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Café Philo
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27
Erster Beitrag:
vor 6 Jahren, 9 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 6 Jahren
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Adrienna, Maipflanze, teetante, Frederica, fran13, Lumina, OpenVmsfreaK

Hierarchische und kommunikative Distanz zwischen Experten und Nicht-Experten (u.a. im Bildungssystem)?

Startbeitrag von OpenVmsfreaK am 15.12.2010 18:46

Hallo,

auf Wunsch habe ich diese Beiträge aus dem Thread "Stille" abgespalten.
Viel Spaß beim Diskutieren im neuen Thread!

Viele Grüße
Vms

Antworten:

Re: Stille

*offtopic*

Hallo Frederica,

schön, dass du Interessantes hier zum Thread-Thema beigetragen hast. :)

Zitat
Frederica
...konzentriere mich vollständig auf das "Projekt", würde am liebsten stunden- und tagelag mit Experten oder Kritikern (Anregung, was man besser machen könnte) gemeinsam nachdenken, diskutieren.


Ich würde gern zur Anregung wissen, wo du diese Experten und Kritiker findest? Du studierst ja auch noch, nicht? Ich bin etwas traurig, was mein Erleben der Struktur des deutschen Hochschulsystems betrifft, weil ich finde, dass es außerhalb von Seminaren zu einem festen Thema keine bis kaum Verzahnung mit Lehrenden und ihren oft anregenden höheren Erkenntnisebenen gibt. Nur mit Studenten zu diskutieren, halte ich manchmal für zu eintönig, weil alle eine ähnliche, durch das Alter begrenzte Erfahrung und Wissen haben, und sich bei einigen Dozenten die fachliche, aber auch menschliche Kompetenz gemeinsam durchdringen.

In dieser Hinsicht weiß ich, dass mir ein anglo-amerikanisches System wohl wesentlich mehr gelegen hätte - mit Mentorenschaft in engerer, vielschichtigerer und inspirativerer Betreuung. Manchmal bin ich deshalb antriebs- und ziellos, wenn Vorlesungen so schlecht sind, dass ich auch komplett einsam in meinem Kämmerchen vollständig aus den Büchern lernen könnte, wobei unsere Studienorganisation diese Freiheit (oder Gleichgültigkeit gegenüber Studenten, je nach Interpretation) zum Teil vorsieht, ganze Literaturlisten auszugeben. Ich würde dieses Prozedere besonders dann als Bereicherung meiner Selbstbestimmung ansehen, wenn es Bestandteil eines anderen Systems wäre und nicht Spiegelbild großer Anonymität und dem zum Teil dringend benötigten Ersatz für schlechte Lehre, verbunden mit dem Gefühl stiefmütterlicher Betrachtung von Studenten, wenn da ein Lehrender kommt, der sich in der quälenden Pflicht sieht, nun vor Studenten stehen zu müssen, aber danach möglichst schnell wieder in sein Zimmer im Fachbereich zurückkehren möchte.

Schlechte Lehre ist vielleicht nicht die Regel (aber mehr als eine Ausnahme) und nicht der für mich bedauernswerteste Repräsentant dieses von mir kritisierten Systems, aber ich finde, es steht mit ihren möglichen motivationalen Folgen dennoch symptomatisch für oft mangelnde Identifikation sowie Verständigung mit und Interesse an dem Anderen auf beiden Seiten, der der Studierenden und Lehrenden.

Ich kenne mehrere (z.T. sehr fähige) Kommilitonen, die im Hauptstudium deshalb kaum mehr an der Uni anwesend waren (die Noten haben selten darunter gelitten) und sich den Stoff vollständig selbst erarbeitet haben. Das möchte ich aber nicht, denn dann hätte ich auch ein Fernstudium belegen können.

Ich würde so gern auch menschlich, nicht nur fachlich, wachsen, aber diese Eindimensionalität ermöglicht das nur begrenzt. Vielleicht liegt es daran, dass ich anders aufgewachsen bin - Erwachsene waren immer meine besten und bereicherndsten Bezugspersonen, und ich durfte viel von ihnen lernen und erfahren (ich hatte meist nur oberflächliche Kontakte zu Gleichaltrigen). Studenten sind natürlich auch Erwachsene, aber in der Adoleszenz und deshalb auf einem ganz anderen Entwicklungsstand als Ältere. Diese Differenz ist aber doch gerade das Spannende, Impulsgebende daran. Warum ist dieser intergenerationelle Austausch an der Universität hierzulande immer nur an fachliche Exzellenz, die die Studenten als Hilfskräfte besitzen sollen, gebunden?

Sorry für das Offtopic, das musste gerade mal 'raus, und ich würde mich sehr freuen, falls du, Frederica (und andere natürlich bei Interesse), mir dazu ein wenig von (deinen) Erfahrungen und Wegen erzählen könntest.

Viele Grüße
Adrienna

P.S. Wenn ihr (berechtigte) Kritik äußern solltet, würde ich diesen Beitrag auch vom Thread-Thema absplitten und einen neuen beginnen.

von Adrienna - am 14.12.2010 21:45

Re: Stille

Hallo Adrienna,
ich meinte das zunächst mal ganz allgemein:
Experten sind Menschen, die sich gut in einem Thema auskennen, Kritiker welche, die einem kritische Fragen stellen oder Zweifel äußern.
Ja nach Thema müssen das keine Fachexperten sein (das Thema kann ja auch Stricken oder so etwas sein).

Ich hatte seit der 5. Klasse ein "Problem", das ich lange, lange abstellen wollte:
Ich bin einmal nach dem Unterricht zu einer Lehrerin gegangen und habe etwas gefragt, das sich nicht direkt auf den Unterricht bezog.
Seitdem habe ich mir immer Menschen gesucht, mit denen ich über "meine" Themen diskutieren konnte, oft Lehrer oder später Dozenten, aber auch andere, mit denen ich zufällig auf ein gemeinsames Thema kam.
Da reichte oft ein Austausch innerhalb von ein paar Monaten - man hatte mal eine Rückmeldung bekommen.
Heute geht das prima über das Internet.
Ich habe mich auch, bedingt durch positive Erfahrungen in der frühen Mittelstufe, nie gescheut, im Unterricht/ Vorlesung, so erlaubt, alle Anmerkungen und Fragen zu stellen, die mir so kamen oder eben mal nach dem Unterricht nach zu fragen, wenn ich nicht das Gefühl hatte, dass das gänzlich unerwünscht ist.
So hatte ich in der Schule dann in der Oberstufe einen Mentoren, den ich zu meinem Lieblingsfach erst zögerlich, immer mit dem Vorsatz, die Zeit zu begrenzen und das nicht noch einmal zu machen, ein paar Mal fragte, und der dann signalisierte, dass er nichts dagegen hätte.
Der hat mich praktisch ein Jahr immer mal zwischen den Stunden und in der Abivorbereitung gecoacht (ich hatte als einzige sein Fach als Prüfungsfach) und ich durfte alles fragen und diskutieren, auch einmal bis 2 Stunden nach Schulschluss.

Meistens habe ich mit Mentoren, auch zufälligen, einmaligen, gute Erfahrungen gemacht, natürlich gab es auch, vornehmlich Dozenten, die Nachfragen als Unwissen mit Arroganz und "oh, das müssen Sie aber wissen" quittierten.
Leider habe ich mit solche Diskussionen mit Kommilitonen sehr, sehr schlechte Erfahrungen gemacht, Tenor "Waaaas? Das weist du nicht???", ohne eine sachliche Antwort.
Von Studis anderer Fächer :rolleyes: erfuhr ich, dass es auch anders geht, dass es echte Lerngruppen gibt; ich habe aber nach einigen solcher Erfahrungen dann aufgegeben (der umgekehrte Fall war "Brauchen wir das für die Prüfung?" oder "Das kam doch gar nicht dran!").

Zum Thema Experten gibt es einen wunderbare Aussage von Eibl-Eibesfeldt:
"Am Anfang waren wir alle noch recht schüchtern, er hatte uns wirklich ein wenig da hineingepreßt. Aber wir haben sehr schnell gelernt, daß das ja Leute waren, die wirklich imponierend gewesen sind und die uns Hochachtung abgerungen haben.
Denn das war ja in einer wirklich sehr schweren Zeit: Man hat gehungert,
und es gab noch eine Sechs-Tage-Woche mit 48 Stunden Arbeit. Und
trotzdem hatten diese Leute Zeit, am Abend in die Volkshochschule zu
gehen. Und man kam dann dahinter, daß der Eisendreher, der da im
breitesten Wiener Dialekt daherredete, ja auf irgendeinem biologischen
Gebiet tatsächlich ein Fachmann war. Der eine hat Axolotl und der andere
hat Guramis, das sind Fische, gezüchtet. Ein Dritter hat Höhlenmolche
gehalten. Das waren alles eigentlich Kollegen von uns
.
"
(Interview mit Eibl-Eibesfeldt)

Also jeder kann Experte sein, auch ohne formelle Ausbildung.

Kritiker kann sowieso jeder sein, das ist ja heute Allgemeingut, sonst gebe es keine Casting-etc.-Shows mit Menschen in der Jury, die das Thema auch nur aus dem Fernsehen kennen!;)

Leider scheint es heute auch im Internet immer verbreiteter zu werden, sein Wissen nur kurz offenherzig mit anderen zu teilen, sobald man gute Resonanz bekommt, schlagen die meisten daraus Profit und portionieren nunmehr ihr Wissen in ganz, ganz kleine, oft kryptische und auch arrogante, herablassende Häppchen oder gar Satzfetzten, die dann oft enden mit "Wie Sie in meiner Publikation/ meinem Kurs erfahren können" oder "Das Produkt gibt es nur in meinem Onlineshop" oder "Näheres erkläre ich Ihnen gerne bei einer Privatberatung, die Stunde kostet 90 ¤".
Das nennt sich dann Informationsgesellschaft: Man macht Austausch, der früher umsonst mit Nachbarn stattfand, zu einem Produkt.:rolleyes:
Insofern kann um jeden Mentoren froh sein, der einem am Ende keine Rechnung in die Hand drückt.:rp:

LG
Frederica

von Frederica - am 15.12.2010 00:27
Hallo Adrienna,
als ich studiert habe, haben 2 Kommilitonen eine Interessentengruppe gegründet, die sich mit philosophischen Themen unseres Faches beschäftigen wollte. Sie haben das über einen Aushang am Schwarzen Brett und Mundpropaganda verbreitet und auch Philosophiestudenten zu den Treffen eingeladen. Das gab immer lebhafte Diskussionen. Manchmal kam auch ein Dozent dazu.

Teetante


von teetante - am 15.12.2010 22:09
Hallo Frederica,

dankeschön für deine Antwort. :)

Ich stimme dir darin zu, dass ein Expertentum nicht unbedingt von einem äußeren Label, z.B. dem Berufsstand, widergespiegelt werden muss und als Rohbegriff nicht zwingend eines institutionellen Rahmens bedarf.

