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Erster Beitrag:
vor 15 Jahren, 5 Monaten
Beteiligte Autoren:
Eduard Nemeth

Es begann im Jahr 1994 !

Startbeitrag von Eduard Nemeth am 12.06.2001 18:41

Korrektur erwünscht!!!

Wir schrieben das Jahr 1994. In der PC Welt erschien der erste Pentium Prozessor. Das sorgete in der Computerschachwelt für Furore! Das damalige
Schachprogramm genannt "Genius" wurde als das weltbeste anerkannt.

Kombiniert mit dem neuen Super-Pentium Prozessor sollte es zum Schrecken
der Menschheit werden. Darum benannte man diese Programmkombination "das
Biest"!

In der Schawelt kam es (ebenso) zu einer kleinen Revolution. Der Weltmeister
Garry Kasparov trennte sich von der Fide und gründete eine eigene Schachprofi-
organisation namens PCA. Soweit ich weiss bestand diese Organisation anfangs
aus nur wenigen Mitgliedern - aber das ist ja egal - zum Glück haben wir ja
"INTEL" den Prozessorenhersteller. Unser neuer PCA Weltmeister verbündete
sich alsbald mit dem Prozessorimperium und bald gab es unter der Führung
von INTEL die sogenannten Grand Prix "Schnellschachturniere". Wer an
einem solchen Turnier teilnehmen durfte damals, der durfte sich glücklich
schätzen.....allerdings musste man sich "leider" (wie überall) dafür qualifizieren.

1994 qualifizierte sich für solch ein Grand Prix Turnier der erste Computer, und
das konnte natürlich kein anderes werde als "Das Biest"!

Die Leistungsfähigkeit des BIESTES schätzte man damals auf dem damals
neuestem Pentium mit 90 Mhz mit >2400 Elo Punkten, und im Schnellschach
natürlich deutlich "mehr".

das Biest soll angeblich bis >100.000 Stellungen/sek. berechnet haben sollen
(was ich im Nachhinein bezeifle) und auch den Besten der besten Menschen
somit gefährlich werden.
Uff! Ausgerechnet in der 1. Runde eines Intel-Grand Prix Turniers musste
das Biest, genannt Genius gegen den Weltmeister antreten.

Es kam wie es immer kommt: einmal ist es immer das erste MAL - eben!
Zum ersten Mal verlor ein amtierender Weltmeister in einem offiziell geführten
Turnier gegen einen Computer!!

Hier diese fantastische Partie des Biestes, mit superlativ Kommentierung:


[Event "5/94-10 London GP "]
[Site "?"]
[Date "1994.??.??"]
[Round "1"]
[White "Kasparov,G"]
[Black "Pentium/Genius"]
[ECO "D23"]
[Result "0-1"]

