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Forum zu den Eisenbahnen in Tschechien
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J.N., Joachim Piephans, Sören Heise, Zamracena , Strojmistr, awp, obermuchel, wxdf

Frage zu einem schlesischen Begriff

Startbeitrag von Joachim Piephans am 18.01.2012 21:48

Liebe Kollegen,

beim Abschied von der lokálka nach Štíty bekamen wir das Gedicht / Lied "s Schelpricher Züchla" in die Hand bzw. konnten es abfotografieren. Mittlerweile habe ich es, da in Deutscher Kurrentschrift geschrieben, übertragen und eingetippt, es soll in einem Artikel zu jenem Fahrplanwechselwochenende erscheinen. Gleich in der zweiten Zeile ist ein Ausdruck enthalten, den ich ganz eindeutig als "pomate" lese. Nur - die genaue Bedeutung?? Das dreibändige "Schlesische Wörterbuch" von Mitzka habe ich leider nicht im Regal (schön wärs ;) ). Wer ist des Schlesischen so mächtig oder hat Gewährspersonen, um das Wort mit einer hochdeutschen Umschreibung versehen zu können? Es könnte sowohl "sachte" als auch "kommod, bequem" bedeuten, würde alles passen, und wäre noch mehr denkbar. Ich kann es jedenfalls nirgends ableiten.

Hier die Originalansicht, das Wort ist weiß unterstrichen:




`s Schelpricher Züchla

Die Schelpricher Bahn, die is intressant,
die fährt recht pomate dorchs Friesetolland;
...


Freue mich über Aufklärung!

Gruß,
Joachim

Antworten:

ich kenn das Zeug aus meiner Mundart:

Da kann man sich das in die Haare schmieren, auf Neudeutsch heißt das wohl Haargel oder so ähnlich. Meine Oma hat diesen Begriff häufiger gebraucht...

In dem o.g. Zusammenhang schließe ich eher auf beschaulich - wahrscheinlich stammt es vom tscheschischen pomalu - langsam, das irgendwie eingedeutscht wurde.
Wenn ich genau hinschaue, ist das t eher ein l, und dann wär die Sache klar. Da mir meine Oma immer Einkaufszettel in Sütterlin schrieb, bin ich noch in der Lage entsprechende Texte zu lesen.
Welch Frevel, in der heutigen Zeit die Schreibschrift abzuschaffen.

Am Wochenende hatten wir ähnliche Disskusionen nach dem Siebenbürger Stammtisch, dort gings allerdings um rumänische Begriffe im (siebenbürgisch) sächsischem.
Auch im Rumänischen gibts einen große Zahl slawischer Worte, obwohl das vor Ortgern dementiert wird.

Beste Grüße

Vom Obermuchel

von obermuchel - am 18.01.2012 22:37
Zitat
obermuchel
Wenn ich genau hinschaue, ist das t eher ein l, und dann wär die Sache klar.


Guten Morgen!

Den fraglichen Buchstaben würde ich als t identifizieren. Das ergibt sich aus dem Vergleich mit anderen Buchstaben im Text.

Bei Bedarf kann ich heute oder morgen mal ins Schlesische Wörterbuch schauen, Bibliotheken (die vom Lande aus nicht mal eben so erreichbar sind) sei dank. ;-)

Viele Grüße, Sören

von Sören Heise - am 19.01.2012 07:58

Überlegung zu einem schlesischen Begriff

Endlich mal wieder Schriftkunde! :-) Die Studienzeit liegt aber auch gar lang' zurück... Erinnert immer an Schriftstücke von August dem Starken, der ein sächsisches Französisch pinselte. Gerade in der Zeit vor Duden muß man zu den gemeinten Begriffen oft dreimal um die Ecke denken: "unser hauptman in doringen..." meinte so den Landgrafen von Thüringen... Aber das wird den künftigen Generationen ähnlich gehen: "still legen"... Grusel. :crash:
Schaue ich mir die Striche am "t" und die oberen Öffnungen des "l" in anderen Wörtern an, ist es ein "l" – was mit "pomale" Sinn macht, und wie es Uwe bereits herausgearbeitet hat. Das "t" zeigt sich oben spitz zulaufend ausgeführt. Der Ansatz des "e" ist recht weit oben, aber so auch in anderen Wörtern wie zB "die" zu sehen.

"pomadig" kenne ich nur mit "d".

LG

von awp - am 19.01.2012 10:02

... und wenn man in ein tschechisch-deutsches Wörterbuch schaut ...

