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Eisenbahnforum Nordostbayern
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Erster Beitrag:
vor 11 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 10 Monaten, 4 Wochen
Beteiligte Autoren:
223 061, NE81, 111227-5

Zunehmende Zahl von Vollsperrungen (mL) - wo bleibt die Ursachensuche?

Startbeitrag von 223 061 am 22.09.2016 17:29

Der Verkehrsminister von Baden-Württemberg übt meiner Meinung nach durchaus berechtigte Kritik, die ich mir auch von bayerischen Politikern wünschen würde:

[www.stuttgarter-nachrichten.de]


Zitat:
"Wir haben bundesweit den Trend, dass die Infrastruktursparte DB Netz auch wichtige Strecken wochenlang komplett sperrt, um effizienter und kostengünstiger bauen zu können. [...] Das gehe aber sehr zu Lasten der Fahrgäste, die unter langen und umständlichen Ersatzwegen litten. [...] Verkehrsplaner des Landes sind überzeugt davon, dass diese Baustellen für die Reisenden durch Teilsperrungen nutzerfreundlicher gestaltet werden könnten. [...] Wir wollen als Besteller und Finanzier des Schienenverkehrs im Land da nicht einfach weiter nur zusehen. Es stört unsere verkehrspolitischen Ziele, denn mit jeder Vollsperrung verlieren wir Fahrgäste auf Dauer. [...] "
(Zitat Ende)


Soweit würde ich das zu 100% unterschreiben.

Aber:

Ich erwarte von der Verkehrspolitik auch, daß sie nach den Ursachen sucht und diese abstellt. Und da ist es doch nach meinem Kenntnisstand so, daß zwar das EBA berechtigterweise die Sicherheitsvorschriften verschärft hat (u.a. Begrenzung der Fahrtenanzahl auf Ersatzsignal u.ä.), aber die Politik nicht gleichzeitig dafür sorgt, daß auch eine dem heutigen Stand der Technik entsprechende Infrastruktur vorhanden ist. Und dazu gehört für mich eben eine durchgängige Ausstattung zweigleisiger Strecken mit zeitgemäßer Stellwerkstechnik (also Relais oder ESTW), mit GWB / Befahren des Gegengleises auf Hauptsignal und mit einer ausreichenden Zahl an Gleisverbindungen sowie Blockstellen an beiden Gleisen. Davon sind wir heute weit entfernt.

Gruß
223 061

Antworten:

Zitat
223 061
Ich erwarte von der Verkehrspolitik auch, daß sie nach den Ursachen sucht und diese abstellt.


Das hoffe ich nicht! Den die Hauptursache ist schlicht, dass aktuell ungewöhnlich viel Geld für den Ausbau und die Instandhaltung vorhanden sind. Es wird (langfristig zum Glück) schlicht viel viel mehr gebaut als noch vor ein paar Jahren, als man schlicht auf Verschleiß fuhr.

Zitat

Und da ist es doch nach meinem Kenntnisstand so, daß zwar das EBA berechtigterweise die Sicherheitsvorschriften verschärft hat (u.a. Begrenzung der Fahrtenanzahl auf Ersatzsignal u.ä.), aber die Politik nicht gleichzeitig dafür sorgt, daß auch eine dem heutigen Stand der Technik entsprechende Infrastruktur vorhanden ist. Und dazu gehört für mich eben eine durchgängige Ausstattung zweigleisiger Strecken mit zeitgemäßer Stellwerkstechnik (also Relais oder ESTW), mit GWB / Befahren des Gegengleises auf Hauptsignal und mit einer ausreichenden Zahl an Gleisverbindungen sowie Blockstellen an beiden Gleisen. Davon sind wir heute weit entfernt.


Das bedeutet aber zuerst: Baustellen. ESTW und GWB ohne Streckensperrungen zu bauen geht nicht.

Auch wenn ich als Fahrgast von den Baustellen ebenso genervt bin, ist es mir lieber wenn soviel auf den Bahnstrecken gebaut wird, als das Netz nichweiter verrotten zu lassen.

von NE81 - am 22.09.2016 19:23
Servus !

Dein "aber" ist vollkommen berechtigt:

Typisch Politiker halt, sind bald wieder Wahlen ? Braucht doch nur beim EisenBUNDESamt nachfragen: auf zweigleisigen Hauptbahnen ohne signalisiertem Falschfahrbetrieb wird eine eingleisige Betriebsführung mit Fahren auf Befehl in den meisten Fällen gar nicht mehr genehmigt. Der Rest ist doch auch bekannt: die Straßenlobby baut und baut, das Schienennetz kostet nur...