1. c4 c6 {Keine Experimente mit modernen Systemen wie
1...e5. Doc Hertnek hat Genius die ganz klassische Gangart
verordnet.} 2. d4 d5 3. Nf3 Nf6 4. Qc2 dxc4 {Damit leitet
Chess Genius in ein angenommenes Damengambit über, während
er mit 4...g6 im Slawischen Damengambit geblieben wäre.
Beide Züge gelten als gut spielbar.} 5. Qxc4 Bf5 6. Nc3
Nbd7 7. g3 e6 8. Bg2 {Man könnte sich um 60 Jahre
zurückversetzt fühlen, denn diese Stellung kam bereits im
WM-Kampf Bogoljubov-Aljechin, Mannheim 1934 aufs Brett.}
Be7 9. O-O O-O 10. e3 Ne4 11. Qe2 Qb6 12. Rd1 {Der weiße
Aufbau macht keinen besonders gefährlichen Eindruck. Genius
hat seine Figuren harmonisch aufgebaut und somit den
Eröffnungstest bestanden, was gegen Kasparov die halbe
Miete ist!} Rad8 {Ich würde eher 12...Tfd8 spielen, aber
man stellt ja immer den falschen Turm aufs falsche Feld.}
13. Ne1 Ndf6 {Richard Lang darf stolz darauf sein, daß
Genius dem Abtausch 13...Sxc3 widersteht, was nur die weiße
Bauernstruktur verbessern würde. Genius hat also auch
strategisches Grundwissen...} 14. Nxe4 Nxe4 $6 (14... Bxe4
15. f3 Bg6 {nebst ...c5. Damit hätte Schwarz die Probleme
wesentlich besser gelöst.}) 15. f3 Nd6 16. a4 $6 {Genius
erwartete 16.Sd3, und recht hat er! Weiß mußte den Hebel
c5-c6 aus der Stellung nehmen.} Qb3 $2 {Der schwächste Zug
von Genius in dieser Partie. Erstens stand alles für den
befreienden Vorstoß 16...c5 bereit, und zweitens gewinnt
Weiß nun einige Tempi durch Angriff auf die Dame.} 17. e4
Bg6 18. Rd3 Qb4 19. b3 {_} Nc8 $1 {Wäre Genius zu
menschlichen Reaktionen fähig, hätte er hier Reue und
Erleich- terung verspürt. Reue über seinen verfrühten
Damenausfall und Erleichterung über die gelungene
Verteidigung. Nun stimmt die Figurenkoordination wieder.}
20. Nc2 Qb6 21. Bf4 $2 {Nach diesem Fehler gleicht Genius
völlig aus. Richtig war sofort...} (21. Be3 {Zwar scheitert
dann auf} c5 {das strategisch wünschenswerte} 22. d5 {an}
exd5 23. Rad1 {doch gegenüber der Partie hat Weiß ein
Mehrtempo (22.Tad1). Bemerkenswert, daß Genius diese
Stellung bereits als völlig ausgeglichen ansieht.})
21... c5 22. Be3 cxd4 23. Nxd4 Bc5 24. Rad1 e5 25. Nc2 Rxd3
26. Qxd3 Ne7 {Erstaunlich, wie virtuos Genius in dieser
Partie mit seinem Springer manövriert!} 27. b4 $6 {Genius
bevorzugt...} (27. Qc3 Bxe3+ 28. Nxe3 {oder 28.Dxe3} Nc6
29. Rd6 {und wieder hat er recht, denn der gelockerte weiße
Damenflügel wird im Endspiel zum Angriffsobjekt.})
27... Bxe3+ 28. Qxe3 Rd8 $1 {Ein genauer Zug folgt auf den
anderen. Der Druck auf der d-Linie wird mit taktischen
Mitteln egalisiert.} 29. Rxd8+ Qxd8 30. Bf1 b6 31. Qc3 f6
32. Bc4+ Bf7 33. Ne3 {Nach...} (33. Kf2 Qd1 34. Qd3 Qxd3
35. Bxd3 Bb3 36. a5 bxa5 37. bxa5 Nc6 38. a6 Bxc2 39. Bxc2
Nb4 40. Bb3+ Kf8 41. Bc4 Ke7 {erhält Schwarz
Endspielvorteil. Diese Variante illustriert recht deutlich,
daß Weiß bereits um den Ausgleich kämpfen muß.}) 33... Qd4
