Diese Seite mit anderen teilen ...

Informationen zum Thema:
Forum:
ChessBits-Computerschachforum
Beiträge im Thema:
1
Erster Beitrag:
vor 16 Jahren, 5 Monaten
Beteiligte Autoren:
Manfred Meiler

An Herrn Weiner...

Startbeitrag von Manfred Meiler am 13.05.2001 18:52

Sehr geehrter Herr Weiner,


eine Bitte vorweg:
Wenn Sie das nachfolgende lesen (soweit es Sie ĂŒberhaupt interessiert), geben Sie nicht gleich wieder einem Reflex nach, den ich bei Ihnen schon hĂ€ufiger beobachtetet habe:
Kritik (und sei sie noch so konstruktiv gemeint) mit Schwarz/Weiß-Sicht zu begegnen - nach dem Motto: Millennium-Feind, ggf. nur ChessBase-Verfechter.
Mit solchem Schubladen-Denken kann ich nichts anfangen.

Ganz im Gegenteil habe ich bei meiner BeschĂ€ftigung mit Computerschach (seit mehr als 20 Jahren) viele Produkte der verschiedensten Hersteller erworben. In der Zeit der guten alten Schachcomputer habe ich neben Produkten u.a. von Fidelity und NOVAG auch viele GerĂ€te aus MĂŒnchen besessen – ohne Anspruch auf VollstĂ€ndigkeit: Mephisto 2 (Brikett), Mephisto 3 (modulares System), MM2, MM4, Polgar, alle Lang-Programme von Amsterdam bis Portorose und den RISC 1 MB.
Mein „SchlĂŒsselerlebnis“ hatte ich damals mit dem Mephisto-Roma: Wohl in einem Anfall geistiger Umnachtung erwarb ich 1987 das Roma-Modul in 68020-er AusfĂŒhrung, dazu das sĂŒndhaft teure MĂŒnchen-Brett (alles in allem fĂŒr runde 5.000 MĂ€rker), nur um dann einige Monate spĂ€ter feststellen zu mĂŒssen, daß ein Update auf den Nachfolger Almeria (mangels KompatibilitĂ€t) nicht möglich war ;-(
Seit meinem Umstieg auf’s PC-Schach kaufte ich (neben vielen Konkurrenzprodukten von ChessBase, Rebel, Chessmaster etc.) auch so ziemlich alle Softwareprodukte aus Ihrem Haus (Genius 2 - 6.5, Gideon, Shredder 2-5, Nimzo, Mchess und ChessAssistant 5.1).
Ich wĂŒrde mich also als treuer Kunde Ihrer Produkte seit 2 Jahrzehnten aufgrund dieses Postings nicht gerne von Ihnen in eine Schublade gesteckt sehen. So einfach sollten Sie es also sich bitte nicht machen.

Nun (endlich) zum Thema:
Lt. Mitteilung auf Ihrer Homepage zieht sich Millennium aus dem Sektor Schachsoftware zurĂŒck.
Stefan Meyer-Kahlen scheidet aus und es bedarf nicht viel Phantasie sich vorzustellen, wohin Stefan mit seinem Shredder gehen wird (mein klarer Tipp: zu ChessBase).

Niemand, der sich seit einiger Zeit ernsthaft mit diesem Markt beschĂ€ftigt, kann ĂŒber diese Entwicklung ernsthaft ĂŒberrascht sein. Daß dies geradezu zwangslĂ€ufig war, will ich mit einigen Anmerkungen aus meiner Sicht belegen. Nehmen wir nur mal die letzten 2-3 Jahre:

Zum Jahreswechsel 98/99 erschien das erste MCS-System.
In vollmundigen Anzeigen wurde es als „das geniale Schachsystem fĂŒr das neue Jahrtausend“ bezeichnet. Zwei Jahre spĂ€ter war es bereits wieder in der Versenkung verschwunden (Sie mĂŒssen sich nicht wundern, daß man ĂŒber diese Art der Werbung nur noch mĂŒde lĂ€cheln kann, um es mal freundlich auszudrĂŒcken).
Dieses „geniale Schachsystem“ hatte mehrere Geburtsfehler:

