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Forum zu den Eisenbahnen in Tschechien
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Letzter Beitrag:
vor 3 Jahren, 3 Monaten
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JisBjoern, Strojmistr, awp, RR, JFHf

Abschied mit Glockengeläut

Startbeitrag von JisBjoern am 15.03.2015 12:39

Wer kennt sie nicht, die Lieblingsplätze, die Stellen an die man immer wieder zurück kehrt, auch wenn sie fotografisch schon ausgeschöpft sind? Derer man sich mit einem Hauch Wehmut erinnert, wenn es sie einmal nicht mehr gibt?

Für mich ist so eine Stelle die Ausfahrt des Bahnhofs Nyrsko, die hinauf in die Berge oder besser gesagt, der Bahnübergang in der langen Kurve. Holzschranken, Läutewerk, Seilzug, Flügelsignal. Alles auf engstem Raum beisammen, alles wie aus der Zeit gefallen. Und wenn es auch fototechnisch schönere Ecken an der KBS 183 gibt, die mit weitem Blick auf die Höhen der Sumava oder hinaus ins Land, immer wieder fanden Fotografen in diese Kurve mit ihrer altertümlichen Infrastruktur.

Und nun? Vorbei! So wie alles im Leben mal ein Ende hat. Und klar, Ceske Drahy ist ein Verkehrsunternehmen, dessen Unternehmensziel darin liegt, die Reisenden möglichst pünktlich, komfortabel und sicher an ihr Ziel zu befördern. Und so macht die anstehende Modernisierung Sinn und hilft, den Fortbestand der Strecke zu sichern. Ein Umstand, den ich als Eisenbahnfreund und gelegentlich auch Reisender sehr begrüße.

Trotzdem, es sei erlaubt inne zu halten und vielleicht auch ein kleines Tränchen zu zerdrücken, weil wieder ein Stück Romantik und Historie verschwindet, auf dem Alteisenhaufen der Geschichte landet und zubetoniert.

In so war es für mich gestern keine Frage, trotz oder vielleicht sogar wegen des trüben Wetters, nochmal runter zu fahren in den Böhmerwald und einen persönlichen Abschied zu nehmen. Die Bilder die dabei entstanden sind, sind weit davon entfernt den Status von Highlights in irgendwelchen Galerien darzustellen. Es sind einfach Momentaufnahmen des Alltagsbetriebs eines ganz normalen trüben Vorfrühlingstages an der KBS 183. Meine persönlichen Abschiedsaufnahmen. Und mal ehrlich, irgendwie war ich sogar froh wegen des graus am Himmel. Gab es mir doch die Gelegenheit der einzige zu sein und in Ruhe alles auf mich wirken zu lassen.
































754 015-6 kommt mit dem Rx 777 "Pancir" die Berge herunter und passiert das Einfahrtssignal von Nyrsko.




Auch der Bahnhof Hamry-Hojsova Straz wird nach der Modernisierung sein Aussehen verändert haben. Darum nutzte ich die Chance bis zur nächsten Leistung talwärts, um mich dort nochmal etwas umzusehen und den Gegenzug Rx 776 abzulichten.

Dort angekommen gab's gleich eine Überraschung, denn es herrschte mächtig Treiben auf und um die kleine Station im Wald. LKW's, ein Autokran, Bauzüge, Gleisbaumaschinen und jede Menge geschäftiger Gleisbauarbeiter, die mit dem Entladen und Bereitstellen von Baugerätschaften beschäftigt waren. Und während die Männer sich nach getaner Arbeit zwecks Einquartierung zur nahe gelegenen Pension begaben, hatte eine noch nicht Dienstschluss. Hektisch, laut telefonierend und sich beständig mit dem Fahrdienstleiter austauschen, versuchte er wohl einen möglichst schnellen Rückfahrttermin für eine der anwesenden Dieselloks, nebst Anhang zu erreichen.





Wer ist nur auf die Idee gekommen, das Stationsgebäude rosa zu streichen???


















Macht sich gut in dem grün, die 740 657-2 von Lokotrans.








704 038-9 von Juso und 740 657-3 von Lokotrans.




































Die blau-weiße 740 794-3 von Juso steht bereit, einige Wagen wieder hinunter zu bringen.


