34. Bxf7+ Kxf7 {_} 35. Qb3+ $2 {Diese Stellung erinnert
mich an meine Gewinnpartie gegen Fritz3 im Münchner Intel
Express Challenge. Dort holzte ich alle Schwerfiguren (und
vor allem die Damen! ab, um im Springerendspiel zu landen.
Hätte Kasparov hier...} (35. Qxd4 exd4 36. Nc4 {gespielt,
wäre die Stellung unverlierbar gewesen:} Nc6 37. b5 Ne5
38. Nxe5+ fxe5 39. f4 {muß Weiß nicht fürchten. Nach dem
Textzug wird Genius zum Tier.}) 35... Kf8 36. Kg2 $2
{Faszinierend, daß Genius hier im Kasparov-Stil die
Variante...} (36. Kf1 Qd2 37. Nc4 Qxh2 38. Nd6 {sieht, mit
Kompensation für Weiß, z.B.} Qh5 39. Qe6 {(??) mit der Idee
Dd7-d8} Qxf3+ 40. Ke1 Qxg3+) 36... Qd2+ 37. Kh3 Qe2 $1
38. Ng2 {Aktivere Springerzüge verlieren noch schneller,
z.B. ...} (38. Nf5 Qf1+ 39. Kg4 h5+ 40. Kxh5 Qh3+ 41. Nh4
g5 (41... g6+ $1 {Fritz} 42. Kh6 g5)) 38... h5 $1 {Genius
sieht sich wegen der Drohung g5-g4 bereits mit einem Bauern
im Vorteil. Unter Großmeistern steht Weiß bereits auf
Verlust, aber wer würde denken, daß ein Computer den
Vorteil fehlerfrei verwertet?} 39. Qe3 Qc4 40. Qd2 $2 {Die
letzte Chance war...} (40. a5 Qxb4 41. axb6 {(Genius). Weiß
vermeidet damit die Zersplitterung seines Königsflügels und
kann sich wegen der offenen schwarzen Königsstellung noch
Remishoffnungen machen. In der Partie verliert Weiß den
Bauern unter ungünstigen Umständen.}) 40... Qe6+ 41. g4
hxg4+ 42. fxg4 Qc4 {Die Dame hat auf e6 ihre Schuldigkeit
getan und nimmt nun die schwachen Bauern ins Visier.}
43. Qe1 Qb3+ 44. Ne3 {_} Qd3 $1 {Allein für diesen Zug kann
man Genius nicht genug loben. Der Bauer e4 ist natürlich
viel wichtiger als der Bauer a4, denn der weiße Damenflügel
bleibt eh schwach.} 45. Kg3 Qxe4 46. Qd2 Qf4+ 47. Kg2 Qd4
{Einfach und klar. Nach...} (47... a5 $2 {konnte Weiß sich
noch mit...} 48. b5 Qxa4 49. Qd8+ Kf7 50. Qxb6
{verteidigen.}) 48. Qxd4 exd4 49. Nc4 $2 {Nach...} (49. Nc2
{hätte Schwarz noch genau spielen müssen, z.B.} d3 50. Ne3
d2 $2 (50... Nc6 51. b5 Ne5 {nebst Ke7-d6-c5.}) 51. b5 Nd5
52. Nd1 {und der d-Bauer wird schwach. Die richtige
Reaktion war 50...Sc6}) 49... Nc6 50. b5 Ne5 51. Nd6 d3
52. Kf2 Nxg4+ 53. Ke1 Nxh2 {Ich hätte...} (53... Ke7
{gespielt, denn das Endspiel nach...} 54. Nc8+ Kd7 55. Nxa7
Ne5 56. Kd2 (56. a5 bxa5 57. b6 g5) 56... Kc7 57. h4 Kb7
58. Nc6 Nxc6 59. bxc6+ Kxc6 60. Kxd3 Kc5 61. Kc3 f5 {ist
verloren.}) 54. Kd2 {Oder...} (54. Nc8 Nf3+ 55. Kf2 d2
56. Ke2 g5 57. Nxa7 g4 58. a5 g3 59. axb6 g2 60. b7 d1=Q+
{mit schwarzem Gewinn. Genius mußte hier 14 Halbzüge
berechnen, um den Sieg nicht aus der Hand zu geben.})
54... Nf3+ 55. Kxd3 Ke7 $1 56. Nf5+ Kf7 57. Ke4 Nd2+
58. Kd5 g5 59. Nd6+ Kg6 60. Kd4 Nb3+ {Entnervt gab Kasparov
auf. Sollte Genius die letzten 40 Züge fehlerfrei gespielt
haben?. Wenn ja, dann wäre das wahrlich eine neue Dimension
des Computerschachs.} 0-1