Sehr schön und behaltenswert auch dein Zitat von Eibl-Eibesfeldt dazu.

Mir ging es stärker um das Kommunikationsgefälle zwischen institutionellen Experten und Nicht-Experten im universitären Kontext.

Dabei freut es mich für dich, dass du seitens der Schule und anscheinend auch der Uni gute Erfahrungen gemacht hast bei Verständigung und Wissensbereicherung, wobei ich vermute, dass hier stärkere Einseitigkeit (vom Lehrer/Dozenten zum Schüler/Studenten) als Gegenseitigkeit vorhanden war. Darin sehe ich auch das Problem: Was können Studenten dem Dozenten geben, außer in seltenen Fällen vielleicht durch wissenschaftlichen Doktrin noch nicht beeinflussbare, frische Gedanken und Ansätze?

Dabei befürworte ich auch den menschlichen, nicht nur fachlichen Austausch, denn auf dieser Ebene befindet sich das Gefällle nicht unbedingt auf einer quantifizierbaren Dimension und ist damit flexibler bereichernd für beide Seiten. Aber genau darin liegt natürlich auch die Krux: Diese Beziehung in ihrem Kommunikationsinhalt baut zentral auf den Zweck und seine zweckgeleitete Kommunikation der Institution auf, erst darüber, aber nicht auf anderen Wegen findet ein Kontakt statt, der dementsprechend bei Nicht-Erfüllen des vordersten Zweckes schnell abgebrochen wird bzw. als unbefriedigend für die andere Seite endet.

Du berichtest auch davon, dass du zeitlich um die Veranstaltungen herum Kontakte hattest, damit scheint es mir aber immer nur sporadisch und nicht von den Veranstaltungen losgelöst, also übergreifender, oder?

Ich kann mir nicht anmaßen, ein bereichernder Kommunikationspartner zu sein, der die Ansprüche eines institutionellen Experten erfüllen könnte, wenn diese nicht rein didaktischer Natur, von Nächstenliebe geprägt, sein sollten, weil ich fachlich nicht gut bin, aber vielleicht könnte ich ja wachsen im Kontakt und besser werden? Und vielleicht könnte ja mein Gegenüber auch irgendetwas aus meiner Persönlichkeit mitnehmen, das ihm auch etwas gibt - wider der Einseitigkeit.

Zitat
Frederica
Das nennt sich dann Informationsgesellschaft: Man macht Austausch, der früher umsonst mit Nachbarn stattfand, zu einem Produkt.:rolleyes:

Bei deinen wie so oft kreativen Beschreibungen der Lock-Slogans für den Verkauf von Wissen musste ich sehr grinsen. ;)
Immerhin haben wir dank Wikimedia, Internet, Rundfunk- und Printmedien sowie Zugriff auf große öffentliche Bibliotheken unterschiedlicher Natur einen Zugang zu Informationen, der in heutiger Zeit sehr groß ist.

Aber es stimmt schon, was du schreibst, kostenloses Wissen wird immer unpersonalisierter und personalisiert rarer.

Soweit erst einmal,
liebe Grüße,
Adrienna

von Adrienna - am 28.12.2010 17:27
Hallo teetante,

danke für deine Antwort. :)

Bei uns gibt es nur einen, zugleich sehr nischenhaften, exotischen selbstgegründeten studentischen Diskussionszirkel, der mich thematisch nicht (besonders) interessiert.

Bei dir war es vermutlich Metaphysik, nicht? Sehr spannend, aber darin wäre ich reine Rezipientin, bevor ich Produzentin sein könnte.

Zudem habe ich zu wenige Kontakte zu anderen Studenten, um einen zu gründen, wobei ich es mir ja auch gerade darum geht, nicht nur unter unseresgleichen zu bleiben, sondern generations- und wissensübergreifend zu lernen und zu wachsen. Dozenten kommen und kämen demnach, soweit ich weiß, nicht dazu.

VG
Adrienna

von Adrienna - am 28.12.2010 17:43
Hallo Adrienna,

es ging z.B. um Wissenschaftstheorie, Erkenntnistheorie oder Verantwortung.

Welche Prozesse durchläuft eine Gesellschaft bevor neuartige Erkenntnisse akzeptiert werden?

Welche Verantwortung hat der Forscher für die Folgen seiner Entdeckung?

Inwieweit kann Forschung objektiv sein?

Welche Themen interessieren dich denn so?


Zitat

Zudem habe ich zu wenige Kontakte zu anderen Studenten, um einen zu gründen, wobei ich es mir ja auch gerade darum geht, nicht nur unter unseresgleichen zu bleiben, sondern generations- und wissensübergreifend zu lernen und zu wachsen.

Meistens hat ein junger Mensch ja wenig Kontakte zu älteren, und leider meinen viele Menschen mittleren Alters, sie wären zu beschäftigt, um sich für solche Treffen zu begeistern. Dabei ist eine gute Diskussion doch etwas ganz anderes, als sich vom Energievampir Fernseher aussaugen zu lassen.

Mir würde nur einfallen, dass du dir einen Mitstreiter in der Fachschaft suchst. Die sind dort meistens ganz gut informiert und haben einen direkteren Draht zu Studenten und Dozenten. Das war bei uns wenigstens so.

VG teetante

von teetante - am 02.01.2011 03:27
Hallo teetante,

Zitat
teetante
es ging z.B. um Wissenschaftstheorie, Erkenntnistheorie oder Verantwortung.

Das ist ja grundlegend interessant über alle Wissenschaften hinweg.

Zitat
teetante
Welche Themen interessieren dich denn so?
Ich möchte die Themen nicht nennen (das Meiste im naturwissenschaftlichen Bereich), weil sie zu viel in der Öffentlichkeit des Forums preisgeben. Darunter gibt es auch Inhalte, die schwerpunktmäßig nicht bis gar nicht meiner Studienrichtung zugeordnet werden, ich also in meinem fachlichen universitären Kontext keine Resonanz erfahren würde, weil sie sehr spezifisch sind. Streng genommen wäre ich auch kein geeigneter Diskussionspartner, wie ich zugeben muss, denn ich weiß selbst darüber noch viel zu wenig und wenn ich mehr wissen wollte, würde das fast die Zeit eines Parallelstudiums verschlucken. Soweit reicht mein Interesse dann aber doch nicht.

Danke für deinen Rat. :)

Ehrlich gesagt geht es mir auch nicht schwerpunktmäßig um intellektuellen Austausch, der sich zur Not auch über Foren und andere außeruniversitäre Communities erreichen ließe, sondern darum, dass ich viele Jahre an einer Institution verbringe, die ich als reinen Dienstleistungsbetrieb empfinde, der aber nicht identitätsstiftend ist, kein Gemeinschaftsgefühl in mir hervorruft, weil Gemeinschaft höchstens ein Nebenprodukt ist, der mich wie auch andere in diesen zentralen Jahren der Persönlichkeitsweiterentwicklung nicht ganzheitlicher integriert und inspiriert. Ich hole mir dort Wissen ab (das ich manchmal auch auf anderen Wegen gefunden hätte), mehr nicht. Zusammengefasst: Mir ist der Sinn dieser Einrichtung zu eindimensional, ich bin aber mehrdimensional auf Sinnsuche.

Das spiegelt sich auch in meinen bisherigen Kontakten mit dem (praktisch nicht vorhandenen) Career Center wider: Die Fachstudienberatung ist uninspirierend und unmotiviert wie unmotivierend, der, wenngleich sehr netten, aber richtungslosen Dame der allgemeinen Studienberatung habe ich mehr erzählt als sie mich informieren konnte. Das ist zugegebenermaßen unfair, denn sie muss mehrere Dutzend Studiengänge und -berufsfelder im Blick haben, ich nicht, das Geständnis hilft mir aber leider auch nicht weiter.

Ein wichtiger Grund ist, warum ich so gern im Eltern-Forum hier lese und schreibe, dass die meisten mir innerhalb ihres Lebenskontextes so viel an Erfahrung und ganzheitlicherem Wissen voraus haben, dass mir dabei innere Erkenntnistüren geöffnet werden und ich dadurch ein wenig wachse.

Liebe Grüße
Adrienna





von Adrienna - am 02.01.2011 16:26
Hallo Adrienna,

ich denke, dass es doch möglich sein müsste gleichgesinnte Mitstudenten/ innen zu finden mit dnénen man ein Lerngruppe bildet und mit denen man auch sonst diskutieren kann-

Zudem bieten die Fachschaften auch so was an. manche machen jede Woche einen Diskussionsabend, auf dem zu jeweils einem Thema, von einem Studenten/in vorbereitet, diskutiert wird. Wenn es bei Euch so was nicht gibt, schlag es doch vor. Man muss auch selbst initiativ werden und nicht nur erwarten, dass man was serviert bekommt.

Und dann gibt es auch Forschungskolloquien, in denen Professoren, Dozenten, Assistenten, Doktoranden diskutieren und die auch von Studenten besucht werden können. Dafür gibt es keine credit points, aber da dürftest du das finden, was du suchst.

Guck mal in deiner Uni nach.

Lumina

von Lumina - am 05.01.2011 23:30
Hi Adrienna,

ich bin einen/den interdisziplinären Weg gegangen, fernab jeder Prüfungsordnung. Die Folge davon kann als "verheerend" bezeichnet werden: Ich passte schließlich nicht mehr in jene Disziplin, für die ich einen Hochschulabschluss erworben hatte. Deswegen hat(te) dieses Zertifikat für mich auch keine Bedeutung, denn die Überschrift trifft mich nicht im Geringsten. Ich verschweige die Qualifikation auch deswegen, weil sie für meine Beurteilung nur irreführend sein könnte.

Vielleicht können diese paar Sätze auch zwei deiner Fragen (aus einem anderen thread) ausreichend beantworten: deine Frage nach dem, was ich "Mauern" nenne ... und ... ob ich mich "andersartig" wahrnehme.

Ich bin einen interdisziplinären Weg gegangen und wurde interdisziplinär. Die Brücken zu monokulturell Disziplinären waren nicht mehr tragfähig genug - zu wenige der verbliebenen Berührungspunkte - ich verließ den Sozialbereich (und nutzte meine zweite Qualifikation aus dem Bereich der Technik).

Ich bin ein Hybrid (= kein Experte)

LG
fran



von fran13 - am 06.01.2011 08:39
Hallo,

@Lumina
Danke für deine Tipps.

Zitat
Lumina
Man muss auch selbst initiativ werden und nicht nur erwarten, dass man was serviert bekommt.

