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Erster Beitrag:
vor 11 Jahren, 5 Monaten
Beteiligte Autoren:
Lucas

Die Schande

Startbeitrag von Lucas am 25.08.2006 15:51

Es klingelte an der Tür und die Mutter eilte aus der Küche, um zu öffnen. Im Flur war die aufgeregte Stimme eines Mannes zu hören, seine Schritte knarrten auf den Dielen, bevor er eintrat.
"Hassan! Sag mir, dass das ein Scherz ist! Dass das nur ein ganz übler Scherz ist!"
Der Vater saß am Fenster und drehte kurz den Kopf in die Richtung seines Bruders.
"Nein, Ali, das ist leider nicht lustig. Es ist so, wie ich es am Telefon gesagt habe und ich weiß nicht weiter. Habe ich etwas falsch gemacht? Kannst du mir sagen, welchen Fehler ich begangen habe?"
Ali antwortete nicht. Sein Blick fixierte das junge Paar, das in sich zusammengesunken auf dem Sofa saß. Sie wagten es nicht, die Blicke zu heben, sondern starrten nur stumm vo sich hin.
"Tarkan", sagte Ali mit gefasster, ungewöhnlich heiserer Stimme, "ich weiß nicht, was in dich gefahren ist, dass du so etwas tun willst. Du besudelst nicht nur deine Ehre und die Ehre deine Frau, sondern beschmutzt den Namen zweier Familien. Hast du darüber auch nur für einen Augenblick lang nachgedacht? Welche Folgen daraus erwachsen?"
Für einen kurzen Moment schien sich Tarkan aufraffen zu wollen, aber dann kam doch nur ein halblautes "Irgendwann redet niemand mehr darüber." über seine Lippen.
"Oh Allah!", kam es vom Fenster her.
"Irgendwann?", ereiferte sich Ali. "Unsere Familie hat immer zusammengehalten und wird auch weiter zusammenhalten. Das konnten wir nur, weil wir unseren Traditionen folgten, weil wir nie unsere Wurzeln vergessen haben und weil wir stolz auf unseren Namen sind! Irgendwann redet niemand mehr darüber? Mit Fingern werden die Nachbarn auf uns zeigen: Das sind die Öczylans, die Familie, die Dank ihres Sohnes Tarkan keinen Funken Ehre mehr besitzt. Und das ist sein Onkel Ali, ein gebrochener Mann, dem früher noch der Stolz in den Augen glühte. Seht, mit leerem Blick läuft er die Straße entlang, der Prophet stehe ihm bei!"
Tarkan sank noch mehr zusammen, seine Hände zitterten.
Es klingelte wieder und diesmal waren es mehrere Verwandte gleichzeitig, die ins Zimmer strömten. In dem Stimmengewirr konnte man nur noch schwer ausmachen, wer wem welches Leid klagte oder welchen Vorwurf machte. Sie alle standen um Tarkan und seine junge Frau Schayla herum; die beiden brachten kaum eine Antwort zustande. Männer und Frauen redeten auf sie ein, rangen die Hände und flehten in Richtung Zimmerdecke.
"Aber sagt uns doch den Grund!", barmte Cousin Mohammed. "Was hat dir dein ungeborener Sohn getan, dass du ihm das antun willst!"
Tarkan schwieg beharrlich, aber Ali griff die Frage auf. "Ja, sag uns wenigstens das! Warum willst du das einem Leben antun, dass noch nicht einmal das Licht der Welt erblickt hat?"
Der Gescholtene sah endlich auf, Tränen glänzten in seinen Augen, aber dann sagte er deutlich und mit fester Stimme: "Weil BERND einfach ein schöner Name ist."
Der Vater hatte das Gesicht wieder in den Händen begraben.

24.08.2006, Lucas

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