Sie lesen Richtig: Ohne Fehler soll das Biest gespielt haben und eine
neue Dimension im Computerschach eingeläutet haben!!

So kam es wie es kommen musste: der Weltmeister verlor das Match
denn die 2. Partie konnte er nicht gewinnen!

In der 2. Runde pustete das Biest dann noch einen anderen starken WM weg
(Predrag Nikolic) und landete somit ins Halbfinale!

Zum Glück hat aber die Schachwelt MUTIGE Männer und absolute Experten.

Sein Name damals: Vishy Anand "der Tiger von Madras" !

Selbstbewußt sagte dieser: "ich werde das Biest schlagen".

Großen Worten folgten GROSSE Taten des Selbstbewusten Spezialisten.
Der Siegeszug des Biestes konnte gestoppt und die Ehre des Menschen
gerettet werden!

Hier eine fantastische Partie der "Tigers von Madras":


[Event "M&T-259 London GP "]
[Site "?"]
[Date "1994.??.??"]
[Round "1"]
[White "Pentium/Genius"]
[Black "Anand,V"]
[ECO "E11"]
[Result "0-1"]

1. d4 Nf6 2. Nf3 e6 3. c4 Bb4+ 4. Bd2 Qe7 5. g3 Nc6 6. Nc3
O-O 7. Bg2 d5 8. a3 Bxc3 9. Bxc3 dxc4 $6 (9... Ne4)
10. Ne5 $1 Nd5 (10... Nxe5 11. Bb4) 11. Nxc6 bxc6 12. Qa4
(12. Bxd5 cxd5 13. Bb4 {gewinnt die Qualität, abep Schwarz
hat ein prächtiges Zentrum und damit genügend
Kompensation.}) 12... Nxc3 13. bxc3 e5 14. Qxc6 $6 Rb8
15. Qxc4 Rb6 {_} 16. e3 $4 {Angesichts der offenen
Diagonale a6-f1 läuft es einem kalt den Rücken herunter.
Fleisch und Blut hätten trotz des Verlustes des Be2 ohne
langes Nachdenken 16.0-0 gespielt.} Ba6 17. Qa4 Rfb8
18. Rd1 {Das Programm weiß nicht, daß es in einer solchen
Stellung mausetot ist.} exd4 19. Qxd4 (19. cxd4 Qf6 {mit
der vernichtenden Drohung 20...Tb2}) 19... Rd6 20. Qa4 Qf6
21. Rxd6 Qxc3+ 22. Rd2 Rb1+ 23. Qd1 Rxd1+ 24. Kxd1 Bd3 $1
{Der Rest ist Agonie.} 25. Ke1 Qxa3 26. Bf3 g6 27. Be2 Bf5
28. h4 Qc3 29. h5 g5 30. h6 Kf8 31. Bf3 c5 32. Rh5 f6
33. Rh2 c4 34. g4 Bd3 35. Be2 Bb1 36. Bf3 a5 37. Bd1 Qb4
38. f3 a4 39. Rhf2 a3 40. Kf1 c3 41. Rd8+ Kf7 42. Ra8 c2
43. Ra7+ Ke6 44. Ra6+ Kf7 45. Ra7+ Ke6 46. Ra6+ Kd5
47. Bxc2 Bxc2 48. Kg2 Bb1 49. Rxf6 Qa5 50. e4+ Kd4 51. Rf5
Qa6 52. Rxg5 a2 53. Rxa2 Qxa2+ 54. Kg3 Ke3 (54... Ke3
55. Kh3 Qf2 56. Ra5 Bd3 57. Ra1 Kxf3 58. Rg1 Qxg1 59. e5
Qg3#) 0-1

Am Ende gewann unser Vishy mit 2-0 !!

Dennoch: das Biest ....oder sagen wir nun besser Genius konnte noch immer
eine positive Bilanz im Turnier aufweisen:
1,5-0,5 gegen Kasparov
2-0 gegen Nikolic
0-2 gegen Vishy Anand

Ds ergibt ein 3,5-2,5! damald lief Genius auf einem Intel P 90 Mhz als Dos-programm.

Ein Jahr danach kam es zur Revanche zwischen Garry Kasparov und Genius.
In einem WDR Studio nahm nun auch der Weltmeister seine Revanche und
besiegte Genius das nun auf einem 133 MHz Prozessor lief, mit 1,5-0,5.

Der Weltmeister konnte allerdings ncht überzeugen aber immerhin!

Noch immer steht es nun zwischen dem nun "Oldie" Genius und Kasparov
im Aktivschach 30' 2-2!

Wir schreiben nun das Jahr 2001 womit das neue 21 Jahrhundert angebrochen ist.
Wie wir kürzlich ja erfahren haben, bereitet sich ein neues Superprogramm darauf
den derzeit :cool: sten Menschen zu bezwinen. Dies geschach schon einmal,
im match Kasparov gegen Deep Blue, nur: auch heute noch gibt es bedenken
ob Deep Blue auch wirklich nur aus künstlicher Intelligenz bestand. Des Weiteren
sind keine Partien außer jene gegen Garry von Deep Blue öffentlich bekannt.
Deep Blue war sozusagen ein Mythos! Genius war das nicht gewesen, denn
Genius konnte man damals für lappe 200 DM sein eigen nennen.

In diesem Jahr ist das nun genauso: das für 200 DM käufliche Programm namens
Deep Fritz (also ein deep) wird im Herbst den amtierenden Weltmeister VLADY
Kramnik herausfordern!

Wird das Neuzeit-Biest diesmal auch gewinnen können, oder wird sich der
:cool: e Weltmeister VLADY Kramnik gegen Deep Fritz durchsetzen können
wie einst der "Tiger von Madras"?

Ich hoffe sehr darauf dass Vlady der coole gewinnt!! :cool: :cool: :cool:

Alles buchstäblich aus dem Stehgreif von mir geschrieben so schnell die Finger
konnten.

Ich bitte um Korrekturen und selbstredend um ERGÄNZUNGEN!!!

Danke,
EDUARD

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