Ich denke selbst, dass das ein Knackpunkt ist meiner unreifen Auffassung von Gestaltungsfreiheit und -verantwortung. Allerdings hätte ich mit dennoch gewünscht, dass es zumindest unterstützende Strukturen dafür gibt, wobei es ja bereits an den Kommunikationsstrukturen und der -natur hapert. Es gibt nur horizontale Verständigung (von Student zu Student), keine nennenswerte vertikale (Student Dozent). Wie soll gemeinschaftlich etwas aufgebaut werden, wenn gar keine Gemeinschaft besteht, denn das ist das Syndrom, das den beschriebenen Symptomen zugrunde liegt.

Einen Diskussionsabend gibt es nicht in unserer Fachschaft, zu der ich mich etwas distanziert vehalte, weil dort ein Mädchen federführend mitgearbeitet hat, die mir nicht sehr sympathisch war.

Kolloquien sind bei uns nicht für alle Studenten offen, sondern nur die Mitarbeiter und "Associates" einer Abteilung gedacht. Das kann ich auch nachvollziehen, denn diese dort knapp bemessene Zeit, die die im Alltag vermutlich rare Gelegenheit bietet, die ganze Breite einer Abteilung zu versammeln, muss genutzt werden, um sich konzentriert und intensiv fachlich unter Insidern auszutauschen. Dort stört ein Außenseiter nur.

--

@Fran
Falls die Frage nicht zu privat sein sollte: Wie bist du denn einen interdisziplinären Weg gegangen (du musst dazu nicht unbedingt die einzelnen fachlichen Disziplinen für die Beantwortung offenlegen)? Du hast dich also vermutlich neben der Uni noch weitergebildet (Karate meinst du sicher nicht ;))?

--

Aber ich gebe zu, wenn es mir nur darum ginge, mich fachlich anregen zu lassen, dann würde und könnte ich dem verstärkt nachgehen mithilfe einiger hier von euch genannten guten Ratschläge. Aber mir geht es zentral wohl um das Prinzip, und dort ist Kritik für den Einzelnen nicht konstruktiv und frustriert nur, sofern er sich damit nicht arrangiert.

Zudem ist meine Kritik praktisch kaum mehr relevant, denn ich habe nicht mehr lange zu studieren und hätte mich demnach schon vorher engagieren können. Früher führte ich immer spannende, intensive face-to-face-Mittagsgespräche mit einem Kommilitonen, der nun nicht mehr an der Uni ist. Das war auch menschlich unkompliziert und nett.
Ich bin letzlich einfach verwöhnt, denn ich komme aus einer diskussionsfreudigen Familie, zu der der Draht für ein Gespräch natürlich auch, aber nicht nur aufgrund der Vertrautheit ein einfacher und direkter ist, die mir jedoch aus früherer Zeit (darin liegt auch ein Schlüssel => weniger Studenten damals) andere eigene Erfahrungen aus der Hochschule berichten.

Als Fazit werde ich mich also nun auf mein Leben außerhalb der Universität weiter konzentrieren (was ich sowieso schon tue) und versuchen, grundsätzlich offener auf andere zuzugehen und nicht unrealistischerweise zu hoffen, dass sich in einer noch unbekannten Person eine optimale Passung meiner Interessen findet, denn das hindert mich oft daran, nähere Kontakte und Freundschaften einzugehen.

Viele Grüße
Adrienna



von Adrienna - am 13.01.2011 21:07
Hallo Adrienna,
das Thema (das wir im Eltern-Forum begonnen haben), passt hier doch super rein. Ich habe nochmal Deine Gedanken von dort hier reinkopiert:

Adrienna: "Ich sehe das ganz genau so wie du, dass die (Musik-)Didaktik an den Hochschulen abseits der Lehramtsstudiengänge - und auch dort höchstens für die Elementar- und Sekundarstude I - oft zu kurz kommt. Referate-Seminare finde ich meist öde, es sei denn, das Thema interessiert mich derart, dass das Mittel zum Zweck fast schon egal ist, aber auch dann höre ich es mir weniger gern von anderen Kommilitonen an, als es mir selbst zu erarbeiten oder evtl. dem Dozenten als Experte zuzuhören - umso besser, wenn er den Stoff noch spannend vermitteln kann. Dass du für deine Lehre darüber nachdenkst, finde ich begrüßenswert.

Ich hätte mir sowieso für mein Studium, aber auch ganz prinzipiell, eine andere Hochschullandschaft gewünscht, nämlich eher nach dem (anglo-)amerikanischen System, wo die Betreuung besser ist, die Kontakte zu Dozenten enger und damit fachlich und memschlich bereichernder, es also mehr Inspirationsquellen gibt und nicht alles auf Rezeption ausgelegt ist. Ich möchte aber Denken lernen, und dafür brauche ich den Austausch, Wissen kann ich mir größtenteils selbst beibringen (siehe mein Thread im Café Philo dazu). Das macht mich immer wieder ziemlich traurig (auch wenn ich damit zeitlich bald durch bin), weil das System das nicht oder kaum hergibt, zumindest nicht für diejenigen Studenten, die offensichtlich nicht derart exzellieren, dass sie gleich unter die Fittiche eines Dozenten genommen werden. Natürlich kann ich mit anderen Studenten diskutieren, aber selbst dazu gibt es kaum Arbeitskreise oder Diskussionsgruppen. Jeder Student wurschtelt sich halt allein durch und sieht die Lehre nur als Mittel zum Zweck für einen guten Lebenslauf als Absprung in den Beruf."

Referate-Seminare sind aus meiner Sicht meist weder besonders anregend noch "effektiv" im Sinne der Wissensvermittlung. An der Hochschule, an der ich gerade vertrete, müssen die StudentInnen Referate machen, aber ich habe wenigstens eingeführt, dass diese zeitlich begrenzt sind und ich immer einen Teil der Sitzung etwa eine 1/2 bis 3/4 Stunde selbst gestalte, d. h., Material zum gemeinsamen Arbeiten mitbringe: Noten, Was zum Hören, Quellentexte, Sekundärliteratur. Im Feedback ist das auch überwiegend von den Studenten als positiv herausgestellt worden.
Ein nicht zu unterschätzender Hintergrund dieses Konzepts ist dennoch, dass die Lehrverpflichtung in Deutschland relativ hoch ist und viele Dozenten es auch als Überlebensprinzip anwenden.

Deine Erfahrung mit dem fehlenden Diskutieren kann ich von meinem Germanistik-Studium her gut nachvollziehen. Insgesamt kommt ein engerer Kontakt zwischen Schülern und Lehrern häufig erst in der Examenszeit oder dann in der Doktorandenphase zustande. Ich habe in meinem Studium das Glück gehabt, an mehreren Kolloquien teilnehmen zu können, in denen jeweils mehrere Professoren mit fortgeschrittenen StudentInnen oder Doktoranden diskutiert haben. Eins war das Doktorandenkolloquium, das interdisziplinär war und nicht immer sehr harmonisch, das bessere war eine Veranstaltung der Musiktheorie, zu der alle nur freiwillig kamen und die in keinem Studienplan anrechenbar war, weder für die Profs im Lehrdeputat, noch für die Studenten. Da wurde wirklich quer Beet auf hohem Niveau über Gott und die Welt geredet, mal las jemand was vor, dann lasen wir Sachen gemeinsam, steckten die Köpfe in Partituren. Und hinterher gings in der Kneipe weiter.
Das war unglaublich gut, ich habe es seither aber auch nicht wieder so erlebt.

Jetzt muss ich erstmal Pause machen,
viele Grüße, Maipflanze



von Maipflanze - am 06.07.2011 16:37
Zitat
Adrienna
Mir ging es stärker um das Kommunikationsgefälle zwischen institutionellen Experten und Nicht-Experten im universitären Kontext.
(...)
Darin sehe ich auch das Problem: Was können Studenten dem Dozenten geben, außer in seltenen Fällen vielleicht durch wissenschaftlichen Doktrin noch nicht beeinflussbare, frische Gedanken und Ansätze?


Ich habe diese Woche in meinem Hauptseminar sehr stark gespürt, wie sehr ich mich von meinen Studenten in der Generation unterscheide. Ästhetische Wertungen und Probleme damit, die in meiner Studienzeit allgegenwärtig waren, sind nun fast nicht mehr verständlich. Insofern finde ich, dass man sehr wohl davon profitiert, mit Studenten zu diskutieren und ihre Überlegungen kennen zu lernen. Mir macht das auch durchaus Spaß und ich würde mir auch mehr Gelegenheiten wünschen, das in zwangloserer Situation zu machen, wo ein Gespräch auch vom einen zum anderen switchen kann. Im Seminar drängt ja meist die Zeit und man hat die Verantwortung, dass es nicht total abdriftet. Und hier liegt manches auch bei den Studierenden: Wenn Texte nicht zuhause gelesen werden, braucht man die Seminarzeit zur Erarbeitung.

Ein Problem, das ich sehe, ist, dass die ProfessorInnen, die Studenten näher an sich ranlassen, auch eine emotionale Nähe zulassen (das ergibt sich bis zu einem gewissen Sinne auch zwangsläufig), die schwierig im Sinne der Gleichbehandlung ist (das sind dann die Profs, die immer von einem Schwarm begeisterter Eleven umgeben sind). An der Musikhochschule gibts da verschiedene Usancen der Fächer, wir Wissenschaftler sind die distanziertesten, die Musikprofs und die Musiktheoretiker (die meist Dirigenten oder Komponisten sind) sind häufig unglaubliche Charismatiker, mit allen positiven und negativen Seiten. Mein Doktorvater wollte dezidiert nie schulbildend sein und lehnte die "Meisterrolle" ab, weil sie ihm nicht sympathisch war. Er war dennoch schulbildend und wir hatten ein vertrauensvolles Verhältnis, ich schätze ihn sehr.
Im Alltag der Lehre spüre ich im Moment sehr intensiv, wie man ständig die Rolle wechselt (verständnisvolle Mutter, autoritäre Professorin, Kameradschaft). Ich beobachte das bzw. mich und frage mich, wer ich eigentlich sein will.

Studierst Du eher ein Massenfach, oder sitzt Du in überschaubaren Seminaren von ca. 25? Das kann ja auch schon viel ausmachen. Im Großen und Ganzen habe ich, wo ich es überblicke, überhaupt nicht den Eindruck, dass das Nicht-Zustande-Kommen von Diskussionen am mangelnden Interesse der Profs liegt, sondern an strukturellen Gegebenheiten. Was mich im Moment allerdings auch etwas befremdet, ist, dass manche Kolleginnen (nur die) etwas abschätzig immer von ihren Kindern oder Kaninchen oder Mäuschen oder wie auch immer von den Studies reden; das hat allerdings auch damit zu tun, dass manche ziemlich unerwachsen wirken und ziemlich viel AufdieFüßetreten brauchen, um in Bewegung zu kommen.

