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ChessBits-Computerschachforum
Beiträge im Thema:
5
Erster Beitrag:
vor 15 Jahren, 7 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 15 Jahren, 7 Monaten
Beteiligte Autoren:
Thomas Lagershausen, Peter Vossen, ELVIS

Beinahe spielten sie wie die Götter

Startbeitrag von Thomas Lagershausen am 20.08.2001 13:38









________________________________________

7 Züge lang hatte Ferret dem Tiger das positionsgerechte Qualitätsopfer in der
Spanischen Partie angeboten,dann aber im 32.Zug (Diagramm) brach er doch ein und spielte die positionelle Kapitulation mit T4b7??.Das Motiv nach einem naiven Nehmen der Qualität kann Schwarz nach cxb4! nebst Sc5 und der Läuferumgruppierung von a6 über c8 nach d7 den isolierten Bauern a4 erobern, und mit dem Freibauern die angenehmeren Perspektiven in der Partie erhalten.Jahre habe ich gewartet, daß die Programme dieses Motiv verstehen,jetzt scheinen es die ersten Programme so langsam nachvollziehen zu können.Schwarz muß (!) den Turm in diesem Stellungstyp auf b4 opfern ansonsten besitzt er über zu wenig Gegenspiel um das weiße Spiel am Königsflügel genügend zu lähmen.Der Zug 24...Tb4! ist daher für mich der Zug des Turniers bisher.Leider zeigte Ferret schon im 29 Zug mit ...Sf6? das er nicht auf der Höhe der Stellung sich halten kann.

Nach einem 29...Sf4! was nach einem Schlagen des Springers die lange Diagonale a1-h8 für den Läufer von Schwarz geöffnet hätte wäre die Stellung sehr gut für Schwarz geblieben.

Der Tiger spielte stets das Beste was er in der Situation machen konnte, nämlich niemals(!) auf b4 nehmen.

Gibt es noch ein anderes Programm das mit 24...Tb4! für vollwertiges Spiel für Schwarz sorgt?

[Event "WMCCC"]
[Site "Maastricht"]
[Date "2001.08.21"]
[Round "3"]
[White "Chess Tiger 14.6"]
[Black "Ferret"]
[Result "1-0"]
[Opening "C95 Ruy Lopez: Closed, Breyer, Borisenko Variation"]

{}
1.e4 e5 2.Nf3 Nc6 3.Bb5 a6 4.Ba4 Nf6 5.O-O Be7 6.Re1 b5 7.Bb3 d6 8.c3 O-O 9.h3 Nb8 10.d4 Nbd7
11.Nbd2 Bb7 12.Bc2 Re8 13.Nf1 Bf8 14.Ng3 g6 15.a4 Bg7 16.d5 Qb8 17.b3 c6 18.c4 bxc4 19.bxc4
a5 20.Be3 Qc7 21.Qd2 Ba6 22.Rec1 c5 23.Bd3 Reb8 24.Qc2 Rb4 25.Bd2 Rab8 26.Ra2 Bf8 27.Rd1
Bg7 28.Ne2 Nh5 29.g4 Nhf6 30.Rc1 Bf8 31.Kg2 Be7 32.Qd1 R4b7 33.Nc3 h5 34.Nb5 Qd8 35.Ng1
Nf8 36.Rb1 hxg4 37.hxg4 Kh8 38.f3 N8d7 39.Ne2 Qf8 40.Nc1 Ne8 41.Nb3 Bd8 42.Nxa5 Bxa5 43.Bxa5
f6 44.Qh1+ Kg8 45.Qh3 Qg7 46.Rh1 Nf8 47.Kg1 Qe7 48.Qh8+ Kf7 49.Rah2 Ng7 50.f4 exf4 51.Bc3
Qd7 52.Rf2 Qe7 53.g5 Nd7 54.Qh6 Bxb5 55.e5 Nxe5 56.Bxe5 1-0

TL

Antworten:

Ja das ist eine sehr interessante Entscheidung für ein Computerprogramm.
Aber wieso zieht er den Turm dann doch wieder zurück? Ein Mensch wäre gar nicht ansatzweise auf die Idee gekommen, aber Ferret kippt plötzlich seine Bewertung um Nuancen und schon schmeißt er sein strategisches Konzept weg.

Ich glaube, der alte Botwinnik hätte an dieser Partie seinen paß gehabt. DAS ist nämlich genau das, was er seiner Dampfmaschine damals beibringen wollte.

von Peter Vossen - am 20.08.2001 19:09
Nach Jahren der Verbesserung der Suche sind es zaghafte Versuche die postionellen Elemente höher zu bewerten.Das Beispiel von Ferret zeigt die noch fehlende Konsequenz in diesem Bereich.

Ferret verschlechterte in der Folge eher die Stellung seiner Figuren als sie zu verbessern.