Da war ein Genius 6, der in der besagten Anzeige mit folgenden Worten angekĂŒndigt wurde:
„Richard Lang...hatte sich fĂŒr zwei Jahre zurĂŒckgezogen, um an seinem neuesten Meisterwerk zu arbeiten. Herausgekommen ist nicht nur ein neues Spitzen-Schachprogramm...“.
Wenn Worte noch einen Sinn machen, durfte man mit einer (deutlich) verbesserten Genius-Version rechnen; was die Kunden bekamen, war jedoch nur eine geringfĂŒgig modifizierte Version von Genius 5 !
Ihre heldenhaften BemĂŒhungen dieses Debakel um Genius spĂ€ter schön zu reden, waren (mindestens in meinen Augen) nur noch lĂ€cherlich. So ganz nebenbei: In einem Interview mit der @#$%& in dieser Angelegenheit haben Sie sich ĂŒber Ihre treuesten Kunden noch lustig gemacht (wenn Ihnen dies nicht mehr gelĂ€ufig ist, kann ich Ihnen die entsprechenden Passagen gerne nachreichen).
Ich spreche in diesem Zusammenhang nicht von Betrug (habe ja keinen Lust von Ihnen vor den Kadi gezerrt zu werden), aber jeder mag sich darauf seinen eigenen Reim machen.

Die spĂ€ter zu erwerbenden MCS-Engines WChess und Zarkov (sehr interessant, vor allem WChess) waren mit 99.- DM vollkommen ĂŒberteuert (man stelle sich das heute mal vor: ein reines Schachprogramm ohne Eröffnungsbuch auf Diskette fĂŒr 99.- DM !).
In der besagten Anzeige kĂŒndigten Sie als in Vorbereitung u.a. einen Mchess Pro als MCS-Engine an.
Mag ja sein, daß die Portierung des DOS-MChess nach Windows (bzw. MCS) fĂŒr Marty Hirsch schwierig (oder gar unmöglich) war; mag auch sein, daß Marty Hirsch bereits damals die Lust an einer Umschreibung/Weiterentwicklung von MChess verloren oder sich bereits anderweitig orientiert hatte.
Aber zurĂŒck blieb bei mir der Eindruck: Nur heiße Luft aus MĂŒnchen !
Schade um diesen Klassiker MChess...


Ende letzten Jahres erschien Ihr WM-Paket 2001 mit Shredder 5 und SOS in neuer GUI als Kernprodukt.
Statt den Weltmeister Shredder 5 (mindestens auch) stand alone zum marktĂŒblichen Preis anzubieten, schnĂŒrten Sie ein Paket fĂŒr 200.- DM, in dem etliche Sachen waren, die ich (und sicher manch anderer Computerschachfreund) nicht brauchten oder bereits hatten:
Ein Nimzo 2000 (den Sie vorher bereits stand alone und als Bestandteil des WM-Pakets 2000 verkauft hatten), einen Crafty (den man sich kostenlos aus dem Internet laden kann oder als CB-native zu fast jedem ChessBase-Produkt gratis dazu bekommt) und einen Set TableBases, die viele Freaks bereits besaßen.
Ich will nicht verhehlen, daß auch das WM-Paket 2001 in dieser Zusammensetzung fĂŒr einige Schachfreunde seine 200 MĂ€rker wert ist (vor allem die lobenswerte Option auf einen spĂ€teren kostenlosen Deep Shredder), aber warum war keine Zweigleisigkeit möglich ?
Ein Shredder 5 stand alone und parallel dazu ein Paket, in das Sie (statt Nimzo 2000 und Crafty) dann aber besser z.B. das alte MCS mit den Engines Genius 6.5, WChess 2000 und Zarkov 5 gepackt hĂ€tten; dazu vielleicht noch einen MCS/UCI-Adapter, mit dem man MCS-Engines auch unter Shredder 5 bzw. vielleicht sogar UCI-Engines unter dem alten MCS hĂ€tte betreiben können (so ein Adapter kann doch nicht das Problem sein, wenn Roland Pfister die Erstellung seines UCI/WB-Adapters als intellektuelle FingerĂŒbung bezeichnet).
So aber werden Klassiker wie Genius und WChess in Vergessenheit geraten; und auch das alte MCS war weiß Gott nicht schlecht (stabile LauffĂ€higkeit, in den Datenbankfunktionen Shredder 5 weit ĂŒberlegen).


