Die Gewitterfahrt (mT u6B)

Startbeitrag von Gradausfahrer am 09.02.2014 09:25

Servus,

nachdem ja schon über die Sturmwarnungsthematik diskutiert wurde, finde ich, passt die folgende Geschichte gut dazu. Damals gab es so etwas noch nicht.
Viel Spaß!



Den ganzen Tag über war es schon drückend schwül. Bereits am Morgen waren es 19
Grad gewesen, die sich bis 16.00 Uhr auf 33 Grad steigerten. Dementsprechend "froh" war ich,
in die Arbeit fahren zu müssen; obwohl heute eine „schöne“ Leistung auf dem Plan stand, beneidete
ich die Menschen im Freibad, an dem ich kurz nach 17.00 mit dem Auto vorbeifuhr. Die Klimaan-
lage des Wagens leistete gute Dienste bis Weiden, und die Hitze traf mich, als ich am Bw ausstieg,
wie ein Hammer. In der Lokleitung lief der Ventilator auf Hochtouren, und Lothar, der heute Dispo
hatte, begrüßte mich mit lautem Stöhnen und dem Spruch „ mal wieder viel Afrika und wenig Hof-
bräuhaus!“
Der Dienstplan schrieb einen Nahverkehrszug nach Schwandorf mit A 3, Fahrgast nach Nürnberg
und den Weidener Güterzug 64529 vom Rangierbahnhof nach Weiden vor.


Bei einem Ausflug nach Hersbruck zum dortigen Modellbahngeschäft ergab sich noch ein kurzer Spaziergang. 218 421 bringt einen Ng nach (vermutlich) Schwandorf.


Schon die Fahrt nach Schwandorf war die pure Sauna; nach Kühle lechzende Fahrgäste und ein
unverhältnismäßig warmer Führerstand im 628er ließen den Schweiß noch besser laufen. Trotz
kurzer Hose und kurzärmligem Hemd war mein Rücken in Wernberg bereits tropfnaß! Ich bewundere
immer die Zugführer mit ihren Krawatten und Uniformhosen und leide jedesmal mit einem Zf, wenn
ich ihn, mit Schweißperlen auf der Stirn, am Bahnsteig sehe. Genauso unverständlich ist mir die
Sachlage, daß es Lokführer gibt, die volluniformiert z.B. auf einer 211 unterwegs sind(für alle Laien:
bei der 211 sitzt man direkt über dem Getriebe, also von unten Wärme, von oben Wärme und Wärme
überhaupt) und die Begründung liefern, uniformiert zum Dienst oder gar nicht. Na ja, des Menschen
Wille...!
Beim Ablösen in Schwandorf fiel mir der mittlerweile blaßgelbe Himmel auf, ein fast sicheres Zeichen
für kommenden Hagel. Auch die Luft war schon schwüler geworden, sogar das Atmen zog einen Schweißausbruch nach sich. Und dann die Gastfahrt nach Nürnberg mit dem Pendolino - eine Tortur.
Eigentlich ein schönes Fahrzeug mit guter Technik, läßt er beim Thema Klimaanlage bzw. Raumtemperatur alle Fragen offen, die es dazu gibt. Nun ja, noch nasser als ich schon bin, kann ich eh nicht werden, also hinein und ab nach Nürnberg. Und je weiter wir nach Nürnberg kamen,
desto mehr Quellwolken erschienen und dunkler wurde der Himmel. In Amberg stiegen schweißgebadete Menschen ein, und auch Luitpoldhütte und Sulzbach-Rosenberg lagen unter einer schwülen Wolkendecke. Das gleiche Bild auch beim letzten Halt vor Nürnberg. Die Mineralwasserflasche war kurzzeitig die Rettung, nur leider zu schnell warm und dann leer.


Als der Rundschuppen im Bw 1 noch stand und die 218 Stammgast war, sonnen sich 218 409, 218 271 und 218 405 auf den Strahlgleisen des Dieselhauses.