Du bringst das richtige Stichwort.Botwinnik wäre der richtige Lehrmeister gewesen für unsere heutige Zeit.
Sein Schüler Karpov hat diese Lektion hundertprozentig verinnerlicht.
In seinen Kommentaren zur Spanischen Partie schreibt der sonst als so zahm
verschriehene Anatoly wörtlich das auf b4 in diesem Stellungstyp ein Turm zu opfern ist.

Botwinniks Schicksal ist das er 50 Jahre zu früh den Computern das Schachspielen beibringen wollte.Heute wäre der Mann ein Genie.

TL

von Thomas Lagershausen - am 20.08.2001 20:21
>Botwinniks Schicksal ist das er 50 Jahre zu früh den Computern das >Schachspielen beibringen wollte.Heute wäre der Mann ein Genie.

Was heißt "wäre"
Botvinnik ist das große Schachgenie seiner Zeit. Er hat die komplette Schachstrategie revolutioniert und positionelle Qualitätsopfer - wie oben geschehen - in Dutzendware gebracht, schau nur mal in seine "100 Partien" rein.

Nach Ende seiner Ära, also als Rentner hat er sich dann noch in außergewöhnlicher Weise mit dem Computerschach beschäftigt und heute kommen Leute daher und sagen, er wäre gescheitert.
Okay, dafür, dass er keine drei Leben hat, mag das sein.

Ich habe ihn übrigens einmal persönlich gesehen. Das war 1987 in Brüssel bei einem großen K-K-Turnier. Er wurde von der damals aktuellen GM-Schar, deren Spiel sicherlich durch seine Ideen beeinflusst wurde, kaum beachtet - that's life.

Übrigens saß bei dem selben Turnier um die nächste Ecke Matthias Wüllenweber mit einem neuartigen KDKT-Programm und zeigte Spasski und anderen, dass sie nicht in der Lage waren mit Dame gegen Turm in 50 Zügen zu gewinnen.

von Peter Vossen - am 20.08.2001 20:45

Re: Beinahe spielten sie wie die Götter - mit 2,0 Promille

Peter Vossen schrieb:
>
> Ja das ist eine sehr interessante Entscheidung für ein
> Computerprogramm.
> Aber wieso zieht er den Turm dann doch wieder zurück? Ein
> Mensch wäre gar nicht ansatzweise auf die Idee gekommen, aber
> Ferret kippt plötzlich seine Bewertung um Nuancen und schon
> schmeißt er sein strategisches Konzept weg.
>
> Ich glaube, der alte Botwinnik hätte an dieser Partie seinen
> paß gehabt. DAS ist nämlich genau das, was er seiner
> Dampfmaschine damals beibringen wollte.

Nun - ich kann mich nach wie vor dieser Überschrift nicht anschliessen - vielleicht weniger als je zuvor.

Kann auch sein, daß man so langsam alle Illusionen verliert.

Natürlich werden mehr oder weniger alle Spitzenprogramme in irgendwelchen Situationen phantastische Züge oder Kombinationen ausgraben......

in der Chronologie des Spiels an sich sind und bleiben sie wohl "Dummköpfe", um es mal zu vermenschlichen.

Zu Zeiten eines Genius habe ich auch mal an die perfekte Maschine geglaubt, vom spielerischen Potential her - dann irgendwann nochmal - kurz - an Shredder und dessen Ansätze.

Die Maastrichter WM hat eines zumindest klar aufgezeigt ( mir ) :
es gibt KEIN EINZIGES wirklich herausragendes Programm.

JUNIOR ist verdienter WM - und hat vom strategischen Potential her ziemlich enttäuscht; immer dann glänzend, wenn er Königsschwächen "wittert"......ansonsten ?

SHREDDER hat auch verdient den single Titel gewonnen - wer die Partie gegen JUNIOR nachspielt, versteht nix mehr von diesem Programm.

Einzig die Amateurprogrammierer haben nicht enttäuscht - das konnten sie wohl auch gar nicht -
anstatt dessen haben sie zu den Profis - fast - aufgeschlossen.

Das Rad werden aber auch sie nicht neu erfinden oder weiterdrehen können.

Nach den gezeigten Darbietungen sollte die Programmiergilde sich ernsthaft überlegen, ob der jährliche ProgrammVs Tauschzirkus nicht nach hinten verlegt wird -

werden sie nicht tun, weil sie davon leben.

Blos fragt man sich, was man den Lesern denn erzählen soll......
GUI-technisch mag vielleicht manches runderneuert werden - aber schachlich hab' ich nix gesehen.

CHESS TIGER 14 war schon ein Fortschritt - gegenüber der Vs 12 - aber das war Sh 4 auf 5 auch - und F5.32 auf F6 ebenso.

Warten wir mal ab, was HIARCS 8 zu all' dem "sagt".....

schönes w/e

EL

Fernschach International


von ELVIS - am 25.08.2001 22:28
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