Aufklärung!

Startbeitrag von Roger am 21.09.2001 11:59

Und hier die Aufklärung "angeblicher" Zufälle (Quelle: Spiegel)

Q33NY

Nach der Katastrophe von New York wuchern im Internet
Verschwörungstheorien wie Schimmelpilze in den Tropen. Das
kann man belächeln, aber vieles davon ist gefährlich.
Lebensgefährlich.

Es gibt diese Momente, in denen man
ich fragt, warum kranke, kreative Hirne
solche Dinge tun. Dinge wie die
"Q33NY"-E-Mail, zum Beispiel.
Das ist eine kleine Legende, die sich mit
rasender Geschwindigkeit um die Welt
verbreitet. In aller Regel sind diejenigen,
die dieses Schauerstück erreicht, so
geschockt, dass sie nicht mehr an ihre
Bekannten weitergeben als dieses "Hast
du das schon gesehen?" - und dann
erklären sie kurz, was es mit Q33NY auf sich hat.

Q33NY, lernt man da, sei die Flugnummer eines der gekaperten
Passierflugzeuge, die bei dem Attentat auf das World Trade
Center eingesetzt wurden.
Nun nehme man Microsoft Word und schreibe diesen fatalen
Schriftzug: Q33NY. Probieren Sie es ruhig aus.
Sodann markiere man die Buchstaben und stelle eine
Schriftgröße von 72 ein (Damit man es besser sieht).
Dann wähle man als Schrift "Wingdings". Und? Und? Gesehen?
Kann das Zufall sein?, fragen zahlreiche Leser-E-Mails, manche davon mit 15 Fragezeichen.

Nein, Zufall ist das nicht
Es ist volle Absicht. Die Frage ist vielmehr, warum?
Warum zeigt Q33NY etwas dermaßen Symbolträchtiges? Doch die
Frage sollte eher lauten: Warum setzt jemand so etwas in die Welt?

Das Spiel mit den Buchstaben soll uns zum Denken bringen. Hier noch einmal die Zeichenfolge: Q33NY.

Das ergibt in Wingdings: Ein Flugzeug, zwei Hochhäuser, ein Totenkopf und ein
Davidsstern. Noch Fragen? Alles beantwortet?

Eine versteckte Botschaft sei das natürlich,
suggerieren die Mail-Autoren uns. Sie soll uns etwas über die
Schuldigen sagen. Über die wahren Täter von New York und
Washington. Versteckt in der Schrift Wingdings in einem
Microsoft-Programm, vor vielen Jahren schon; versteckt in der
Flugnummer eines Fluges, den man wohl genau deshalb für den
Terroranschlag ausgesucht hat. Alles klar?
Es passe ja auch zu der Nachricht, so schreiben manche, die am 14.
September 2001 in der Aufmachung einer seriösen Zeitungsmeldung
durch zahlreiche Newsgroups gereicht wurde: "4000 jüdische
Angestellte des WTC nahmen am 11.9. frei".

Finstere Demagogie

Das ist perfide, und es ist kein Einzelfall.
Zeiten von Krieg und Katastrophe waren von jeher die Hochsaison für
Bauernfänger, finstere Ideologen, Volksverhetzer und -verdummer.
Dinge wie die Q33NY-Mail - das einzige Stück Code, das derzeit
schnellere Verbreitung findet als das Virus Nimda - zeigen, wer hier
gerade auf welchen Zug aufspringt.

Rassisten und Faschisten wittern Morgenluft. Dieser fatale Klimamix
aus Schock, Angst, Wut, Rachegefühlen und der latenten
Bereitschaft, zum fröhlichen Sündenbock-Halali auf Minderheiten zu
blasen, ist für sie ein idealer Nährboden. Und das gilt nicht nur für
Amerika.

Die starke Hand ist gefragt, wie seit Jahrzehnten nicht, und es
scheint Menschen zu geben, die sichergehen wollen, dass sie
schlagend auch "die Richtigen" trifft. Siehe oben.
Apropos siehe oben: Q33NY ergibt doch nun einmal diese
schockierende Zeichenfolge. Das kann man doch nicht
wegdiskutieren!

Kann man nicht.

Braucht man aber auch nicht. Wie zu Goebbels Zeiten greifen auch
hier die Grundprinzipien der Demagogie, der bewussten
Fehlinformation.

Q33NY ergibt als Wingding-Zeichenfolge tatsächlich Flugzeug,
Hochhäuser, Totenkopf und Davidsstern.

Was hier nicht stimmt, ist die Grundvoraussetzung, die
"Definitionsmenge", wie man in der Schule gesagt hätte.

Denn es gab keinen Flug mit der Nummer Q33NY.

Der Rest ist "Reversed Engeneering". Man nehme die
Wingding-Zeichenfolge, übersetze sie zurück in Normalschrift - und
schicke eine empörte Mail auf den Weg. So einfach ist das, in zwei,
drei Tagen Millionen Leser zu finden.

Das Konzept setzt auf das Prinzip "steter Tropfen": Wird ein
hanebüchener Schwachsinn nur oft genug wiederholt, bleibt schon
was kleben. Der Versuch, der derzeitigen Wut und Trauer eine
antisemitische Richtung zu verleihen, ist weder originell noch
überzeugend. Leider, die Geschichte beweist das, funktioniert so
etwas.

Der Rest der Geschichte ist vorhersehbar: Sollten harte Beweise
dafür vorgelegt werden, wer die Schuldigen wirklich waren, wird auch
das antisemitisch verdreht werden. Wenn sie dann nicht Täter
waren, wird man sie per Verschwörungstheorie zu den eigentlichen
Zielen des Anschlages erklären. Frei nach dem Motto: "Wenn diese
Israelis nicht da gewesen wären, hätte es nicht so viele unschuldige
Amerikaner erwischt."

Verschwörungstheorien sind in dieser Hinsicht unendlich vielfältig und
kreativ - und funktionieren doch immer mit denselben platten
Mechanismen. Das ist gefährlich, weil es Menschen gegeneinander
aufbringt. Und es ist vor allem eines: krank. Quelle:Spiegel

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