: Man könnte das Gedicht auch als das Unübersetzbare definieren. (In Probleme der Lyrik vielleciht?) Dennoch finde ich es nicht uninteressant, was geschieht, wenn ein Gedicht hin und wieder her übersetzt wird. Zumindest klarer scheint mir Ihre Rückübersetzung, wenn vielleicht auch nicht so groß, nicht mehr groß genug für den Größten.
Dennoch können gute Übersetzungen ja auch immer einen Gewinn bringen. Sah - hat hiermit jetzt wahrlich nichts mehr zu tun - Spiel mir das Lied vom Tod auf Englisch. Da fehlten einige große Sätze, die ich aus der deutschen Fassung kenne und nicht mehr missen möchte.
Gruß FBS

von FBS - am 01.03.2006 20:52
Verstanden, lieber FBS.

Jedenfalls, wenn es jemand wäre, der (/ die) mir hilfen könnten, meine primitive Zweifel über die Interpretation des Gedichtes "Wer allein ist -" weiter zu beseitigen, würde ich ihm (/ ihr) sehr dankbar.

Vielen Danke allen mitgliedern des Forums für ihre gastfreundliche Geduld.

von Sphairon - am 02.03.2006 09:27
Wer Allein Ist

Wer allein ist, ist auch im Geheimnis,
immer steht er in der Bilder Flut,
ihrer Zeugung, ihrer Keimnis,
selbst die Schatten tragen ihre Glut.

Trächtig ist er jeder Schichtung
denkerisch erfüllt und aufgespart,
mächtig ist er der Vernichtung
allem Menschlichen, das nährt und paart.

Ohne Rührung sieht er, wie die Erde
eine andere ward, als ihm begann,
nicht mehr Stirb und nicht mehr Werde:
formstill sieht ihn die Vollendung an.

von -------------- - am 02.03.2006 09:43
Wer allein ist -

von Sphairon - am 02.03.2006 18:46
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