... dann ergibt "pomate se" erst recht keinen Sinn, weil das auf deutsch "(er, sie,es wird) verwirrt, wahnsinnig" heißt.
Ich denke auch, dass man hier einfach das tschechische Wort für langsam in einem deutschen Text verwendet hat.

von wxdf - am 19.01.2012 11:59

Re: ... und wenn man in ein tschechisch-deutsches Wörterbuch schaut ...

Und ich habe das hier gefunden, eine Wikipedia in Boarischer Sprache (was es nicht alles gibt) ... [bar.wikipedia.org]

Dort unter der Überschrift "Bohemizismen im Boarischn" schauen.

von Strojmistr - am 19.01.2012 13:00

Im Ruhrgebiet

.... - vielleicht auch von polnische/schlesischen Einwanderern übernommen - heißt das klebrige Zeugs "Pomade". Und wenn einer aufm Bolzplatz Schlafwagenfußball spielt, dann spielt der "pomadig". Wahrscheinlich weil sein Spiel so zäh ist wie das Gel. Und diese Interpretation von "lahmarschig, einschlafend" würde zum pomadigen Tempo einer Lokalbahn passen, finde ich.

von J.N. - am 19.01.2012 14:47

Duden-online sagt für pomadig

=> [www.duden.de]

Adjektiv - 1. mit Pomade eingerieben; 2. blasiert, anmaßend, dünkelhaft; 3. langsam, träge; gemächlich. Drittens passt doch!

Nur zur Etymologie kann ich nichts sagen, evtl. weiß aber die Omma was.

Viele Grüße
Julian

von J.N. - am 19.01.2012 14:51

Ich danke Euch allen ...

... und häng mich mal an mich selber dran, da es mittlerweile zwei Gesprächsfäden gibt. Gilt für beide: Danke!!

Ja, wenn man mit der Nase drauf gestoßen wird, ist die kleine Schleife natürlich eindeutig und ein l, kein t. Also ein Lehnwort aus der Sprache des miteinwohnenden Volkes, der Tschechen. pomalo = langsam, gemächlich. Paßt natürlich zu einer 97er auf einer altösterreichischen Lokalbahn.

Sören, Du darfst gern im Schlesischen Wörterbuch nachschauen, würde mich interessieren, ob das "pomale" dort berücksichtigt ist.

Eine schläsische Wikipedia hatte ich vergeblich gesucht, auf die boarische kam ich natürlich nicht.

Erscheinen soll das Ganze im LOK Report 4/2012 (Mitte März), Heft 3 war leider schon voll. Aber so kann die ganze Sache nochmal reifen. Neben Štíty wird auch Chornice Platz eingeräumt.


Zur Schreibschrift: natürlich lernen Schulkinder heute noch eine Schreibschrift, aber eben keine deutsche Kurrent (bzw. Sütterlin) mehr, sondern eine lateinische Schreibschrift. Bei uns in Bayern seid mehreren Jahren eine "Vereinfachte Ausgangsschrift", in der es z.B. das wunderbar geschnörkselte "h" und "x" nicht mehr gibt. Was dagegen schon zu unserer Zeit - jedenfalls in Bayern, ich wurde 1972 eingeschult - weggefallen war, war "Schönschrift", also das bewußte Üben einer schönen Schreib- und Handschrift (egal, ob deutsch oder latein) als eigenes Fach mit eigener Zeugnisnote.


Viele Grüße an alle Schriftgelehrten,
Joachim

von Joachim Piephans - am 19.01.2012 19:31

"pomale"

Guten Morgen!

Ohne die Fachwörter zu kennen: In Unkenntnis des Schlesischen habe ich den fraglichen Buchstaben als t identifiziert gehabt, zu Unrecht. Deutsche Schreiber, die um 1720 in Kopenhagen aktiv waren, sind vielleicht nicht der beste Lehrmeister. ;-)

Das Schlesische Wörterbuch bringt eigentlich keine neuen Erkenntnisse. Es nennt pomale (auch pumale) mit der Bezeichnung "langsam", der Bereich um Grulich ist in der Verbreitung enthalten.

Viele Grüße aus der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Sören

von Sören Heise - am 20.01.2012 08:31

Re: Duden-online sagt für pomadig

Vergesst nicht, dass es auch im Tschechischen ein Wort mit dem gleichen Stamm gibt: "pomalu" - langsam.

Ahoj,

Zamracena

von Zamracena - am 20.01.2012 14:39
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