Soweit erstmal für jetzt, viele Grüße, Maipflanze

von Maipflanze - am 06.07.2011 17:08
Hallo Maipflanze,

erst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, so ausführlich zu antworten, das hat mich wirklich gefreut. :)

Zitat
Maipflanze
Referate-Seminare sind aus meiner Sicht meist weder besonders anregend noch "effektiv" im Sinne der Wissensvermittlung. An der Hochschule, an der ich gerade vertrete, müssen die StudentInnen Referate machen, aber ich habe wenigstens eingeführt, dass diese zeitlich begrenzt sind und ich immer einen Teil der Sitzung etwa eine 1/2 bis 3/4 Stunde selbst gestalte, d. h., Material zum gemeinsamen Arbeiten mitbringe: Noten, Was zum Hören, Quellentexte, Sekundärliteratur. Im Feedback ist das auch überwiegend von den Studenten als positiv herausgestellt worden.
Ein nicht zu unterschätzender Hintergrund dieses Konzepts ist dennoch, dass die Lehrverpflichtung in Deutschland relativ hoch ist und viele Dozenten es auch als Überlebensprinzip anwenden.


Ich finde es gut, wenn die Zeit für den Wissensinput seitens der Studierenden in Form eines Referates begrenzt wird, unterstütze also, wie du dich bemühst, deine Seminare abwechslungsreicher zu gestalten. Ich muss gestehen, dass es bei uns durchaus auch oft so ist, dass nicht die ganze Seminarzeit für Referate draufgeht, aber mir ist die Konzeption oft trotzdem zu einfallslos. Sicher spielt der zeitökonomische Aspekt für die Dozenten eine nicht unwichtige Rolle, den ich auch nachvollziehen kann.

Allerdings frage ich mich ganz fundamental, warum generell konzeptorisch ein so geringer Unterschied zwischen Vorlesung und Seminar gemacht wird: Ob ich nun den Stoff von einem Studenten oder einem Dozenten vorgetragen bekomme, ist doch relativ egal, abgesehen davon, dass natürlich die nicht unwichtige Lernerfahrung zählt, eigene Präsentations- und Vortragstechniken zu üben. Stattdessen könnte aber auch das Wissen in Seminaren in meinen Augen allein die Voraussetzung sein, damit in verknüpfender, kreativer, abstrahierender Art und Weise sozial kommunikativ bereichernd umzugehen. Das hieße konkret, dass auch die Studierenden mehr Arbeit hätten, nämlich sich die Grundzüge im Selbststudium anzueignen, und nur Zusammenfassungen oder Antworten auf Verständnisfragen im Seminar abzuholen. Alles weitere ginge in dieser Idee über die reine Rezeption hinaus.

Selbst wenn das nicht tragfähig für das Grundstudium oder die ersten Semester im BA-Studium wäre, so könnte man doch immerhin im Hauptstudium diese Methode einführen. Meiner Meinung nach wäre die Verarbeitung an Inhalten somit auch viel tiefer, weitreichender und langfristiger. Aber ich will den Schwarzen Peter durchaus nicht von der Studierendenschaft wegschieben, denn vermutlich liegt auch dort das Problem: Welcher Dozent kann sich schon darauf verlassen, dass Studenten intensiv zuhause für ein Seminar dauerhaft arbeiten? Und wäre das theoretisch überhaupt zu schaffen oder ginge das mit einer Reduktion der Seminaranzahl einher für den Studenten?

Zitat
Maipflanze
Deine Erfahrung mit dem fehlenden Diskutieren kann ich von meinem Germanistik-Studium her gut nachvollziehen. Insgesamt kommt ein engerer Kontakt zwischen Schülern und Lehrern häufig erst in der Examenszeit oder dann in der Doktorandenphase zustande. Ich habe in meinem Studium das Glück gehabt, an mehreren Kolloquien teilnehmen zu können, in denen jeweils mehrere Professoren mit fortgeschrittenen StudentInnen oder Doktoranden diskutiert haben. Eins war das Doktorandenkolloquium, das interdisziplinär war und nicht immer sehr harmonisch, das bessere war eine Veranstaltung der Musiktheorie, zu der alle nur freiwillig kamen und die in keinem Studienplan anrechenbar war, weder für die Profs im Lehrdeputat, noch für die Studenten. Da wurde wirklich quer Beet auf hohem Niveau über Gott und die Welt geredet, mal las jemand was vor, dann lasen wir Sachen gemeinsam, steckten die Köpfe in Partituren. Und hinterher gings in der Kneipe weiter.
Das war unglaublich gut, ich habe es seither aber auch nicht wieder so erlebt.


Kolloquien sind übrigens bei uns nicht für den Otto-Normal-Studenten, sondern nur für Diplomanden und Co - vielleicht noch für die Hiwis, das weiß ich nicht.
Diese Veranstaltung in der Musiktheorie ist vermutlich nicht nur fachlich, sondern auch übergreifend persönlichkeitsbereichernd gewesen, wie schön. Ich finde es schon allein fachlich wichtig, auch ein bisschen die Persönlichkeit des Dozenten kennenzulernen (das soll nicht in einer entblößenden Seelenschau oder -zurschaustellung münden), um dessen Standpunkte und deren Entwicklung nachvollziehen zu können - eben um eine andere Perspektive einnehmen zu können. Denn das ist doch gerade das Spannende daran: Studenten untereinander kommen aus einer relativ homogenen Lebensumwelt, Dozenten aber sind in ihrem Wissen, verknüpft mit ihrer Persönlichkeit, schon langjährig gewachsen. Wahrscheinlich hätte ich mir so jemanden wie den von Robin Williams verkörperten Lehrer in "Der Club der toten Dichter" gewünscht, nur auf die Hochschullandschaft übertragen. Einen fachlich gebildeten und persönlich integren Charakterkopf, dem das Lehren, nicht nur das Forschen, Berufung ist.

Und genau hier sitzt ein weiteres Problem: Die Dozenten, wie du auch schriebst, lernen nicht lehren, und die Mehrzahl ist womöglich nicht einmal besonders begabt dazu und auch nicht sehr motiviert, aber stattdessen sehen einige es als leidliches Nebenprodukt ihrer beruflichen Aufgaben. Aber genau in der Lehre sitzt doch die entscheidende praktische Wirksamkeit ihres Wissen, denn sie ist Schnittpunkt zur Gesellschaft oder aber soll Studierende dazu motivieren, selbst einmal, wenn auch nicht immer im universitären Kontext, Multiplikatoren ihres Wissens zu werden, wofür sie sich selbst (hoffentlich) begeistern. Dafür muss man aber auch, selbst wenn das jetzt allzu platt klingt, für das Wissen werben über gute, spannende, erhellende, vergnügliche Lehre.

Vielleicht wäre es deshalb wirklich nicht schlecht, wir würden in D wie auch in den USA (?) eine Trennung von forschenden Wissenschaftlern, die nur in den höchsten Sphären der Studenten (Promovenden etc.) lehren, und denen, die sich hauptsächlich der Lehre widmen, weil sie lieber lehren als forschen, weil für die qualitativ zählt, wie viele der Studenten sie bereits für ihr Wissen begeistern konnten, vornehmen. Die Gefahr besteht dann natürlich, dass der Draht der Lehre abreißt zu dem oft rapiden Fortgang der Forschung.

Ich finde auch nicht, dass das automatisch mit einer Verschulung oder Entmündigung intelligenter erwachsener Studierender einhergehen muss, da eben der Wissenserwerb in Seminaren nur noch einen selbstverständlichen Anteil ausmachen, dann aber vielmehr Wert auf das Denken mit diesem Inhalt Wert gelegt würde (kontra Schule). Gerade Studierende sind doch derart formbar in einem Lebensabschnitt, dessen intellektuellen Inhalt sie endlich selbst motiviert gewählt haben, dass darin doch viel Entwicklungspotential, auch von außen inspiriert, steckt, gerade im Austausch mit anderen in der Hierarchie. Deshalb fände ich es auch gut, wenn für die Studenten in den ersten Semstern/dem ersten Semester ein Dozent als eine Art Mentor oder Tutor (wie in GB) fungiert, der aber auch nicht nur fachlicher, sondern auch persönlicher Ansprechpartner ist.

Denktechniken sollten als Grundlage mehr gelehrt werden, also interdisziplinär sinnvolle Kreativitäts- und Lerntechniken, ebenso wie obligatorische Methodenseminare (Präsentationstechniken, Nonverbale Kommunikation etc.). Das müssten ja jeweils nur ein oder zwei Seminare sein, mehr nicht.

Zitat
Maipflanze
Ein Problem, das ich sehe, ist, dass die ProfessorInnen, die Studenten näher an sich ranlassen, auch eine emotionale Nähe zulassen (das ergibt sich bis zu einem gewissen Sinne auch zwangsläufig), die schwierig im Sinne der Gleichbehandlung ist (das sind dann die Profs, die immer von einem Schwarm begeisterter Eleven umgeben sind).


Die Frage nach der Gleichbehandlung ist doch eigentlich nicht so wichtig, sofern der Dozent eine allgemeine Wertschätzung für alle Studierenden vermittelt und nicht ganz offensichtlich Ablehnung und Zuneigung verteilt. Soviel Professionalität und Souveränität bleibt doch dann vermutlich bestehen, oder?

Zitat
Maipflanze
An der Musikhochschule gibts da verschiedene Usancen der Fächer, wir Wissenschaftler sind die distanziertesten, die Musikprofs und die Musiktheoretiker (die meist Dirigenten oder Komponisten sind) sind häufig unglaubliche Charismatiker, mit allen positiven und negativen Seiten. Mein Doktorvater wollte dezidiert nie schulbildend sein und lehnte die "Meisterrolle" ab, weil sie ihm nicht sympathisch war. Er war dennoch schulbildend und wir hatten ein vertrauensvolles Verhältnis, ich schätze ihn sehr.


Hihi, vielleicht habe ich auch deshalb so einen guten Draht zum Musizieren, weil ich genau auf derartige Charismatiker in der Musik (nicht nur dort, aber eben dort am einfachsten zugänglich) gestoßen bin? ;) Musik und Persönlichkeit hängen für mich wertend ganz eng zusammen. Ich glaube fast, auch wenn das wohl eine realitätsfremde Idealisierung sein wird, dass jemand keine negativ gefärbte Persönlichkeit sein kann, wenn er mit tiefer Inbrust und zartem Feingefühl Arien interpretiert oder die Nuancen von Orchesterklängen moduliert.

Zitat
Maipflanze
Mein Doktorvater wollte dezidiert nie schulbildend sein und lehnte die "Meisterrolle" ab, weil sie ihm nicht sympathisch war. Er war dennoch schulbildend und wir hatten ein vertrauensvolles Verhältnis, ich schätze ihn sehr.