Nach Neukirchen kam der
Zugbegleiter des Pendo (auch schweißnaß)und setzte sich auf einen Plausch zu mir und schon ging
es übers Wetter. Ein paar Wochen zuvor hatte es im Raum Schwandorf schon kräftig gehagelt und
die für eine Versicherung denkbar ungünstigste Situation, nämlich Sturm- und Hagelschäden, gege-
ben. „Wo das wieder hinhaut, möchte ich nicht sein“, meint er. Seine Garage hätte auch schon ihr
Dach eingebüßt vor drei Wochen, „ und das langt mir für die nächsten 15 Jahre!“ Dem ist nichts hin-
zuzufügen.
In der U - Bahn Richtung Langwasser herrscht angenehme Kühle, fast zu kalt; ich spüre
die Gänsehaut und hoffe, keinen Schnupfen zu bekommen. Beim Umsteigen in die Straßenbahn zum
Rangierbahnhof ist der Himmel bereits dunkelviolett, und als die Tram über die Brücke an der Ausfahrt
des Rbf rumpelt, geht in Richtung Eibach / Fürth der erste Blitz nieder. Vergebens warte ich auf den
Donner - doch nur ein Wetterleuchten?
In der Lokleitung des Rangierbahnhofes herrscht das gleiche Bild wie in Weiden: Ventilatoren brummen
mit Kühlschrank und Radio um die Wette. „Servus, ich bin der Lokführer zum 64529“, melde ich mich ,
und halb gestöhnt, halb gesprochen bekomme ich - man höre und staune - die 218 217 zugeteilt.
Eine Passion für mich, ist sie doch die einzige 218 mit der alten Intercity-Lackierung, creme - rot. Mit
Beginn der Bahn AG wurde sie zur Museumslok erklärt, d.h. ihre Lackierung bleibt bestehen und wird
nicht vom Rot mit Lätzchen verschluckt(was sie auch verdient hat). Von fast jeder Lokgattung gibt es
mindestens eine solche „Museumslok“, so zum Beispiel die 140 128, die im grünen Kleid, mit "Bull-
augen" und der Betriebsnummer E 40 128(!) incl. Metallschildern unterwegs ist. Mittlerweilen kursie-
ren Gerüchte, daß zumindest dem Geschäftsbereich Nahverkehr die Lackierung der Museumsfahrzeuge
zu teuer sei und nun auch diese in RAL 3020 (Verkehrsrot) umgespritzt werden sollen. Eisenbahn,
wo gehst Du hin???


Vor kurzem gab es hier einen interessanten Bericht zum Bauzustand bei Eltersdorf. Als Großgründlach noch besetzte Blockstelle war, rollt 140 733 Richtung Fürth. Die Bahnsteige des ehem. Hp Großgründlach sind noch vorhanden, das Einfahrvorsignal Eltersdorf zeigt Vr 1.

Aber nun geht’s eigentlich erst los. Auf dem Weg zum Dieselschuppen ist nun auch das letzte bißchen
Tageslicht verschwunden, obwohl es erst 20.37 Uhr ist, und das im August. Nachwievor beherrscht die
Schwüle die Luft, und der Teergeruch der Schwellen und der Maschinen im Schuppen und den Abstell-
gleisen ist so intensiv wie selten. Im Dieselhaus blinzelt mir meine 218 217 zu, im dritten Schuppen von links steht sie da. Anscheinend hatte sie erst kurz zuvor Frist, wie neu glänzt der Lack und fast will sie
mir zeigen, daß ihr die Hitze und Schwüle nichts ausmacht. Gerade will ich aufsteigen, als der erste
Donner über dem Rangierbahnhof ertönt. Leise, fast zart noch, aber mit dem Hinweis „ich bin nicht alleine, es kommt noch besser“!
Das Fremdstromkabel, die Nabelschnur der Lok, ist entfernt, und nach einem Gang durch den Motor-
raum und einer Nase voll Öl- und Dieselgeruch starte ich den Motor. 2500 PS lassen den Lokrahmen vibrieren und langsam läuft die Maschine in Leerlaufdrehzahl. Täuscht es mich, oder hört sich grade
die 218 217 anders als die anderen 218er an? Erst einmal hatte ich das Vergnügen mit ihr, vor einem
Eilzug nach Nürnberg . Nachdem die Fahrplanunterlagen hergerichtet sind und das Übergabebuch eingesehen und beschriftet ist, probiere ich die Wendeschaltung, Getriebefüllung und die Bremse aus-
keine Probleme. Kurz in Stufe 3 geschaltet, und schon rollt die 218 217 in Richtung Drehscheibe; mit leichtem Ruck kommt
sie vor dem Anforderungsschalter für die Scheibe zum Stehen. Ein Blitz erhellt kurzzeitig den Führer-
stand, und der nachfolgende Donner (merklich näher) übertönt kurz den laufenden Motor.
Wie von Geisterhand bewegt, läuft die Drehscheibe um und rastet in meinem Schuppengleis ein; das
Ls springt in Sh 1, und es gibt vier kurze, dumpfe Schläge, als ich mit allen Achsen auf die Scheibe
fahre. Nördliche Ausfahrt anwählen, ein Hupsignal ertönt, und wieder dreht sich das Roulette sanft zum
Ausfahrgleis Richtung Ausfahrbahnhof. Weiß wird das Ls, und durch den Donnerschlag eines quer am
Himmel stehenden Blitzes läuft meine 218 fast lautlos Richtung Wende-Ls.
Als ich das Gefälle Richtung Ausfahrt befahre, erscheinen links von mir eine 290 und eine ausfahrende
151 milchig weiß, durch einen weiteren Blitz erhellt, um gleich darauf wieder im Dunkel zu verschwinden.