In diesem Sinne nachdenkliche Grüße
Oli

von 111227-5 - am 22.09.2016 21:54

Jein ...

Zitat
NE81
... die Hauptursache ist schlicht, dass aktuell ungewöhnlich viel Geld für den Ausbau und die Instandhaltung vorhanden sind. Es wird (langfristig zum Glück) schlicht viel viel mehr gebaut als noch vor ein paar Jahren, als man schlicht auf Verschleiß fuhr.


Es ist erfreulich, daß wieder mehr Geld für die Instandhaltung da ist, und der Nachholbedarf sorgt natürlich für eine erhöhte Zahl von Baustellen. Darum ging es aber weniger, sondern daß anteilig in letzter Zeit eben deutlich mehr unter Vollsperrung gebaut wird als früher bei vergleichbaren Baumaßnahmen, und das auch auf wichtigen Hauptstrecken. Siehe dazu den Beitrag von Oli, deswegen ist GWB so ein wichtiges Thema.



Zitat
NE81
... Das bedeutet aber zuerst: Baustellen. ESTW und GWB ohne Streckensperrungen zu bauen geht nicht.


Ja. Vieles kann man aber m.W. parallel zum laufenden Betrieb vorbereiten. Oft bedurfte es an mir bekannten Strecken nur wenige Tage Vollsperrung zur Inbetriebnahme, sogar wenn zuvor mechanische Technik im Einsatz war. Wenn man die Umstellung dann einmal erledigt hat, profitiert man aber danach langfristig davon bei den weiteren Baustellen.

Daß die (derzeitige) ESTW-Technik den großen Nachteil hat, daß bei Umbauten immer gleich der Bereich der ganzen Unterzentrale von der Sperrung betroffen ist, steht auf einem anderen Blatt und sorgt gerade in großen Knoten auch häufig für Kritik. Ich hoffe, man besinnt sich in Zukunft wieder mehr auf den modularen Ansatz der SpDr Stellwerke, welcher so ähnlich meiner Meinung nach auch in elektronischer Form umsetzbar wäre.



Zitat
NE81
Auch wenn ich als Fahrgast von den Baustellen ebenso genervt bin, ist es mir lieber wenn soviel auf den Bahnstrecken gebaut wird, als das Netz nich weiter verrotten zu lassen.


Das ist klar, aber Baustellen wird es eben immer geben müssen, wenn kontinuierliche Instandhaltung betrieben wird. Das ist kein vorübergehendes Phänomen. Vollsperrungen können daher aus meiner Sicht - bis auf die wirklich unvermeidlichen Ausnahmefälle - keine Lösung sein. Zumindest dann, wenn man die Bahn weiterhin als volkswirtschaftlich wichtigen, verlässlichen und konkurrenzfähigen Verkehrsträger haben möchte, und nicht nur als "Ausflugsbähnle", auf das man außerhalb der Saison auch mal locker verzichten kann.

Gruß
223 061

von 223 061 - am 23.09.2016 17:45

Re: Jein ...

Was bisher nicht genannt wurde:

Die Sicherheitsregeln haben sich verschärft. Daher geht vieles nicht mehr, was früher ging.

Der Umweltschutz wurde ebenso verschärft. Was früher in der nächtlichen Betriebsruhe ging (die im Gegensatz zu früher heutzutage teilweise sehr kurz ist), muss heute aus Lärmschutzgründen am Tag gemacht werden.

Die Fahrpläne sind enger gestrickt und haben viele Anschlüsse. Im Regelbetrieb gut, man ist schnell unterwegs. Bei GWB mit Fahrzeitverlängerungen zerreißt es dagegen den Fahrplan. Teilt man also das Netz und begrenzt die Auswirkungen oder trägt man die Ausworkungen ins ganze Netz?

Dann noch die Nachwirkungen früherer Bahnpolitik. Wo soll man Überleiten und wo die Baustellenlogistik abstellen, wenn keine Gleise und Weichen vorhanden sind? Da kann man sich lang darüber unterhalten, wie falsch das war. Es ist nunmal geschehen und jetzt muss man damit leben und versuchen es zurückzudrehen.

Das soll nicht heißen, dass alle Vollsperrungen absolut unvermeidlich sind. Aber oft ist es unter den heutigen gegebenheiten, die schnellste, wirtschaftliche, sicherste und teilweise auch Fahrgastfreundlichste Bauweise.

von NE81 - am 24.09.2016 04:59

Wichtige Punkte und damit zurück zum Ausgangspunkt der Diskussion ...