Das klingt sehr spannend, wie kann man sich das vorstellen, keine Meisterrolle einnehmen zu wollen, aber dennoch schulbildend zu sein?

Zitat
Maipflanze
Im Alltag der Lehre spüre ich im Moment sehr intensiv, wie man ständig die Rolle wechselt (verständnisvolle Mutter, autoritäre Professorin, Kameradschaft). Ich beobachte das bzw. mich und frage mich, wer ich eigentlich sein will.


Musst du dich denn festlegen? Ist nicht all das Teil von dir? Bist du dann nicht ganz du selbst? Oder brauchst es zwangsläufig einen professionellen Duktus, in den die Einzelfacetten eingeordnet werden?

Zitat
Maipflanze
Studierst Du eher ein Massenfach, oder sitzt Du in überschaubaren Seminaren von ca. 25? Das kann ja auch schon viel ausmachen. Im Großen und Ganzen habe ich, wo ich es überblicke, überhaupt nicht den Eindruck, dass das Nicht-Zustande-Kommen von Diskussionen am mangelnden Interesse der Profs liegt, sondern an strukturellen Gegebenheiten. Was mich im Moment allerdings auch etwas befremdet, ist, dass manche Kolleginnen (nur die) etwas abschätzig immer von ihren Kindern oder Kaninchen oder Mäuschen oder wie auch immer von den Studies reden; das hat allerdings auch damit zu tun, dass manche ziemlich unerwachsen wirken und ziemlich viel AufdieFüßetreten brauchen, um in Bewegung zu kommen.


Ich studiere ein Fach, dass bei uns ca. 25-30 Studenten in Seminaren hat, also eher kein Massenfach. Komischerweise saß ich aber mal in einem Nebenfach-Seminar mit einer deutlich größeren Anzahl an Studierenden, und vermutlich dank der Konzeption war dieses viel anregender als die meisten, die ich bisher erlebt habe. Aber ich habe auch schon gute Seminare in meinem Fach erlebt, so ist es nicht. Und ja, prägend war dort neben der Konzeption immer auch das Engagement und die Persönlichkeit des Dozenten.

Na ja, ziemlich viel Wirres von mir hier spontan, ganz aus dem Bauch heraus, ohne es länger durchdacht oder den Text noch einmal inhaltlich (nur orthografisch) korrigiert zu haben, aber vielleicht kannst du ja damit etwas anfangen und ahnst, was ich meine. :)

Viele Grüße
Adrienna

P.S. Ich würde mich natürlich auch über weitere Kommentare von anderen Usern freuen, also nicht allein Maipflanze ist angesprochen. :)

von Adrienna - am 07.07.2011 19:31
Zitat
Adrienna

Allerdings frage ich mich ganz fundamental, warum generell konzeptorisch ein so geringer Unterschied zwischen Vorlesung und Seminar gemacht wird: Ob ich nun den Stoff von einem Studenten oder einem Dozenten vorgetragen bekomme, ist doch relativ egal, abgesehen davon, dass natürlich die nicht unwichtige Lernerfahrung zählt, eigene Präsentations- und Vortragstechniken zu üben. Stattdessen könnte aber auch das Wissen in Seminaren in meinen Augen allein die Voraussetzung sein, damit in verknüpfender, kreativer, abstrahierender Art und Weise sozial kommunikativ bereichernd umzugehen. Das hieße konkret, dass auch die Studierenden mehr Arbeit hätten, nämlich sich die Grundzüge im Selbststudium anzueignen, und nur Zusammenfassungen oder Antworten auf Verständnisfragen im Seminar abzuholen. Alles weitere ginge in dieser Idee über die reine Rezeption hinaus.

Selbst wenn das nicht tragfähig für das Grundstudium oder die ersten Semester im BA-Studium wäre, so könnte man doch immerhin im Hauptstudium diese Methode einführen. Meiner Meinung nach wäre die Verarbeitung an Inhalten somit auch viel tiefer, weitreichender und langfristiger. Aber ich will den Schwarzen Peter durchaus nicht von der Studierendenschaft wegschieben, denn vermutlich liegt auch dort das Problem: Welcher Dozent kann sich schon darauf verlassen, dass Studenten intensiv zuhause für ein Seminar dauerhaft arbeiten? Und wäre das theoretisch überhaupt zu schaffen oder ginge das mit einer Reduktion der Seminaranzahl einher für den Studenten?


So ein Unterricht würde auch dem überwiegenden Teil der Professoren mehr Freude bereiten, das scheitert aber regelmäßig an der Vorbereitung der Studenten. Und wenn nur die Hälfte den Text gelesen hat, gibt es eine schwierige Gruppensituation. Ich habe ja überwiegend Lehrerfahrung an Musikhochschulen, nur wenig Uni, und an der Hochschule wollen die meisten den ganzen Tag üben. Das war bei mir auch so, deshalb kann ich das gut verstehen und respektieren, denn lesen und lernen kann man sein ganzes Leben, aber so qualifizierten Instrumentalunterricht wie im Studium kriegt man ja nie wieder und die Semesterzahl dafür ist strikt begrenzt. Deshalb machen wir meist Lehre ohne "Hausaufgaben".
Bei meinen Seminaren mussten die Studenten ihre Referate dialogisch konzipieren, also auch Arbeitsmaterial mitbringen, an dem alle arbeiten sollten, so dass zwischendurch viel Gespräche stattfanden. das hat eigentlich ganz gut geklappt.

Viele Grüße, Maipflanze


von Maipflanze - am 08.07.2011 16:45
Zitat
Adrienna

Kolloquien sind übrigens bei uns nicht für den Otto-Normal-Studenten, sondern nur für Diplomanden und Co - vielleicht noch für die Hiwis, das weiß ich nicht.


Vielleicht gehst Du mal auf den einen oder anderen Professor zu und fragst, ob es für besonders interessierte Studenten nicht auch möglich ist, teilzunehmen. In den Unis, die ich kenne, wären Interessierte nicht weggeschickt worden. Gastvorträge z. B. sind auch eine Möglichkeit, sein besonderes Interesse zu zeigen, und dann kann man auch reinwachsen in die Gruppe derer, die "näher dran" sind.

Viele Grüße, Maipflanze

P.S. Kannst Du mir sagen, wie es geht, dass man mehrere Zitate in einem Beitrag hat bzw. so in einen Beitrag hineinantworten kann, wie Du es gemacht hast?

von Maipflanze - am 08.07.2011 17:19
Hallo Maipflanze,

zum Zitieren: ich mache es einfach so, dass ich den zu zitierenden Text in meinen Beitrag hinein kopiere und dann halt für jeden Abschnitt einzeln die Tags setze.
Beide Klammernausdrücke müssen eben alle einzeln zitierten Abschnitte umfangen.
P.S. Habe nach Nikes Tipp die quotes, die nun kamen, rausgekommen, in der Hoffnung, das Format renkt sich wieder ein.

Zitat
Maipflanze
So ein Unterricht würde auch dem überwiegenden Teil der Professoren mehr Freude bereiten, das scheitert aber regelmäßig an der Vorbereitung der Studenten. Und wenn nur die Hälfte den Text gelesen hat, gibt es eine schwierige Gruppensituation. Ich habe ja überwiegend Lehrerfahrung an Musikhochschulen, nur wenig Uni, und an der Hochschule wollen die meisten den ganzen Tag üben. Das war bei mir auch so, deshalb kann ich das gut verstehen und respektieren, denn lesen und lernen kann man sein ganzes Leben, aber so qualifizierten Instrumentalunterricht wie im Studium kriegt man ja nie wieder und die Semesterzahl dafür ist strikt begrenzt. Deshalb machen wir meist Lehre ohne "Hausaufgaben".
Bei meinen Seminaren mussten die Studenten ihre Referate dialogisch konzipieren, also auch Arbeitsmaterial mitbringen, an dem alle arbeiten sollten, so dass zwischendurch viel Gespräche stattfanden. das hat eigentlich ganz gut geklappt.



Ok, an einer Musikhochschule scheinen noch einmal von mir nachvollziehbare spezielle Bedingungen und Ansprüche, durch den Instrumentalunterricht bestimmt, vorzuherrschen. Ich dachte auch mehr an das System allgemeiner Universitäten. Du hast ja auch noch ein nicht-musikalisches Zweitfach im Rahmen deiner Ausbildung gehabt, oder? Könntest du dir mein Anliegen dort besser vorstellen?

Die interaktive Konzeption von Referaten gefällt mir schon gut, sofern das generell (nicht auf deinen Unterricht bezogen :)) keine "Alibi"-Aufgaben für die Zuhörer sind, in dem Sinne, dass eine "Beteiligungsquote" mehr oder weniger sinnvoll ausgefüllt werden muss, sondern sich stattdessen didaktisch Gedanken seitens der Studierenden, angeregt durch den Dozenten, gemacht wird, welche Art und Weise der Beteiligung hier in Abhängigkeit vom Thema motivational und bezüglich des Lernerfolges ergiebig ist.

Zu deinem Kommentar zu den Kolloquien: Eigentlich geht es mir mehr ums Prinzip dahinter: Wenn also die Lehre an sich mehr didaktische Qualität in Verknüpfung mit der Motivierung zum Selbst-Denken hätte, würden natürlich zwar keine kolloquialen Verhältnisse herrschen wegen anderer individueller Voraussetzungen, aber die Struktur und Konzeption dahinter wäre womöglich ähnlich: Über Wissen reden, also Wissen vertiefen und verbreitern, nicht aber vornehmlich in der Gruppe Wissen von Grund auf lernen.

Bei komplizierteren oder komplexeren Themen müsste ein Wissens-Ersterwerb in einem Seminar natürlich trotzdem sein (bezüglich dessen z.B eine größere Fähigkeits-Heterogenität in der Gruppe besteht), obwohl dafür zentral die Vorlesungen wichtig wären, aber diese sind ja nicht immer, und zum Glück, inhaltlich deckungsgleich mit den Seminaren, aber selbst bei stärker umrissenden Inhalten fällt ja der Aspekt der gemeinsamen Erarbeitung nicht weg, denn es würde zusammmengefasst und auf Verständnis geprüft. Ansonsten gäbe es auch einen gehbaren Kompromiss in meinen Augen: Nur ein Teil des zu diskutierenden Wissens wird von den Studierenden im Selbststudium für das Seminar vorbereitet, Erweiterungen werden gemeinsam erarbeitet und schließlich vertieft oder transferiert.

Mit der Eigenverantwortlichkeit für das Selbststudium zuhause müsste es doch insofern schon gehen, weil ohne diese z.B. kein Germanistik-Seminar auskäme: Dort ist keine Zeit, gemeinsam ein Buch zu lesen: Das ist die notwendige Voraussetzung dafür, es gemeinsam zu analysieren.