Werden sie den Umbau überleben? Noch stehen zwei alte Wasserkräne im Bahnhof von Hamry-Hojsova Straz und künden von der Zeit, als der Wald von den harten Auspuffschlägen schwer arbeitender Dampfloks widerhallte.








Moderner Zug in alter Infrastruktur. Die najbrt 2.0 Brille 754 041-2 hat den Rx 776 "Pancir" hinauf auf die Höhen der Sumava gebracht.




Jetzt war es auch für mich Zeit den kleinen Bahnhof mitten im Wald wieder zu verlassen und hinunter zu fahren nach Nyrsko. Aber nicht ohne vorher nochmal kurz in Zelena Lhota vorbei zu schauen. Hier wurde bereits heftig gebaggert, mit der Schaufel quer über das Durchfahrtsgleis.


Wieder in der Kurve angekommen dauerte es nicht lange und die Drähte unter mir begannen zu singen, sich Räder zu drehen, *pling-pling-pling* die Glocke schlug an und langsam senkten sich die Holzschranken um federn ist der Endstellung zu stehen zu kommen. Erneutes singen und *klapp*, in zwei Etappen hebt sich der Signalflügel, während im Hintergrund im trüben grau gerade der Bauzug aus dem Einschnitt am Haltepunkt von Desenice hinaus auf die Felder rollt.





740 794-3 passiert mit ihren leeren Güterwagen das Einfahrtssignal von Nyrsko, .....









....um gleich darauf die kleine Verbindungsstraße zu queren.




So kam ich sogar in den seltenen Genuss, einen "Güterzug" auf dieser Strecke ablichten zu können. Ein Glück, welches ich bei allen Besuchen bisher noch nie hatte.

Während sich der Himmel weiter verfinsterte, rückte die Durchfahrtszeit der nächsten Leistung gen Klatovy immer näher. Die Segnungen der modernen Technik ausnutzend, sollte diese, inklusive dem vorherigen Schließen der Schranken nun in Bewegtbildern festgehalten werden. Also, für alle Freunde des gepflegten *pling-pling-pling* hier einmal in (fast) voller Länge....




Schließen der Schranke und Öffnen des Einfahrtssignal




Mit der grün-grauen 754 074-3 an der Spitze, rollt Sp 1967 am Einfahrtssignal von Nyrsko vorbei




Eigentlich Zeit einzupacken und heim zu fahren. Das Licht reichte mittlerweile nicht mal mehr für dokumentarisches. Doch halt, nein! Bot nicht genau dass die Chance etwas zu tun, was man ansonsten so oft unterlässt? Einfach mal den Foto in der Tasche lassen, Eisenbahn genießen und nicht nur durch den Sucher zu fixieren, ausschließlich darauf bedacht, nur ja den Bildausschnitt richtig auszuwählen und die Belichtung nicht zu verhauen.....

Also noch ein letztes Bild der geschlossenen Schranken für den Os 7501.....










......dann ab mit der Knippskiste in den Rucksack und am rot-weißen Baumstamm aufgebaut. Einfach nur schauen und jedes Detail in sich aufsaugen!

Und etwas für die gute Nachbarschaft tun. Während ich nämlich, vom Willen beseelt auch die letzte Kleinigkeit noch mit zu bekommen, nach der Durchfahrt des Os wartete bis die Schranken sich wieder hoben, kam auf der gegenüberliegenden Seite ein Golf nebst Anhänger zum Stehen. Der aus der halb geöffneten Autotür heraus auf Tschechisch gestellten Frage konnte ich leider mal wieder nur mit einem Lächeln und einem bedauernden "Tut mir leid, ich verstehe nichts..." antworten, worauf sich auch die Beifahrertür öffnete und ich in schönstem "böhmischen" Deutsch gefragt wurde, ob ich wüsste wann die Schranke wieder auf gehe. Zwar musste ich die Antwort darauf schuldig bleiben, doch entspann sich eine muntere Unterhaltung mit dem netten Pärchen, nur getrennt von zwei Baumstämmen in rot und weiß, und ganz neben bei, einige Streicheleinheiten für den Hund der beiden, der, sich nichts um geschlossene Barieren kümmernd, das Terrain erkundend beständig hin und her pendelte.

Das perfekte Ende eines tollen Tages, eines Tages der trotz, oder vielleicht wegen seiner Normalität und Banalität Eindruck hinterlassen und Erinnerungen geschaffen hat!

