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Anarchosyndikalismus im Internet - Diskussionsforu
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vor 13 Jahren, 9 Monaten
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Werner Hupperich

Fleiß, Faulheit & Mitnahmementalität oder: Was Recht ist, muss Recht bleiben !?

Startbeitrag von Werner Hupperich am 18.09.2004 21:53

Fleiß, Faulheit & Mitnahmementalität oder: Was Recht ist, muss Recht bleiben !?

Nachdem sich der Reformkanzler am heutigen Samstag mal wieder veranlasst sah, durch die Medien seinen Mundstuhl in Form seiner Vorstellungen betreffs korrekten Bürgerverhaltens abzusondern, hierzu einige Betrachtungen meinerseits.

Wer es nicht mitbekommen haben sollte: Schröder hatte in einem Interview gesagt "In Ost wie West gibt es eine Mentalität bis weit in die Mittelschicht hinein, dass man staatliche Leistungen mitnimmt, wo man sie kriegen kann, auch wenn es eigentlich ein ausreichendes Arbeitseinkommen in der Familie gibt." Diese Haltung könne "sich auf Dauer kein Sozialstaat leisten, ohne daran zu Grunde zu gehen".

Die Frage welche mich hierbei seither zutiefst bewegt: Was in des toten Gottes Namen meint Schröder eigentlich genau, wenn er von einem "eigentlich ausreichenden Arbeitseinkommen" spricht? Abgesehen davon dass "eigentlich" eigentlich eine Aussage Einschränkt: Entweder ich habe ein ausreichendes Einkommen oder ich habe ein solches eben nicht. Wenn ich es nicht habe, wird mir eine staatliche Leistung gewährt. Dies aber etwa nicht einfach so, sondern erst nach sogenannter Bedürftigkeitsprüfung und einigen anderen Schikanen. Das darf sich dann "Sozialstaat" schimpfen, und sagt in der Substanz nichts anderes aus, als dass sich eine Nation vorgenommen hat, etwa systembedingt produzierte gesellschaftliche Verlierer nicht z.B. im Straßengraben zu verscharren, sondern künstlich am Leben zu erhalten. Das gestaltet sich dann, je nach Kassenlage (Kaufkraft) der Lohnarbeiter und Gewinnsituation der Kapitale mehr oder weniger unkomfortabel.

Schröder mokiert sich also öffentlich darüber, dass Menschen Leistungen beanspruchen welche ihnen zustehen. Das ist schon ziemlich einmalig, denn weder er noch irgendein Standesgenosse seiner politischen Klasse käme vermutlich auf die Idee z.B. auf Diäten und Altersbezüge zu verzichten. Dafür hat man schließlich lange und hart arbeiten müssen.

Die Mitnahmementalität darf man meiner Ansicht nach nicht als eine isoliert zu betrachtende rhetorische Entgleisung Schröders sehen. Vielmehr stellt diese einen weiteren Meilenstein auf seinem Kreuzzug gegen sämtliche seiner Ansicht nach staatsparasitäre Lebensformen dar. Deshalb hier eine kurze Reise in die Vergangenheit und wieder zurück in die Gegenwart:

Recht auf Faulheit

"Ein Recht auf Faulheit..", so verkündete es bekanntlich Gerhard Schröder in der Wirtschaftswoche vom 06.04.2001, "..gibt es nicht". Ein Recht auf Arbeit gibt es allerdings auch nicht, wofür die Existenz von etwa 4,5 Mio. Einheiten wirtschaftlich überflüssigen Menschenmaterials als ausreichender Beleg dienen mag.

Verdiente Rechte

Auf den Gedanken, dass es sehr wohl so etwas wie ein Recht auf Faulheit geben müsse, könnte man allerdings durchaus kommen. Nämlich dann, wenn man sich z.B. mal die auf dem Deck ihrer Yachten in Liegestühlen geistig und physisch vor sich hin dümpelnden dekadenten Gestalten an der Cote d' azur anschaut.
Allerdings beanspruchen diese, ganz im Gegensatz zu dem vom Kanzler attackierten Typus "Sozialschmarotzer", für sich ein verdientes Recht auf Faulheit. Dieses Recht hat man sich, davon ist man überzeugt, genau dadurch verdient dass man seinerseits an Fleiß und Verschleiß anderer Menschen schmarotzt.

