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Forum:
Gottfried-Benn-Forum
Beiträge im Thema:
8
Erster Beitrag:
vor 10 Jahren, 11 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 10 Jahren, 11 Monaten
Beteiligte Autoren:
AE, FBS, Hector, Klaus Burckhardt, Friedrich Hartmann, Jule

Blaue Stunde

Startbeitrag von Friedrich Hartmann am 19.12.2006 12:38

Heute morgen, zwischen 6:00 und 7:00 Uhr, wurde im Radioprogramm WDR 3 - inmitten klassischen Musikstücken - das späte Benn-Gedicht "Blaue Stunde" vorgetragen; auch davon will ich hier kurz berichten. Bei der Ankündigung durch den Moderator der Sendung wurde schon von den Gedicht-Farben blau, rot und weiß und ihren spezifischen Bedeutungen gesprochen. GB hat sich in seinen Briefen an F.W. Oelze zu diesem "lyrischen Stück" geäußert, am 26.01.1952 etwas ausführlicher (mit dem Hinweis "diesen Brief bitte sofort vernichten."): Er berichtet in dem Brief über die Frau der "Blauen Stunde", sie sei "eine leere, ungebildete gemeine Person", die ihn zudem mit einem Käsehändler seit einem Jahr betrogen habe - und dennoch: "eine unheimliche innere Verbundenheit, deren Quellen weit zurückreichen müssen in kaum erahnbares psychisches Magma". Er sei bereit gewesen, "zu Grunde zu gehn"; dass seine Ehe "bis an die äußerste Grenze der Gefährdung" gebracht worden sei, sei ihm gleich gewesen. Und dann das Benn-Resümee: "Das sind die Zahlungen für Kunst und Ruhm."

Der Gedicht-Vortrag heute morgen machte evident: Das ist Kunst! Muß der Autor dafür stets teuer bezahlen?

Friedrich Hartmann

Antworten:

Das Resümee, das Sie zitieren, verstehe ich eigentlich gar nicht; was sind denn hier die "Zahlungen für Kunst und Ruhm"? Die Qualen wegen der "langen, grauhaarigen Person, das Gesicht Pfeffer und Salz" haben ja ausnahmsweise mit Kunst gar nix zu tun? Ich schreibe mal die ganze Passage ab, vielleicht versteht’s ja jemand anders aus dem Forum:
Also Benn schreibt das alles, was Sie zitieren, Käsehändler usw., dann kommt die Salz-und-Pfeffer-Stelle und dann:
"War hingerissen und litt. Sie in Ihrem sicheren Leben u der Sie einmal schrieben, Sie hätten in Ihrem ganzen Leben nie geliebt, können das nicht verstehn und Sie müssen mich verachten, aber, lieber Herr Oelze, so ist das Leben, wenn man es ernst nimmt. Das sind die Zahlungen für Kunst und Ruhm."
Ich weiß nicht; ich habe den Eindruck, hier bekommt einfach nur Oelze sein Fett ab, er muss als Folie herhalten, und Benn inszeniert sich ein bisschen als poète maudit.
Und dieses "So ist das Leben, wenn man es ernst nimmt" - hören Sie da Benn? Komischer Satz; scheint mir nicht gerade ein Bennsches "Grundwort" zu sein. An solchen Stellen wäre es doch schön, mal in den entsprechenden Oelze-Brief schauen zu können...

Viele Grüße
AE

von AE - am 20.12.2006 18:24
Das ist das Leben, wenn man sich darauf einläßt, hätte es ehrlicherweise heißen müssen und " Kunst und Ruhm " schrumpfen eher auf die Größe einer Boheme zusammen. Da muß ich AE schon beipfichten.