Viele Grüße
Adrienna

von Adrienna - am 08.07.2011 20:18
Zitat
Adrienna

Die interaktive Konzeption von Referaten gefällt mir schon gut, sofern das generell (nicht auf deinen Unterricht bezogen :)) keine "Alibi"-Aufgaben für die Zuhörer sind, in dem Sinne, dass eine "Beteiligungsquote" mehr oder weniger sinnvoll ausgefüllt werden muss, sondern sich stattdessen didaktisch Gedanken seitens der Studierenden, angeregt durch den Dozenten, gemacht wird, welche Art und Weise der Beteiligung hier in Abhängigkeit vom Thema motivational und bezüglich des Lernerfolges ergiebig ist. [...]

Bei komplizierteren oder komplexeren Themen müsste ein Wissens-Ersterwerb in einem Seminar natürlich trotzdem sein (bezüglich dessen z.B eine größere Fähigkeits-Heterogenität in der Gruppe besteht), obwohl dafür zentral die Vorlesungen wichtig wären, aber diese sind ja nicht immer, und zum Glück, inhaltlich deckungsgleich mit den Seminaren, aber selbst bei stärker umrissenden Inhalten fällt ja der Aspekt der gemeinsamen Erarbeitung nicht weg, denn es würde zusammmengefasst und auf Verständnis geprüft. Ansonsten gäbe es auch einen gehbaren Kompromiss in meinen Augen: Nur ein Teil des zu diskutierenden Wissens wird von den Studierenden im Selbststudium für das Seminar vorbereitet, Erweiterungen werden gemeinsam erarbeitet und schließlich vertieft oder transferiert.


Hallo Adrienna,
ich verstehe total gut, was Du meinst. Deine Idealvorstellung ist einleuchtend, ich sehe und erlebe aber ein Hauptproblem in der Umsetzung:
Ich habe auch an der Uni unterrichtet; auch da war es mit der Lektürebereitschaft eher mau, vor allem auf die Dauer. Das erste Mal, wenn es eine Lesehausaufgabe gibt, lesen noch die meisten, aber im weiteren Semesterbetrieb lässt das doch drastisch nach; erzählen auch die Kollegen. Und dann hat man so furchtbar zähe Seminargespräche mit den zwei Leuten, die es gelesen haben, oder liest nochmal zusammen. Das sind Erfahrungen mit einem geisteswissenschaftlichen Unistudium. Das heißt, man müsste strenger sein und die Anforderungen durchsetzen, aber wie? Wo alle sowieso schon über die Verschulung genervt sind. In meinem Fach muss nicht nur gelesen werden wie in Germanistik (mein Zweitfach), sondern auch Musik gehört. Damit sieht es nicht wesentlich besser aus.
Es gibt ja Studien darüber, dass die Geisteswissenschaftler sich zwar auch seit der Umstellung auf den Bachelor furchtbar überlastet fühlen, aber eigentlich weniger Zeit investieren, als sie laut Credit Points eigentlich sollten.
Dann ist die Selbstständigkeit häufig nicht so ausgeprägt. Ich hatte für meine Referenten die Ansage: zwei Wochen vor dem Termin in die Sprechstunde und dann erwarte ich drei Aspekte der Vorbereitung: 1. Stück gehört, 2. ca. 3 bibliographierte Literaturtitel und 3. eine Idee für einen Fokus. Ersteres hat immer geklappt, das zweite sehr unterschiedlich (vom Nutzen der Fachbibliographie bis hin zum Vors Regal stellen und eine uralte Schwarte herausziehen) und das dritte kam fast gar nicht. Wenn jemand mit einem Interesse, einem Problem oder einer Frage kommt, lässt sich das für die Referatsplanung fruchtbar machen, wenn aber der eigene Zugriff auf den Gegenstand nicht stattfindet, ist es schwierig.
Die meisten Diskussionen kommen durch meinen einen Senior-Studenten, einen älteren Herrn mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein, der gut mit Notentexten umgehen kann und sehr ausgeprägt ästhetische Werturteile fällt. Der provoziert regelmäßig, und dann kommen Diskussionen auf. Eigentlich gar nicht schlecht, manchmal etwas anstrengend.
Ich will aber auch den Schwarzen Peter nicht nur den Studenten zuschieben. Wir Dozenten haben es alle nicht richtig gelernt, und jeder probiert auf seine Weise mehr oder weniger engagiert herum. Ich leide sehr darunter, dass es keinen Kanon mehr gibt und nichts vorausgesetzt werden kann. Mein Hauptseminar ging über spätromantische Sinfonik, und es stellte sich heraus, dass schon der normale Formverlauf der klassischen Sinfonie nicht ganz klar war. Da mussten wir erstmal uns mit Grundlagen der Analyse beschäftigen, das hat mehrere Sitzungen gekostet.

Manches liegt auch schlicht an Strukturen. Schriftliche Arbeiten zählen mehr, werden nämlich benotet, als mündliche. Referate werden im Semesterbetrieb erarbeitet, neben allem anderen, Hausarbeiten eben in den Semesterferien. Im Grunde müsste das Gewicht genau andersherum verteilt werden. Denn an einer schlechten Hausarbeit leidet nur der Prüfer und der Kandidat, an einem schlechten Referat die ganze Gruppe. Außerdem werden die meisten Studenten in ihrem späteren Berufsleben eher sprechen (z. B. als Schullehrer) als schreiben, müssten also hierzu besser ausgebildet werden. Ich habe ausführliche Feedbacks zu den Referaten gegeben, immer eine Woche später, damit ich mir gut überlegen konnte, was ich denjenigen mitgeben wollte. Viele haben sich sehr bedankt und gesagt, dass sie noch nie auf eine mündliche Leistung eine ordentliche Rückmeldung erhalten hätten.

Also, an der einen oder anderen Stelle kann man sicher, wenn man Grudnstrukturen ändert, manches besser machen, aber für Dein Grundanliegen qualitätvolle Diskussionen im Seminar habe ich im Moment keine praxiserprobte Antwort. Die einzige hochschuldidaktische Veranstaltung, die ich in meinem leben besucht habe, war ein Workshop zum Thema "Diskussionen anregen und moderieren". Das Ergebnis des Dozenten, der dafür sicher besser bezahlt wurde als unsereins für einen Lehrauftrag, vermittelte die Weisheit, dass Diskussionen einen Einsteig, einen Verlauf und eine Schlussphase haben (worauf ich im Leben nicht gekommen wäre), und bis auf ein ganz nettes Rollenspiel habe ich da nichts über das hinaus gelernt, was ich mir ohnehin schon denke. In der Hochschuldidaktik liegt leider auch nicht die ganze Lösung, auch wenn etwas mehr Expertise sicher nicht schadet.

Soweit erstmal für jetzt, viele Grüße, Maipflanze

von Maipflanze - am 08.07.2011 21:22
Dieses Format habe ich nicht gewollt und kriege es nicht wieder weg, sorry :mad:

von Maipflanze - am 08.07.2011 21:26
Hallo Maipflanze,

Zitat

Dieses Format habe ich nicht gewollt und kriege es nicht wieder weg, sorry :mad:


Das Problem taucht ab und an im Forum auf, ich glaube, dafür können wir nichts, das ist ein Bug in der Foren-Software. Manchmal legt es sich, wenn eine neue Diskussionsseite innerhalb eines Threads aufgemacht wird durch einen Beitrag. Mal sehen, ob das mein Beitrag bewirkt, weil das Ende von Seite 1 erreicht sein könnte.

Ich finde es gut, wie du die Vorbereitung auf Referate strukturierst, und dass du den Studenten Feedback gibst.

Eigentlich muss ich ganz still sein, denn ich zähle auch nicht unbedingt zu denjenigen Studenten, die immer alle an mich gestellten Anforderungen erfüllen, wie du sie z.B. sinnvollerweise bzgl. deiner Seminare auflistest, aber ich glaube, es liegt auch mit daran, dass ich eben oft das "warum" bzgl. der Gesamt-Konzeption in Frage stelle. Aber sicher nicht nur, ich bin auch mal gern bequem, das muss ich ehrlich gestehen. Deshalb ist dieser Thread vermutlich nicht nur eine nach außen, sondern auch nach innen an mich gerichtete Fomulierung von Wünschen, wie es besser laufen könnte. ;)

Hast du denn mal deine Studenten trivialerweise gefragt, warum sie so wenig mitarbeiten? Vielleicht muss man ihnen deine gut selbst durchdachte Methode erst einmal näherbringen, damit sie sich damit identifizieren und sie als sinnvoll erachten können? Damit wären sie dann auch selbst motiviert, sich danach zu richten und sähen sie nicht mehr (nur) als eine Vorgabe von außen.

Zitat

Manches liegt auch schlicht an Strukturen. Schriftliche Arbeiten zählen mehr, werden nämlich benotet, als mündliche. Referate werden im Semesterbetrieb erarbeitet, neben allem anderen, Hausarbeiten eben in den Semesterferien. Im Grunde müsste das Gewicht genau andersherum verteilt werden. Denn an einer schlechten Hausarbeit leidet nur der Prüfer und der Kandidat, an einem schlechten Referat die ganze Gruppe. Außerdem werden die meisten Studenten in ihrem späteren Berufsleben eher sprechen (z. B. als Schullehrer) als schreiben, müssten also hierzu besser ausgebildet werden. Ich habe ausführliche Feedbacks zu den Referaten gegeben, immer eine Woche später, damit ich mir gut überlegen konnte, was ich denjenigen mitgeben wollte. Viele haben sich sehr bedankt und gesagt, dass sie noch nie auf eine mündliche Leistung eine ordentliche Rückmeldung erhalten hätten.


Genau, der Punkt, dass eben auch nicht gelehrt wird, wie Referate gut gehalten werden, führt oft dazu, dass der Lernerfolg beeinträchtigt ist. Ich bin jemand, der sich z.B. zuhause sehr viel besser konzentrieren kann als in einer Gruppenveranstaltung, so dass ich einigen Stoff allein, vorausgesetzt, es gibt keine Verständnisprobleme, effektiver erarbeiten könnte, zumal ich ihn mir dann selbst zubereiten kann. Ich mag z.B. aussagekräftige bildliche Darstellungen oder Schemata sehr gern, auch wenn ich nicht unbedingt ein ausgeprägt visueller Lerner bin, aber damit lassen sich Facetten des Stoffes oft gut strukturieren und verknüpfen, werden also "augenfällig". Ich bin nämlich auch insgesamt ein Lerner, für den Struktur im Stoff fast alles ist, also genau zu wissen, wann warum über welche Teilmenge des Wissens aus einer Gesamtmenge heraus gerade gesprochen wird und wie diese Teilmenge sich zu der Gesamtmenge verhält.

