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Informationen zum Thema:
Forum:
Gottfried-Benn-Forum
Beiträge im Thema:
8
Erster Beitrag:
vor 10 Jahren, 11 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 10 Jahren, 10 Monaten
Beteiligte Autoren:
Jule, Martin Preiß, FBS, AE

Nur zwei Dinge

Startbeitrag von Jule am 21.12.2006 12:10

Nur zwei Dinge

Durch so viele Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eines: ertrage
- ob Sinn, ob Sucht, ob Sage-
dein fernbestimmtes: Du mußt.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.


Was sagt ihr denn dazu? In welche Phase des bennschen Schreibens lässt sich das einordnen? Wer weiß mehr zum Entstehungszeitpunkt? Und ist das "Du" der Leser, oder handelt sich hierbei um ein "Selbstgespräch des lyrischen Ichs"???
Herzlich,
Jule

Antworten:

O.k.,
also: Das Gedicht ist nach PdL entstanden, also 1953 und ja, es handelt sich um einen monologischen Charakter.
Um mal genauer zu werden: Was sagt ihr zu der Bedeutung der "Formen" ?
Und ist das Gedicht nicht merkwürdig ein-fach, und so erschreckend selbstoffenbarend?
Nachdenklich,
Jule

von Jule - am 22.12.2006 18:43
die Formen hatte ich immer der Grammatik zugeschlagen (im Sinne von Deklination, Konjugation). Andererseits kann man natürlich auch an Verwandlungen, Metamorphosen denken.

Die Einordnung als "ein-fach" und "selbstoffenbarend" ist mir nicht ganz klar - könntest Du das noch etwas detaillierter erläutern?

Gruß

MP

von Martin Preiß - am 27.12.2006 10:36
Mhhm,
also bei Selbstoffenbarung dachte ich an Friedemann Schulz von Thuns Kommunikationsquadrat und daran, dass ich bei der Beschäftigung mit "Nur zwei Dinge" den Eindruck hatte, dass wir erstaunlich viel über Benn erfahren.
Und "einfach" vielleicht darum, weil ich das Gefühl habe, dass ich direkt was verstehe, bzw ich denke dieses Gedicht zu verstehen, soweit das möglich ist.
Liegt denn die Botschaft nicht erstaunlich offen??? In früheren Gedichten schien mir das immer mehr verschlüsselt zu sein.
Ich muss sagen: Ich mag dieses Gedicht, obwohl ich sonst meine Schwierigkeiten habe.
Tja, habe da aber auch fünf Stunden meine Vorabiklausur geschrieben und bin mal gespannt, was das ergibt. Irgendwie wird der Bezug bei so intensiver Arbeit nochmal enger...

Können Sie/ Kannst Du das mit der Grammatik ein bisschen ausführen? Scheint mir so schlicht (um mal nicht "einfach" zu schreiben) und nicht ganz logisch, was den Kontext betrifft.

Wünsche frohe Weihnachten gehabt zu haben!
Jule

von Jule - am 27.12.2006 14:41
der Bezug zur Grammatik, den ich hier sehe, ist tatsächlich recht schlicht und einfach: zu den aufgeführten Personalpronomen könnte man sich z.B. Verben vorstellen, die sich dann mit den entsprechenden Angaben von Person und Numerus konjugieren und in unterschiedlichen Formen bilden ließen. Aber da ich von Sprachwissenschaft nichts verstehe, sollte man das nicht zu ernst nehmen.

Was die Interpretation angeht, bin ich mir nicht ganz sicher. Zunächst enthält der Text natürlich relativ wenige dunkle Stellen, keine Fremdwörter, keine entlegenen Wissensbestände. Aber über die letzten beiden Verse und diese zwei Dinge denke ich seit etwa 20 Jahren nach. Ich habe das gerne als erkenntnistheoretische Aussage gelesen, bin mir aber immer weniger sicher, ob diese Deutung passt. Mich würde interessieren, was andere Leser daraus machen.