Ab nach Hause als Gastfahrt, und damit der Film in der Kamera voll wird, ein Bild machen. Also spontan entschieden: Einfahrsignal Reuth. Zumindest die Lok fährt heut hier nicht mehr; wie lang die fünf Signale noch stehen die man sieht, wer weiß !?


Beim erneuten Führerstandswechsel höre ich feine Regentropfen an die Außenhaut der
Lok platschen, fast ängstlich und schüchtern. Die Lampenreihen der Ausfahrgleise und das Licht im
Stellwerk sind neben den Lichterdreiecken der anderen Lokken die einzigen Fixpunkte in der herrschen-
den Dunkelheit. Ich verfolge meine Rangierstraße und ahne mehr als ich es sehe, wie die Weichen um-
laufen und nur die nacheinander in weiß wechselnden Ls bilden die Verbindung von mir zu meinem Zug.
Meine Lok läuft nun ins Gleis nach Weiden, und wie von riesigen Fotoapparaten mit Blitzlicht geschossenen Aufnahmen sehe ich für Bruchteile Autowagen, Holzstämme, -kisten, Container, deren
bunte Farben durchweg ausgebleicht erscheinen, ja sogar Hemmschuhe im Schotter und kleine Blumen
erscheinen scharf sichtbar, aber doch unwirklich. Dazwischen mischen sich Donnerschläge, und seit
kurzem neben dem leichten Regen ein immer stärker werdender Wind. Leise singt er durch das geöffnete kleine Fenster der rechten Führerstandseite. Da ist der erste Wagen meines Zuges, und der
Rangierer gibt schon Aufdrücken und zwei Blitze später ist die Wagenschlange bereits gekuppelt.
Der Zugabfertiger erscheint mit den Frachtpapieren, und nach einer Zigarettenpause sehe ich, daß mei-
ner Lok heute 340 Meter und 598 Tonnen zu schaffen machen. Die 218 217 steht geradezu majestätisch, vom Wetter und der Arbeit unbeeindruckt, vor dem Ausfahrsignal, und als ich sie mir von
außen betrachte, wirkt die creme-rote Lackierung umso beeindruckender in der Dunkelheit. Ich merke
wieder die Gänsehaut, aber diesmal nicht wetterbedingt.
Als die Bremsprobe läuft, fällt der Regen schon stärker, und nachdem Zp 8 -Bremse in Ordnung- leuchtet, prasselt es nur so auf die Wagen und Loks herunter. Anscheinend ist das Gewitter nun direkt
über uns, es blitzt, donnert, stürmt und rauscht in einer Symphonie der Kraft, in der jedes Instrument
anscheinend die erste Stimme spielen will.
Als die Ausfahrt steht, bringt die Lok den Zug mit einem leichten Beben zum rollen. Wieder einmal
schlängelt sich eine Wagenreihe aus dem Rangierbahnhof, und auch dieses mal geht es Richtung Nürn-
berg Ost zur rechten Pegnitzstrecke.


2 x 331 kW lärmen und dieseln heulen - kurz: 614. Das Rückgrat im mittelfränkischen Regionalverkehr über Jahrzehnte, heute Alteisen. In Reichenschwand treffen sich die beiden RB von und nach Neuhaus/P in den für mich schönsten Lackierungen die diese Triebzüge hatten.