Zitat
NE81
Was bisher nicht genannt wurde:
Die Sicherheitsregeln haben sich verschärft. Daher geht vieles nicht mehr, was früher ging.


Ganz wichtiger Punkt: Denn wenn die Kombination aus verschärften Vorschriften, örtlichen Gegebenheiten, Kostenrahmen und vor allem Qualifikation der ausführenden Bauleute eine Durchführung unter rollendem Rad gar nicht zulässt, dann bringt natürlich auch der GWB nichts.


Zitat
NE81
Der Umweltschutz wurde ebenso verschärft. Was früher in der nächtlichen Betriebsruhe ging (die im Gegensatz zu früher heutzutage teilweise sehr kurz ist), muss heute aus Lärmschutzgründen am Tag gemacht werden.


Auch das gehört zu den geänderten politischen Rahmenbedingungen, die ein Verkehrspolitiker kennen sollte.


Zitat
NE81
Dann noch die Nachwirkungen früherer Bahnpolitik. Wo soll man Überleiten und wo die Baustellenlogistik abstellen, wenn keine Gleise und Weichen vorhanden sind? Da kann man sich lang darüber unterhalten, wie falsch das war.



Damit sind wir genau beim Ausgangspunkt dieses Threads: Zu der Kritik an den Vollsperrungen gehört vor allem die Ursachensuche. Daß DB Netz die Vollsperrungen nicht nur einrichtet, weil es so schön einfach und billig ist, sondern insbesondere wegen der geänderten gesetzlichen, behördlichen und verkehrspolitischen Rahmenbedingungen und immer höheren Auflagen, ist eigentlich schnell ersichtlich. Aber davon lese ich nichts in der o.g. Kritik des BW-Verkehrsministers. Generell glaube ich, viele Verkehrspolitiker sind sich über die konkreten Auswirkungen ihrer Beschlüsse nicht im Klaren. Und die Behörde will sich m.E. teilweise vor allem selbst absichern mit immer mehr Auflagen.


Zitat
NE81
Die Fahrpläne sind enger gestrickt und haben viele Anschlüsse. Im Regelbetrieb gut, man ist schnell unterwegs. Bei GWB mit Fahrzeitverlängerungen zerreißt es dagegen den Fahrplan. Teilt man also das Netz und begrenzt die Auswirkungen oder trägt man die Auswirkungen ins ganze Netz?



Naja. Mit SEV trägt man die Auswirkungen ebenfalls ins ganze Netz. Zwar nicht für die Züge, aber für überregionale Fahrgäste, deren Reisekette sich meist um eine Stunde pro Vollsperrung verlängert. Bei der oft vorherrschenden rein netz-planerischen Sichtweise gerät da leicht in Vergessenheit, wofür die Züge eigentlich fahren und wie die resultierenden Fahrzeiten im Vergleich zu anderen Verkehrsträgern ausschauen.


Zitat
NE81
Das soll nicht heißen, dass alle Vollsperrungen absolut unvermeidlich sind. Aber oft ist es unter den heutigen Gegebenheiten, die schnellste, wirtschaftliche, sicherste und teilweise auch fahrgastfreundlichste Bauweise.



Rein objektiv gesehen und nur mit Blick auf das System Bahn magst Du da sogar recht haben.

Aber mit Blick auf den Mix der Verkehrsträger ist das Signal m.E. sehr verheerend:
- Einerseits werden die Sicherheitsauflagen vor allem für die Bahn verschärft, während der statistisch viel gefährlichere Straßenverkehr weitgehend ohne Eingriffe laufen gelassen wird (incl. Busse, Fernbusse - Stichworte technischer Zustand, Lohndumping, Fahrerqualifikation, Kostengerechtigkeit ...)
- Andererseits macht man z.B. durch eine dreiwöchige Vollsperrung der Bahnstrecke Regensburg-München oder eine zweiwöchige Sperrung von Regensburg-Weiden-Hof letztlich die unbewußte Aussage: "Ist zwar ganz schön, daß wir die Bahn haben, aber zur Not geht's ja auch ohne, wie man sieht ...". Steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein.


DB Netz kann da alleine nicht viel ändern. Es bräuchte eine fachlich fundierte Verkehrspolitik und einen ernsthaften volkswirtschaftlich-gesellschaftlichen Konsens zugunsten der Bahn. Darauf habe ich wenig Hoffnung, und das liegt m.E. bei weitem nicht nur an der Automobil-Lobby. Aber das würde jetzt zu weit führen ...

Gruß
223 061

von 223 061 - am 24.09.2016 06:51
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