Einer muss immer arbeiten..

Um also am offensichtlich sehr wohl existierenden Recht auf Faulheit partizipieren zu können, muss man entweder Andere für sich arbeiten lassen und/oder, so weit das in ausreichendem Maße geschehen ist, das Geld für sich "arbeiten" lassen. Allein auf dessen Vermehrung kommt es schließlich an.
Hierin liegen die Bedingungen für's Faulheitsrecht begründet;- Für alle Anderen, welche diese Bedingungen nicht zu erfüllen vermögen, besteht dagegen:

Arbeitspflicht

Es wird dem lohnabhängig Beschäftigten ganz unmissverständlich mitgeteilt, dass erstens der Staat nichts zu verschenken hat, zweitens "die Wirtschaft" von ihren Profiten schon gar nichts und drittens sich der aussortierte Lohnarbeiter gefälligst selbst zu einem möglichst attraktiven Angebot des Arbeitsmarktes (um-) zu gestalten hat. Damit der gemeine erwerbslos gemachte Lohnarbeiter in seiner sozialen Hängematte seine bürgerlichen Pflichten nicht aus den Augen verliert, sollen Hartz & Co. fortan für intensive und nachhaltige Verinnerlichung derselben sorgen.

Das bürgerliche Arbeitsvolk muckt auf

Weil man eben genau diese Nachhilfe in Sachen Arbeitspflicht als Frechheit empfindet, da man sich ja schließlich selbst bezüglich der Pflichten eines erwerbslosen Bürgers im Klaren ist, macht sich in jüngster Zeit Empörung im Volk breit.
So teilt man nicht nur an "offenen Mikrofonen" auf Demonstrationen, sondern überhaupt bei jeder Gelegenheit mit, dass man ja schließlich arbeiten wolle und man auch bereit sei, diesen Zustand nach besten Kräften wiederherzustellen.
Nur eben mit den im Zuge der Hartz (IV) Gesetze realisierten Verschärfungen bezüglich der Bedingungen will man sich dagegen absolut nicht einverstanden erklären.
Mit den Bedingungen an sich, das heißt mit dem Umstand dass trotz (oder gerade wegen) der hervorragenden Produktivität über 4,5 Mio. Menschen gar nicht mehr als Humankapital nachgefragt werden, setzt man sich dagegen gar nicht erst auseinander.

Anstatt also darüber nachzudenken wie schön es doch eigentlich sein müsste, dass sich die Dinge des Bedarfs (und obendrein noch eine ziemlich endlose Liste mit ziemlich überflüssigem Krempel) produzieren lassen ohne dass es hierzu der Arbeitskraft aller Menschen bedürfte, empört man sich vielmehr über die Methoden mit welchen die Überflüssigen (d.h. weder zur Mehrung des Wohlstandes, geschweige den zur Produktion existenziell notwendiger Güter benötigten) Menschen zu eigentlich überflüssiger Arbeit genötigt werden sollen.

Es gilt, darin sind sich auch die Protestler weitestgehend einig, zuvorderst "Arbeitsplätze zu schaffen". Denn, das weiß ja jedes Kind, Arbeitsplätze sichern, wenn auch in den seltensten Fällen ein angenehmes Auskommen, so doch zumindest die Fähigkeit "für sich selbst sorgen zu können". Dass hierbei die Bedingungen wiederum einem fremden Diktat unterworfen werden, erwähne ich hier nicht gesondert. Das ist das was die Politik meint wenn sie "Eigenverantwortung" sagt. Und wenn es sich damit auch gleich verbinden lässt neben dem Reichtum und dem Profit Anderer auch gleich den Standort zu verteidigen: Um so besser.. .

Und beruhigt sich wieder

Dass das "drehen an per se in diesem System vorhandenen Einstellschrauben" gleich zu einer allmontäglichen Entladung des Volkszorns (naja.. zwar angesichts der Sauereien welche dieses System so birgt ein doch sehr moderater Zorn, aber gerade eben diese Sauereien stehen ja auch gar nicht auf der Tagesordnung der Protestler) führen könnte, haben die Herrschenden in dieser Republik deshalb auch gar nicht erst in Betracht gezogen. Grenzenloses Erstaunen wich einer panischen Fehlersuche, welche ihrerseits binnen kurzer Zeit zu der unzweifelhaften Diagnose führte: "Da haben wir euch, liebe Wähler, offenbar die Sache nicht gründlich genug erklärt".