Ob wir im Gedicht etwas über Benn erfahren, weiß ich nicht. Es gibt sehr emotionale, fast naiv anmutende Benn-Gedichte (und dazu würde ich den vorliegenden Text nicht zählen), aber ob sie wirklich etwas über den Autor aussagen (außer in einem sehr weiten, vagen, allgemeinen Sinn), weiß ich nicht. In den Problemen der Lyrik erklärt Benn, dass ein Gedicht nicht aus Gefühlen bestehe (die habe jeder), sondern aus Worten. Gerade die einfach wirkenden Texte sind oft die künstlichsten. Davon abgesehen fällt es mir ohnehin schwer etwas über Benn zu sagen - je länger ich mich mit ihm beschäftige, desto unschärfer wird sein Bild ...

Freundliche Grüße

Martin Preiß

von Martin Preiß - am 27.12.2006 16:22
Das klingt spannend und sympathisch. Ich kämpfe mit Benn seit einem haben Jahr und er wird mir nicht vertrauter, bekannter. Vielleicht ist das gar nicht möglich.

"es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich. "

Diese zwei letzten Verse habe ich als eine Erkenntnis gedeutet, die nach einem langen (Lebens-?) Prozess zustande kam. Diese Weg dorthin wird, denke ich, in den ersten beiden Versen angedeutet, die den (künstlerischen) Werdegang beschreiben könnten.
Also quasi in Strophe 1 die Frage nach dem "wozu?", in Strophe zwei die Feststellung, dies sei eine Kinderfrage, und schließlich das Fazit in Strophe drei.
Das könnte auch zu dem Jahr passen, 1953...

Was können die beiden letzten Verse denn noch sein, wenn nicht eine erkenntnistheoretische Aussage?

Gefühle? Nein, die müssen in diesem Gedicht doch gar nicht stecken. Ist es nicht eher eine "nüchterne Weisheit" ("Du musst"), die da anklingt?

In PdL schreibt Benn auch, ein Gedicht sei ein Selbstgespräch des lyrischen Ichs mit sich selbst. Ich denke schon, dass da Benns lyrisches Ich auf seine Entwicklung zurückblickt.

Übrigens finde ich die Stellung der Worte und Satzzeichen äußerst kunstvoll: Die Doppelpunkte, in jeder Strophe eine Aufzählung - nichts wirkt beliebig.

Naja, so viele Gedanken dazu!
Herzliche Grüße,
Jule

von Jule - am 27.12.2006 16:40
Ich würde das "gezeichnet" vielleicht nicht nur im Sinne von "vom Leben gezeichnet" verstehen, sondern mehr - gerade im Zusammenhang mit "Leere" - tatsächlich als Zeichnung, als Skizze, als Entwurf; das scheint mir dann gut zu den Formen, dem Ich, Wir, Du, der ersten Strophe zu passen.
Eine andere Stelle, die ich mit den letzten zwei Versen dieses Gedichtes immer zugleich im Kopf habe:
"So trat ich ferneren Fragen näher und blickte in mich hinein, doch was ich da sah, war staunenerregend, es waren zwei Erscheinungen, es war die Soziologie und das Leere. Zog ich von mir meine geschäftlichen Obliegenheiten ab wie Lohnauszahlung, Seifenbeschaffung, Steuerbetrug, Schwarzhandel, so blieb nichts übrig, das ich als individuell hätte bezeichnen können. Die Soziologie und das Leere!" (Der Ptolemäer)

Grüße
AE

von AE - am 27.12.2006 18:43
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.

Interessant, dass hier eine erkenntnistheoretische Lesart favorisiert wird. Für mich war immer ganz klar, dass es sich bei den zwei Versen um die Ausformulierung von Benns Expressionismus-Gedanken handelt. Expressionismus übersetzt mit Ausdruckskunst. Die Leere würde dann den Zustand im Ich, bzw. die Unabhängigkeit des Ich von seinem Außen beschreiben. Der Dichter wird nicht affiziert, er lebt und dichtet in der Isolation. Impressionen finden nicht statt. Aus diesem Nichts schafft der Künstler das Werk als Expression, als reinen Ausdruck, ohne Eindruck.
Womit er auf uns natürlich viel Eindruck macht - aber das nur am Rande.
Der Berührungspunkt zur erkenntnistheoretischen Lesart wäre dann sicher der Konstruktionsgedanke.

von FBS - am 03.01.2007 11:38
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