Zitat

Das Ergebnis des Dozenten, der dafür sicher besser bezahlt wurde als unsereins für einen Lehrauftrag, vermittelte die Weisheit, dass Diskussionen einen Einsteig, einen Verlauf und eine Schlussphase haben (worauf ich im Leben nicht gekommen wäre)


:joke: (Galgenhumor)

Danke erst einmal für deine ausführlichen Antworten. :)

Viele Grüße
Adrienna






von Adrienna - am 08.07.2011 22:43
Hallo Nike,

bingo, das war die Lösung, die Quotes rauszunehmen, dankeschön! :) Warum haben die denn das Formatproblem verursacht?

Liebe Grüße
Adrienna

von Adrienna - am 09.07.2011 08:50
Zitat
Adrienna

Hast du denn mal deine Studenten trivialerweise gefragt, warum sie so wenig mitarbeiten? Vielleicht muss man ihnen deine gut selbst durchdachte Methode erst einmal näherbringen, damit sie sich damit identifizieren und sie als sinnvoll erachten können? Damit wären sie dann auch selbst motiviert, sich danach zu richten und sähen sie nicht mehr (nur) als eine Vorgabe von außen.
[...]

Genau, der Punkt, dass eben auch nicht gelehrt wird, wie Referate gut gehalten werden, führt oft dazu, dass der Lernerfolg beeinträchtigt ist. Ich bin jemand, der sich z.B. zuhause sehr viel besser konzentrieren kann als in einer Gruppenveranstaltung, so dass ich einigen Stoff allein, vorausgesetzt, es gibt keine Verständnisprobleme, effektiver erarbeiten könnte, zumal ich ihn mir dann selbst zubereiten kann. Ich mag z.B. aussagekräftige bildliche Darstellungen oder Schemata sehr gern, auch wenn ich nicht unbedingt ein ausgeprägt visueller Lerner bin, aber damit lassen sich Facetten des Stoffes oft gut strukturieren und verknüpfen, werden also "augenfällig". Ich bin nämlich auch insgesamt ein Lerner, für den Struktur im Stoff fast alles ist, also genau zu wissen, wann warum über welche Teilmenge des Wissens aus einer Gesamtmenge heraus gerade gesprochen wird und wie diese Teilmenge sich zu der Gesamtmenge verhält.


Hallo Adrienna,
da ich im Moment eine Vertretungsstelle habe, die nur ein Semester läuft, kann ich noch nicht wirklich neue Strukturen aufbauen. Das heißt, ich konnte auch nicht selbst ausprobieren, ob die Studenten bereit wären, regelmäßig zu lesen, sondern habe mit meinen alten Erfahrungen und denen der Kolleginnen gerechnet.

Ich mache immer ein Zwischenfeedback zum Seminar nach 7 Sitzungen, nicht erst am Ende, um noch reagieren zu können, wenn etwas nicht gut läuft. Meistens sind diese Feedbacks ambivalent, d. h. die einen finden es zu schwer, die anderen zu leicht. Die einen zu viel musikalische Analyse, die anderen zu wenig.
Mehrere forderten mehr roten Faden. Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht über die Erwartungen der Studierenden und meiner selbst. Denn das Seminarprogramm hatte für mich eine absolut logische und systematisch aufgebaute Struktur, die man vielleicht hätte erläutern sollen. Da dachte ich, dass das selbsterklärlich wäre. Also 2 Sitzungen Einstieg mit einem zentralen Werk, an dem verschiedene Perspektiven entwickelt werden, dann Historische Voraussetzungen und Erarbeiten eines analytischen Instrumentariums, dann Einzelbeispiele, die von den Referenten selbst ausgewählt werden konnten, mehr oder weniger chronologisch.
Ich habe mich auch gefragt, wieweit das Bild des roten Fadens selbst irreführend ist, denn ich sehe ein Seminar selbst eher als Netzwerk, das einen Kern verschiedener verdichteter Stellen hat, die die zentralen Perspektiven abbilden, und dann nach verschiedenen Seiten locker weitergesponnen werden.

Meine Vorlesung konzipiere ich bewusst nicht als "eine" Geschichte, sondern versuche extrem viel zu vernetzen, also lieber auf wichtige Personen zu verzichten, aber andere in immer wieder verschiedenen Zusammenhängen zu beleuchten.

Jedenfalls habe ich mich nach dem Feedback gefragt, wieweit es sinnvoll wäre, eine didaktische Selbstreflexion im Seminar zu betreiben, habe mich aber dagegen entschieden, weil ich befürchtet habe, dass es defensiv wirkt. Manches habe ich natürlich stillschweigend aufgegriffen und versucht, einzubringen, bei anderen wundert man sich und fragt sich, ob diejenige die gleiche Veranstaltung meint. Bis hin zum Monieren, dass es keine Vorstellungsrunde gegeben hätte, die es aber definitiv gab.:confused:

Schemata und Visualisierungen versuche ich der Vorlesung viel zu geben, auch, weil an Musikhochschulen ja viele Studenten sind, die kein oder wenig deutsch sprechen.

Das mit der Gesamtstruktur des Wissens, die Du gerne überblicken willst, finde ich spannend. Solche Ideen, auch verbunden mit Fragen nach einem Kanon, wälze ich viel hin und her, aber in der Geisteswissenschaft sind alle Themen ja immer potenziell unbegrenzt und "Handbuch-Wissen" eher ein Schimpfwort. Das ganze Studium ist ja thematisch völlig frei wie auch die Prüfung, es gibt in meinem Fach buchstäblich nichts, das man an Kenntnis am Ende des Studiums voraussetzen kann.

Aber eine Gesamtwissensstruktur für ein einzelnes Seminarthema systematisch zu entwerfen, wäre eine Idee, die ich doch mal ausprobieren werde, danke für die Anregung. Vielleicht ist es wirklich nicht schlecht, auch methodische Grundentscheidungen mal im Seminar selbst zu thematisieren, aber wenn man neu irgendwo hinkommt, sollte man dem eigenen Überleben zuliebe sicher nicht zuerst etwas ausprobieren, das als Unsicherheit gewertet werden kann.

Das Lehren, wie gute Referate zu halten wären, ist auch nicht so leicht im laufenden Betrieb umzusetzen. Bei uns werden Referate nicht geschrieben, sondern frei gehalten. Das gelingt selten gut und ist häufig inhaltlich nicht konzentriert und rhetorisch mäßig. Meine derzeitige Überlegung ginge eher dahin, mit ausreichendem Vorlauf die Referate schriftlich zu bekommen, diese dann inhaltlich gemeinsam mit dem Referenten zu schleifen und dann die Frage der Präsentation zu thematisieren und zu üben.
Aber denkst Du, dass solche Anforderungen realistisch wären? Die meisten setzen sich ja doch erst in der Woche vorher hin und erarbeiten das Referat; ich bin schon gut im Kreise meiner Kollegen, dass ich es geschafft habe, dass fast alle zwei Wochen vorher in der Sprechstunde aufgetaucht sind. Das habe ich allerdings auch als klare Anforderung formuliert, also nicht, "es wäre schön, wenn" oder "Sie sollten".
Die Kolleginnen jammern immer, dass die Studies nicht in die Sprechstunde kommen.

Hast Du denn Ideen, wie man die Referate-Qualität erhöhen könnte?

So, muss meine Vorlesung weiterschreiben, die letzte! Hallelujah!

Vielen Dank für die anregende Diskussion, ich finde das sehr schön, mich über diese Fragen austauschen zu können,
viele Grüße, Maipflanze

von Maipflanze - am 09.07.2011 09:53
Hallo liebe Maipflanze,

du hast verdichtet derart Interessantes aus deinem Berufsleben in deinem letzten Beitrag erzählt, dass ich ein bisschen Zeit brauche, um zu antworten. Dabei spielt auch der gewichtige Faktor hinein, dass ich mich gerade auf eine Prüfung vorbereiten muss und noch ein großes Lernpensum habe. Deshalb werde ich diesen Thread für 1-2 Wochen mit einer Antwort ruhen lassen müssen, vergesse ihn aber mit Sicherheit nicht.

Ich hoffe, das siehst du mir nach. :)

Viele Grüße
Adrienna

von Adrienna - am 09.07.2011 10:36
Liebe Adrienna,
verstehe ich natürlich gut, lass uns einfach später weiterdiskutieren. Ich bin dann auch mal ein paar Wochen im Urlaub, es wird also eine längere Pause, aber das macht nichts, die Themen bleiben ja.

Ich wünsche Dir viel Freude beim Lernen und guten Erfolg bei der Prüfung,
viele Grüße, Maipflanze

von Maipflanze - am 09.07.2011 11:07
Liebe Maipflanze,

danke und dir einen schönen Urlaub!

Viele Grüße
Adrienna


Update 14.8. - Ich bin jetzt auch eine Woche in Urlaub, habe aber noch nicht vergessen, dass ich dir, Maipflanze, gern antworten möchte :)


von Adrienna - am 09.07.2011 16:41
Hallo liebe Maipflanze,

leider viel später, als ich es ursprünglich beabsichtigte, antworte ich dir nun auf deinen letzten inhaltlichen Beitrag, dessen konkrete Erlebnisquelle nun noch weiter zeitlich nach hinten gerückt sein mag, aber dessen von dir reflektierte Problemstellungen sich vermutlich im Alltag, auch in anderen Unis, reaktualisieren werden und damit längst nicht veraltet sind.

Ich hoffe, dass die letzten Atemzüge deines vergangenen Semesters nicht mit allzu viel Erschöpfung einhergingen und du in der Zwischenzeit einen erholsamen Urlaub hattest. :)

Dass du ein Zwischenfeedback in deinem Seminar eingeführt hast, halte ich aus dem gleichen Grund wie du für sinnvoll.
Für das Schlussfeedback wäre ich für ein schriftliches am Computer, da es Anonymität gewährleistet, zu einer tiefen und strukturierten Auseinandersetzung anregt und systematisch ausgewertet werden kann.

Wenn dort in den Evaluationen die Bereiche des Inhaltes, der Struktur/Gliederung des Seminars, der Lehrmethodik und -rhetorik des Dozenten differenziert aufgeführt sind, sollte meiner Meinung nach noch ein Bereich die Selbsterkundung der Studenten bezüglich ihres Arbeitsverhaltens, ihres Interesses am Seminar und ihren inhaltlichen Erwartungen angeführt sein. Generell fände ich es hilfreich, wenn etwaige Ankreuzantworten immer zusätzlich noch erläutert werden müssen in Form eines kurzen freien Textes darunter, in denen auch das "Warum" thematisiert wird und Verbesserungsvorschläge gemacht werden können. Alternativ oder ergänzend lässt sich dies auch ins Seminar in die Besprechung der Evaluationsergebnisse legen, die ich grundsätzlich wichtig finde, um offen gebliebene Fragen zu klären oder neu aufgekommene in der Gruppe zu diskutieren.