Ich erinnere mich noch an Ihre frĂŒhen Webseiten.
Sie warben damals mit Ihrer Crew aus 4 Top-Programmierern. Was ist daraus geworden ?
Richard Lang hatte wohl schon damals die Lust an seinem Genius verloren, Chrilly Donninger schied nach einiger Zeit (aus fĂŒr mich nicht nachvollziehbaren GrĂŒnden) aus, zu Marty Hirsch siehe oben und nun ist auch noch Stefan Meyer-Kahlen ausgeschieden.
Innerhalb von 2 Jahren haben Sie also diese Topmannschaft verloren.


Zum Kramnik-Match:
Ich kenne sicher lĂ€ngst nicht alle Details dieses Deals, aber gerade als interessierter Beobachter will ich Ihnen meine EinschĂ€tzung der Dinge geben, wie sie sich mir (und vielleicht auch manchem anderen) darstellen: Mit Ihrem Verhalten in dieser Sache haben Sie Ihren Interessen (und denen von Stefan bzw. Shredder) einen BĂ€rendienst erwiesen. Statt stur auf dem Standpunkt zu verharren, Shredder stĂŒnde wegen seiner mehrfachen WM-Titel automatisch das Anrecht auf eine Kramnik-Herausforderung zu, hĂ€tten Sie besser rechtzeitig konstruktiv versuchen sollen, die sicherlich vorhandenen Kritikpunkte dieses Events mit den Verantwortlichen auszurĂ€umen.
Nun also tritt wohl im Herbst Deep Fritz gegen Kramnik an. Und wenn ich auch glaube, daß dieser Event bei weitem nicht die öffentliche Resonanz des 97-er Matches von Kasparov gegen Deep Blue haben wird, so werden Sie (und Stefan) noch die verpasste Chance bedauern, Shredder dadurch weit ĂŒber den kleinen Kreis der eingefleischten Computerschachfreunde hinaus bekannt zu machen. So aber sind halt dann ChessBase und Fritz (wieder) mal in aller Munde - wenn ich auch meine, daß Fritz gegen Kramnik ohne jede Chance sein wird (Shredder und besonders Tiger wĂŒrden hier vielleicht etwas besser aussehen).


Über Ihre stĂ€ndigen Reibereien mit der SSDF will ich mich hier nicht weiter auslassen (zumal ich die SSDF-Liste nicht ĂŒberbewerte) – aber:
Ungeachtet der Frage, wer hier im Recht ist (ich kann das nicht nĂ€her beurteilen) – Fakt ist leider:
Shredder ist offiziell weder in den WM-Versionen 4 noch 5 in der SSDF-Liste vertreten; auch wenn Shredder dort nicht an der absoluten Spitze lĂ€ge, was ist Ihnen und Stefan da in den vergangenen 2 Jahren an PublizitĂ€t entgangen. Aber klar: Auch Ihre Streitereien mit den Schweden sind natĂŒrlich Publicity...


Es war hier schon gelegentlich der Tenor zu lesen: Sie selbst haben Ihren Interessen (so nebenbei: auch denen von Stefan) am meisten geschadet. Shredder war nach meiner EinschÀtzung trotz aller Erfolge der letzten Jahre mehr in "Streitereien" verwickelt als jedes andere Programm.
Was meinen Sie, was z.B. ChessBase daraus gemacht hÀtte, einen Weltmeister aus Deutschland (speziell nach den mehrfachen WM-Gewinnen) an Bord zu haben ?
Man mag ĂŒber ChessBase und seine Produkte denken, wie man mag. Aber eines kann man den Leuten in Hamburg wirklich bescheinigen: ChessBase hat sich durch kontinuierlichen Aufbau und Pflege seiner Produktpalette U N D durch kluges Verhalten am Markt seine Spitzenposition redlich verdient.