In der Steigung zum Dutzendteich muß ich den Fahrschalter sehr
gefühlvoll bedienen; zwischen Stufe 3 und 7 läuft die Maschine, und ab und zu will sie ob des Regens
schleudern. Der Kippschalter Sanden steht auf „Automatik-Sanden“ und das Klicken der Relais, wenn
die Radhaftung weg ist und automatisch der Sandstreuer aktiviert wird, klingt ungewöhnlich oft und laut.
Gleichzeitig regnet es -anscheinend- quer zur Frontscheibe, und die Druckluftstöße des Scheibenwi-
schers mischen sich zum Fahrgeräusch dazu. Verschwommene Signallichter tauchen aus dem Dunkel
auf und schon zieht das Einfahrsignal Nürnberg Ost an mir vorbei. Ausfahrt halt, ein Pendolino rollt an
mir vorüber, erhellt von Blitzen und mit einem kleinen Wasserschweif hinter sich.
Kaum verschwunden, läuft die Ausfahrt ein und mit Hp 2 verlasse ich Nürnberg Ost. Bei einem Blick aus
dem Fenster zurück zum Zug sehe ich am ersten Wagen die Halteseile der Baumstämme im Wind
flattern. Nur 10 Sekunden, und meine Haare tropfen. Wenigstens ist die Luft jetzt besser; es ist, als atme alles auf, man kann den Sauerstoff spüren.
Rückersdorf, Lauf, Reichenschwand eilen vorbei, und immer wieder gibt es kurze Momentaufnah-
men der Landschaft in Magnesiumweiß. Bäume biegen sich im Wind, im Leerlauf höre ich den Wind in den Tannen kurz hinter Reichenschwand. Der Regen kommt nun von seitwärts rechts, hoffentlich fällt mir kein Baum ins Gleis bis Weiden. In Hersbruck liegen zwei Blumenkästen am Bahnsteig, und die Erdbrocken laufen mit ein paar Zeitungsseiten um die Wette. In Hersbruck Ost geht es über den Damm nach Pommelsbrunn, und nachdem ich von der Hauptbahn abfahre in die Steigung des Dammes, mer-
ke ich einzelne Windböen, die an der 218 rucken wollen. In stummem Einverständnis mit ihr schalte ich etwas auf, und mit grimmigem Brummen steigt der Drehzahlmesser auf ca.1300 Umdrehungen. Als wolle sie mir versichern „keine Angst, der Wind macht mir nichts“, brummt sie durch Pommelsbrunn und Hartmannshof.


Nach dem Rückzug des Fernverkehrs im Naabtal blieben einige lokbespannte Eilzugpaare; diese sind bereits wieder Geschichte. Eine der letzten Freitagsleistungen brummt mit 218 192 in Windischeschenbach in Richtung Reuth.

Nasse Bahnsteige, baumelnde Straßenlampen und gespiegeltes Licht in einzelnen Pfützen begleiten
uns bis Lehenhammer, das Selbstblocksignal zeigt freie Fahrt. In Etztelwang sieht man einige Camper
hektisch Zelte und Planen einsammeln, hier hat es auch gehörig gehaust! Ausfahrt halt in Neukirchen?
Na klar, Sonntag, der Leerreise - Pendolino aus Weiden fährt ja heute! Ein leichter Windhauch bläst durch den Bahnhof, vor dem Stellwerk dampfen die Schwellen und der Boden ist mit einer kniehohen Nebelschicht schon teilweise bedeckt. Leise summt die Batterie der Lok, und als ich mir im Schotter die Beine vertrete, kann ich die letzten Regentropfen hören, die sacht von den Blättern tropfen. Ein paar tiefe Züge frischer Luft, als der Elektromotor einer umlaufenden Weiche meine Aufmerksamkeit erregt: etwa schon für mich? Nein, der Leerreise muß ja erst noch fahren! Und da kommen auch schon drei
weiße Lichter aus der Weidener Einfahrt, kurz geblinzelt und ich sehe das Weichensignal vor mir in die Stellung abzweigender Strang laufen : die Ausfahrt nach Weiden steht, auf zur letzten Etappe...

Schönen Sonntag allseits! Mfg,
gradausfahrer

Antworten:

Servus Gradausfahrer!

Mit Spannung und großem Interesse habe ich gerade deine Geschichte gelesen! Herzlichen Dank dafür. :spos:

Schönen Gruß
Gabriel

PS: Besonders gefallen hat mir: Fremdstromkabel - die Nabelschnur der Lok :-)

von JimKnopff - am 09.02.2014 12:41
Hallo Gradausfahrer,

wieder mal ne schöne Geschichte, so grad recht für einen trüben und ruhigen Sonntag Nachmittag. Und auch die Bilder sehr interessant.

Du solltest Dein Schreibtalent nutzen, die Geschichten sammeln und versuchen einen Verlag zu finden, der das in einem Büchlein veröffentlicht. Ich würde es kaufen.

Gerne mehr.

VG

Der-Nürnberger

von Der-Nürnberger - am 09.02.2014 13:14
Servus,

eine schöne Geschichte aus dem Alltag eines Lokführers, Danke dafür! Von den 5 Signalen, die Du am Esig Reuth (bei Erbendorf) fotografiert hast, wird wohl wohl eines den Lauf der Zeit und die Inbetriebnahme des ESTW überleben - das Lf 7.

von Martin Pfeifer - am 09.02.2014 20:53
Hallo Gradausfahrer,

Dank Dir für Deine immer wieder neuen, amüsanten und informativen Geschichten. Ich lese sie mit größten Interesse, insbesondere da ich, wie auch viele hier, die örtlichen Gegebenheiten sehr genau kenne. Bitte mehr davon.

Viele Grüße,

der Ostbahner

von Ostbahner - am 11.02.2014 04:33
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