Antworten:

Sanierung

Hallo!

Zitat
Und nun? Vorbei! So wie alles im Leben mal ein Ende hat. Und klar, Ceske Drahy ist ein Verkehrsunternehmen, dessen Unternehmensziel darin liegt, die Reisenden möglichst pünktlich, komfortabel und sicher an ihr Ziel zu befördern. Und so macht die anstehende Modernisierung Sinn und hilft, den Fortbestand der Strecke zu sichern. Ein Umstand, den ich als Eisenbahnfreund und gelegentlich auch Reisender sehr begrüße.


Schöne Beschreibung. Aber die Modernisierung dieser Strecke läuft über die staatliche Gesellschaft, SZDC. Diese hat, soviel wie ich mit bekommen habe, nichts mehr mit der CD zutun. Diese verwaltet, wie im Link beschrieben, die Infrastruktur. Da nun eine Modernisierung ansteht, muß die CD, als fast "Alleinfahrer" auf der Strecke, sich den Gegebenheiten anpassen. Und wer weiß, ob in Zukunft nicht ein anderes EVU die anstehenden Leistungen erbringen wird, wie im Netz um Ceske Budejovice, ab 2017.
Alles nach Richtlinie der EU (Wettbewerb??? ).

[www.szdc.cz]

Noch eins: Wenn, wie am Freitag SEV am Beginn der Strecke 183 war und Bauarbeiten an der 170 sind, der Zug verspätet in Plzen ankommt und verspätet weiterfährt, dann kann die CD ihrem, im Zitat umworbenen Ziel, nicht gerecht werden. Ob die Modernisierung Fluch oder Segen ist, wird die Zeit zeigen.

Gruß Jörg

von JFHf - am 15.03.2015 16:17

Ja, man arbeitet ( m. 5. B. )

Servus Chris,

vielen Dank für deinen stimmungsvollen Bericht. Kurzentschlossen zog es mich am Sonntag auch noch hin, man kann es halt nicht lassen. Da das Wetter etwas besser war, teilte ich nicht dein Privileg, der einzige zu sein.

Und tatsächlich, man fing schon an umzugraben in Zelená Lhota, die Bahnhofskatze ging mal nachschauen und war genauso erstaunt wie ich :




Es wurde gar schon vermessen, ich traute mich aber nicht, das gelbe Dreibein mal kurz beiseite zu stellen, nicht dass der Bahnsteig dann schief wird :




Ob dieses Relikt aus unserer beider Bezirkshauptstadt wohl überlebt :




Wahrscheinlich schon, die Uhr werden sie ja wohl dran lassen.

Als letzter Zug im Licht passierte 754 041 mit Rx 779 nach Praha am 15.3.2015 um 17.35 Uhr die Schrankenanlage vor Nýrsko. Die Fotografenmeute war schon abgezogen, jetzt war ich auch allein :




Das war´s also, ein letzter Stimmungsfang :



Gruß aus Regensburg

Robert

von RR - am 15.03.2015 23:48

gelungen!

Fein, und gut, daß du das Arbeitsgerät von František Fermésr hast stehen lassen. Das fließt mal in einen künftigen Bildtext ein. ;)

LG



Es war sehr schön!
Es hat mich sehr gefreut!

von awp - am 16.03.2015 10:42

Das letzte Bild ist stark!

Hallo Robert,

die Uhr ist mir auch aufgefallen. Wie lange mag die schon da hängen? Wirklich seit der Zeit als man hier neben Tschechisch auch noch Deutsch gesprochen hat? Dafür sieht sie aber noch recht "neu" aus.

Das letzte Bild ist echt Klasse! Mal wieder ganz großes Kino!

Grüße aus dem oberbayerischen Exil
Chris


P.S.: Wird Zeit dass wir uns mal wieder an Böhmens Schienen treffen ;-)

von JisBjoern - am 17.03.2015 21:12

Uhr

Hallo,

die Uhr dürfte nach der Angliederung des Sudetenlandes an Deutschland dort angebracht worden sein, als dieser Streckenteil zur RBD Regensburg gehörte. Immerhin gibt es den Hersteller heute noch: www.rauscher-time.com

von Strojmistr - am 17.03.2015 21:50
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