In Ihrer Mitteilung auf der Millennium-Site sprechen Sie ĂŒber die GrĂŒnde Ihrer RĂŒckzugs:
rĂŒcklĂ€ufiger Markt bei Schach-Software, Problem der Raubkopien.
Von diesen Begleiterscheinungen sind aber auch Ihre Mitbewerber betroffen !
Stammt die Formulierung zu Chessbase „Millionaros aus Hamburg“ nicht von Ihnen ?
Und Schröder B.V. liefert Rebel und Tiger schon seit lÀngerem ohne Kopierschutz aus.
„Verschenken“ die Mitbewerber ihre Produkte (wie Sie es in dem besagten @#$%&-Interview vor 2 Jahren mal formuliert haben) ?
Ich mag Ihnen gerne glauben, daß mit Schach-Software heute nicht mehr die großen GeschĂ€fte gemacht werden (gerade in Erinnerung an die teilweise astronomischen Preise Ihrer Produkte in den 80-ern) und Ihr KerngeschĂ€ft inzwischen woanders liegt, aber mit Verlaub, Herr Weiner:
Ihre Darstellung erinnert mich ein wenig an das Bild von dem Kind unter'm Kirschbaum, das nicht an die Kirschen kommt und dann trotzig sagt: Ich mag ja gar keine Kirschen.


Sie mögen vielleicht den (falschen) Eindruck haben, daß ich aus einer gewissen Schadenfreude heraus schreibe oder gar spöttisch formuliere, aber der wahre Grund ist:
Mit Ihrem Schritt ist nun ein wichtiger Mitbewerber auf diesem Sektor ausgeschieden (bin versucht zu schreiben „...hat sich selbst in’s Abseits gestellt“).
Die Gefahr ist nicht zu ĂŒbersehen, daß damit neben ChessBase (zumal dann, wenn auch noch Stefan zu ChessBase wechselt) kaum noch ein ernstzunehmender Konkurrent auf dem Markt ist (ich habe weiß Gott nichts gegen die Hamburger, wie ich schon oben schrieb):
Da ist noch die Schröder B.V. (die neben Rebel und Tiger nun auch noch Gandalf 5 bekommt), da ist der Chessmaster (mit seinen bekannten „Eigenheiten“) und wohl noch Gambit-Soft mit seinen WinBoard-Editions. Und sonst ?
Den Freunden des Computerschachs kann an einem möglichen Quasi-Monopol (von wem auch immer) auf Dauer nicht gelegen sein.

Gerne wĂŒrde ich meine Anmerkungen schließen mit der Hoffnung, kĂŒnftig auch aus MĂŒnchen noch innovative Entwicklungen im Bereich der Schachsoftware erwarten zu können. Aber das ist wohl nach Ihren heutigen Verlautbarungen Schnee vom letzten Jahr.

Ihre Verdienste um das Computerschach sind unbestritten (und sicher nicht nur von mir).
Ich will hier keinesfalls einem bedenkenlosen Opportunismus das Wort reden, aber es ist fĂŒr mich bedauerlich festzustellen, wie Sie (mit Ihren langjĂ€hrigen Erfahrungen der Marktmechanismen) aus einer Mischung von UnflexibilitĂ€t, Ungeschicklichkeiten und FehleinschĂ€tzungen Ihre Möglichkeiten auf diesem Markt in den letzten Jahren vertan haben.


Mit freundlichen GrĂŒĂŸen

eim enttÀuschter Computerschachfreund

Antworten:

Zur Information:
MySnip.de hat keinen Einfluss auf die Inhalte der Beiträge. Bitte kontaktieren Sie den Administrator des Forums bei Problemen oder Löschforderungen über die Kontaktseite.
Falls die Kontaktaufnahme mit dem Administrator des Forums fehlschlägt, kontaktieren Sie uns bitte über die in unserem Impressum angegebenen Daten.