Die Evaluation würde ich zudem außerhalb der Seminarzeit durchführen lassen, denn evtl. wird seitens der Studenten gern länger nachgedacht, um dabei z.B. die eigene Rolle und Verantwortlichkeit für das Gelingen oder Misslingen eines Seminars von Faktoren, die im Dozenten oder der Organisation eines Studienfaches liegen, trennen zu können, um im allgemeinen Feedback-Gespräch später differenzierter und effektiver diskutieren zu können.

Zitat

Manches habe ich natürlich stillschweigend aufgegriffen und versucht, einzubringen, bei anderen wundert man sich und fragt sich, ob diejenige die gleiche Veranstaltung meint. Bis hin zum Monieren, dass es keine Vorstellungsrunde gegeben hätte, die es aber definitiv gab.:confused:


Als Dozentin würde ich zur Diskussion die Ergebnisse aus der Evaluation auswerten und zusammenfassend vortragen sowie subjektiv Wichtiges hervorheben, nachfragen bei Verständnisproblemen, das eigene Seminarkonzept darstellen und dessen Verständnis seitens der Studierenden diskutieren.

Zitat

Vielleicht ist es wirklich nicht schlecht, auch methodische Grundentscheidungen mal im Seminar selbst zu thematisieren, aber wenn man neu irgendwo hinkommt, sollte man dem eigenen Überleben zuliebe sicher nicht zuerst etwas ausprobieren, das als Unsicherheit gewertet werden kann.
Zitat

Jedenfalls habe ich mich nach dem Feedback gefragt, wieweit es sinnvoll wäre, eine didaktische Selbstreflexion im Seminar zu betreiben, habe mich aber dagegen entschieden, weil ich befürchtet habe, dass es defensiv wirkt.


Ich denke nicht, dass eine didaktische Selbstreflexion defensiv wirkt, sondern sehe in ihr vielmehr ein Plus, denn sie zeigt Aufgeschlossenheit und ggf. auch Fähigkeit zur Selbstkritik. Unsicherheit aus etwaiger Unsicherheit zu vermeiden, wirkt noch nicht automatisch sicher. Sicherheit, auch in der Wahrnehmung für andere, kann dadurch entstehen, dass man Unsicherheiten thematisiert und damit in einen Diskurs mit sich selbst und anderen tritt, der sonst als in Folge auftretende Unsicherheit, z.B. aus Mangel an Information, zu vermeiden hilft. :)

Zitat
Maipflanze
Meistens sind diese Feedbacks ambivalent, d. h. die einen finden es zu schwer, die anderen zu leicht. Die einen zu viel musikalische Analyse, die anderen zu wenig.


Hast du die Studierenden einmal dazu befragt, wie sie ihre Einschätzungen begründen? Als „schwer“ kann z.B. ein Seminar auch dann empfunden werden, wenn Studierende selbst zu wenig tun, um im Seminar auf dem Laufenden zu bleiben, wofür es wiederum eine Vielzahl an Gründen gibt, die nicht unmittelbar im hohen Anspruch des Dozenten und also einer intellektuellen Überforderung der Studierenden verankert sein müssen.

Zitat

Mehrere forderten mehr roten Faden.


Auch hier würde ich versuchen, die Gründe zu eruieren.

Zitat

Ich habe mich auch gefragt, wieweit das Bild des roten Fadens selbst irreführend ist, denn ich sehe ein Seminar selbst eher als Netzwerk, das einen Kern verschiedener verdichteter Stellen hat, die die zentralen Perspektiven abbilden, und dann nach verschiedenen Seiten locker weitergesponnen werden.


Ich sehe konzeptorisch gar keinen großen Unterscheid zu deinem Gedanken eines Netzwerkes mit zentralen Knoten und dem eines roten Fadens, denn die Knoten würden dann durch diesen Faden auf kürzestem Wege verbunden, wobei es auch komplexere indirekte Wege dorthin zurück von den Verzweigungen aus geben sollte, die das Netzwerk bilden und eine zusammenhängende Einheit schaffen.

Zitat

Also 2 Sitzungen Einstieg mit einem zentralen Werk, an dem verschiedene Perspektiven entwickelt werden, dann Historische Voraussetzungen und Erarbeiten eines analytischen Instrumentariums, dann Einzelbeispiele, die von den Referenten selbst ausgewählt werden konnten, mehr oder weniger chronologisch.


Ich finde unter der Einschränkung, nicht Musikwissenschaft studiert zu haben, dein Seminarkonzept plausibel. Ich würde es jedoch zu Anfang erklären, damit strukturelle Modelle geistig leichter erschaffen werden können. So, wie ich es verstanden habe, gibst du mit dem Einstieg, an einem Beispiel festgemacht, einen Überblick über das zu dem Thema von dir abgesteckte Wissensnetzwerk. Dieser zu Anfang noch blasse, weil komplexe Zusammenhang könnte die Einordnung und Verankerung des danach kommenden zentralen Wissens, das die größten Knoten repräsentiert, erleichtern. Zur Anschaulichkeit würde ich, falls das ginge, die Knotenunterpunkte der Wissenseinheit zum analytischen Instrumentarium nicht nur miteinander, sondern auch jeweils mit einem Beispiel verknüpfen, bevor die Studierenden daraufhin das Netzwerk auf Einzelfälle anwenden und adaptieren.

Ich finde es gut, wenn die Studierenden zwischendurch immer wissen, wo im Netzwerk sie sich gerade bewegen und es teilweise selbst strukturell kontrolliert weiterspinnen, indem sie die Nebenverknüpfungen zu den Beispielen selbst vornehmen und früh auch den umgekehrten Weg gehen, nämlich an Beispielen Regelhaftigkeiten entdecken, also abwechselnd zu induktivem wie auch deduktivem Denken motiviert werden – so, wie du es schon zu tun scheinst. :)

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Das mit der Gesamtstruktur des Wissens, die Du gerne überblicken willst, finde ich spannend. Solche Ideen, auch verbunden mit Fragen nach einem Kanon, wälze ich viel hin und her, aber in der Geisteswissenschaft sind alle Themen ja immer potenziell unbegrenzt und "Handbuch-Wissen" eher ein Schimpfwort.Das ganze Studium ist ja thematisch völlig frei wie auch die Prüfung, es gibt in meinem Fach buchstäblich nichts, das man an Kenntnis am Ende des Studiums voraussetzen kann.


Ich hatte es nicht derart weitläufig mit dem Überblick einer Gesamtstruktur des Wissens gemeint (das würde ich mir auch nicht zutrauen ;)), sondern bezog mich nur auf den Wunsch, eine möglichst abgerundete, ausgeglichene zusammenhängende Teilstruktur, also einen mehrdimensionalen Ausschnitt aus einem Netzwerk in einem Seminar zu lernen.
Wie werden denn bei euch bei so großer Offenheit Prüfungsanforderungen thematisch formuliert und eingegrenzt?

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Meine derzeitige Überlegung ginge eher dahin, mit ausreichendem Vorlauf die Referate schriftlich zu bekommen, diese dann inhaltlich gemeinsam mit dem Referenten zu schleifen und dann die Frage der Präsentation zu thematisieren und zu üben.
Aber denkst Du, dass solche Anforderungen realistisch wären? Die meisten setzen sich ja doch erst in der Woche vorher hin und erarbeiten das Referat; ich bin schon gut im Kreise meiner Kollegen, dass ich es geschafft habe, dass fast alle zwei Wochen vorher in der Sprechstunde aufgetaucht sind. Das habe ich allerdings auch als klare Anforderung formuliert, also nicht, "es wäre schön, wenn" oder "Sie sollten".
Die Kolleginnen jammern immer, dass die Studies nicht in die Sprechstunde kommen.


Das finde ich ganz klasse, eine Deadline zu kreieren, zu der die Studenten vor ihrem Referat Feedback vom Dozenten bekommen. Allerdings halte ich es schon für sehr engagiert und Dozenten kaum zumutbar, wenn sie auch noch die Präsentation gemeinsam mit dem Studenten üben, wie du schriebst. Grundlagen von Arbeits- und Vortragstechniken sollten separat in einem Methodenseminar, ggf. von uniexternen Coaches, gelehrt und geübt werden, so dass die Fach-Dozenten dann jeweils nur noch beim thematischen Feinschliff hülfen, damit die späteren Zuhörer vom referierten Inhalt profitieren. Ja, ich denke, diese Anforderungen sind realistisch, wenn ihr Vorteil offen gelegt wird.

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Hast Du denn Ideen, wie man die Referate-Qualität erhöhen könnte?


Also für Details würde ich Bücher zu Vortragstechniken und Rhetorik empfehlen, ansonsten gibt es ja auch zentrale, meist bekannte Eckpfeiler, die beachtet werden sollten, wie z.B. einen logisch gegliederten Aufbau, Aufhänger für das Thema, um Motivation und Vorwissen zu aktivieren, Einbezug der Zuhörer, freies Sprechen, kurze, prägnante Sätze, keine überfüllten PowerPoint-Folien ohne ganze Sätze und ohne den gesamten sprachlichen Inhalt der Präsentation, inhaltlich sinnvolle, d.h. mit einem zielgerichteten Mehrwert versehene visuelle oder multimediale Aufbereitung, Zwischenfazits etc.

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Das erste Mal, wenn es eine Lesehausaufgabe gibt, lesen noch die meisten, aber im weiteren Semesterbetrieb lässt das doch drastisch nach; erzählen auch die Kollegen. Und dann hat man so furchtbar zähe Seminargespräche mit den zwei Leuten, die es gelesen haben, oder liest nochmal zusammen.


Und wenn die Studenten in festen Gruppen sich die Seminartexte aufteilen und jeder von seinem Teil eine prägnante stichwortartige Zusammenfassung bis kurz vor dem jeweiligen Seminartermin macht und sie sich diese gegenseitig zusenden? Quasi wie in einer Lerngruppe? Zur Kontrolle könnten auch dem Dozenten diese geschickt werden (was aber leider wieder Mehrarbeit bedeuten würde), ansonsten würde ich auf die Selbstverwaltung der Studenten vertrauen.

Wenn es bereits in der Schule flächendeckend Kurse dazu geben würde, wie man ökonomisch zentrale Inhalte aus anspruchsvollen Sachtexten destilliert und darstellt, müsste auch keine heterogene Qualität von Zusammenfassungen gefürchtet werden zuungunsten des Lernertrages der Seminargruppe, die sich meist erst im Laufe eines Studiums bessert, wenn überhaupt. Bis dahin fände ich es sinnvoll, wenn es so etwas an der Uni separat gäbe, z.B. von der pädagogischen Fakultät aus in Kursen organisiert.

Soweit erst einmal
viele Grüße
Adrienna




von Adrienna - am 28.08.2011 17:23
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