Dieses Erstaunen dürfte in etwa jenem entsprochen haben welches im antiken Rom bei mancher Christenverfütterung an die Raubtiere den Imperator zur perplexen Äußerung veranlasste "Sie beten...?!?"
Im Berlin der Neuzeit dürfte sich die Situation ähnlich dargestellt haben als etwa Schröder zu Clement sagte "Sie demonstrieren...?!?"

Die Irrationalität solcher Proteste welche, diese Metapher sei mir erlaubt, etwa Daumenschrauben an sich zwar als eine ganz tolle Sache ansehen und sich lediglich daran empören dass diese zu weit angezogen werden, scheint nur sehr wenigen Menschen überhaupt bewusst zu sein. Am wenigsten jenen Organisationen, welche einen politischen Figurentausch als gangbare Alternative anpreisen.

"Zwo, drei, vier, marschieren wir.. im vollen Lauf den Berg hinauf ..rolle, rolle.."

Nein, das ist kein offizieller Slogan der Montagsdemos, sondern stammt von der "Blechbüchsenarmee" der Augsburger Puppenkiste. Ältere Leser werden sich sicherlich erinnern. Die Soldaten dieser "Blechbüchsenarmee" marschierten unablässig irgendwelche Berge hinauf, nur um dann in ihren Blechbüchsen wieder hinunterzurollen.
So verschieden sind diese also gar nicht von den Montagsdemonstranten. Die haben sich nämlich vorgenommen, ähnlich geistreiche Slogans zu skandieren. Und zwar so lange bis der Ursprungszustand wiederhergestellt ist. Das wäre im konkreten Fall "Hartz III" und ein fast fertig durchreformiertes Gesundheitswesen. Anders ausgedrückt: Die Demonstranten kreisten, und gebaren - sozialen Frieden (was allerdings noch zu demonstrieren wäre, QED).

Ergänzend zum Text einige Passagen aus Paul Lafargues "Recht auf Faulheit" (1883)

Und auch das Proletariat, die große Klasse der Produzenten aller zivilisierten Nationen, die Klasse, die durch ihre Emanzipation die Menschheit von der knechtischen Arbeit erlösen und aus dem menschlichen Tier ein freies Wesen machen wird, auch das Proletariat hat sich, seinen historischen Beruf verkennend, von dem Dogma der Arbeit verführen lassen. Hart und schrecklich war seine Züchtigung. Alles individuelle und soziale Elend entstammt seiner Leidenschaft für die Arbeit.
...
Dadurch, dass die Arbeiter den trügerischen Redensarten der Ökonomen Glauben schenken und Leib und Seele dem Dämon Arbeit verschreiben, tragen sie selbst zu jenen industriellen Krisen bei, wo die Überproduktion den gesellschaftlichen Organismus in krankhafte Zuckungen versetzt...
...
Statt in den Zeiten der Krisis eine Verteilung der Produkte und allgemeine Erholung zu verlangen, rennen sich die Arbeiter vor den Türen der Fabriken die Köpfe ein. Mit eingefallenen Wangen, abgemagertem Körper überlaufen sie die Fabrikanten mit kläglichen Ansprachen: "Lieber Herr Stumm, bester Herr Berger, geben Sie uns doch Arbeit, es ist nicht der Hunger, der uns plagt, sondern nur die Liebe zur Arbeit." - Und, kaum imstande sich aufrechtzuhalten, verkaufen die Elenden 12-14 Stunden Arbeit um die Hälfte billiger als zur Zeit, wo sie noch Brot im Korbe hatten. Und die Herren industriellen Philanthropen benutzen die Arbeitslosigkeit, um noch billiger zu produzieren.


Eigentlich seltsam, wie wenig sich in 120 Jahren ändert.

Werner Hupperich, Duisburg
www.gegenpropaganda.org

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