Gruß KB

von Klaus Burckhardt - am 20.12.2006 19:17
Moment, da habe ich mal eine Verständnisfrage.
Beschäftige mich schon länger mit Benn, muss aber gestehen, dass ich hier gerne sprachlos mitlese und beeidruckt bin von so viel mehr-Wissen und auch einfach Erfahrung.
Der Beitrag von AE ist mit klar, allerdings ist mir nicht deutlich, warum denn nun nach KB "Kunst und Ruhm" schrumpfen sollen.
Mein Eindruck ist, dass Benn durch sein eigenes Leiden, das er ja auch beschreibt, Kunst und Ruhm aufbauscht - und Oelze vorhält, das Leben nicht im gleiche Maße ernst zu nehmen, weil er nicht geliebt hat.

Und wo ich schon "blau" lesen: Wer kann mir weiterhelfen und verdeutlichen, was genau Benn mit seinen Ausführungen zum "Südwort" in Probleme der Lyrik meint?
Grüße,
Jule

von Jule - am 20.12.2006 19:54
Ihre Auszüge:

Er sei bereit gewesen, "zu Grunde zu gehn"; dass seine Ehe "bis an die äußerste Grenze der Gefährdung" gebracht worden sei, sei ihm gleich gewesen. Und dann das Benn-Resümee: "Das sind die Zahlungen für Kunst und Ruhm."

"War hingerissen und litt. Sie in Ihrem sicheren Leben u der Sie einmal schrieben, Sie hätten in Ihrem ganzen Leben nie geliebt, können das nicht verstehn und Sie müssen mich verachten, aber, lieber Herr Oelze, so ist das Leben, wenn man es ernst nimmt. Das sind die Zahlungen für Kunst und Ruhm."


Ich verstehe es so: wer in der Lage sein will, Kunst zu machen, muss auch bereit sein, empfindsam zu sein, empfindsam für künstlerische Eingaben, aber dann eben auch für menschlichen Schmerz, für Liebe, Liebesleid etc.

von Hector - am 21.12.2006 10:03
Müsste es nicht heißen: so ist das Leben mit der Kunst, wenn man es ernst nimmt.?

von FBS - am 21.12.2006 12:38
Ja, stimmt schon, ich denke auch, so muss man es verstehen; der Benn, der olle Scharlatan und Schwerenöter - ansonsten schreibt er ja lieber solche Sätze wie "Gute Regie ist besser als Treue"...

von AE - am 21.12.2006 16:39

Re: Blau

Gute Frage; ich habe nie groß darüber nachgedacht, ich dachte einfach immer: Blau, eben wie das Meer und der Himmel, "nun kann man ja den Himmel von Sansibar über den Blüten der Bougainville und das Meer der Syrten in sein Herz beschwören, man denke dies ewige und schöne Wort! Nicht umsonst sage ich Blau. Es ist das Südwort schlechthin, der Exponent des 'ligurischen Komplexes', von enormem 'Wallungswert', das Hauptmittel zur 'Zusammenhangsdurchstoßung'...", das ist doch die Stelle aus "Epilog und Lyrisches Ich", die Benn in den "Problemen der Lyrik" zitiert? Da geht es dann auch um die "Schichten eines Querschnitts von Begriff", man nimmt also das Wort nicht als Teil des Satzes, liest es nicht als Teil des linearen Verlaufs, sondern setzt das Skalpell in einem 90 Grad Winkel zum Satz an... und dann sieht man die berühmten "Jahrtausende" in den Schichtungen der Schnittfläche, allerlei Sediment, also die Jahrtausende, die herausfallen, wenn die Substantive ihre "Schwingen" öffnen; und das geht nach Benn eben besonders gut mit Südwörtern, Blau, Ölbaum, Marmorstufen, Olive, Theogonieen. Oder Anemonenwald - was mir allerdings nicht so sonderlich südlich vorkommt...
Das "Blau" und "Dunkelblau" in "Blaue Stunde" reißt doch auch so etwas auf, den Himmel und die Nacht. Außerdem - ist nicht "blaue Stunde" auch ein feststehender Ausdruck? So im Sinne von "blau machen", also sich ein Stündchen frei nehmen, wo's eigentlich nicht erlaubt ist?

Grüße
AE

von AE - am 21.12.2006 17:06
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